Version 2.0 · Stand: 18.07.2026
Die Sprechakttheorie begreift sprachliche Äusserungen als Handlungen, durch die soziale Wirklichkeit geschaffen wird. Begründet von John L. Austin und systematisiert von John R. Searle, markiert sie einen Paradigmenwechsel der Sprachphilosophie: Sprache beschreibt nicht nur Tatsachen – «to say something is to do something» (Austin, 1975).
Einordnung
Austin entwickelte die Theorie in seinen Vorlesungen How to Do Things with Words (postum 1962) als Gegenbewegung zur logisch-empiristischen Bedeutungstheorie, die nur den Wahrheitswert von Aussagen betrachtete. Er unterscheidet drei Ebenen des sprachlichen Handelns: den lokutionären Akt (das Äussern eines Satzes mit Bedeutung), den illokutionären Akt (die vollzogene Handlung: bitten, warnen, versprechen) und den perlokutionären Akt (die Wirkung beim Hörer). Searle (1969) formulierte daraus ein regelgeleitetes Modell: Sprechakte gelingen nur unter sozialen Konventionen und Gelingensbedingungen – der Kontext muss passen, die Formel korrekt verwendet, die Äusserung verstanden und anerkannt werden.
Die fünf Klassen illokutionärer Akte (Searle)
| Typ | Funktion | Beispiel |
|---|---|---|
| Assertiva | Darstellung eines Sachverhalts | «Es regnet.» |
| Direktiva | Versuch, den Hörer zu einer Handlung zu bewegen | «Schliess das Fenster!» |
| Kommissiva | Selbstverpflichtung des Sprechers | «Ich verspreche, morgen zu kommen.» |
| Expressiva | Ausdruck psychischer Zustände | «Es tut mir leid.» |
| Deklarativa | Erzeugung sozialer Tatsachen | «Ich erkläre Sie zu Mann und Frau.» |
Sprache ist damit konstitutiv für soziale Realität: Durch Äusserungen entstehen Fakten, Verpflichtungen, Beziehungen und Institutionen. Kritisiert wird die Theorie für ihr Bild des rationalen, intentionalen Sprechers und die Ausblendung von Macht und Kontext – Einwände, die zur Diskursanalyse und zur Konversationsanalyse führten. Die Diskursanalyse (Foucault) erweitert die mikroanalytische Perspektive der Sprechakttheorie makrosoziologisch: Sie fragt nicht nach der einzelnen Handlung, sondern nach der Ordnung des Sagbaren.
Bedeutung für die Krisenkommunikation (KMK-Bezug)
Für das KMK-System liefert die Sprechakttheorie die mikroanalytische Grundlage zur Klassifikation organisationaler Krisenreaktionen: Botschaftsstrategien sind Sprechakte – Erklärungen und Faktendarstellungen (assertiv), Bedauern und Empathie (expressiv), Wiedergutmachungsversprechen (kommissiv), die Einsetzung einer Untersuchungskommission (deklarativ). Ob ein Sprechakt gelingt, hängt an seinen Gelingensbedingungen: Eine Entschuldigung ohne anerkannte Verantwortungsübernahme misslingt als Sprechakt – ein Befund, den FRAMI über das normative Framing und die Resonanzanalyse sichtbar macht.
Literatur
Austin, J. L. (1975). How to do things with words (2. Aufl.). Clarendon Press. (Original 1962)
Habermas, J. (1981). Theorie des kommunikativen Handelns. Suhrkamp.
Searle, J. R. (1969). Speech acts: An essay in the philosophy of language. Cambridge University Press.
Searle, J. R. (1979). Expression and meaning: Studies in the theory of speech acts. Cambridge University Press.