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Ver­si­on 2.1 · Stand: 16.09.2026

Die Situa­tio­nal Cri­sis Com­mu­ni­ca­ti­on Theo­ry (SCCT) ist eine evi­denz­ba­sier­te Theo­rie der Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on, die erklärt, wie die einer Orga­ni­sa­ti­on zuge­schrie­be­ne Kri­sen­ver­ant­wor­tung deren Repu­ta­ti­on gefähr­det – und wel­che Bot­schafts­stra­te­gien die­sem Scha­den je nach Situa­ti­on ent­ge­gen­wir­ken (Coombs, 2007b). Ihr Kern­prin­zip: Nicht die tat­säch­li­che, son­dern die wahr­ge­nom­me­ne Ver­ant­wor­tung bestimmt die Reak­ti­on der Stakeholder.

Einordnung

Die SCCT baut auf der Attri­bu­ti­ons­theo­rie auf (Hei­der, 1958; Wei­ner, 1986): Stake­hol­der schrei­ben Kri­sen spon­tan Ursa­chen zu. Je stär­ker die Ver­ant­wor­tung bei der Orga­ni­sa­ti­on ver­or­tet wird, desto grös­ser der Repu­ta­ti­ons­scha­den und desto nega­ti­ver die Emo­tio­nen und Ver­hal­tens­ab­sich­ten der Stake­hol­der (Coombs & Holl­aday, 2002). Die SCCT ver­steht sich als empi­risch geprüf­te Alter­na­ti­ve zu fall­stu­di­en­ba­sier­ten Ansät­zen und lei­tet aus Expe­ri­men­ten kon­kre­te Stra­te­gie­emp­feh­lun­gen ab.

Krisencluster: Der Grad der zugeschriebenen Verantwortung

Clu­sterZuschrei­bungBei­spie­leRepu­ta­ti­ons­ge­fahr
Vic­tim (Opfer­kri­se)mini­malNatur­er­eig­nis, Gerücht, Sabo­ta­ge, Cyberangriffleicht
Acci­den­tal (Unfall­kri­se)geringtech­ni­sches Ver­sa­gen, Pro­dukt­feh­ler ohne Fahrlässigkeitmode­rat
Pre­ven­ta­ble (ver­meid­ba­re Kri­se)starkmensch­li­ches Fehl­ver­hal­ten, Rechts­ver­stös­se, Management-Fehlentscheideschwer

Die Stu­fen der Zuschrei­bung fol­gen den Leit­li­ni­en, aus denen Coombs die Stra­te­gie­wahl ablei­tet: mini­ma­le Zuschrei­bung bei Opfer­kri­sen, gerin­ge bei Unfall­kri­sen, star­ke bei ver­meid­ba­ren Kri­sen (Coombs, 2007b, S. 173, Tabel­le 3). Coombs ver­wen­det die Bezeich­nun­gen aller­dings nicht ein­heit­lich – in der Clu­ster­über­sicht des­sel­ben Auf­sat­zes heisst die Zuschrei­bung bei Opfer­kri­sen weak und bei Unfall­kri­sen mini­mal (S. 168, Tabel­le 1). Die Repu­ta­ti­ons­ge­fahr ist eine eige­ne Grös­se mit eige­ner Stu­fung, bei Coombs mild, mode­ra­te und seve­re (ebd.). «Mode­rat» bezeich­net in der Tabel­le des­halb die Gefahr für die Repu­ta­ti­on, nicht den Grad der Zuschreibung.

Intensivierer: Krisenhistorie und Vorbeziehung

Zwei situa­ti­ve Fak­to­ren ver­schär­fen die anfäng­li­che Ein­schät­zung: eine Kri­sen­hi­sto­rie (frü­he­re ähn­li­che Kri­sen) und eine ungün­sti­ge Bezie­hungs­re­pu­ta­ti­on (frü­he­re schlech­te Behand­lung von Stake­hol­dern). Lie­gen sie vor, rückt eine Opfer­kri­se in der Repu­ta­ti­ons­ge­fahr zur Unfall­kri­se auf, eine Unfall­kri­se zur ver­meid­ba­ren Kri­se (Coombs & Holl­aday, 2002; sog. Velcro-Effekt).

Emotionen und Verhaltensabsichten

Stei­gen­de Ver­ant­wor­tungs­zu­schrei­bung erzeugt Wut – in Extrem­fäl­len Scha­den­freu­de – und senkt die Sym­pa­thie. Nega­ti­ve Emo­tio­nen und beschä­dig­te Repu­ta­ti­on wir­ken auf die Ver­hal­tens­ab­sich­ten: Kauf­ver­zicht, Unter­stüt­zungs­ent­zug, nega­ti­ve Mund­pro­pa­gan­da (Coombs & Holl­aday, 2005; zur Wei­ter­ent­wick­lung um mora­li­sche Empö­rung: Coombs & Tach­ko­va, 2023).

Botschaftsstrategien und Zuordnungsregeln

Die SCCT unter­schei­det pri­mä­re Stra­te­gie­clu­ster – Deny (Zurück­wei­sung: Leug­nen, Gegen­an­griff, Sün­den­bock), Dimi­nish (Mil­de­rung: Aus­re­de, Recht­fer­ti­gung), Rebuild (Wie­der­auf­bau: Ent­schä­di­gung, vol­le Ent­schul­di­gung) – sowie sekun­dä­re, flan­kie­ren­de Stra­te­gien (Bol­ste­ring: Erin­nern, Loben, Opfer­rol­le). Die zen­tra­len Zuordnungsregeln:

  1. Basis jeder Reak­ti­on sind instru­ie­ren­de und anpas­sen­de Infor­ma­tio­nen (instructing/adjusting infor­ma­ti­on); bei Opfer­kri­sen ohne Inten­si­vie­rer genü­gen sie.
  2. Unfall­kri­sen ohne Inten­si­vie­rer → Diminish.
  3. Opfer- oder Unfall­kri­sen mit Inten­si­vie­rern → Stra­te­gie eine Stu­fe höher (Rebuild prüfen).
  4. Ver­meid­ba­re Kri­sen → immer Rebuild, unab­hän­gig von Histo­rie und Repu­ta­ti­on.
  5. Deny nur bei Gerüch­ten und unbe­rech­tig­ten Anfech­tun­gen (Chal­lenges).
  6. Stra­te­gien nicht mischen: Deny kom­bi­niert mit Diminish/Rebuild unter­gräbt die Glaub­wür­dig­keit der Gesamtreaktion.
  7. Über­mäs­sig ent­ge­gen­kom­men­de Stra­te­gien brin­gen kei­nen zusätz­li­chen Repu­ta­ti­ons­schutz, ver­ur­sa­chen aber Kosten – und kön­nen Kri­sen grös­ser erschei­nen las­sen, als sie sind.

Kritik, Grenzen und Weiterentwicklungen

Die grund­sätz­li­che Kri­tik an der SCCT setzt nicht bei ihren Befun­den an, son­dern bei den Grös­sen, die sie als gege­ben vor­aus­setzt. Völ­ker (2017, S. 46–48) benennt fünf Punk­te. Erstens ist der Kri­sen­typ kei­ne objek­ti­ve Eigen­schaft der Lage, son­dern selbst Ergeb­nis eines Deu­tungs­wett­be­werbs: Die­sel­be Finanz­kri­se liess sich als Opfer­kri­se (die Orga­ni­sa­ti­on wird von einem Beben erfasst), als Unfall­kri­se (unglück­li­che, aber unver­schul­de­te Umstän­de) und als ver­meid­ba­re Kri­se (unkon­trol­lier­te Ban­ken, Poli­tik­ver­sa­gen) rah­men – kon­kur­rie­ren­de Deu­tun­gen, aus denen die Theo­rie kei­ne ein­deu­ti­ge Stra­te­gie­wahl ablei­ten kann. Zwei­tens unter­stellt die Master-Liste der Kri­sen­ty­pen eine ein­ma­li­ge Zuord­nung, wäh­rend gera­de grenz­über­schrei­ten­de Kri­sen im Ver­lauf mehr­fach umge­deu­tet wer­den. Drit­tens gilt die­sel­be Ein­schrän­kung für die Kri­sen­hi­sto­rie: Auch sie ist kein nach­prüf­ba­res Merk­mal, son­dern wird in der öffent­li­chen Dis­kus­si­on aktiv her­ge­stellt – bei kom­ple­xen poli­ti­schen Vor­ge­schich­ten wie einer Markt­de­re­gu­lie­rung schwe­rer zu bestim­men als bei einer Serie gleich­ar­ti­ger Betriebs­un­fäl­le. Vier­tens behan­delt die Theo­rie Stake­hol­der als weit­ge­hend homo­ge­ne Grös­se und sieht kei­ne par­al­le­len, nach Grup­pen unter­schied­li­chen Reak­tio­nen vor; eine ein­zi­ge Stra­te­gie kann des­halb bei einer Teil­grup­pe eine Wahr­neh­mungs­lücke und damit eine zwei­te, kom­mu­ni­ka­ti­ve Kri­se erzeu­gen. Fünf­tens bleibt der Blick auf die Reak­ti­on einer Orga­ni­sa­ti­on in der Haupt­kri­sen­pha­se ver­engt, obwohl in kom­ple­xen Kri­sen meh­re­re Akteu­re gleich­zei­tig um die Rol­len von Ver­ur­sa­cher, Opfer und Ret­ter ringen.

Ein sech­ster Punkt liegt anders als die übri­gen: Er betrifft nicht eine Grös­se, die die Theo­rie vor­aus­setzt, son­dern den Weg, auf dem sie wirkt. Die SCCT geht impli­zit davon aus, dass die gewähl­te Bot­schafts­stra­te­gie die Anspruchs­grup­pen erreicht. Tat­säch­lich erfah­ren die mei­sten Men­schen von einer Kri­se nicht aus eige­ner Anschau­ung, son­dern aus den Medi­en – und was dort aus einer Stra­te­gie wird, folgt der Eigen­lo­gik des Medi­en­sy­stems. Holl­aday (2010) hält fest, die Art der Medi­en­be­richt­erstat­tung über Kri­sen­re­ak­tio­nen von Orga­ni­sa­tio­nen sei nicht syste­ma­tisch unter­sucht wor­den; Raupp (2014) ver­weist auf die unzu­rei­chen­de theo­re­ti­sche Fun­die­rung der Media Rela­ti­ons in der Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on (bei­de zitiert nach Otter­pohl, 2019, S. 280). Otter­pohl legt dazu ein empi­risch geprüf­tes Modell vor und schlägt es aus­drück­lich als Bau­stein für die SCCT vor (→ Media­le Rah­mung von Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on). Sei­ne Befun­de bestä­ti­gen die Zuord­nungs­re­geln der Theo­rie im Kern, wei­chen aber in einem Punkt von ihnen ab: Stra­te­gien der Min­de­rung, die die SCCT für Unfall­kri­sen emp­fiehlt, gehen in der Bericht­erstat­tung bei bei­den unter­such­ten Kri­sen­ty­pen mit bela­sten­de­ren Dar­stel­lun­gen ein­her (2019, S. 274, 287). Die bei­den Mes­sun­gen sind nicht deckungs­gleich – Coombs misst die Repu­ta­ti­ons­wahr­neh­mung von Anspruchs­grup­pen im Expe­ri­ment, Otter­pohl die Dar­stel­lung im Medi­en­text –, wes­halb der Wider­spruch als offe­ne Fra­ge fest­zu­hal­ten ist und nicht als Kor­rek­tur der Zuordnungsregeln.

Die­se Kri­tik hebt die SCCT nicht auf; sie bestimmt ihren Gel­tungs­be­reich. Die Theo­rie erklärt zuver­läs­sig, was inner­halb einer fest­ge­leg­ten Lage­be­ur­tei­lung zu tun ist. Wie die­se Lage­be­ur­tei­lung öffent­lich zustan­de kommt und wer dar­an mit­schreibt, beant­wor­ten Ansät­ze wie die rhe­to­ri­sche Are­na und das Stra­te­gi­sche Framing (Völ­ker, 2017).

Schwarz (2008) schlägt vor, die Ver­ant­wor­tungs­zu­schrei­bung kova­ria­ti­ons­ba­siert zu model­lie­ren und die SCCT damit attri­bu­ti­ons­theo­re­tisch zu ver­fei­nern. Coombs und Tach­ko­va (2023) erwei­tern die Theo­rie um mora­li­sche Empö­rung («Scan­sis»: Kri­sen, die zu Skan­da­len wer­den) – für das KMK-System zen­tral, weil dort Kom­mu­ni­ka­ti­on allein die Kri­se nicht mehr löst, son­dern Sank­ti­on erwar­tet wird.

Bedeutung für die Krisenkommunikation (KMK-Bezug)

Die SCCT ist das theo­re­ti­sche Rück­grat des KMK-Systems: Die drei Clu­ster struk­tu­rie­ren das Codier­sy­stem deskrip­ti­ves Framing, die Inten­si­vie­rer ent­spre­chen den kon­tex­tu­el­len Mode­ra­to­ren im ADAM-Modul (Repu­ta­ti­ons-Fall­hö­he, Vel­cro), die Stra­te­gie­emp­feh­lun­gen bil­den den SCCT-Kern der Wenn-Dann-Regeln und der Bot­schafts­stra­te­gien-Über­sicht. Das KMK-System erwei­tert die SCCT um die Frame-Sen­si­ti­vi­tät (nor­ma­ti­ve Frames wie NORM_HYPO und NORM_DOUBLE als eigen­stän­di­ge Eska­la­ti­ons­trei­ber) und die Akteursrollen-Analyse.

Für die Ana­ly­se­pra­xis folgt dar­aus eine Vor­sichts­re­gel: Die Clu­ster­zu­ord­nung ist eine Arbeits­hy­po­the­se der Lage­be­ur­tei­lung, kei­ne fest­ste­hen­de Eigen­schaft des Falls. Das KMK-System prüft sie des­halb an einem eige­nen Revi­si­ons­punkt vor der Stra­te­gie­ent­wick­lung gegen die Befun­de der Frame-Ana­ly­se. Weicht die öffent­lich wirk­sa­me Zuord­nung von der sach­lich rekon­stru­ier­ten ab, wer­den bei­de neben­ein­an­der aus­ge­wie­sen, statt die eine durch die ande­re zu erset­zen. Eine zusätz­li­che Hoch­stu­fung fin­det dabei nicht statt: Die Ver­schie­bung durch Kri­sen­hi­sto­rie und Bezie­hungs­re­pu­ta­ti­on bleibt der ein­zi­ge Ver­stär­kungs­me­cha­nis­mus, sonst wür­de die­sel­be Lage zwei­mal hochgestuft.

Weiterführend

Video­cast: SCCT im Über­blick (You­Tube)

Literatur

Kern­quel­len (Aus­wahl aus der Zote­ro-Grup­pe KMK; voll­stän­di­ge Samm­lung: Lite­ra­tur Zotero/APA):
Coombs, W. T. (1995). Choo­sing the right words: The deve­lo­p­ment of gui­de­lines for the sel­ec­tion of the “appro­pria­te” cri­sis-respon­se stra­te­gies. Manage­ment Com­mu­ni­ca­ti­on Quar­ter­ly, 8(4), 447–476. https://doi.org/10.1177/0893318995008004003
Coombs, W. T. (2007a). Attri­bu­ti­on Theo­ry as a gui­de for post-cri­sis com­mu­ni­ca­ti­on rese­arch. Public Rela­ti­ons Review, 33(2), 135–139. https://doi.org/10.1016/j.pubrev.2006.11.016
Coombs, W. T. (2007b). Pro­tec­ting orga­nizati­on repu­ta­ti­ons during a cri­sis: The deve­lo­p­ment and appli­ca­ti­on of Situa­tio­nal Cri­sis Com­mu­ni­ca­ti­on Theo­ry. Cor­po­ra­te Repu­ta­ti­on Review, 10(3), 163–176. https://doi.org/10.1057/palgrave.crr.1550049
Coombs, W. T. (2010). Para­me­ters for cri­sis com­mu­ni­ca­ti­on. In W. T. Coombs & S. J. Holl­aday (Hrsg.), The hand­book of cri­sis com­mu­ni­ca­ti­on (S. 17–53). Wiley. https://doi.org/10.1002/9781444314885.ch1
Coombs, W. T., & Holl­aday, S. J. (2002). Hel­ping cri­sis mana­gers pro­tect repu­ta­tio­nal assets: Initi­al tests of the Situa­tio­nal Cri­sis Com­mu­ni­ca­ti­on Theo­ry. Manage­ment Com­mu­ni­ca­ti­on Quar­ter­ly, 16(2), 165–186. https://doi.org/10.1177/089331802237233
Coombs, W. T., & Holl­aday, S. J. (2008). Com­pa­ring apo­lo­gy to equi­va­lent cri­sis respon­se stra­te­gies: Cla­ri­fy­ing apology’s role and value in cri­sis com­mu­ni­ca­ti­on. Public Rela­ti­ons Review, 34(3), 252–257. https://doi.org/10.1016/j.pubrev.2008.04.001
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Schwarz, A. (2008). Cova­ria­ti­on-based cau­sal attri­bu­ti­ons during orga­nizatio­nal cri­ses: Sug­ge­sti­ons for exten­ding Situa­tio­nal Cri­sis Com­mu­ni­ca­ti­on Theo­ry (SCCT). Inter­na­tio­nal Jour­nal of Stra­te­gic Com­mu­ni­ca­ti­on, 2(1), 31–53. https://doi.org/10.1080/15531180701816601
Otter­pohl, M. (2019). Die media­le Rah­mung von Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on: Eine theo­re­ti­sche und empi­ri­sche Unter­su­chung zu Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stra­te­gien bei Lebens­mit­tel­skan­da­len und ihrer Reso­nanz in den Medi­en [Dis­ser­ta­ti­on, Freie Uni­ver­si­tät Ber­lin].
Völ­ker, D. (2017). Kom­mu­ni­ka­ti­on im Kri­sen­mo­dus: Kon­zep­ti­on des Stra­te­gi­schen Framing am Bei­spiel der Finanz­kri­se 2008/09. Sprin­ger VS. https://doi.org/10.1007/978–3‑658–17357‑9