Version 1.0 · Stand: 16.09.2026
In der akuten Phase einer Krise gleichen sich die Deutungsrahmen verschiedener Akteure vorübergehend an: Organisation, Politik, Medien und Publikum verwenden für kurze Zeit ähnliche Frames. Mit dem Abklingen der Zuspitzung laufen sie wieder auseinander (van der Meer et al., 2014).
Einordnung
Der Begriff geht auf das Frame Alignment der Bewegungsforschung zurück, wo er die Angleichung zwischen individuellen und kollektiven Deutungen beschreibt (Snow et al., 1986). Van der Meer und Kollegen übertragen ihn auf Krisen und meinen damit die wachsende Verknüpfung, Deckung und Ergänzung von Frames zwischen Öffentlichkeitsarbeit, Nachrichtenmedien und Publikum in der Orientierungsphase.
Völker (2017, S. 123–125) begründet, weshalb das zu erwarten ist. Nach einem Schlüsselereignis sind die eingespielten Deutungsmuster entwertet; alle Beteiligten suchen gleichzeitig Orientierung und greifen dabei auf dieselben verfügbaren, kulturell verankerten Muster zurück. Zugleich geraten Organisationen unter Legitimationsdruck und passen sich an die Erwartungen ihres Umfelds an. Und die Krisenkommunikationsforschung empfiehlt für diese Phase ohnehin, was die Angleichung begünstigt: Sicherheit und Kontrolle darzustellen und Unsicherheit zu reduzieren, statt eigene Positionen zu profilieren.
Woran es erkennbar wird
Völker weist das Phänomen im untersuchten Fall an sechs zusammenwirkenden Anzeichen nach (2017, S. 266–268): einer sprunghaft ansteigenden und anhaltenden Berichterstattungsdichte; der Dominanz eines einzelnen Frames, der häufig allein oder nur mit bestätigenden Frames auftritt; einem gemeinsamen Frame-Muster über mehrere Akteursgruppen hinweg; der Konzentration auf eine Diskurslinie; einer überdurchschnittlichen und gleichgerichteten Präsenz aller Akteursgruppen; und einer Bevölkerungsmeinung, die in dieselbe Richtung weist.
Abgrenzung zur Medienresonanz
Beide Konzepte beschreiben die akute Phase, messen aber Verschiedenes. Die Medienresonanz erfasst, wie viel und wie einheitlich über eine Krise berichtet wird – Volumen und Konsonanz über die Zeit (→ Medienresonanz). Das Crisis Frame Alignment erfasst, wie weit die Deutungen unterschiedlicher Sprecher zusammenfallen. Hohe Resonanz ohne Angleichung bedeutet einen offen ausgetragenen Deutungsstreit; hohe Resonanz mit Angleichung bedeutet, dass die Deutungsfrage vorerst entschieden ist. Für die Beurteilung, ob eigene Kommunikation noch etwas bewirken kann, ist die zweite Unterscheidung die wichtigere.
Grenzen
Die Angleichung lässt sich beobachten, ihre Ursache nicht ohne Weiteres bestimmen: Aus der zeitlichen Übereinstimmung von Frames verschiedener Akteure folgt keine Kausalität, weder darüber, wer wen beeinflusst hat, noch darüber, ob überhaupt jemand jemanden beeinflusst hat (Völker, 2017, S. 264). Wie stark die Angleichung ausfällt, unterscheidet sich zudem von Krise zu Krise. Eine ausgearbeitete Operationalisierung für Fälle mit mehreren gleichrangigen Akteuren steht aus; Völker führt sie ausdrücklich als offene Forschungsfrage (2017, S. 293 ff.).
Bedeutung für die Krisenkommunikation (KMK-Bezug)
Das Konzept liefert eine Begründung für eine Beobachtung, die aus der Praxis vertraut ist: In den ersten Tagen einer grossen Krise klingen alle ähnlich. Erkennbar wird das allerdings nur, wenn die Frames ihren Sprechern zugeordnet bleiben – ohne diese Zuordnung lässt sich die Angleichung mehrerer Akteure nicht von der Dominanz eines einzelnen unterscheiden. Die Frame-Analyse des Systems erfasst die Sprecher bereits; die Angleichung ist damit eine Frage der Auswertung, nicht der Erhebung.
Für die Beurteilung einer laufenden Krise ist der Unterschied zur Medienresonanz der praktisch wichtigere Punkt: Ob ein geschlossenes Meinungsbild aus vielen gleichlautenden Stimmen besteht oder aus einer dominierenden, verändert die Aussichten der eigenen Kommunikation erheblich. Eine daraus abgeleitete Zeitregel sieht das KMK-System bewusst nicht vor. Eine Operationalisierung des Phänomens für Fälle mit mehreren gleichrangigen Akteuren steht in der Forschung aus (Völker, 2017, S. 293 ff.); ohne sie liesse sich eine solche Regel nicht zuverlässig anwenden. Für die Nachkrisenphase bleibt die Erwartung, dass der Deutungswettbewerb zurückkehrt: Die Ruhe der akuten Phase ist kein erreichter Zustand, sondern ein vorübergehender (→ Discourse of Renewal).
Wie ein einzelner Akteur in diesem Wettbewerb zu seinen Frames kommt, beschreibt der Eintrag Strategisches Framing; das Feld der beteiligten Stimmen die Rhetorical Arena.
Literatur
Snow, D. A., Rochford, E. B., Worden, S. K., & Benford, R. D. (1986). Frame alignment processes, micromobilization, and movement participation. American Sociological Review, 51(4), 464–481. https://doi.org/10.2307/2095581
van der Meer, T. G. L. A., Verhoeven, P., Beentjes, H., & Vliegenthart, R. (2014). When frames align: The interplay between PR, news media, and the public in times of crisis. Public Relations Review, 40(5), 751–761. https://doi.org/10.1016/j.pubrev.2014.07.008
Völker, D. (2017). Kommunikation im Krisenmodus: Konzeption des Strategischen Framing am Beispiel der Finanzkrise 2008/09. Springer VS. https://doi.org/10.1007/978–3‑658–17357‑9