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Ver­si­on 1.0 · Stand: 10.08.2026

Medi­en­re­so­nanz bezeich­net das Aus­mass, in dem ein Ereig­nis in der öffent­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­on auf­ge­grif­fen, ver­stärkt und über die Zeit hin­weg getra­gen wird. Sie ist nicht die Kri­se selbst, son­dern deren kom­mu­ni­ka­ti­ve Ver­stär­kung – und sie folgt eige­nen Gesetz­mäs­sig­kei­ten: Der Scha­den eines Ereig­nis­ses und sei­ne Reso­nanz kön­nen weit auseinanderfallen.

Einordnung

In der Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on wird Medi­en­re­so­nanz häu­fig als blos­ser Grad­mes­ser der Kri­sen­schwe­re gele­sen. Das greift zu kurz. Ein fokus­sie­ren­des Ereig­nis kann bei gerin­gem mate­ri­el­lem Scha­den hohe Reso­nanz erzeu­gen, wäh­rend gra­vie­ren­de, aber schwer dar­stell­ba­re Vor­gän­ge kaum Beach­tung fin­den. Für die Orga­ni­sa­ti­on ist des­halb nicht allein ent­schei­dend, was gesche­hen ist, son­dern in wel­chem Umfang und in wel­cher Gleich­för­mig­keit dar­über gespro­chen wird. Dass die Häu­fig­keit der The­ma­ti­sie­rung die öffent­li­che Rang­ord­nung der The­men prägt, gehört zu den am besten gesi­cher­ten Befun­den der Medi­en­wir­kungs­for­schung (McCombs & Shaw, 1972).

Die Medi­en fun­gie­ren dabei nicht als neu­tra­ler Spie­gel, son­dern als Ver­stär­ker­sta­ti­on. Das Social Ampli­fi­ca­ti­on of Risk Frame­work (Kas­per­son et al., 1988) beschreibt, wie ein Ereig­nis­si­gnal auf sei­nem Weg durch Medi­en, Insti­tu­tio­nen und sozia­le Netz­wer­ke ver­stärkt oder gedämpft wird und dabei Fol­ge­wir­kun­gen aus­löst, die mit dem ursprüng­li­chen Scha­den nur noch lose zusam­men­hän­gen: Ver­trau­ens­ver­lust, Stig­ma­ti­sie­rung gan­zer Bran­chen, Regu­lie­rungs­druck. Die­se sekun­dä­ren Fol­gen kor­re­lie­ren regel­mäs­sig bes­ser mit dem Ver­stär­kungs­grad als mit dem phy­si­schen Aus­mass des Ereignisses.

Zwei Dimensionen: Volumen und Konsonanz

Medi­en­re­so­nanz ist kei­ne ein­di­men­sio­na­le Grös­se. Fünf­zig gleich­lau­ten­de Bei­trä­ge sind etwas ande­res als fünf­zig wider­sprüch­li­che. Zu unter­schei­den sind daher mindestens:

  • Volu­men (Kumu­la­ti­on): Zahl der Bei­trä­ge pro Zeit­ein­heit, Zahl der betei­lig­ten Titel, Dau­er der Präsenz.
  • Kon­so­nanz: Gleich­för­mig­keit der Deu­tung über die Titel hin­weg – misst sich in der Kon­zen­tra­ti­on der codier­ten Frames.

Bereits Noel­le-Neu­mann (1973) hat star­ke Medi­en­wir­kun­gen an das Zusam­men­tref­fen von Kumu­la­ti­on, Kon­so­nanz und Öffent­lich­keits­cha­rak­ter gebun­den. Für die Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on folgt dar­aus eine prak­tisch bedeut­sa­me Unter­schei­dung: Hohes Volu­men bei gerin­ger Kon­so­nanz bedeu­tet, dass die Deu­tungs­ho­heit noch offen ist – hier lohnt der kom­mu­ni­ka­ti­ve Ein­satz. Hohes Volu­men bei hoher Kon­so­nanz bedeu­tet, dass sich ein Frame geschlos­sen hat; dage­gen anzu­re­den ist in aller Regel aus­sichts­los, sinn­voll bleibt nur ein Anschluss an den bestehen­den Rahmen.

Die Framing-For­schung stützt das: Wie­der­ho­lung ver­stärkt einen Frame, doch ein star­ker kon­kur­rie­ren­der Frame neu­tra­li­siert auch einen häu­fig wie­der­hol­ten schwa­chen (Chong & Druck­man, 2007). Blos­ses Volu­men erzeugt kei­ne Deutungshoheit.

Verlauf: Aufmerksamkeitszyklus und Sättigung

Reso­nanz ist ein Ver­laufs­phä­no­men. Der Auf­merk­sam­keits­zy­klus (Downs, 1972) beschreibt den typi­schen Bogen aus rascher Zuspit­zung, kur­zem Hoch und all­mäh­li­chem Abklin­gen; Framing-Effek­te ver­lie­ren zudem mess­bar an Wir­kung, sobald die Bericht­erstat­tung nach­lässt (Leche­ler & de Vree­se, 2011). Wich­ti­ger als der Gesamt­um­fang ist des­halb oft die Form der Kur­ve: Wie schnell wur­de der Höhe­punkt erreicht, wie lan­ge hält sich das The­ma über einer Auf­merk­sam­keits­schwel­le, gibt es Wiederanstiege?

Die Wir­kung steigt dabei nicht mono­ton mit dem Volu­men. Sehr hohe und lang anhal­ten­de Expo­si­ti­on kann in Sät­ti­gung, Ermü­dung und Ver­mei­dung umschla­gen. Eine Regel der Form «je mehr Bericht­erstat­tung, desto här­ter die Reak­ti­on» ist empi­risch nicht haltbar.

Für die Orga­ni­sa­ti­on folgt dar­aus eine oft über­se­he­ne Regel: In der Abkling­pha­se ist die eige­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on selbst ein Ver­stär­ker. Wer nach­legt, wenn die Kur­ve bereits fällt, reak­ti­viert die Auf­merk­sam­keit – ein klas­si­scher Weg in die Doppelkrise.

Idealtypische Resonanzkurve mit Time-to-Peak, Peak-Höhe, Aufmerksamkeitsschwelle, Persistenz und Wiederanstieg sowie den vier Phasen Zuspitzung, Höhepunkt, Abklingen und Nachlauf.
Reso­nanz­kur­ve einer Kri­se: Pha­sen, Kenn­zah­len und kom­mu­ni­ka­ti­ve Kon­se­quen­zen. Die Kur­ve ist ide­al­ty­pisch – rea­le Ver­läu­fe zei­gen meh­re­re Gip­fel und unre­gel­mäs­si­ge Abstände.

Kennzahlen der Resonanzmessung

Die Medi­en­re­so­nanz­ana­ly­se ist als eige­nes metho­di­sches Feld aus­ge­ar­bei­tet (Raupp & Vogel­ge­sang, 2009). Für die Kri­sen­ana­ly­se haben sich fol­gen­de Kenn­zah­len bewährt:

Kenn­zahl Was sie erfasst Hin­weis
Volu­men pro Tag Bei­trä­ge je Zeit­ein­heit als Zeitreihe nur bei Voll­erhe­bung oder doku­men­tier­ter Zie­hung interpretierbar
Time-to-Peak und Peak-Höhe Geschwin­dig­keit und Aus­schlag der Zuspitzung Indi­ka­tor für den ver­blei­ben­den Handlungsspielraum
Per­si­stenz Tage über einer defi­nier­ten Schwelle trennt das Stroh­feu­er vom Dauerthema
Titel­streu­ung Zahl unter­schied­li­cher Medi­en unter­schei­det Brei­te von blos­ser Wiederholung
Frame-Kon­zen­tra­ti­on Anteil des domi­nan­ten Frames ope­ra­tio­na­li­siert die Kon­so­nanz
Reich­wei­ten­ge­wich­tung Auf­la­ge, Nut­zung, Sichtbarkeit ohne sie ist blos­ses Zäh­len irreführend
Kenn­zah­len zur Beschrei­bung der Medi­en­re­so­nanz einer Kri­se.

Abgrenzung und methodische Grenzen

  • Ange­bot ist nicht Wir­kung. Zu tren­nen sind das Bericht­erstat­tungs­vo­lu­men (Tat­sa­chen­ebe­ne), die tat­säch­li­che Expo­si­ti­on der Indi­vi­du­en (Nut­zungs­ebe­ne) und die wahr­ge­nom­me­ne Prä­senz «die Kri­se ist über­all» (Wahr­neh­mungs­ebe­ne). Eine Inhalts­ana­ly­se misst allein die erste Grösse.
  • Das Volu­men ist teil­wei­se endo­gen. Redak­tio­nen ori­en­tie­ren sich anein­an­der; Bericht­erstat­tung erzeugt Bericht­erstat­tung. Reso­nanz ist damit kein unab­hän­gi­ger Indi­ka­tor gesell­schaft­li­cher Besorgnis.
  • Das Fal­len­las­sen der Stich­pro­ben­lo­gik ver­fälscht die Mes­sung. Wird zweck­ge­steu­ert nach den rele­van­te­sten Bei­trä­gen gesucht, ist der Kor­pus­um­fang ein Arte­fakt der Such­stra­te­gie und sagt nichts über die Reso­nanz aus.
  • Platt­for­men sind nicht kom­men­su­ra­bel. Volu­men in sozia­len Medi­en ist algo­rith­misch ver­zerrt und darf redak­tio­nel­len Bei­trä­gen nicht ein­fach zuge­zählt wer­den (vgl. SMCC).
  • Häu­fig­keit wird als Wahr­schein­lich­keit gele­sen. Was häu­fig berich­tet wird, gilt als wahr­schein­li­cher (Tversky & Kah­ne­man, 1973) – ein Grund, wes­halb Reso­nanz die Risi­ko­wahr­neh­mung auch dann ver­schiebt, wenn die Fak­ten­la­ge unver­än­dert bleibt.

Bedeutung für die Krisenkommunikation (KMK-Bezug)

Die Reso­nanz beant­wor­tet die Fra­ge, wie vie­le über­haupt erreicht wer­den; die Betrof­fen­heit beant­wor­tet die Fra­ge, wer dar­auf stark reagiert. Erst zusam­men erge­ben sie die kom­mu­ni­ka­ti­ve Lage: Hohe Reso­nanz bei gerin­ger Betrof­fen­heit erzeugt Auf­merk­sam­keit ohne Hand­lungs­druck; hohe Betrof­fen­heit bei gerin­ger Reso­nanz erzeugt eine klei­ne, aber mobi­li­sier­te Tei­löf­fent­lich­keit. Bei­de Grös­sen gehö­ren des­halb als Paar erho­ben. In der SCCT ist die Reso­nanz nicht als eige­ner Fak­tor vor­ge­se­hen: Coombs (2007) nennt als inten­si­vie­ren­de Grös­sen die Kri­sen­ge­schich­te und die rela­tio­na­le Repu­ta­ti­on, bei­de orga­ni­sa­ti­ons­be­zo­gen. Die kom­mu­ni­ka­ti­ve Ver­stär­kung des Ereig­nis­ses bleibt dort unberücksichtigt.

Für die vier Ana­ly­se­schrit­te des KMK-Systems ergibt sich:

  • Kon­text­ana­ly­se: Die Reso­nanz­nei­gung lässt sich vor­ab abschät­zen – Bekannt­heits­grad, Bran­chen­image und Markt­stel­lung bestim­men, wie reso­nanz­fä­hig eine Orga­ni­sa­ti­on ist. Der­sel­be Vor­fall erzeugt bei einem bekann­ten Gross­un­ter­neh­men und bei einem loka­len Anbie­ter völ­lig ver­schie­de­ne Kurven.
  • Medi­en­re­cher­che: Ort der Mes­sung. Das Volu­men ist als Zeit­rei­he zu erfas­sen, nicht bloss als Kor­pus­um­fang; Such­zeit­raum, Titelliste und Aus­wahl­satz sind zu dokumentieren.
  • Frame-Ana­ly­se: Die Reso­nanz­kur­ve gehört auf die­sel­be Zeit­ach­se wie die Frame-Ver­schie­bung. Erst die Über­la­ge­rung zeigt, ob ein Deu­tungs­wech­sel mit einem Auf­merk­sam­keits­schub zusam­men­fällt. Emo­tio­na­le Inten­si­tä­ten sind zusätz­lich als Last (Inten­si­tät mal Volu­men) aus­zu­wei­sen – ein Mit­tel­wert über zwölf und über fünf­hun­dert Bei­trä­ge bezeich­net nicht die­sel­be Lage.
  • Stra­te­gie­ent­wick­lung: Die Reso­nanz lie­fert die Schwel­len­wer­te für Eska­la­ti­ons­stu­fen und die Begrün­dung des First Mover Advan­ta­ge. In der Abkling­pha­se gilt Zurück­hal­tung als Regel, nicht als Versäumnis.

Literatur

Chong, D., & Druck­man, J. N. (2007). Framing theo­ry. Annu­al Review of Poli­ti­cal Sci­ence, 10, 103–126.

Coombs, W. T. (2007). Pro­tec­ting orga­nizati­on repu­ta­ti­ons during a cri­sis: The deve­lo­p­ment and appli­ca­ti­on of situa­tio­nal cri­sis com­mu­ni­ca­ti­on theo­ry. Cor­po­ra­te Repu­ta­ti­on Review, 10(3), 163–176.

Downs, A. (1972). Up and down with eco­lo­gy – the «issue-atten­ti­on cycle». The Public Inte­rest, 28, 38–50.

Eise­n­eg­ger, M. (2005). Repu­ta­ti­on in der Medi­en­ge­sell­schaft. Kon­sti­tu­ti­on – Issues Moni­to­ring – Issues Manage­ment. VS Ver­lag für Sozialwissenschaften.

Kas­per­son, R. E., Renn, O., Slo­vic, P., Brown, H. S., Emel, J., Goble, R., Kas­per­son, J. X., & Ratick, S. (1988). The social ampli­fi­ca­ti­on of risk: A con­cep­tu­al frame­work. Risk Ana­ly­sis, 8(2), 177–187.

Leche­ler, S., & de Vree­se, C. H. (2011). Get­ting real: The dura­ti­on of framing effects. Jour­nal of Com­mu­ni­ca­ti­on, 61(5), 959–983.

McCombs, M. E., & Shaw, D. L. (1972). The agen­da-set­ting func­tion of mass media. Public Opi­ni­on Quar­ter­ly, 36(2), 176–187.

Noel­le-Neu­mann, E. (1973). Return of the con­cept of powerful mass media. Stu­dies of Broad­ca­sting, 9, 67–112.

Raupp, J., & Vogel­ge­sang, J. (2009). Medi­en­re­so­nanz­ana­ly­se. Eine Ein­füh­rung in Theo­rie und Pra­xis. VS Ver­lag für Sozialwissenschaften.

Tversky, A., & Kah­ne­man, D. (1973). Avai­la­bi­li­ty: A heu­ri­stic for jud­ging fre­quen­cy and pro­ba­bi­li­ty. Cogni­ti­ve Psy­cho­lo­gy, 5(2), 207–232.