Ver­si­on 2.0 · Stand: 17.07.2026

Die Kri­sen­ver­laufs­kar­te ist ein im KMK-System ent­wickel­tes Ana­ly­se­mo­dell, das den Ver­lauf von Orga­ni­sa­ti­ons­kri­sen auf vier auf­ein­an­der auf­bau­en­den Pro­zess­ebe­nen abbil­det – von der rea­len Pro­blem­ebe­ne über die media­le Ver­mitt­lung und die öffent­li­che Wahr­neh­mung bis zum Fol­ge­ver­hal­ten der Anspruchs­grup­pen. Sie macht sicht­bar, dass eine Kri­se kein ein­zel­nes Ereig­nis ist, son­dern eine Ket­te von Ereig­nis­sen, Deu­tun­gen und Reak­tio­nen mit Rückkopplungen.

Abbildung 1: Die Krisenverlaufskarte mit Prozessebenen (1–4), Instanzen, Rollen und Rückkopplungsprozessen (A–D)
Abbil­dung 1: Die Kri­sen­ver­laufs­kar­te mit Pro­zess­ebe­nen (1–4), Instan­zen, Rol­len und Rück­kopp­lungs­pro­zes­sen (A–D)

Einordnung

Das Modell folgt der Unter­schei­dung zwi­schen der «genui­nen Welt» der Ereig­nis­se und deren media­ler und öffent­li­cher Kon­struk­ti­on (Kepp­lin­ger, 2011): Ein rea­ler pro­ble­ma­ti­scher Zustand wird erst durch redak­tio­nel­le Ver­ar­bei­tung zum wahr­ge­nom­me­nen Miss­stand – und erst die Wahr­neh­mung durch Tei­löf­fent­lich­kei­ten löst jene Ver­hal­tens­än­de­run­gen aus, die das Unter­neh­men exi­sten­zi­ell tref­fen kön­nen. Der Kri­sen­ver­lauf ist damit pri­mär kom­mu­ni­ka­tiv beeinflussbar.

Die vier Prozessebenen

Abbildung 2: Die vier Prozessebenen im Überblick
Abbil­dung 2: Die vier Pro­zess­ebe­nen im Überblick
  1. Pro­blem­ebe­ne (Bezugs­ebe­ne): der pro­ble­ma­ti­sche Zustand mit sei­nen Ursa­chen (Ereig­nis- und Hand­lungs­ket­ten) und De-fac­to-Aus­wir­kun­gen. Bei Gerüch­ten oder Erpres­sun­gen kann das Pro­blem auch fik­tiv sein.
  2. Media­le Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ebe­ne: die redak­tio­nel­le Dar­stel­lung des Pro­blems als Miss­stand; Mas­sen­me­di­en als Schlüs­sel­in­stan­zen, Exper­ten und Social Groups als Ver­mitt­ler und Interpreten.
  3. Öffent­li­che Wahr­neh­mungs­ebe­ne: Deu­tung des Miss­stands durch Tei­löf­fent­lich­kei­ten, emo­tio­na­le Reak­tio­nen, Aus­wir­kun­gen auf Repu­ta­ti­on und Image.
  4. Ver­hal­tens­ebe­ne der Anspruchs­grup­pen: äus­se­res Fol­ge­ver­hal­ten (Kon­sum­ver­zicht, recht­li­che Schrit­te, Unter­stüt­zungs­ent­zug) als Reak­ti­on auf wahr­ge­nom­me­ne Pro­ble­me und ent­täusch­te Erwartungen.

Fol­ge­ver­hal­ten kann neue pro­ble­ma­ti­sche Zustän­de erzeu­gen – der Kri­sen­pro­zess ist ite­ra­tiv und kann bis zur Liqui­di­täts­kri­se eskalieren.

Instanzen und Rollen

Auf jeder Ebe­ne wir­ken Instan­zen (Per­so­nen, Grup­pen, Orga­ni­sa­tio­nen), die de fac­to oder als Kon­strukt unter­schied­li­che Rol­len ein­neh­men. Zen­tral ist die Rol­le der betrof­fe­nen Orga­ni­sa­ti­on selbst: Wel­che Rol­le spielt sie im rea­len Ablauf, wel­che erhält sie in der Bericht­erstat­tung, wel­che schrei­ben ihr Öffent­lich­keit und Stake­hol­der zu? Ob ein Pro­blem zur Unter­neh­mens­kri­se wird, hängt wesent­lich von die­sen Rol­len­zu­schrei­bun­gen ab.

Typische Krisensequenzen

Die Bau­stei­ne der Kar­te sind num­me­riert (1a–4d), Rück­kop­pe­lun­gen mit Gross­buch­sta­ben (A–D) bezeich­net; damit las­sen sich Kri­sen­ver­läu­fe notie­ren und ver­glei­chen. Einen Stan­dard­ver­lauf gibt es nicht, aber wie­der­keh­ren­de Sequen­zen: die plötz­li­che publi­zi­stisch-öffent­li­che Kri­se (1a–1b–2b), die öffent­lich-recht­li­che Kri­se (Skan­da­li­sie­rung eines Rechts­ver­fah­rens; vgl. Prinz, 2014, S. 227) und die schlei­chen­de Kri­se, bei der sin­ken­der Absatz der Bericht­erstat­tung lan­ge vor­aus­läuft (1a–1b–3a[–3b]–4c; Bei­spiel Swissair-Grounding).

Anwendung: Handlungsfelder des Krisenmanagements

Jede Ebe­ne defi­niert ein Hand­lungs­feld mit einer Leit­fra­ge: Pro­blem­ebe­ne → Issues- und Risi­ko­ma­nage­ment («Wie behe­be oder ver­hin­de­re ich das Pro­blem und sei­ne Aus­wir­kun­gen?»). Media­le Ebe­ne → Medi­en­ar­beit inkl. Social Media und inter­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on («Mit wem muss ich wor­über kom­mu­ni­zie­ren, damit die Dar­stel­lung das Unter­neh­men nicht in Miss­kre­dit bringt?»). Wahr­neh­mungs­ebe­ne → Repu­ta­ti­ons- und Image­pfle­ge, über­wie­gend prä­ven­tiv («Wie schüt­ze ich Ver­trau­en und Repu­ta­ti­on?»). Ver­hal­tens­ebe­ne → Lob­by­ing, Liti­ga­ti­on PR, Con­su­mer und Finan­cial Rela­ti­ons («Wie ver­hin­de­re ich, dass ent­täusch­te Erwar­tun­gen in schä­di­gen­des Ver­hal­ten mün­den?»). Die Fall­stu­die zur Deep­wa­ter-Hori­zon-Kata­stro­phe zeigt die Kar­te als Ana­ly­se­instru­ment im Einsatz.

Bedeutung für die Krisenkommunikation (KMK-Bezug)

Die Kri­sen­ver­laufs­kar­te ist das Ord­nungs­mo­dell des KMK-Systems: Die SCCT fokus­siert auf Ebe­ne 3 (Wahrnehmung/Attribution), das Codier­sy­stem der Akteurs- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­rol­len ope­ra­tio­na­li­siert die Rol­len­ana­ly­se der Kar­te für die Medi­en­ana­ly­se (FRAMI), und die Hand­lungs­fel­der struk­tu­rie­ren die Stra­te­gie­emp­feh­lun­gen des EVI-Moduls. Die Unter­schei­dung von Pro­blem- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ebe­ne begrün­det zudem das Kon­zept der Dop­pel­kri­se: Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ver­sa­gen kann auf Ebe­ne 2–3 eine eigen­stän­di­ge Kri­se erzeu­gen, die schwe­rer wiegt als das Ausgangsproblem.

Weiterführend

Video­cast zur Krisenverlaufskarte

Literatur

Kepp­lin­ger, H. M. (2011). Rea­li­täts­kon­struk­tio­nen. VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.
Prinz, M. (2014). [voll­stän­di­ge Anga­be in Zote­ro nach­zu­tra­gen]
Ver­tie­fung in den Fall­stu­di­en­bän­den «Unter­neh­mens­kri­sen im Infor­ma­ti­ons­zeit­al­ter» (Bän­de 4–6).