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Ver­si­on 2.0 · Stand: 18.07.2026

Als Shits­torm bezeich­net man im deutsch­spra­chi­gen Raum einen Sturm kri­ti­scher Äus­se­run­gen im Social Web, der meist plötz­lich («lawi­nen­ar­tig»), über­ra­schend und mas­siv in kur­zer Zeit auf­tritt. Er rich­tet sich gegen Per­so­nen, Mar­ken (Col­la­bo­ra­ti­ve Brand Attack) oder Unter­neh­men (Fall Mam­mut) und bezieht sich auf ein fest­ge­stell­tes Pro­blem; beim orga­ni­sier­ten Shits­torm (Fall Kit­Kat) steht öffent­li­cher Druck im Vor­der­grund. Meist schwappt die sach­li­che Kri­tik in emo­ti­ons­ge­la­de­ne – aggres­si­ve, belei­di­gen­de, bedro­hen­de – Attacken über: «[…] wenn in einem kur­zen Zeit­raum eine sub­jek­tiv gros­se Anzahl von kri­ti­schen Äus­se­run­gen getä­tigt wird, von denen sich zumin­dest ein Teil vom ursprüng­li­chen The­ma abge­löst und statt­des­sen aggres­siv, belei­di­gend, bedroh­lich oder anders attackie­rend geführt wird» (Sascha Lobo).

Was ist ein Shits­torm (Quel­le: alpha Ler­nen, 30. März 2021)

Einordnung

Shitstorm-Schema
Abbil­dung 1: Aus Rudolf, 2012, S. 1

Der Shits­torm rich­tet sich gegen Insti­tu­tio­nen, Unter­neh­men oder Per­so­nen (Stof­fels & Berns­köt­ter, 2012). Nach unse­rem Begriffs­ver­ständ­nis ist er eine Art der IT-Kri­se (sie­he IT-Kri­sen-Syste­ma­tik). Shits­torms las­sen sich nach vier Kri­te­ri­en ana­ly­sie­ren: Aus­lö­ser (Wer oder was hat ihn aus­ge­löst?), The­ma (Pro­dukt­qua­li­tät oder Fehl­ver­hal­ten?), Platt­form (Ver­brei­tungs­we­ge, sie­he Dif­fu­si­on) und Emo­tio­nen (Domi­nanz emo­tio­na­ler Äusserungen).

Der Shitstorm auf der Krisenverlaufskarte

Verlauf eines Shitstorms auf der Krisenverlaufskarte

Abbil­dung 2: Mög­li­cher Ver­lauf eines Shits­torms auf der Kri­sen­ver­laufs­kar­te

Auslöser: Normbrüche und fehlerhafte Produkte

Gegen­stand der Kri­tik ist – ana­log zum Skan­dal – mora­lisch-ethi­sches, sozia­les, öko­lo­gi­sches, poli­ti­sches oder wirt­schaft­li­ches Fehl­ver­hal­ten (Norm­brü­che). Nicht sel­ten lösen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­feh­ler von Mar­ke­ting- oder Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ab­tei­lun­gen den Sturm aus (Fäl­le Adi­das – Bos­ton Mara­thon, Adi­das – Skla­ven­schuh). Auch Pro­duk­te und Dienst­lei­stun­gen wer­den ange­pran­gert, wenn sie Män­gel auf­wei­sen (Dell Hell) oder ihre Pro­duk­ti­on mit Fehl­ver­hal­ten ver­bun­den wird (Kit­Kat).

Diffusion über Social Media

Shits­torms fin­den haupt­säch­lich in sozia­len Medi­en statt; das zugrun­de lie­gen­de Pro­blem oder der Sturm selbst kön­nen aber in die klas­si­schen Medi­en über­schwap­pen. Der erste bekann­te Shits­torm (Dell Hell, 2005) begann mit einem Blog­bei­trag; nach Stof­fels und Berns­köt­ter ent­lädt sich die Ent­rü­stung typi­scher­wei­se über X/Twitter, bekannt sind auch video­ba­sier­te Aus­lö­ser auf You­Tube (Kit­Kat, Domino’s Piz­za, United Air­lines).

Shitstorm-Skala

Nicht jede Ein­zel­kri­tik ist ein Shits­torm. Die Ska­la der Agen­tur Fein­heit kate­go­ri­siert die Stär­ke: Auf den Stu­fen 1 und 2 bleibt Kri­tik ohne vira­le Ver­brei­tung; in Stu­fe 3 grei­fen erste Blogs und Online-Medi­en die andau­ern­de Kri­tik auf; ab Stu­fe 4 – wenn sich die Kri­tik ver­selbst­stän­digt und vom ursprüng­li­chen Punkt gelöst hat – spricht man vom Shits­torm, der mit zuneh­men­der Bericht­erstat­tung die Stu­fen 5 und 6 erreicht (Klei­ne­berg, 2012, S. 20–21).

Shitstorm-Skala
Abbil­dung 3: Shits­torm-Ska­la nach Fein­heit, 2012

Emotionen und Wirkung

Shits­torms sind nicht nur ver­bal geäus­ser­te emo­tio­na­le Reak­tio­nen auf Miss­stän­de – sie wir­ken ihrer­seits stark emo­tio­nal auf die Ange­pran­ger­ten wie auf die Rezi­pi­en­ten (sie­he Emo­tio­nen und das Rad von Plutchik).

Alternative Protestformen im Web

Neben dem Shits­torm exi­stie­ren geplan­te Pro­test­for­men im Web:

Protestformen im Web

Abbil­dung 4: Pro­test­for­men im Web (aus Rudolf, 2012, S. 30)

Bedeutung für die Krisenkommunikation (KMK-Bezug)

Der Shits­torm ist der Kri­sen­typ mit der höch­sten Eska­la­ti­ons­ge­schwin­dig­keit: Die Kri­sen­ver­laufs­kar­te zeigt sei­nen typi­schen Sprung von der Latenz- in die Akut­pha­se innert Stun­den. Für die Ana­ly­se lie­fert das Vier-Kri­te­ri­en-Raster (Aus­lö­ser, The­ma, Platt­form, Emo­tio­nen) die SCHNUF­FI-Syste­ma­tik; die Fein­heit-Ska­la hilft, ech­te Stür­me von Schein­rie­sen zu unter­schei­den – nicht jede Kom­men­tar­wel­le recht­fer­tigt den Kri­sen­mo­dus. Die Stra­te­gie­wahl folgt den Grund­sät­zen & Emp­feh­lun­gen Shits­torm.

Literatur und Quellen

Klei­ne­berg, J. (2012). 🔴 [Voll­stän­di­ge Anga­be in Zote­ro nach­zu­tra­gen]
Rudolf, E. (2012). Der Shits­torm als Her­aus­for­de­rung für die Unter­neh­mens­kom­mu­ni­ka­ti­on [Bache­lor­ar­beit, Hoch­schu­le Mitt­wei­da]. https://monami.hs-mittweida.de/frontdoor/deliver/index/docId/3145/file/Bachelorarbeit_Ernst_Rudolf.pdf
Stof­fels, H., & Berns­köt­ter, P. (2012). Die Goli­ath-Fal­le: Die neu­en Spiel­re­geln für die Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on im Social Web. Sprin­ger Gab­ler.
Fein­heit GmbH (2012). Shits­torm-Ska­la · bernet.ch: Ruhig blei­ben im Zeit­al­ter von Shitstorms