A B C D E F G H I J K L M N O P R S T Ü V W X Z
Be Bo

Ver­si­on 2.1 · Stand: 10.08.2026

Der Fak­tor Betrof­fen­heit ist in der Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on ein zen­tra­les Bin­de­glied zwi­schen Pro­blem­deu­tung, Emo­ti­on und Hand­lungs­be­reit­schaft. Betrof­fen­heit ist das Moment, das die situa­ti­ve Wahr­neh­mung einer Kri­se über­haupt erst akti­viert und die Brücke zwi­schen media­ler Deu­tung und indi­vi­du­el­lem Han­deln schlägt.

Einordnung

Im KMK-System ist die Betrof­fen­heit impli­zit in meh­re­ren Dimen­sio­nen enthalten:

  1. Wahr­neh­mungs­ebe­ne: Betrof­fen­heit ent­schei­det dar­über, ob ein Miss­stand von Indi­vi­du­en oder Stake­hol­der­grup­pen über­haupt als Kri­se inter­pre­tiert wird. Je stär­ker sich Per­so­nen per­sön­lich oder kol­lek­tiv betrof­fen füh­len, desto eher neh­men sie eine Situa­ti­on als kri­sen­haft wahr.
  2. Emo­tio­na­le Dimen­si­on: Betrof­fen­heit wirkt als Kata­ly­sa­tor für Emo­tio­nen (z. B. Angst, Ent­täu­schung, Empö­rung), die unmit­tel­ba­re Trieb­fe­dern des Ver­hal­tens sind. Ohne Betrof­fen­heit blei­ben die­se Emo­tio­nen schwach oder gar aus.
  3. Ver­ant­wor­tungs­zu­schrei­bung: Der Grad der emp­fun­de­nen Betrof­fen­heit beein­flusst, wie stark Akteu­ren Ver­ant­wor­tung zuge­schrie­ben wird. Je unmit­tel­ba­rer der Scha­den oder die Gefahr für eine Grup­pe wahr­ge­nom­men wird, desto inten­si­ver wer­den For­de­run­gen nach Verantwortungsübernahme.
  4. Rele­vanz für die Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on: Für die Orga­ni­sa­ti­on ist Betrof­fen­heit ein Indi­ka­tor dafür, wel­che Stake­hol­der prio­ri­tär adres­siert wer­den müs­sen. Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stra­te­gien, die die Betrof­fen­heit aner­ken­nen und gezielt dar­auf ein­ge­hen, kön­nen Ver­trau­en sta­bi­li­sie­ren oder zurückgewinnen.
  5. Ver­bin­dung zu nicht­si­tua­ti­ven Fak­to­ren: Betrof­fen­heit ist nicht nur situa­tiv (durch die aktu­el­le Kri­se) aus­ge­löst, son­dern hängt auch von Vor­er­fah­run­gen, Erwar­tun­gen und Ein­stel­lun­gen ab – etwa davon, ob Stake­hol­der bereits zuvor Kri­sen­er­fah­run­gen mit der Orga­ni­sa­ti­on gemacht haben.

Nähe und Betroffenheit: vier zu trennende Spielarten

Im All­tags­ge­brauch bün­delt «Betrof­fen­heit» min­de­stens vier Kon­struk­te, die im KMK-Modell auf unter­schied­li­chen Ebe­nen lie­gen. Für die Ana­ly­se ist ihre Tren­nung ent­schei­dend, denn nur zwei von ihnen zäh­len zu den nicht­si­tua­ti­ven (kon­tex­tu­el­len) Fak­to­ren, die sich vor einer Kri­se erhe­ben lassen.

Spiel­art Ebe­ne Erhe­bung Ort im KMK-System
Fak­ti­sche Betrof­fen­heit
(geschä­digt, exponiert)
situa­tiv, Tatsachenebene aus der Scha­dens­di­men­si­on der Kri­se deskrip­ti­ves Framing (Opfer­fo­kus intern/extern)
Wahr­ge­nom­me­ne Selbst­re­le­vanz
(«das betrifft uns alle»)
Wir­kungs- und Wahrnehmungsebene Befra­gung, Kommentaranalyse Effekt, nicht Ein­gangs­grös­se; im Text nur als expli­zi­te Kon­tex­tua­li­sie­rung codierbar
Distanz
(räum­lich, sozi­al, kul­tu­rell, zeitlich)
kon­tex­tu­ell, nichtsituativ vor der Kri­se bestimmbar kon­tex­tu­el­le Mode­ra­to­ren, Dimen­si­on Anspruchs­grup­pen
Bezie­hungs­nä­he zur Orga­ni­sa­ti­on
(Mit­ar­bei­ten­de, Kund­schaft, Anwoh­ner­schaft, Distanzpublikum)
kon­tex­tu­ell, emotiv vor der Kri­se bestimmbar kon­tex­tu­el­le Mode­ra­to­ren, Prä­dis­po­si­tio­nen und Basisreputation
Vier Spiel­ar­ten des Kon­strukts Betrof­fen­heit und ihre Ver­or­tung im KMK-System.

Die Unter­schei­dung schützt vor zwei wie­der­keh­ren­den Feh­lern. Wird die fak­ti­sche Betrof­fen­heit aus dem Scha­dens­aus­mass abge­lei­tet und zusätz­lich als eige­ner Fak­tor geführt, misst die Ana­ly­se die Kri­sen­schwe­re zwei­mal. Wird die wahr­ge­nom­me­ne Selbst­re­le­vanz als Ein­gangs­grös­se behan­delt, wan­dert ein Effekt auf die Sei­te der Ursachen.

Wirkungsrichtung: verstärkend, aber nicht monoton

Nähe wirkt als Mode­ra­tor: Sie ver­än­dert nicht die Rich­tung eines Frames, son­dern des­sen Inten­si­tät. Gut abge­si­chert ist die Ver­stär­kung der emo­tio­na­len Reak­ti­on – Angst bei eige­ner Expo­si­ti­on, Mit­ge­fühl bei sozia­ler Nähe zu den Geschä­dig­ten, Empö­rung bei nahe erleb­ter Norm­ver­let­zung (vgl. Wei­ner, 2006; Emo­tio­nen).

Für die Ver­ant­wor­tungs­zu­schrei­bung gilt das gera­de nicht line­ar. Die defen­si­ve Attri­bu­ti­on (Wal­ster, 1966; Shaver, 1970) beschreibt, dass hohe Ähn­lich­keit zwi­schen Betrach­ten­den und Geschä­dig­ten die Zuschrei­bung eher von Per­so­nen weg und zu äus­se­ren Umstän­den hin ver­schiebt – die Alter­na­ti­ve wäre, sich das­sel­be Schick­sal selbst zuzu­rech­nen. Der Punkt «Ver­ant­wor­tungs­zu­schrei­bung» im vor­an­ge­hen­den Abschnitt ist des­halb als Inten­si­tät der For­de­run­gen zu lesen, nicht als Rich­tung der Attri­bu­ti­on.

Die Con­stru­al-Level-Theo­rie (Tro­pe & Liber­man, 2010) ergänzt eine zwei­te Nicht­li­nea­ri­tät: Psy­cho­lo­gi­sche Distanz erhöht den Abstrak­ti­ons­grad der Deu­tung. Fer­ne Kri­sen wer­den eher prin­zi­pi­ell-mora­lisch gerahmt, nahe eher kon­kret und kon­se­quen­zen­be­zo­gen. Distanz schwächt also nicht bloss ab, sie ver­schiebt das Gewicht vom nor­ma­ti­ven zum deskrip­ti­ven Frame.

Schliess­lich sind gesell­schaft­li­che und per­sön­li­che Risi­ko­ein­schät­zung zu tren­nen: Medi­en­be­richt­erstat­tung erhöht vor allem die Ein­schät­zung des gesell­schaft­li­chen Risi­kos, wäh­rend die Ein­schät­zung des eige­nen Risi­kos ver­gleichs­wei­se unbe­rührt bleibt (Tyler & Cook, 1984). Wer Betrof­fen­heit erhebt, muss ange­ben, wel­che der bei­den Grös­sen gemeint ist.

Nähe als Nachrichtenfaktor – eine methodische Konsequenz

Nähe ist nicht nur eine Wirkungs‑, son­dern zuerst eine Selek­ti­ons­grös­se. Räum­li­che und kul­tu­rel­le Nähe zählt seit Gal­tung und Ruge (1965) zu den eta­blier­ten Nach­rich­ten­fak­to­ren und ist für den deutsch­spra­chi­gen Raum wie­der­holt bestä­tigt wor­den (Eil­ders, 1997; vgl. Nach­rich­ten­wert). Loka­le und regio­na­le Medi­en berich­ten über nahe Ereig­nis­se dich­ter, frü­her und emotionaler.

Für die Medi­en­in­halts­ana­ly­se folgt dar­aus: Wer die Nähe nicht in der Stich­pro­ben­stra­te­gie kon­trol­liert, ver­mengt sie mit der Bericht­erstat­tungs­in­ten­si­tät und misst am Ende einen Effekt, der ein Aus­wahl­ar­te­fakt ist. Die Zusam­men­set­zung des Kor­pus aus loka­len, regio­na­len und über­re­gio­na­len Titeln gehört des­halb doku­men­tiert und in den Limi­ta­tio­nen ausgewiesen.

Abgrenzung und Hinweise zur Codierung

  • Betrof­fen­heit ist kei­ne Varia­ble, son­dern ein Sam­mel­be­griff. Ohne Zer­le­gung in getrenn­te Indi­ka­to­ren ist kei­ne befrie­di­gen­de Inter­coder­re­lia­bi­li­tät zu erwarten.
  • Eben­en­tren­nung wah­ren. Fak­ti­sche Betrof­fen­heit gehört auf die Tat­sa­chen­ebe­ne der Kri­sen­ver­laufs­kar­te, emp­fun­de­ne Betrof­fen­heit auf die Wahrnehmungsebene.
  • Mode­ra­to­ren nicht addi­tiv ver­rech­nen. Ein Mode­ra­tor gewich­tet die Wir­kung ande­rer Fak­to­ren; wird er als Sum­mand geführt, ist er fak­tisch ein Haupteffekt.
  • Dop­pel­co­die­rung ver­mei­den. Der Opfer­fo­kus ist im deskrip­ti­ven Framing bereits erfasst. Ein zusätz­li­cher Code lohnt sich nur für die expli­zi­te Nähe-Kon­tex­tua­li­sie­rung im Text («das könn­te jeden tref­fen», «direkt vor unse­rer Haustür»).

Bedeutung für die Krisenkommunikation (KMK-Bezug)

Auf der Kri­sen­ver­laufs­kar­te wirkt die Betrof­fen­heit auf der Ebe­ne der öffent­li­chen Wahr­neh­mung und des Fol­ge­ver­hal­tens: Sie mode­riert, wel­che Anspruchs­grup­pen reagie­ren, mit wel­cher emo­tio­na­len Inten­si­tät – und damit auch, wel­che Bot­schafts­stra­te­gien (etwa die Empa­thie­ver­mitt­lung oder die Betrof­fen­heits­bot­schaft der Erst­in­for­ma­ti­on) prio­ri­tär ein­zu­set­zen sind.

Als eigen­stän­di­ger Mode­ra­tor wird die Nähe in der For­schung zur Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on bis­lang nicht geführt. Coombs (2007) nennt als inten­si­vie­ren­de Fak­to­ren die Kri­sen­ge­schich­te und die rela­tio­na­le Repu­ta­ti­on – bei­de orga­ni­sa­ti­ons­be­zo­gen; eine publi­kums­be­zo­ge­ne Distanz­grös­se fehlt. Anschluss­fä­hig ist dage­gen die situa­ti­ve Theo­rie der Tei­löf­fent­lich­kei­ten, die den level of invol­vement neben Pro­blem- und Beschrän­kungs­wahr­neh­mung als eige­ne Bestim­mungs­grös­se kom­mu­ni­ka­ti­ven Han­delns führt (Grunig, 1997; Kim & Grunig, 2011).

Für die vier Ana­ly­se­schrit­te des KMK-Systems ergibt sich daraus:

  • Kon­text­ana­ly­se: Distanz und Bezie­hungs­nä­he als drit­te Ach­se der Anspruchs­grup­pen-Dimen­si­on, neben Erwar­tungs­ni­veau und Macht­stel­lung – erheb­bar über räum­li­che Nähe, sozia­le Ähn­lich­keit zu den Geschä­dig­ten, Bezie­hungs­nä­he zur Orga­ni­sa­ti­on und erwar­te­te Eigenexposition.
  • Medi­en­re­cher­che: Nähe als Nach­rich­ten­fak­tor in der Stich­pro­ben­stra­te­gie kon­trol­lie­ren und die Titel­aus­wahl doku­men­tie­ren; zusam­men mit der Medi­en­re­so­nanz erho­ben, ergibt sich aus Reich­wei­te und Nähe die kom­mu­ni­ka­ti­ve Gesamtlage.
  • Frame-Ana­ly­se: kei­ne eige­ne Nähe-Kate­go­rie, wohl aber ein Code für die expli­zi­te Nähe-Kon­tex­tua­li­sie­rung im Beitrag.
  • Stra­te­gie­ent­wick­lung: Nähe als Prio­ri­sie­rungs­kri­te­ri­um der Anspruchs­grup­pen und als Schwel­len­wert für den Umfang instru­ie­ren­der und adju­stie­ren­der Information.

Literatur

Coombs, W. T. (2007). Pro­tec­ting orga­nizati­on repu­ta­ti­ons during a cri­sis: The deve­lo­p­ment and appli­ca­ti­on of situa­tio­nal cri­sis com­mu­ni­ca­ti­on theo­ry. Cor­po­ra­te Repu­ta­ti­on Review, 10(3), 163–176.

Eil­ders, C. (1997). Nach­rich­ten­fak­to­ren und Rezep­ti­on. Eine empi­ri­sche Ana­ly­se zur Aus­wahl und Ver­ar­bei­tung poli­ti­scher Infor­ma­ti­on. West­deut­scher Verlag.

Gal­tung, J., & Ruge, M. H. (1965). The struc­tu­re of for­eign news. Jour­nal of Peace Rese­arch, 2(1), 64–90.

Grunig, J. E. (1997). A situa­tio­nal theo­ry of publics: Con­cep­tu­al histo­ry, recent chal­lenges and new rese­arch. In D. Moss, T. Mac­Ma­nus & D. Ver­čič (Hrsg.), Public rela­ti­ons rese­arch: An inter­na­tio­nal per­spec­ti­ve (S. 3–48). Inter­na­tio­nal Thom­son Busi­ness Press.

Kim, J.-N., & Grunig, J. E. (2011). Pro­blem sol­ving and com­mu­ni­ca­ti­ve action: A situa­tio­nal theo­ry of pro­blem sol­ving. Jour­nal of Com­mu­ni­ca­ti­on, 61(1), 120–149.

Shaver, K. G. (1970). Defen­si­ve attri­bu­ti­on: Effects of seve­ri­ty and rele­van­ce on the respon­si­bi­li­ty assi­gned for an acci­dent. Jour­nal of Per­so­na­li­ty and Social Psy­cho­lo­gy, 14(2), 101–113.

Tro­pe, Y., & Liber­man, N. (2010). Con­stru­al-level theo­ry of psy­cho­lo­gi­cal distance. Psy­cho­lo­gi­cal Review, 117(2), 440–463.

Tyler, T. R., & Cook, F. L. (1984). The mass media and judgments of risk: Distin­gu­is­hing impact on per­so­nal and socie­tal level judgments. Jour­nal of Per­so­na­li­ty and Social Psy­cho­lo­gy, 47(4), 693–708.

Wal­ster, E. (1966). Assign­ment of respon­si­bi­li­ty for an acci­dent. Jour­nal of Per­so­na­li­ty and Social Psy­cho­lo­gy, 3(1), 73–79.

Wei­ner, B. (2006). Social moti­va­ti­on, justi­ce, and the moral emo­ti­ons: An attri­bu­tio­nal approach. Law­rence Erlbaum.