Version 2.1 · Stand: 06.08.2026
Der Discourse of Renewal (DoR, Diskurs der Erneuerung) ist eine Theorie der Nachkrisenkommunikation: Statt Schuld abzuwehren und Reputation zu verteidigen, deutet die Organisation die Krise prospektiv – als Anlass zu Lernen, Erneuerung und Wachstum (Seeger & Ulmer, 2002; Ulmer, Sellnow & Seeger, 2019). Die Krise gilt nicht primär als Bedrohung der Reputation, sondern als Wendepunkt, an dem eine Organisation ihre Werte bekräftigen und gestärkt hervorgehen kann.
Einordnung
Reputationszentrierte Modelle wie die Situational Crisis Communication Theory (SCCT) oder Benoits Image Repair Theory setzen bei der Verantwortungszuschreibung an und wählen daraus abgeleitet defensive oder akkommodierende Antwortstrategien. Der Discourse of Renewal kehrt diese Logik um: Er behandelt die Schuldfrage nicht als Ausgangspunkt, sondern ordnet sie einer zukunftsgerichteten Vision unter. Damit steht er den emotions- und publikumszentrierten Ansätzen wie dem Integrated Crisis Mapping näher als der klassischen Verteidigungsrhetorik.
Theoretisch verbindet der Ansatz organisationales Lernen, Wirtschaftsethik und positive organisationale Rhetorik. Der Begriff der organisationalen Erneuerung geht auf Gordon L. Lippitt (1982) zurück, der beschrieb, wie ein strukturierter Erneuerungsverlauf Organisationen auf höhere Entwicklungsstufen führt und Niedergang verhindert. Für die Krisenkommunikation entwickelten ihn Robert R. Ulmer, Timothy L. Sellnow und Matthew W. Seeger ab Ende der 1990er-Jahre.
Entstehung und Fallgrundlage
Die Theorie entstand induktiv aus Fallstudien zu Organisationen, die nach katastrophalen Ereignissen ein auffällig wertegeleitetes Verhalten zeigten (Seeger & Ulmer, 2002). Der Referenzfall ist der Brand der Textilfabrik Malden Mills in Methuen, Massachusetts, am 11. Dezember 1995. Eigentümer und CEO Aaron Feuerstein entschied gegen Schliessung oder Verlagerung, zahlte rund 3000 Mitarbeitenden über etwa drei Monate weiterhin Lohn und Sozialleistungen – Kosten von geschätzt 25 Millionen US-Dollar – und begann sofort mit dem Wiederaufbau, der Ende 1996 abgeschlossen war. Parallel dazu analysierten Seeger und Ulmer den Brand bei Cole Hardwoods unter Milt Cole.
Beide Fälle zeigten dasselbe Muster: Führungspersonen stellten unmittelbar nach der Katastrophe Wiederaufbau und Verantwortung für die Belegschaft ins Zentrum, statt Schuld- und Haftungsfragen zu verhandeln – und gewannen dadurch Vertrauen zurück.
Die vier theoretischen Bausteine
- Organisationales Lernen: Krisen legen Schwachstellen, Defizite und Lücken bestehender Krisenpläne offen. Erneuerung setzt voraus, dass die Organisation Ursachen und Verlauf systematisch analysiert, das eigene Handeln reflektiert und die erkannten Vulnerabilitäten tatsächlich behebt.
- Ethische Kommunikation: Ehrlichkeit, Offenheit und Transparenz vor, während und nach der Krise. Entscheidend ist das Wort «vorher»: Ethische Versäumnisse der Vergangenheit werden in der Krise fast immer aufgedeckt. Organisationen, die schon davor unethisch gehandelt haben, können sich kaum glaubwürdig erneuern.
- Prospektive statt retrospektiver Vision: Der Blick richtet sich auf Wiederaufbau, Wertbekräftigung und Verantwortung gegenüber den Stakeholdern, nicht auf Schuldzuweisung und Haftungsabwehr. Rechtliche Fragen werden nicht ignoriert, aber der Zukunftsvision untergeordnet.
- Wirksame organisationale Rhetorik: Die Führung übernimmt die Sinnstiftung und rahmt die Krise so, dass sie Stakeholder ermutigt und motiviert. Fehlt diese rhetorische Zuversicht – oder bleibt die Kommunikation rein defensiv –, nähren sich Zweifel an den Erneuerungsbemühungen und die Beziehungen zu künftigen Stakeholdern werden beschädigt.
Vier Merkmale des Erneuerungsdiskurses
Ulmer, Seeger und Sellnow (2007) beschreiben vier Eigenschaften, die einen echten Erneuerungsdiskurs von einer kalkulierten PR-Reaktion unterscheiden:
- Vorläufig statt strategisch (provisional as opposed to strategic): Der Diskurs entspringt nicht einem Kommunikationsplan, sondern unmittelbar und beinahe instinktiv den gelebten Werten der Organisation. Er ist gerade deshalb glaubwürdig, weil er nicht taktisch kalkuliert wirkt.
- Prospektiv statt retrospektiv: Die Kommunikation blickt konsequent nach vorn – auf Wiederaufbau, Chancen und gemeinsamen Optimismus.
- Nutzung der in der Krise angelegten Chancen: Die Krise bricht verkrustete Strukturen auf und eröffnet Gelegenheiten für Verbesserungen und Innovationen, die im Normalbetrieb nicht durchsetzbar wären.
- Führungsbasiert (leader-based): Die persönliche Glaubwürdigkeit der Führung und ihre Fähigkeit, Werte glaubhaft zu artikulieren und vorzuleben, sind das Fundament, auf dem Stakeholder neues Vertrauen aufbauen.
Erfolgsbedingungen: die Wenn-Dann-Logik

Der Discourse of Renewal ist kein universell einsetzbares Instrument, sondern an restriktive Voraussetzungen gebunden. Er trägt, wenn kumulativ gilt:
- Wenn die Organisation bereits vor der Krise über ein belastbares ethisches Fundament verfügt,
- und wenn sie nachweislich starke, von Vertrauen und gegenseitigem Respekt geprägte Stakeholderbeziehungen gepflegt hat,
- und wenn die Krise überwiegend extern oder unverschuldet ausgelöst wurde (Naturereignis, unvorhersehbarer technischer Defekt),
- und wenn die Führung bereit ist, echte Lern- und Transformationsprozesse anzustossen,
- dann ist der Erneuerungsdiskurs die tragfähigste und nachhaltigste Option der Nachkrisenkommunikation.
Fehlt eine dieser Bedingungen – insbesondere bei vorheriger Täuschung, Vernachlässigung der Stakeholder oder unethischem Verhalten –, bricht das Fundament weg. Ein dennoch inszenierter Erneuerungsdiskurs wird als unaufrichtiges PR-Manöver gelesen und verschlimmert den Schaden. Eine weitere praktische Bedingung ist die zügige Klärung rechtlicher und monetärer Fragen, etwa von Entschädigungen: Solange diese offen sind, blockieren sie die zukunftsgerichtete Kommunikation.
Abgrenzung zu reputationszentrierten Ansätzen
| Aspekt | Reputationszentrierte Ansätze (SCCT, Image Repair) | Discourse of Renewal |
|---|---|---|
| Fokus | Schuldabwehr, Schadensbegrenzung | Lernen, Erneuerung, Wachstum |
| Zeithorizont | retrospektiv (Was ist geschehen?) | prospektiv (Wie geht es weiter?) |
| Kommunikationsstil | defensiv, strategisch kalkuliert, juristisch abgesichert | offen, werteorientiert, zuversichtlich |
| Emotionale Ebene | Abwehr, Verteidigung | Hoffnung, Zuversicht |
| Rolle der Krise | Bedrohung und Schadensereignis | Chance für Lernen und Veränderung |
| Rolle der Führung | medientrainierte Sprecherin zur Schadensminimierung | glaubwürdige Führung als moralische Instanz und Sinnstifterin |
| Voraussetzung | – | intakte Reputation und Stakeholderbeziehungen vor der Krise |
Kritik und Grenzen
- Ungeeignet bei Eigenverschulden: Bei Krisen aus krimineller Energie, bewusster Vertuschung oder grober Fahrlässigkeit ist der Ansatz unbrauchbar. Er setzt eine im Kern tugendhafte Organisation voraus – und definiert damit einen Teil seines eigenen Erfolgs bereits in die Ausgangsbedingungen hinein.
- Spannung zu rechtlichen Realitäten: Der Verzicht auf Schuld- und Haftungsrhetorik ist in stark regulierten oder juristisch umkämpften Feldern schwer durchzuhalten. Rechtsberatung drängt regelmässig auf defensive Zurückhaltung statt offene Werte-Rhetorik.
- Gefahr der Instrumentalisierung: Ohne echtes organisationales Lernen verkommt der Erneuerungsdiskurs zur Rhetorik-Hülse – und zerstört das Vertrauen, das er herstellen soll.
- Der Referenzfall selbst ist ambivalent: Malden Mills baute zwar wieder auf, meldete aber im November 2001 Gläubigerschutz nach Chapter 11 an; die Familie Feuerstein verlor die Kontrolle über das Unternehmen, 2007 folgte eine zweite Insolvenz. Kommunikativ gelungene Erneuerung ist damit nicht gleichbedeutend mit ökonomischem Erfolg – ein Befund, den die Theorie in ihrer optimistischen Grundanlage unterbelichtet lässt.
Bedeutung für die Krisenkommunikation (KMK-Bezug)
Im Botschaftsstrategien-Set des KMK-Systems bildet die Erneuerungsrhetorik eine eigene Strategie der Nachkrisenphase. Die Wenn-Dann-Regeln knüpfen sie an Bedingungen: Erneuerungsbotschaften sind erst tragfähig, wenn Opferversorgung und Ursachenklärung kommunikativ abgearbeitet sind – vorher wirken sie als Ablenkung. Im normativen Framing zeigt sich gelingende Erneuerung daran, dass Medien der Organisation die Krisenrolle der Lernenden zuschreiben.
Für die Analysemodule ergibt sich daraus eine klare Arbeitsteilung. ADAM prüft die vier Erfolgsbedingungen als kontextuelle Moderatoren – ethisches Vorleben, Qualität der Stakeholderbeziehungen, Verursachungslage und Lernbereitschaft der Führung; fällt eine davon negativ aus, ist der Erneuerungsdiskurs als Option auszuschliessen, bevor EVI ihn überhaupt in Erwägung zieht. FRAMI liefert die Gegenprobe: Ob die Erneuerung ankommt, entscheidet sich nicht an der Absicht der Organisation, sondern an der zugeschriebenen Krisenrolle in der Berichterstattung. Wird der Organisation dort weiterhin die Rolle der Verursacherin zugewiesen, ist der Erneuerungsdiskurs verfrüht.
Voraussetzung jeder Erneuerungserzählung ist die Verantwortungsübernahme: Ohne sie liest sich der Blick nach vorn als Ausweichen vor der Ursachenfrage.
Literatur
Lippitt, G. L. (1982). Organization renewal: A holistic approach to organization development (2. Aufl.). Prentice-Hall.
Seeger, M. W., & Ulmer, R. R. (2002). A post-crisis discourse of renewal: The cases of Malden Mills and Cole Hardwoods. Journal of Applied Communication Research, 30(2), 126–142. https://doi.org/10.1080/00909880216578
Seeger, M. W., & Ulmer, R. R. (2005). Post-crisis discourse and organizational change, failure and renewal. Journal of Organizational Change Management, 18(1), 78–95. https://doi.org/10.1108/09534810510579869
Ulmer, R. R., Seeger, M. W., & Sellnow, T. L. (2007). Post-crisis communication and renewal: Expanding the parameters of post-crisis discourse. Public Relations Review, 33(2), 130–134. https://doi.org/10.1016/j.pubrev.2006.11.015
Ulmer, R. R., Sellnow, T. L., & Seeger, M. W. (2019). Effective crisis communication: Moving from crisis to opportunity (4. Aufl.). SAGE.