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Ver­si­on 2.1 · Stand: 06.08.2026 · Muster­ein­trag der über­ar­bei­te­ten Enzyklopädie

Die Attri­bu­ti­ons­theo­rie beschreibt, wie Men­schen beob­ach­te­tem Ver­hal­ten und Ereig­nis­sen Ursa­chen zuschrei­ben. Grund­le­gend ist die Unter­schei­dung zwi­schen inter­nen Ursa­chen (Eigen­schaf­ten, Fähig­kei­ten, Absich­ten einer Per­son oder Orga­ni­sa­ti­on) und exter­nen Ursa­chen (situa­ti­ve Umstän­de aus­ser­halb des Akteurs) (Hei­der, 1958). Für die Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on ist sie die Schlüs­sel­theo­rie: Sie erklärt, wes­halb Publi­ka in Kri­sen zwin­gend nach Ver­ant­wort­li­chen suchen und wes­halb die zuge­schrie­be­ne – nicht die tat­säch­li­che – Ver­ant­wor­tung über den Repu­ta­ti­ons­scha­den entscheidet.

Einordnung

Die von Fritz Hei­der begrün­de­te und von Ber­nard Wei­ner aus­dif­fe­ren­zier­te sozi­al­psy­cho­lo­gi­sche Theo­rie unter­schei­det neben dem Ursa­chen­ort (Lokus: intern/extern) zwei wei­te­re Dimen­sio­nen: die Sta­bi­li­tät der Ursa­che (dau­er­haft oder ein­ma­lig) und ihre Kon­trol­lier­bar­keit (beein­fluss­bar oder nicht) (Wei­ner, 1986). Je stär­ker eine Ursa­che als intern, sta­bil und kon­trol­lier­bar wahr­ge­nom­men wird, desto stär­ker fällt die Ver­ant­wor­tungs­zu­schrei­bung aus – und desto schär­fer die emo­tio­na­le Reak­ti­on des Publikums.

Drei Grund­an­nah­men tra­gen den Ansatz: Men­schen haben erstens ein Bedürf­nis nach kau­sa­ler Sinn­su­che – uner­war­te­te, stö­ren­de Ereig­nis­se ver­lan­gen nach einer Erklä­rung, und zwar umso dring­li­cher, je bedroh­li­cher sie sind. Zwei­tens steu­ern die ein­mal getrof­fe­nen Zuschrei­bun­gen das künf­ti­ge Ver­hal­ten gegen­über dem Akteur. Drit­tens bil­den Men­schen dabei syste­ma­tisch Ein­drücke und Urtei­le über ande­re, die über den Ein­zel­fall hin­aus Bestand haben.

Wie Zuschreibungen zustande kommen: das Kovariationsprinzip

Bevor jemand einer Orga­ni­sa­ti­on die Schuld an einem Ereig­nis zuweist, läuft ein Ver­gleichs­pro­zess ab. Harold Kel­ley beschrieb ihn in sei­nem Kova­ria­ti­ons­mo­dell (1967) anhand drei­er Infor­ma­ti­ons­ar­ten, die in der Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­ons­li­te­ra­tur regel­mäs­sig rezi­piert werden:

Prüf­grös­se Leit­fra­ge Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­ve Lesart
Kon­sen­sus Ver­hal­ten sich ande­re in der­sel­ben Lage genauso? Ein bran­chen­weit ver­brei­te­tes Pro­blem ent­la­stet; ein Allein­stel­lungs­merk­mal im Nega­ti­ven bela­stet stark.
Kon­si­stenz Zeigt der Akteur die­ses Ver­hal­ten über die Zeit hin­weg immer wieder? Die Kri­sen­hi­sto­rie schlägt hier durch: Wie­der­ho­lung ver­wan­delt einen Unfall in ein Muster.
Distinkt­heit Ver­hält sich der Akteur nur in die­ser Situa­ti­on so – oder überall? Gerin­ge Distinkt­heit («die machen das über­all so») führt zu inter­ner, sta­bi­ler Attribution.
Hoher Kon­sen­sus und hohe Distinkt­heit ver­wei­sen auf das Ereig­nis oder die Situa­ti­on (exter­ne Attri­bu­ti­on); nied­ri­ger Kon­sen­sus und gerin­ge Distinkt­heit bei hoher Kon­si­stenz füh­ren zur Zuschrei­bung an den Akteur (inter­ne Attri­bu­ti­on). Gerin­ge Kon­si­stenz spricht für ein­ma­li­ge Umstän­de und ent­la­stet eben­falls. Schwarz (2008) hat die­ses Muster für die Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on aus­ge­ar­bei­tet und dar­aus eine Erwei­te­rung der SCCT vorgeschlagen.

Von der Zuschreibung zur Emotion zum Verhalten

Wei­ners eigent­li­cher Bei­trag liegt dar­in, dass zwi­schen Zuschrei­bung und Hand­lung eine emo­tio­na­le Stu­fe liegt: Attri­bu­ti­on erzeugt Emo­ti­on, und erst die Emo­ti­on treibt das Ver­hal­ten. Für Kri­sen sind zwei Emo­tio­nen entscheidend:

  • Wut ent­steht, wenn eine Ursa­che als intern und kon­trol­lier­bar wahr­ge­nom­men wird – der Akteur hät­te anders han­deln kön­nen. Wut mobi­li­siert Bestra­fungs­ver­hal­ten: Beschwer­de, nega­ti­ve Mund­pro­pa­gan­da, Boy­kott, Klage.
  • Sym­pa­thie ent­steht, wenn die Ursa­che als unkon­trol­lier­bar gilt – der Akteur wird zum Opfer der Umstän­de. Sym­pa­thie senkt die Bestra­fungs­be­reit­schaft und öff­net den Raum für Unterstützung.

Für die Pra­xis folgt dar­aus eine wich­ti­ge Prä­zi­sie­rung: Nicht die Schwe­re des Scha­dens bestimmt die Här­te der öffent­li­chen Reak­ti­on, son­dern die wahr­ge­nom­me­ne Kon­trol­lier­bar­keit. Ein gros­ser, unver­meid­ba­rer Scha­den erzeugt Mit­ge­fühl; ein klei­ner, ver­meid­ba­rer erzeugt Empörung.

Medien-Framing als Attributionsvorgabe

Publi­ka attri­bu­ie­ren sel­ten auf Basis eige­ner Anschau­ung, son­dern auf Basis media­ler Dar­stel­lung. Die Art der Bericht­erstat­tung – ob eine Kri­se als indi­vi­du­el­les Ver­sa­gen, als System­feh­ler oder als äus­se­rer Schick­sals­schlag gerahmt wird – legt die Attri­bu­ti­on weit­ge­hend vor und ent­schei­det damit mit, ob das Publi­kum die Orga­ni­sa­ti­on stützt oder bestraft. Die Frame-Ana­ly­se ist des­halb kei­ne Zusatz­übung, son­dern die ope­ra­ti­ve Mes­sung der Attributionslage.

Zusammenspiel mit der Apologia

Die Attri­bu­ti­ons­theo­rie lie­fert das Wir­kungs­mo­dell, an dem sich die Stra­te­gien der Cor­po­ra­te Apo­lo­gia mes­sen lassen:

  • Leug­nung (Deni­al) wirkt nur, wenn die Orga­ni­sa­ti­on tat­säch­lich kei­ne Ver­ant­wor­tung trägt und dies bele­gen kann. Ist die Ver­ant­wor­tung erkenn­bar, ver­stärkt Leug­nung die Wut und beschleu­nigt den Repu­ta­ti­ons­ver­lust – sie lie­fert einen zwei­ten Anlass zur inter­nen Attri­bu­ti­on, dies­mal auf die Ebe­ne der Ehrlichkeit.
  • Auf­wer­tung (Bol­ste­ring) zielt auf die Sym­pa­thie­sei­te: Frü­he­re Ver­dien­ste sol­len die Zuschrei­bung rela­ti­vie­ren. Sie ist ein flan­kie­ren­des Mit­tel, kein Ersatz für Verantwortungsübernahme.
  • Umdeu­tung (Dif­fe­ren­tia­ti­on, Tran­s­cen­dence) arbei­tet direkt an den Kova­ria­ti­ons­grös­sen – sie ver­sucht, Kon­si­stenz zu sen­ken («Ein­zel­fall») oder Distinkt­heit zu erhö­hen («nur in die­ser beson­de­ren Lage»).

🔴 Offen: In der Pra­xis­li­te­ra­tur kur­sie­ren zwei wei­ter­ge­hen­de Behaup­tun­gen, die sich bis­lang nicht bele­gen lies­sen – ein «Caught-vs-Suspect»-Effekt (auf fri­scher Tat Ertapp­te neig­ten para­do­xer­wei­se am stärk­sten zur Leug­nung) sowie expe­ri­men­tel­le Befun­de, wonach Bol­ste­ring die Sym­pa­thie erhö­he und Bestra­fungs­ab­sich­ten sen­ke, die zugrun­de­lie­gen­de Wut aber unbe­rührt las­se. Die­sel­be offe­ne Quel­len­fra­ge ist im Ein­trag zur Cor­po­ra­te Apo­lo­gia vermerkt.

Systematische Verzerrungen

Attri­bu­ti­on ist kein neu­tra­ler Rechen­vor­gang. Zwei Ver­zer­run­gen sind für Kri­sen beson­ders folgenreich:

  • Fun­da­men­ta­ler Attri­bu­ti­ons­feh­ler: Beob­ach­ten­de über­schät­zen syste­ma­tisch den Ein­fluss von Eigen­schaf­ten und Absich­ten und unter­schät­zen situa­ti­ve Zwän­ge. Die Öffent­lich­keit attri­bu­iert eine Kri­se des­halb im Zwei­fel intern – Sach­zwän­ge, denen die Orga­ni­sa­ti­on unter­lag, kom­men in der Wahr­neh­mung kaum an.
  • Selbst­wert­dien­li­che Ver­zer­rung: Die Orga­ni­sa­ti­on selbst attri­bu­iert spie­gel­bild­lich – Erfol­ge intern, Miss­erfol­ge extern. Genau hier ent­steht die typi­sche Wahr­neh­mungs­lücke: Was intern als unglück­li­che Ver­ket­tung von Umstän­den erlebt wird, liest sich von aus­sen als Ver­sa­gen. Wer die­se Asym­me­trie nicht ein­kal­ku­liert, for­mu­liert Bot­schaf­ten, die sach­lich zutref­fen und trotz­dem als Aus­re­de gele­sen werden.

Bedeutung für die Krisenkommunikation (KMK-Bezug)

Die Attri­bu­ti­ons­theo­rie ist das theo­re­ti­sche Fun­da­ment der Situa­tio­nal Cri­sis Com­mu­ni­ca­ti­on Theo­ry (SCCT): Coombs begrün­det damit, wes­halb Stake­hol­der in Kri­sen nach Ver­ant­wort­li­chen suchen und wes­halb die zuge­schrie­be­ne Ver­ant­wor­tung – nicht die tat­säch­li­che – über den Repu­ta­ti­ons­scha­den ent­schei­det (Coombs, 2007). Schwarz (2008) erwei­tert die­sen Ansatz um kova­ria­ti­ons­ba­sier­te Ursa­chen­zu­schrei­bun­gen. Im KMK-System wirkt die Attri­bu­ti­ons­lo­gik an drei Stel­len: Sie erklärt die jour­na­li­sti­sche Suche nach Schul­di­gen (deskrip­ti­ve und nor­ma­ti­ve Frames), sie struk­tu­riert die SCCT-Clu­ster im Codier­sy­stem deskrip­ti­ves Framing (Victim/Accidental/Preventable), und sie begrün­det die Wenn-Dann-Regeln der Stra­te­gie­wahl, nach denen bei hoher Ver­ant­wor­tungs­zu­schrei­bung nur Rebuild-Stra­te­gien trag­fä­hig sind.

Kon­kret für die Modu­le: ADAM erhebt mit Kri­sen­hi­sto­rie und Bezie­hungs­re­pu­ta­ti­on genau die bei­den Kova­ria­ti­ons­grös­sen, die die Zuschrei­bung vor­prä­gen – eine Vor­be­la­stung ver­schiebt die Attri­bu­ti­on nach innen, bevor über­haupt kom­mu­ni­ziert wird. FRAMI misst über das Codier­sy­stem der emo­tio­na­len Rah­mung, wel­che der bei­den attri­bu­ti­ons­ge­trie­be­nen Emo­tio­nen tat­säch­lich domi­niert; das Ver­hält­nis von Wut zu Sym­pa­thie ist der belast­bar­ste Früh­in­di­ka­tor für Bestra­fungs­ver­hal­ten. EVI lei­tet dar­aus die Stra­te­gie­wahl ab – und hat dabei die selbst­wert­dien­li­che Ver­zer­rung der eige­nen Orga­ni­sa­ti­on mit­zu­den­ken, die Bot­schafts­ent­wür­fe syste­ma­tisch in Rich­tung exter­ner Ursa­chen­zu­schrei­bung zieht.

Literatur

Coombs, W. T. (2007). Attri­bu­ti­on theo­ry as a gui­de for post-cri­sis com­mu­ni­ca­ti­on rese­arch. Public Rela­ti­ons Review, 33(2), 135–139. https://doi.org/10.1016/j.pubrev.2006.11.016

Hei­der, F. (1958). The psy­cho­lo­gy of inter­per­so­nal rela­ti­ons. Wiley.

Kel­ley, H. H. (1967). Attri­bu­ti­on theo­ry in social psy­cho­lo­gy. In D. Levi­ne (Hrsg.), Nebras­ka Sym­po­si­um on Moti­va­ti­on (Bd. 15, S. 192–238). Uni­ver­si­ty of Nebras­ka Press.

Schwarz, A. (2008). Cova­ria­ti­on-based cau­sal attri­bu­ti­ons during orga­nizatio­nal cri­ses: Sug­ge­sti­ons for exten­ding Situa­tio­nal Cri­sis Com­mu­ni­ca­ti­on Theo­ry (SCCT). Inter­na­tio­nal Jour­nal of Stra­te­gic Com­mu­ni­ca­ti­on, 2(1), 31–53. https://doi.org/10.1080/15531180701816601

Wei­ner, B. (1986). An attri­bu­tio­nal theo­ry of moti­va­ti­on and emo­ti­on. Sprin­ger.

Wei­ner, B. (2006). Social moti­va­ti­on, justi­ce, and the moral emo­ti­ons: An attri­bu­tio­nal approach. Law­rence Erlbaum.