Ver­si­on 1.0 · Stand: 16.09.2026

Stra­te­gi­sches Framing bezeich­net den Pro­zess, in dem eine Orga­ni­sa­ti­on ihre Deu­tung einer Kri­se ent­wickelt, öffent­lich macht und im Wech­sel­spiel mit ande­ren Akteu­ren fort­lau­fend anpasst. Es ist kei­ne Tech­nik der Bot­schafts­for­mu­lie­rung, son­dern eine mit­tel- bis lang­fri­sti­ge, umwelt­sen­si­ble Stra­te­gie, die sich erst im Voll­zug her­aus­bil­det (Völ­ker, 2017).

Einordnung: die fehlende Ebene

Die Enzy­klo­pä­die beschreibt Frames bis­her dort, wo sie sicht­bar wer­den: als Deu­tungs­mu­ster in der Bericht­erstat­tung (→ Framing, → Kri­sen­frames und Emo­tio­nen) und als Gegen­stand der Inhalts­ana­ly­se (→ Ana­ly­se von Frames in Medi­en). Das Stra­te­gi­sche Framing setzt eine Stu­fe frü­her an. Es fragt, wie ein Frame beim Akteur ent­steht, bevor er die Medi­en erreicht – und was mit der Stra­te­gie geschieht, wenn er sie erreicht hat und dort auf kon­kur­rie­ren­de Deu­tun­gen trifft.

Völ­ker (2017) ent­wickelt die­ses Modell aus drei Bezugs­rah­men: der Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­ons­for­schung mit ihrer Kri­tik an der SCCT, dem kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft­li­chen Framing-Ansatz und einer neo-insti­tu­tio­na­li­sti­schen Orga­ni­sa­ti­ons­theo­rie, die Legi­ti­mi­tät und Sinn­bil­dung in den Mit­tel­punkt stellt (Mey­er & Rowan, 1977; Such­man, 1995; Weick, 1995). Die empi­ri­sche Prü­fung erfolgt an der Kom­mu­ni­ka­ti­on des deut­schen Bun­des­fi­nanz­mi­ni­ste­ri­ums in der Finanz- und Wirt­schafts­kri­se 2008/09.

Drei Zielebenen

Stra­te­gi­sches Framing ver­folgt drei inein­an­der­grei­fen­de Zie­le (Völ­ker, 2017, S. 115). Deu­tung meint, die eige­ne Sicht auf das Pro­blem in der öffent­li­chen Dis­kus­si­on durch­zu­set­zen und damit den Kor­ri­dor mög­li­cher Ent­schei­dun­gen zu bestim­men. Legi­ti­mie­rung meint, das eige­ne Han­deln oder Unter­las­sen als ange­mes­sen erschei­nen zu las­sen. Mobi­li­sie­rung meint, Unter­stüt­zung zu gewin­nen oder Adres­sa­ten zum Han­deln zu bewe­gen – wobei in Kri­sen häu­fig das Gegen­teil beab­sich­tigt ist: beru­hi­gen und Panik ver­mei­den, also demobilisieren.

Die­se Ord­nung ist für die Ana­ly­se brauch­bar, weil sie eine Fra­ge beant­wor­tet, die die Bot­schafts­stra­te­gien allein nicht beant­wor­ten: wozu eine Orga­ni­sa­ti­on eine Bot­schaft über­haupt sendet.

Das Prozessmodell

Das Modell ver­läuft nicht line­ar, son­dern in Rück­kopp­lun­gen (Völ­ker, 2017, S. 116).

Am Anfang steht die Sinn­bil­dung: Ein Kri­sen­er­eig­nis ent­wer­tet die bis­he­ri­gen Deu­tungs­mu­ster und zwingt die Betei­lig­ten, sich neu zu ori­en­tie­ren – zuerst indi­vi­du­ell, dann in der Grup­pe der Ver­ant­wort­li­chen für Stra­te­gie und Kom­mu­ni­ka­ti­on (Weick, 1995). Dar­aus ent­ste­hen Framing-Stra­te­gien, aus die­sen die stra­te­gi­schen Akteurs­frames, die über eige­ne Kanä­le oder über die Medi­en­ar­beit öffent­lich wer­den. Ihr Weg in die Bericht­erstat­tung heisst Frame Buil­ding, ihre Wir­kung auf die Wahr­neh­mung des Publi­kums Frame Set­ting.

Ent­schei­dend sind die bei­den Rück­läu­fe. Der öffent­li­che Kri­sen­dis­kurs – die Frames der ande­ren Akteu­re und die media­le Ver­ar­bei­tung der eige­nen – wirkt auf die Orga­ni­sa­ti­on zurück und ver­än­dert ihre näch­ste Stra­te­gie. Und die beob­ach­te­ten Wir­kun­gen bei Anspruchs­grup­pen tun das­sel­be. Stra­te­gie ent­steht in die­sem Modell nicht vor dem Han­deln, son­dern im Han­deln; Völ­ker nennt das «framing by doing» (2017, S. 293 ff.).

Zwei Grup­pen von Rah­men­be­din­gun­gen begren­zen den Spiel­raum: situa­ti­ons­un­ab­hän­gi­ge insti­tu­tio­nel­le Bedin­gun­gen wie die Struk­tur der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­funk­ti­on oder pro­fes­sio­nel­le Selbst­ver­ständ­nis­se, und situa­ti­ons­ab­hän­gi­ge Bedin­gun­gen wie der Ver­lauf des öffent­li­chen Krisendiskurses.

Strategische Optionen auf drei Dimensionen

Auf der inhalt­li­chen Dimen­si­on unter­schei­det Völ­ker drei Grund­for­men nach Snow und Ben­ford (1988): dia­gno­sti­sches Framing beschreibt und deu­tet das Pro­blem, pro­gno­sti­sches Framing benennt Lösun­gen und Zustän­dig­kei­ten, moti­va­tio­na­les Framing ruft zum Han­deln auf und lädt die Deu­tung mit Wer­ten auf. Die Zuord­nung ist auf­schluss­reich, weil sie mit Akteurs­rol­len zusam­men­hängt: In der unter­such­ten Bericht­erstat­tung tra­ten Jour­na­li­stin­nen und Sach­ver­stän­di­ge vor allem dia­gno­stisch auf, Regie­rungs­ver­tre­ter pro­gno­stisch, Par­tei­en moti­vie­rend (2017, S. 283 ff.).

Auf der Akteurs­di­men­si­on geht es um die Posi­tio­nie­rung gegen­über den ande­ren Stim­men der Are­na. Völ­ker ord­net sie in einer Matrix aus zwei Fra­gen: Will der Akteur mobi­li­sie­ren oder beru­hi­gen, und pro­fi­liert er sich dabei stark oder schwach (2017, S. 138)?

star­ke eige­ne Pro­fi­lie­rungschwa­che eige­ne Profilierung
mobi­li­sie­renLea­der­ship-Stra­te­gie: gestaltenKri­ti­ker-Stra­te­gie: mahnen
beru­hi­genMana­ger-Stra­te­gie: die Kri­se managenVer­mitt­ler-Stra­te­gie: moderieren

Die Wahl ist nicht frei: Ohne pola­ri­sier­tes The­ma und ohne Gegen­spie­ler ist Mobi­li­sie­rung kaum mög­lich. Und die Selbst­dar­stel­lung als Kri­sen­ma­na­ger trägt ein eige­nes Risi­ko – je sicht­ba­rer das Kri­sen­ma­nage­ment insze­niert wird, desto eher wird es selbst zum Gegen­stand der Bericht­erstat­tung und erhöht die Fallhöhe.

Auf der Pro­zess­di­men­si­on ent­schei­det der Akteur über Zeit­punkt und Inten­si­tät: ob er nach einem Schlüs­sel­er­eig­nis sofort mit­deu­tet oder abwar­tet, wel­che Deu­tun­gen sich her­aus­bil­den; ob er sei­nen Frame an den vor­herr­schen­den Dis­kurs anpasst oder auf ihm beharrt. Dabei steht er regel­mäs­sig vor einem Ziel­kon­flikt: Media­le Auf­merk­sam­keit belohnt Zuspit­zung und Kon­fron­ta­ti­on, insti­tu­tio­nel­ler Ein­fluss dage­gen Bere­chen­bar­keit und Kompromiss.

Taktiken

Tak­ti­ken sind die kurz­fri­sti­gen Mit­tel, mit denen ein Frame wirk­sam gemacht wird (Völ­ker, 2017, S. 142–150). Auf der inhalt­li­chen Ebe­ne ste­hen sich zwei gegen­über: die Abstrak­ti­on, die an all­ge­mei­ne, kul­tu­rell ver­an­ker­te Wer­te anknüpft und dadurch Reso­nanz erzeugt, und die Kon­kre­ti­sie­rung, die das Pro­blem an einem Ein­zel­fall oder einer benann­ten Per­so­nen­grup­pe fass­bar macht. Auf der Akteurs­ebe­ne wirkt die Kau­sal­at­tri­bu­ti­on: Wer Ursa­che und Zustän­dig­keit klar benennt, ver­stärkt die Pro­blem­wahr­neh­mung – bleibt die Zuschrei­bung dif­fus, lässt sich nie­mand mobi­li­sie­ren. Auf der Pro­zess­ebe­ne zäh­len Wie­der­ho­lung und Anlass­nut­zung: Ein Frame wirkt, wenn er häu­fig und wider­spruchs­arm auf­tritt. Dafür wird er ent­we­der um ver­wand­te The­men erwei­tert oder mit einem bestehen­den zwei­ten Frame verbunden.

Grenzen

Das Modell ist ein Ana­ly­se- und Pro­zess­mo­dell, kein Regel­werk: Es sagt nicht, wel­cher Frame in wel­cher Lage der rich­ti­ge ist. Völ­ker begrün­det das mit der Sache – Framing-Pro­zes­se sei­en so wenig line­ar plan­bar wie Kri­sen­re­ak­tio­nen selbst (2017, S. 293 ff.). Die empi­ri­sche Grund­la­ge ist eine Ein­zel­fall­stu­die zu einem sta­tus­ho­hen staat­li­chen Akteur; die Befun­de sind aus­drück­lich nicht ver­all­ge­mei­ner­bar, und die Über­tra­gung auf Unter­neh­men, Ver­bän­de oder Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen steht aus. Schliess­lich unter­sucht die Arbeit einen Zeit­raum, in dem sozia­le Medi­en in der deut­schen Regie­rungs­kom­mu­ni­ka­ti­on noch kei­ne Rol­le spiel­ten; der Autor hält sein Modell dafür für offen, geprüft ist es dar­an nicht.

Bedeutung für die Krisenkommunikation (KMK-Bezug)

Das Pro­zess­mo­dell und die Kri­sen­ver­laufs­kar­te beschrei­ben die­sel­be Kri­se von zwei Sei­ten. Die Kri­sen­ver­laufs­kar­te ver­folgt den Weg vom pro­ble­ma­ti­schen Zustand über die media­le Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ebe­ne zur öffent­li­chen Wahr­neh­mung und zum Fol­ge­ver­hal­ten – sie model­liert, wie eine Kri­se auf die Orga­ni­sa­ti­on zukommt. Das Stra­te­gi­sche Framing model­liert die Gegen­rich­tung: wie die Deu­tung der Orga­ni­sa­ti­on ent­steht und die media­le Ebe­ne erreicht. Bei­de tref­fen sich auf der Ebe­ne der media­len Kom­mu­ni­ka­ti­on. Für die Ana­ly­se bedeu­tet das, dass an die­ser Ebe­ne zwei Fra­gen zu tren­nen sind: Was hat die Orga­ni­sa­ti­on ange­bo­ten, und was ist davon in wel­cher Form ange­kom­men (eige­ne Ablei­tung aus Völ­ker, 2017, S. 116, und der Kri­sen­ver­laufs­kar­te).

Für die vier Ana­ly­se­schrit­te des Systems erge­ben sich drei Anschlüs­se. Die Lage­be­ur­tei­lung gewinnt mit den drei Ziel­ebe­nen eine Fra­ge, die über die Stra­te­gie­wahl hin­aus­geht: Will die Orga­ni­sa­ti­on deu­ten, legi­ti­mie­ren oder mobi­li­sie­ren – und was davon ist in der aktu­el­len Lage über­haupt erreich­bar? Die Medi­en­re­cher­che erhält mit der Unter­schei­dung von Akteurs­ma­te­ri­al und Bericht­erstat­tung ein sau­be­res Gegen­über: Das Mate­ri­al der Orga­ni­sa­ti­on und die Berich­te über sie sind getrennt zu erhe­ben, weil sie aus­ein­an­der­fal­len kön­nen – im unter­such­ten Fall taten sie das deut­lich. Und die Frame-Ana­ly­se gewinnt mit der Akteurs­ma­trix ein Raster für die Fra­ge, wel­che Rol­le eine Orga­ni­sa­ti­on im Dis­kurs bean­sprucht, nicht nur wel­che ihr zuge­schrie­ben wird (→ Kri­sen­rol­len).

Wie der­sel­be Vor­gang von der ande­ren Sei­te aus­sieht – was das Medi­en­sy­stem aus den Bot­schaf­ten einer Orga­ni­sa­ti­on macht und wie sich das auf ihre Dar­stel­lung aus­wirkt –, beschreibt der Ein­trag Media­le Rah­mung von Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on. Die Rah­men­be­din­gung, unter der meh­re­re Akteu­re zugleich um die Deu­tung rin­gen, behan­deln die Rhe­to­ri­cal Are­na und das Cri­sis Frame Ali­gnment.

Literatur

Mey­er, J. W., & Rowan, B. (1977). Insti­tu­tio­na­li­zed orga­nizati­ons: For­mal struc­tu­re as myth and cerem­o­ny. Ame­ri­can Jour­nal of Socio­lo­gy, 83(2), 340–363. https://doi.org/10.1086/226550
Snow, D. A., & Ben­ford, R. D. (1988). Ideo­lo­gy, frame reso­nan­ce, and par­ti­ci­pant mobi­lizati­on. Inter­na­tio­nal Social Move­ment Rese­arch, 1, 197–218.
Such­man, M. C. (1995). Mana­ging legi­ti­ma­cy: Stra­te­gic and insti­tu­tio­nal approa­ches. Aca­de­my of Manage­ment Review, 20(3), 571–610. https://doi.org/10.2307/258788
Völ­ker, D. (2017). Kom­mu­ni­ka­ti­on im Kri­sen­mo­dus: Kon­zep­ti­on des Stra­te­gi­schen Framing am Bei­spiel der Finanz­kri­se 2008/09. Sprin­ger VS. https://doi.org/10.1007/978–3‑658–17357‑9
Weick, K. E. (1995). Sen­se­ma­king in orga­nizati­ons. Sage.