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Ver­si­on 2.1 · Stand: 16.09.2026

Das Modell der Rhe­to­ri­cal Are­na beschreibt Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on als mul­ti­vo­ka­les Gesche­hen: Mit Aus­bruch einer Kri­se öff­net sich eine rhe­to­ri­sche Are­na, in der neben der betrof­fe­nen Orga­ni­sa­ti­on vie­le wei­te­re Stim­men kom­mu­ni­zie­ren – Medi­en, Behör­den, Exper­tin­nen, Betrof­fe­ne, Kon­kur­ren­ten, Publi­kum (Frand­sen & Johan­sen, 2017).

Einordnung

Die däni­schen For­schen­den Finn Frand­sen und Win­ni Johan­sen ent­wickel­ten das Modell als Gegen­ent­wurf zu sen­der­zen­trier­ten Zwei-Par­tei­en-Model­len wie Image Repair und SCCT, die pri­mär die Bot­schaf­ten der Kri­sen­or­ga­ni­sa­ti­on betrach­ten. Das Modell hat zwei Ebe­nen: Das Makro­mo­dell erfasst die Are­na – wer kom­mu­ni­ziert wann mit wem über wen. Das Mikro­mo­dell ana­ly­siert jeden ein­zel­nen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­zess anhand von vier Para­me­tern: Kon­text, Medi­um, Gen­re und Text (Frand­sen & Johan­sen, 2010, 2017). Die Bot­schaf­ten der Akteu­re inter­agie­ren, ver­stär­ken oder wider­spre­chen ein­an­der und for­men gemein­sam die öffent­li­che Deu­tung der Kri­se – oft unab­hän­gig davon, was die Orga­ni­sa­ti­on selbst kommuniziert.

Die drei Dimensionen der Arena

Die Are­na lässt sich in drei Dimen­sio­nen beschrei­ben (Völ­ker, 2017, S. 48–50, in der Aus­le­gung von Frand­sen und Johan­sen). Die Akteurs­di­men­si­on unter­schei­det öffent­li­che, halb­öf­fent­li­che und pri­va­te Are­nen; die Betei­lig­ten kom­mu­ni­zie­ren zuein­an­der, gegen­ein­an­der, mit­ein­an­der oder über­ein­an­der. Aus die­ser Viel­stim­mig­keit ent­steht eine gemein­sa­me Dis­kurs­ge­schich­te – und dar­in liegt der schärf­ste Unter­schied zur SCCT: Deren Kri­sen­hi­sto­rie ist das Vor­le­ben einer ein­zel­nen Orga­ni­sa­ti­on, die Dis­kurs­ge­schich­te dage­gen das Gedächt­nis der gan­zen Are­na, das auch dann fort­wirkt, wenn die Orga­ni­sa­ti­on schweigt. Die Pro­zess­di­men­si­on hält fest, dass sich die Are­na bereits vor dem Kri­sen­hö­he­punkt öff­net und alle Pha­sen von der Vor- bis zur Nach­kri­se umfasst. Die Mikro-Ebe­ne schliess­lich betrach­tet die ein­zel­nen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­zes­se zwi­schen Sen­dern und Emp­fän­gern, die ihrer­seits Mit­glie­der von Anspruchs­grup­pen sind, eige­ne Deu­tun­gen vor­neh­men und dar­aus ihr Ver­hal­ten ableiten.

Dahin­ter steht ein Para­dig­men­wech­sel, den die Autoren aus­drück­lich benen­nen: weg vom text­ori­en­tiert-rhe­to­ri­schen, hin zum kon­text­ori­en­tiert-stra­te­gi­schen Zugang, der Emp­fän­ger, Inter­pre­ta­ti­on und die Ent­ste­hung von Bedeu­tung in den Mit­tel­punkt stellt.

Kritik und Grenzen

Die Stär­ke des Modells ist zugleich sei­ne Schwä­che: Es beschreibt die Viel­stim­mig­keit zutref­fend, lei­tet dar­aus aber kei­ne Hand­lungs­emp­feh­lun­gen ab. Wo die SCCT eine Stra­te­gie­wahl begrün­det, lie­fert die Are­na eine Beschrei­bung des Fel­des. Für die Pra­xis bedeu­tet das, dass bei­de Model­le ein­an­der brau­chen und kei­nes das ande­re ersetzt. Hin­zu kommt die Rezep­ti­ons­la­ge: Der Ansatz wur­de zunächst auf Dänisch publi­ziert und ist im deutsch­spra­chi­gen Raum wenig dis­ku­tiert (Völ­ker, 2017, S. 48), was sei­ne empi­ri­sche Prü­fung lan­ge begrenzt hat. Mit Völ­kers Fall­stu­die zum deut­schen Bun­des­fi­nanz­mi­ni­ste­ri­um in der Finanz- und Wirt­schafts­kri­se 2008/09 liegt eine sol­che Prü­fung nun vor: Sie zeigt, wie sich die Frames meh­re­rer Akteurs­grup­pen in der aku­ten Pha­se ein­an­der annä­hern und in den Fol­ge­pha­sen wie­der aus­ein­an­der­lau­fen (→ Cri­sis Frame Ali­gnment).

Bedeutung für die Krisenkommunikation (KMK-Bezug)

Das Are­na-Modell ist die theo­re­ti­sche Begrün­dung für den Ana­ly­se­an­satz des KMK-Systems: SCHNUFFI beob­ach­tet die gesam­te Medi­en­a­re­na statt nur der Orga­ni­sa­ti­ons­kom­mu­ni­ka­ti­on, und FRAMI codiert die Frames aller Spre­cher – ein­schliess­lich der Akteurs- und Rol­len­zu­schrei­bun­gen im nor­ma­ti­ven Framing. Für die Stra­te­gie­ent­wick­lung (EVI) folgt dar­aus, dass Bot­schaf­ten stets als Züge in einer besetz­ten Are­na geplant wer­den müs­sen, nie als Monolog.

Was die Are­na als Beschrei­bung lie­fert, macht das Stra­te­gi­sche Framing als Pro­zess­mo­dell ope­ra­tio­na­li­sier­bar: Es beschreibt, wie ein ein­zel­ner Akteur in die­ser Are­na zu sei­nen Frames kommt und wie er sie im Ver­lauf anpasst (→ Stra­te­gi­sches Framing).

Literatur

Frand­sen, F., & Johan­sen, W. (2010). Cri­sis com­mu­ni­ca­ti­on, com­ple­xi­ty, and the car­toon affair: A case stu­dy. In W. T. Coombs & S. J. Holl­aday (Hrsg.), The hand­book of cri­sis com­mu­ni­ca­ti­on (S. 425–448). Wiley-Black­well.
Frand­sen, F., & Johan­sen, W. (2017). Orga­nizatio­nal cri­sis com­mu­ni­ca­ti­on: A mul­ti­vo­cal approach. SAGE.
Coombs, W. T. (2014). Applied cri­sis com­mu­ni­ca­ti­on and cri­sis manage­ment: Cases and exer­cis­es. SAGE.
Völ­ker, D. (2017). Kom­mu­ni­ka­ti­on im Kri­sen­mo­dus: Kon­zep­ti­on des Stra­te­gi­schen Framing am Bei­spiel der Finanz­kri­se 2008/09. Sprin­ger VS. https://doi.org/10.1007/978–3‑658–17357‑9