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Ver­si­on 1.0 · Stand: 06.08.2026

Das Social-Media­ted Cri­sis Com­mu­ni­ca­ti­on (SMCC) Modell beschreibt Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on nicht als Bot­schaft einer Orga­ni­sa­ti­on an eine Öffent­lich­keit, son­dern als Infor­ma­ti­ons­öko­sy­stem: Kri­sen­bot­schaf­ten ent­ste­hen, wer­den kon­su­miert und wei­ter­ver­brei­tet im Zusam­men­spiel von sozia­len Medi­en, tra­di­tio­nel­len Mas­sen­me­di­en und per­sön­li­chen Gesprä­chen. Ent­wickelt wur­de es von Yan Jin und Broo­ke Fisher Liu (2010) und gemein­sam mit Luc­in­da Austin in meh­re­ren Expe­ri­men­ten über­prüft. Sein Kern­bei­trag: Wo und von wem eine Kri­sen­bot­schaft kommt, wirkt min­de­stens so stark wie ihr Inhalt.

Einordnung

Repu­ta­ti­ons­zen­trier­te Theo­rien wie die SCCT oder Benoits Image Repair Theo­ry fra­gen pri­mär, wel­che Bot­schafts­stra­te­gie eine Orga­ni­sa­ti­on wäh­len soll; der Über­tra­gungs­weg galt lan­ge als nach­ran­gig. Das SMCC-Modell setzt an die­ser Leer­stel­le an und macht Kanal, Quel­le und Wei­ter­ver­brei­tung zu eigen­stän­di­gen theo­re­ti­schen Variablen.

Damit reagiert es auf eine ver­än­der­te Aus­gangs­la­ge: Orga­ni­sa­tio­nen besit­zen die Deu­tungs­ho­heit über Kri­sen­n­ar­ra­ti­ve nicht mehr allein. Das Modell kar­tiert statt­des­sen die Bezie­hun­gen zwi­schen der betrof­fe­nen Orga­ni­sa­ti­on, den tra­di­tio­nel­len Medi­en, den sozia­len Medi­en, der Mund­pro­pa­gan­da und unter­schied­lich medi­en­af­fi­nen Publi­ka. Es steht damit näher beim Inte­gra­ted Cri­sis Map­ping, das eben­falls vom Publi­kum her denkt, ergänzt die­ses aber um die Kanaldimension.

Vom Blog-Modell zum SMCC-Modell

Der Ursprung liegt im Blog-Media­ted Cri­sis Com­mu­ni­ca­ti­on Model (Jin & Liu, 2010), das zunächst nur den Umgang mit ein­fluss­rei­chen exter­nen Blogs syste­ma­ti­sier­te. Mit der Aus­wei­tung auf sozia­le Netz­wer­ke ins­ge­samt wur­de dar­aus das SMCC-Modell, das in meh­re­ren Expe­ri­men­ten gete­stet wur­de – unter ande­rem in Zusam­men­ar­beit mit dem Ame­ri­ka­ni­schen Roten Kreuz zur Katastrophenkommunikation.

Die drei Schlüsselöffentlichkeiten

Schema des SMCC-Modells: Organisation in der Krise, die drei Kanäle soziale Medien, traditionelle Medien und Offline-Mundpropaganda sowie die drei Schlüsselöffentlichkeiten Creators, Followers und Inactives mit Verbreitungswegen und Rückkanälen.
Akteu­re, Kanä­le und Infor­ma­ti­ons­flüs­se im SMCC-Modell. Dar­stel­lung krisenkom.ch nach Jin und Liu (2010), Austin, Liu und Jin (2012) sowie Jin, Liu und Austin (2014).

Das Modell seg­men­tiert die Öffent­lich­keit nicht nach Betrof­fen­heit oder Inter­es­se, son­dern nach dem Medi­en­ver­hal­ten wäh­rend der Kri­se:

  • Influ­en­ti­al Social Media Crea­tors: Akteu­re, die kri­sen­re­le­van­te Inhal­te selbst pro­du­zie­ren – reich­wei­ten­star­ke Blog­ger und Influen­ce­rin­nen, Jour­na­li­stin­nen, betrof­fe­ne Augen­zeu­gen. Sie wir­ken als digi­ta­le Gate­kee­per, stos­sen Dis­kus­sio­nen an und prä­gen die frü­he Rah­mung der Kri­se.
  • Social Media Fol­lo­wers: Sie kon­su­mie­ren die Inhal­te von Crea­tors und Orga­ni­sa­tio­nen – aber nicht pas­siv. Sie kom­men­tie­ren, tei­len und tra­gen die Infor­ma­ti­on in ihre eige­nen Netz­wer­ke, online wie off­line. Sie sind der eigent­li­che Verstärker.
  • Social Media Inac­ti­ves: Sie nut­zen sozia­le Medi­en nicht zur Kri­sen­re­cher­che, sind aber kei­nes­wegs unbe­tei­ligt. Sie errei­chen die Infor­ma­tio­nen über tra­di­tio­nel­le Mas­sen­me­di­en und über die Mund­pro­pa­gan­da, die von den Fol­lo­wers ausgeht.

Der prak­ti­sche Ertrag die­ser Ein­tei­lung liegt dar­in, dass sie quer zu klas­si­schen Stake­hol­der-Listen liegt: Die­sel­be Anspruchs­grup­pe – etwa die Beleg­schaft – ent­hält alle drei Typen. Eine Kanal­stra­te­gie, die nur einen Typ bedient, erreicht zwangs­läu­fig nur einen Ausschnitt.

Die Komponenten des Modells

Die Orga­ni­sa­ti­on in der Kri­se wird durch vier Merk­ma­le beschrie­ben: den Kri­sen­ur­sprung (intern ver­ur­sacht oder von aus­sen an die Orga­ni­sa­ti­on her­an­ge­tra­gen), den Kri­sen­typ (Ver­sa­gen, Unglück, bös­wil­li­ge Attacke), die Infra­struk­tur (ver­füg­ba­re eige­ne Kanä­le und Res­sour­cen) sowie Bot­schafts­stra­te­gie und Infor­ma­ti­ons­form. Hin­zu kom­men die tra­di­tio­nel­len Medi­en, die vira­le The­men auf­grei­fen, jour­na­li­stisch veri­fi­zie­ren und damit legi­ti­mie­ren, und die Off­line-Mund­pro­pa­gan­da als Dif­fu­si­ons­weg in die ana­lo­ge Welt.

Begriff Bedeu­tung im SMCC-Modell
Infor­ma­ti­on Form Der Kanal­typ, über den die Infor­ma­ti­on läuft: tra­di­tio­nel­le Medi­en, sozia­le Medi­en oder Mund­pro­pa­gan­da. Nicht das Medi­en­for­mat (Text, Bild, Video) – die­se Ver­wechs­lung ist ver­brei­tet und führt zu fal­schen Ableitungen.
Infor­ma­ti­on Source Wer sen­det: die betrof­fe­ne Orga­ni­sa­ti­on selbst oder eine drit­te Par­tei (Behör­de, Medi­um, Creator).
Cri­sis Origin In den Expe­ri­men­ten ope­ra­tio­na­li­siert als intern ver­sus extern ver­ur­sacht. 🔴 Die in der Pra­xis­li­te­ra­tur ver­brei­te­te Les­art «online ent­stan­den ver­sus off­line ent­stan­den» ist eine nütz­li­che Zusatz­un­ter­schei­dung, aber nicht die Defi­ni­ti­on des Modells.

Empirische Befunde

  • Kanal-Kom­ple­men­ta­ri­tät: Men­schen suchen wei­ter­füh­ren­de Infor­ma­tio­nen bevor­zugt in dem­sel­ben Medi­en­typ, in dem sie zuerst von der Kri­se gehört haben (Austin, Liu & Jin, 2012). Wer über sozia­le Medi­en ein­steigt, bleibt dort – wer über das Radio ein­steigt, sucht klas­sisch weiter.
  • Die Quel­le ver­schiebt die Akzep­tanz: Defen­si­ve und aus­wei­chen­de Reak­tio­nen wer­den eher akzep­tiert, wenn sie von der Orga­ni­sa­ti­on selbst kom­men; unter­stüt­zen­de Bot­schaf­ten wir­ken stär­ker, wenn sie von Drit­ten getra­gen wer­den (Liu, Austin & Jin, 2011).
  • Tra­di­tio­nel­le Medi­en wer­den unter­schätzt: Im Expe­ri­ment von Liu, Austin und Jin (2011) führ­ten über tra­di­tio­nel­le Medi­en ver­brei­te­te Kri­sen­re­ak­tio­nen zu höhe­rer Bot­schafts­ak­zep­tanz und schwä­che­ren emo­tio­na­len Reak­tio­nen als die­sel­ben Bot­schaf­ten über sozia­le Medi­en. Die Autorin­nen und Autoren war­nen aus­drück­lich davor, die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­an­stren­gun­gen ein­sei­tig auf sozia­le Medi­en zu konzentrieren.
  • Dia­log statt Ver­laut­ba­rung: Die geziel­te Ein­bin­dung von Crea­tors und Fol­lo­wers in einen ech­ten zwei­sei­ti­gen Aus­tausch dämpft Gerüch­te und stärkt die Resi­li­enz der betrof­fe­nen Gemein­schaft. Kri­sen­ma­na­ge­rin­nen sind nicht mehr allei­ni­ge Absen­der, son­dern Mit­ge­stal­ten­de in einem lau­fen­den Informationsstrom.

Wenn-Dann-Regeln

  • Wenn die Kri­se im Netz ent­steht (vira­les Video, Shits­torm), dann gehört die erste Reak­ti­on auf den­sel­ben Kanal. Die Kanal-Kom­ple­men­ta­ri­tät sorgt dafür, dass die betrof­fe­ne Com­mu­ni­ty genau dort wei­ter­sucht; ein Aus­wei­chen auf die klas­si­sche Medi­en­mit­tei­lung erreicht sie nicht. Der Shits­torm-Grund­satz gilt hier unverändert.
  • Wenn die Kri­se off­line ent­steht und im Netz nur gespie­gelt wird, dann ist eine hybri­de Stra­te­gie nötig: tra­di­tio­nel­le Medi­en für die brei­te Öffent­lich­keit und die Inac­ti­ves, sozia­le Medi­en für Tem­po und Dia­log – zeit­gleich und inhalt­lich konsistent.
  • Wenn Crea­tors den Dis­kurs domi­nie­ren, dann ist ein­sei­ti­ge Beschal­lung wir­kungs­los. Die Orga­ni­sa­ti­on muss den direk­ten Aus­tausch mit die­sen Schlüs­sel­per­so­nen suchen, um Fehl­in­for­ma­tio­nen früh auszuräumen.
  • Wenn unter­stüt­zen­de Bot­schaf­ten nötig sind (Soli­da­ri­tät, Ent­la­stung, Ein­ord­nung), dann sind glaub­wür­di­ge Drit­te die wirk­sa­me­ren Absen­der – die Orga­ni­sa­ti­on gewinnt mehr durch Ermög­li­chen als durch Selbstaussage.
  • Wenn Res­sour­cen knapp sind, dann nicht zuerst auf sozia­le Medi­en set­zen. Der empi­ri­sche Befund spricht gegen die ver­brei­te­te Annah­me, digi­ta­le Kanä­le sei­en in jeder Lage die wirk­sam­sten; sie sind die schnell­sten, nicht auto­ma­tisch die über­zeu­gend­sten.

Kritik und Grenzen

  • Res­sour­cen­in­ten­si­tät: Fort­lau­fen­des Moni­to­ring und mass­ge­schnei­der­te Inter­ak­ti­on mit Crea­tors und Fol­lo­wers bin­den Per­so­nal, das klei­ne­re Orga­ni­sa­tio­nen und Gemein­den nicht haben.
  • Echt­zeit­druck ver­sus Frei­ga­be­pro­zes­se: Die Geschwin­dig­keit sozia­ler Netz­wer­ke kol­li­diert mit inter­nen Frei­ga­ben und juri­sti­scher Absi­che­rung – das Haf­tungs-Kom­mu­ni­ka­ti­ons-Para­do­xon ver­schärft sich im digi­ta­len Raum erheblich.
  • Kul­tu­rel­le und platt­form­be­ding­te Abhän­gig­keit: Stu­di­en in ande­ren Medi­en­ord­nun­gen – etwa zu Wei­bo in Chi­na – zei­gen, dass staat­li­che Regu­lie­rung und Platt­form­ar­chi­tek­tur die im Modell unter­stell­ten dia­lo­gi­schen Infor­ma­ti­ons­flüs­se stark modifizieren.
  • Empi­ri­sche Basis: Die Kern­ex­pe­ri­men­te arbei­te­ten mit stu­den­ti­schen Stich­pro­ben und sze­na­rio­ba­sier­ten Vignet­ten. Zudem hat sich die Platt­form­land­schaft seit ihrer Durch­füh­rung erheb­lich ver­än­dert; algo­rith­mi­sche Ver­brei­tung und gene­ra­ti­ve Fäl­schun­gen sind im Ursprungs­mo­dell nicht abgebildet.

Bedeutung für die Krisenkommunikation (KMK-Bezug)

Das SMCC-Modell lie­fert dem KMK-System die Kanal­di­men­si­on, die in den bot­schafts­zen­trier­ten Model­len fehlt. ADAM erfasst mit Kri­sen­ur­sprung, Kri­sen­typ und Infra­struk­tur bereits drei der vier Orga­ni­sa­ti­ons­merk­ma­le; ergän­zend gehört die Fra­ge dazu, in wel­chem Kanal die Kri­se zuerst sicht­bar wur­de – sie bestimmt, wo die Betrof­fe­nen wei­ter­su­chen. SCHNUFFI fin­det im Modell eine Recher­che­sy­ste­ma­tik: Die Unter­schei­dung von Crea­tors, Fol­lo­wers und Inac­ti­ves struk­tu­riert, wel­che Quel­len über­haupt zu erhe­ben sind, und macht sicht­bar, wann ein The­ma aus den sozia­len in die tra­di­tio­nel­len Medi­en über­ge­sprun­gen ist – der Moment der Legi­ti­mie­rung, der eine Kri­se regel­mäs­sig eska­lie­ren lässt.

Für FRAMI ist der Befund zur frü­hen Rah­mung durch Crea­tors zen­tral: Wer den Frame zuerst setzt, prägt die spä­te­re Bericht­erstat­tung; die Frame-Ana­ly­se soll­te des­halb den Ursprungs­bei­trag mit erfas­sen und nicht erst bei der publi­zi­sti­schen Auf­be­rei­tung anset­zen. EVI schliess­lich hat aus dem Modell zwei Vor­ga­ben abzu­lei­ten: Jede Stra­te­gie­emp­feh­lung braucht eine expli­zi­te Kanal- und Absen­der­zu­ord­nung – wel­che Bot­schaft läuft über wel­chen Kanal und wer spricht sie aus –, und unter­stüt­zen­de Bot­schaf­ten sind bevor­zugt über glaub­wür­di­ge Drit­te zu plat­zie­ren statt über die eige­ne Organisation.

Literatur

Austin, L., Liu, B. F., & Jin, Y. (2012). How audi­en­ces seek out cri­sis infor­ma­ti­on: Explo­ring the social-media­ted cri­sis com­mu­ni­ca­ti­on model. Jour­nal of Applied Com­mu­ni­ca­ti­on Rese­arch, 40(2), 188–207. https://doi.org/10.1080/00909882.2012.654498

Jin, Y., & Liu, B. F. (2010). The blog-media­ted cri­sis com­mu­ni­ca­ti­on model: Recom­men­da­ti­ons for respon­ding to influ­en­ti­al exter­nal blogs. Jour­nal of Public Rela­ti­ons Rese­arch, 22(4), 429–455. https://doi.org/10.1080/10627261003801420

Jin, Y., Liu, B. F., & Austin, L. L. (2014). Exami­ning the role of social media in effec­ti­ve cri­sis manage­ment: The effects of cri­sis ori­gin, infor­ma­ti­on form, and source on publics’ cri­sis respon­ses. Com­mu­ni­ca­ti­on Rese­arch, 41(1), 74–94. https://doi.org/10.1177/0093650211423918

Liu, B. F., Austin, L., & Jin, Y. (2011). How publics respond to cri­sis com­mu­ni­ca­ti­on stra­te­gies: The inter­play of infor­ma­ti­on form and source. Public Rela­ti­ons Review, 37(4), 345–353. https://doi.org/10.1016/j.pubrev.2011.08.004

Liu, B. F., Frau­sti­no, J. D., & Jin, Y. (2016). Social media use during dis­asters: How infor­ma­ti­on form and source influence inten­ded beha­vi­oral respon­ses. Com­mu­ni­ca­ti­on Rese­arch, 43(5), 626–646. https://doi.org/10.1177/0093650214565917