Ver­si­on 3.0 · Stand: 16.09.2026

Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on ist kon­zept­ge­steu­er­te Kom­mu­ni­ka­ti­on, die dar­auf abzielt, mit­tels Infor­ma­ti­ons- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­in­stru­men­ten Pro­ble­me nicht zu öffent­li­chen Kri­sen wer­den zu las­sen (Prä­ven­ti­on) respek­ti­ve publi­zi­stisch-öffent­li­che Kri­sen im Inter­es­se der Orga­ni­sa­ti­on best­mög­lich zu bewäl­ti­gen – um in jedem Fall eine Kata­stro­phe zu ver­hin­dern (→ Kon­zept­ge­steu­er­te Kom­mu­ni­ka­ti­on). Da das zugrun­de lie­gen­de Kom­mu­ni­ka­ti­ons­kon­zept eine Stra­te­gie ent­hält, spricht die Manage­ment-Lite­ra­tur auch von stra­te­gi­scher Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on:

Der Begriff “stra­te­gi­sche Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on” bezeich­net das Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ma­nage­ment von Orga­ni­sa­tio­nen zur pro­ak­ti­ven Prä­ven­ti­on und Früh­erken­nung von Kri­sen, Vor­be­rei­tung auf Kri­sen, aku­ten Bewäl­ti­gung von Kri­sen und Nach­be­ar­bei­tung bzw. Eva­lua­ti­on orga­ni­sa­ti­ons­be­zo­ge­ner Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on.” (Schwarz & Löf­fel­holz, 2019, S. 4)

In der eng­lisch­spra­chi­gen For­schung fasst Coombs (2010) den Begriff wei­ter: Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on umfasst die Beschaf­fung, Ver­ar­bei­tung und Ver­brei­tung jener Infor­ma­tio­nen, die eine Orga­ni­sa­ti­on zur Bewäl­ti­gung einer Kri­sen­si­tua­ti­on benö­tigt. Damit gehört auch die Infor­ma­ti­ons­ar­beit dazu, die nach innen gerich­tet ist und die Öffent­lich­keit nie erreicht.

Krisenkommunikation und Krisenmanagement

Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on ist Teil des Kri­sen­ma­nage­ments, nicht des­sen Syn­onym. Coombs (2010) ver­steht Kri­sen­ma­nage­ment als Gesamt­heit der Mass­nah­men, mit denen eine Orga­ni­sa­ti­on eine Kri­se abweh­ren und den tat­säch­lich ent­ste­hen­den Scha­den begren­zen will. Die Kom­mu­ni­ka­ti­on ist dar­in das Mit­tel, mit dem Infor­ma­tio­nen gewon­nen, aus­ge­wer­tet und an die Anspruchs­grup­pen wei­ter­ge­ge­ben wer­den. Im deutsch­spra­chi­gen Raum wird das Kri­sen­ma­nage­ment häu­fig nach Kry­stek und Töp­fer geglie­dert (→ Kri­sen­ma­nage­ment; → Kri­sen­ma­nage­ment: Pha­sen und Auf­ga­ben).

Element der Integrierten Unternehmenskommunikation

Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on kann als Son­der­form der Inte­grier­ten Unter­neh­mens­kom­mu­ni­ka­ti­on ver­stan­den wer­den, die inter­ne, gesell­schafts­ori­en­tier­te und Mar­ke­ting­kom­mu­ni­ka­ti­on umfasst (→ Inte­grier­te Unter­neh­mens­kom­mu­ni­ka­ti­on). Im Unter­schied zur weit­ge­hend plan- und steu­er­ba­ren Wer­bung fin­det Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on jedoch in Situa­tio­nen statt, in denen Unge­wiss­heit, Zeit­druck und fremd­be­stimm­te The­men­set­zung dominieren.

Handlungsfelder und Zusammenhänge integrierter Organisationskommunikation
Hand­lungs­fel­der und Zusam­men­hän­ge inte­grier­ter Organisationskommunikation

Phasen der Krisenkommunikation

Die Auf­ga­ben der Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on wer­den meist einem Drei­pha­sen­mo­dell zuge­ord­net. Coombs (2010) unter­schei­det die Pha­se vor der Kri­se (pre-cri­sis), in der Warn­si­gna­le erkannt, Risi­ken ver­min­dert und Vor­be­rei­tun­gen getrof­fen wer­den, die Kri­sen­re­ak­ti­on (cri­sis respon­se), die mit dem aus­lö­sen­den Ereig­nis beginnt, und die Pha­se nach der Kri­se (post-cri­sis), in der die Orga­ni­sa­ti­on zum Nor­mal­be­trieb zurück­kehrt, zuge­sag­te Infor­ma­tio­nen nach­lie­fert und aus dem Ereig­nis lernt. Die vier Auf­ga­ben­fel­der der stra­te­gi­schen Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on nach Schwarz und Löf­fel­holz (2019) las­sen sich die­sen Pha­sen zuord­nen: Prä­ven­ti­on, Früh­erken­nung und Vor­be­rei­tung gehö­ren in die erste, die aku­te Bewäl­ti­gung in die zwei­te, Nach­be­ar­bei­tung und Eva­lua­ti­on in die drit­te Phase.

Wissensmanagement und Reaktionssteuerung

Quer zu den Pha­sen unter­schei­det Coombs (2010) zwei Grund­for­men der Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on. Das Kri­sen­wis­sens­ma­nage­ment (cri­sis know­ledge manage­ment) umfasst die Arbeit, die hin­ter den Kulis­sen geschieht: Infor­ma­tio­nen sam­meln, aus­wer­ten und für Ent­schei­dun­gen auf­be­rei­ten. Die Steue­rung der Stake­hol­der-Reak­tio­nen (stake­hol­der reac­tion manage­ment) umfasst die kom­mu­ni­ka­ti­ven Bemü­hun­gen, zu beein­flus­sen, wie Anspruchs­grup­pen die Kri­se und die Orga­ni­sa­ti­on wahr­neh­men und wie sie sich verhalten.

Für die Kri­sen­re­ak­ti­on ord­net Coombs (2010) die Bot­schaf­ten nach drei Schwer­punk­ten, die er aus der Infor­ma­ti­ons­ty­po­lo­gie von Stur­ges (1994, zit. nach Coombs, 2010) ablei­tet. Instru­ie­ren­de Infor­ma­tio­nen sagen den Betrof­fe­nen, wie sie sich phy­sisch schüt­zen kön­nen; anpas­sen­de Infor­ma­tio­nen hel­fen ihnen, die Kri­se psy­chisch zu ver­ar­bei­ten; Repu­ta­ti­ons­ar­beit soll den Scha­den am Anse­hen der Orga­ni­sa­ti­on begren­zen. In der Situa­tio­nal Cri­sis Com­mu­ni­ca­ti­on Theo­ry ste­hen instru­ie­ren­de und anpas­sen­de Infor­ma­tio­nen des­halb am Anfang jeder Kri­sen­re­ak­ti­on, noch vor jeder Repu­ta­ti­ons­stra­te­gie (Coombs, 2007, S. 173; → Ins­truc­ting und Adju­sting Infor­ma­ti­on).

Reputationsbezogene Strategien

Wel­che Repu­ta­ti­ons­stra­te­gie ange­mes­sen ist, beant­wor­ten die Model­le der Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on unter­schied­lich. Die Situa­tio­nal Cri­sis Com­mu­ni­ca­ti­on Theo­ry (SCCT) lei­tet die Wahl aus der Ver­ant­wor­tung ab, die Anspruchs­grup­pen der Orga­ni­sa­ti­on zuschrei­ben, und unter­schei­det Stra­te­gien des Leug­nens, des Abschwä­chens und des Wie­der­auf­baus (Coombs, 2007; → Situa­tio­nal Cri­sis Com­mu­ni­ca­ti­on Theo­ry (SCCT)). Die Tra­di­ti­on der Cor­po­ra­te Apo­lo­gia und die Image-Repair-Theo­rie set­zen dage­gen bei der Ver­tei­di­gungs­re­de der Orga­ni­sa­ti­on an (→ Cor­po­ra­te Apo­lo­gia).

Eine tabel­la­ri­sche Gegen­über­stel­lung der sie­ben Theo­rien, die das KMK-System tra­gen – Attri­bu­ti­ons­theo­rie, Kon­tin­genz­theo­rie, SCCT, Cor­po­ra­te Apo­lo­gia und Image Repair, Inte­gra­ted Cri­sis Map­ping, Social-Media­ted Cri­sis Com­mu­ni­ca­ti­on und Dis­cour­se of Rene­wal – mit ihren Wenn-Bedin­gun­gen, Dann-Regeln und Gren­zen fin­det sich im Ein­trag Bot­schafts­stra­te­gie­mo­del­le und Ver­hal­tens­mu­ster (situa­tiv) im Abschnitt «Ein­ord­nung in die über­grei­fen­den Theo­rien der Krisenkommunikation».

Traditionelle und postmoderne Ansätze

Die tra­di­tio­nel­le, manage­ment­ori­en­tier­te Sicht ver­steht Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on als plan- und steu­er­ba­ren Pro­zess der Orga­ni­sa­ti­on (Sen­der-Per­spek­ti­ve, Pha­sen­mo­del­le, Stra­te­gie­wahl). Sozi­al­kon­struk­ti­vi­sti­sche bzw. «post­mo­der­ne» Ansät­ze beto­nen dem­ge­gen­über, dass Kri­sen in viel­stim­mi­gen öffent­li­chen Are­nen aus­ge­han­delt wer­den – mit hete­ro­ge­nen Publi­ka, Gegen­dar­stel­lun­gen und Eigen­dy­na­mi­ken, die sich zen­tra­ler Steue­rung ent­zie­hen (Falk­hei­mer & Hei­de, 2006; → Rhe­to­ri­cal Are­na). Bei­de Per­spek­ti­ven ergän­zen sich: Die erste lie­fert die Pla­nungs­in­stru­men­te, die zwei­te schärft den Blick für Deu­tungs­kämp­fe und Emotionen.

Die zwei­te Per­spek­ti­ve ist in den letz­ten Jah­ren wei­ter aus­ge­ar­bei­tet wor­den. Frand­sen und Johan­sen (2017) beschrei­ben Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on als mul­ti­vo­ka­les Gesche­hen, in dem neben der betrof­fe­nen Orga­ni­sa­ti­on Medi­en, Behör­den, Betrof­fe­ne und wei­te­re Akteu­re kom­mu­ni­zie­ren (→ Rhe­to­ri­cal Are­na). Völ­ker (2017) ver­steht die Deu­tungs­ar­beit der Orga­ni­sa­ti­on als stra­te­gi­sches Framing, das sich im Wech­sel­spiel mit ande­ren Akteu­ren erst im Voll­zug her­aus­bil­det (→ Stra­te­gi­sches Framing). Otter­pohl (2019) zeigt, dass Bot­schafts­stra­te­gien ihre Anspruchs­grup­pen in der Regel nicht unmit­tel­bar errei­chen, son­dern durch die Aus­wahl und Deu­tung der Medi­en gefil­tert wer­den, die dar­über mit­ent­schei­den, ob sie wir­ken kön­nen (→ Media­le Rah­mung von Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on).

Bedeutung für die Krisenkommunikation (KMK-Bezug)

Die Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on ist der Gegen­stands­be­reich des gesam­ten KMK-Systems. Des­sen Modu­le ope­ra­tio­na­li­sie­ren die vier Auf­ga­ben­fel­der der stra­te­gi­schen Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on: Prä­ven­ti­on und Früh­erken­nung (Issues Manage­ment, Kon­text­ana­ly­se ADAM), Lage­be­ur­tei­lung wäh­rend der Kri­se (Medi­en­re­cher­che SCHNUFFI, Frame-Ana­ly­se FRAMI), aku­te Bewäl­ti­gung (Stra­te­gie­ent­wick­lung EVI mit Bot­schafts­stra­te­gien nach SCCT und Wenn-Dann-Regeln) sowie Nach­be­ar­bei­tung und Eva­lua­ti­on (→ Kri­sen­ma­nage­ment; → Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­ons­kon­zept).

Literatur

Coombs, W. T. (2007). Pro­tec­ting orga­nizati­on repu­ta­ti­ons during a cri­sis: The deve­lo­p­ment and appli­ca­ti­on of Situa­tio­nal Cri­sis Com­mu­ni­ca­ti­on Theo­ry. Cor­po­ra­te Repu­ta­ti­on Review, 10(3), 163–176. https://doi.org/10.1057/palgrave.crr.1550049
Coombs, W. T. (2010). Para­me­ters for cri­sis com­mu­ni­ca­ti­on. In W. T. Coombs & S. J. Holl­aday (Hrsg.), The hand­book of cri­sis com­mu­ni­ca­ti­on (S. 17–53). Wiley. https://doi.org/10.1002/9781444314885.ch1
Coombs, W. T. (2019). Ongo­ing cri­sis com­mu­ni­ca­ti­on: Plan­ning, mana­ging, and respon­ding (5. Aufl.). SAGE.
Falk­hei­mer, J., & Hei­de, M. (2006). Mul­ti­cul­tu­ral cri­sis com­mu­ni­ca­ti­on: Towards a social cons­truc­tion­ist per­spec­ti­ve. Jour­nal of Con­tin­gen­ci­es and Cri­sis Manage­ment, 14(4), 180–189. https://doi.org/10.1111/j.1468–5973.2006.00494.x
Frand­sen, F., & Johan­sen, W. (2017). Orga­nizatio­nal cri­sis com­mu­ni­ca­ti­on: A mul­ti­vo­cal approach. SAGE.
Otter­pohl, M. (2019). Die media­le Rah­mung von Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on: Eine theo­re­ti­sche und empi­ri­sche Unter­su­chung zu Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stra­te­gien bei Lebens­mit­tel­skan­da­len und ihrer Reso­nanz in den Medi­en [Dis­ser­ta­ti­on, Freie Uni­ver­si­tät Ber­lin].
Schwarz, A., & Löf­fel­holz, M. (2019). Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on: Vor­be­rei­tung, Umset­zung, Erfolgs­fak­to­ren. In A. Zer­fass, M. Piwin­ger & U. Rött­ger (Hrsg.), Hand­buch Unter­neh­mens­kom­mu­ni­ka­ti­on (3. Aufl., S. 1–17). Sprin­ger Gab­ler. https://doi.org/10.1007/978–3‑658–03894-6_46‑1
Völ­ker, D. (2017). Kom­mu­ni­ka­ti­on im Kri­sen­mo­dus: Kon­zep­ti­on des Stra­te­gi­schen Framing am Bei­spiel der Finanz­kri­se 2008/09. Sprin­ger VS. https://doi.org/10.1007/978–3‑658–17357‑9

Noch zu veri­fi­zie­ren 🔴: Wort­laut des Zitats von Schwarz und Löf­fel­holz (2019, S. 4); bis zur Ver­si­on 2.1 war der Bei­trag mit dem Titel «Stra­te­gi­sche Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on von Orga­ni­sa­tio­nen» ange­ge­ben, der zu Schwarz (2015) im Hand­buch der Public Rela­ti­ons gehört. Die Aus­sa­gen nach Coombs (2010) sind ohne Sei­ten­an­ga­ben gesetzt, bis die­se am Ori­gi­nal geprüft sind; Stur­ges (1994) wird nach Coombs (2010) zitiert.