Version 2.0 · Stand: 18.07.2026
Jede Krise ist einmalig – entsprechend vielfältig sind die Definitionsversuche, je nach Disziplin mit unterschiedlicher Gewichtung. Das KMK-System beschreibt Krise über ein Set von Krisenmerkmalen, die je nach Fall mehr oder weniger ausgeprägt sind:
«Als Krise empfinden und/oder beurteilen Betroffene, Involvierte oder Interessierte einen Zustand (Missstand), der meist durch eine Abfolge ungewollter und ungeplanter negativer Ereignisse (Krisenbausteine) hervorgerufen wird und dessen Ausgang ambivalent ist, wobei eine Katastrophe nicht ausgeschlossen werden kann. Krisen als Abweichung vom Normalzustand bergen ein hohes Mass an Ungewissheit bezüglich Zeitpunkt, Dauer, Intensität und Auswirkung. Krisen als ‹bad news› finden per se das Interesse der Öffentlichkeit und sind mit hoher Emotionalität verbunden.»
Krise auf den vier Ebenen der Krisenverlaufskarte
Krisen im digitalen Informationszeitalter beschränken sich nicht auf reale Ereignisse – sie werden ebenso von Medienberichterstattung, öffentlicher Meinung und dem Verhalten der Anspruchsgruppen bestimmt. Entsprechend lässt sich «Krise» ebenenspezifisch definieren:
Problemebene – Krise als problematischer Zustand: Eine reale Krise ist ein problematischer Zustand aus einer Kette negativer Ereignisse und Handlungen, deren Folgen zur Katastrophe führen können. Ob eine reale Unternehmenskrise vorliegt, hängt von der Rolle des Unternehmens in dieser Kette ab: Hat es das Problem verursacht? Ist es betroffen?
Mediale Ebene – Krise als Missstand: Eine publizistische Krise liegt vor, wenn der Zustand in den Medien als Missstand dargestellt wird. Die wenigsten nehmen problematische Zustände direkt wahr – sie sind auf die mediale Darstellung angewiesen: «Wir erleben also eine Wirklichkeit selbst und sind gleichzeitig mit einer zweiten Wirklichkeit konfrontiert, die uns von den Medien simuliert wird.» (Gil, in Thomas, 1988, S. 56) Die Deutung folgt nicht nur den Tatsachen, sondern auch Nachrichtenwerten und Deutungsmustern (→ Framing). Ob eine publizistische Unternehmenskrise vorliegt, entscheiden Darstellung und zugewiesene Rollen (Verantwortlicher, Opfer).
Ebene der öffentlichen Wahrnehmung: Hier liegt eine Unternehmenskrise vor, wenn der wahrgenommene Missstand (a) negative Auswirkungen auf die Reputation erwarten lässt (Reputations‑, Vertrauens‑, Imagekrise) und (b) mit negativem Folgeverhalten der Anspruchsgruppen zu rechnen ist. Neben der medialen Darstellung zählen Quellenglaubwürdigkeit, Medienkonsum und Prädispositionen der Bezugsgruppen.
Verhaltensebene – Stakeholderkrise: Bezugsgruppen reagieren gegen das Interesse des Unternehmens auf den Missstand, der ihren Erwartungen nicht mehr entspricht – eine negative Folgehandlung, die auf die Problemebene zurückwirkt.
Issue, Risiko, Krise und Katastrophe
Aus Sicht des Risikomanagements ist eine Krise ein Risiko mit hohem Schadensausmass, das sich bewahrheitet hat (→ Risiko). Nach der Intensität des Medienechos unterscheidet man plötzliche, periodische und schleichende Krisen (→ Krisenverlauf); bei strategischen Krisen sind langfristige Erfolgspotenziale gestört und die Existenz gefährdet (Bickhoff et al., 2004, S. 5; → Strukturkrise).
Bedeutung im KMK-System
Die ebenenspezifische Krisendefinition strukturiert das gesamte Analysesystem: ADAM erfasst die nichtsituativen Faktoren, SCHNUFFI die mediale Ebene, FRAMI deren Deutungen und Rollen, EVI leitet daraus Strategien ab. Die Krisenmerkmale (→ Krisenmerkmale) dienen als Prüfraster, ob und in welcher Ausprägung eine Krise vorliegt.
Literatur
Bickhoff, N., et al. (2004). Die Unternehmenskrise als Chance. Springer. [in Zotero präzisieren]
Thomas, H. (Hrsg.) (1988). Die Welt als Medieninszenierung.