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Ver­si­on 1.0 · Stand: 21.09.2026

Eine Dop­pel­kri­se liegt vor, wenn sich über die aus­lö­sen­de Sach­kri­se eine zwei­te Kri­se legt, deren Gegen­stand die Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on der Orga­ni­sa­ti­on selbst ist. Beur­teilt wird dann nicht mehr allein das Ereig­nis, son­dern auch die Art, wie die Orga­ni­sa­ti­on dar­über spricht.

Einordnung

Der Begriff stammt aus der skan­di­na­vi­schen Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­ons­for­schung. Johan­sen und Frand­sen beschrei­ben den Fall, dass eine ursprüng­li­che Kri­se von einer Kom­mu­ni­ka­ti­ons­kri­se über­la­gert wird, die aus ihr her­vor­ge­gan­gen ist, weil die Orga­ni­sa­ti­on die erfor­der­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­zes­se nicht zu steu­ern ver­mag; aus einer Kri­se wer­den zwei (Frand­sen & Johan­sen, 2017). Die zwei­te Kri­se ist dabei kei­ne blos­se Begleit­erschei­nung der ersten: Sie hat eige­ne Anläs­se, eige­ne Wort­füh­rer und eine eige­ne Dau­er und kann die Sach­kri­se über­le­ben. Wo der Sach­ver­halt längst geklärt ist, läuft die Aus­ein­an­der­set­zung über Zeit­punkt, Offen­heit und Wider­spruchs­frei­heit der Aus­künf­te weiter.

Damit unter­schei­det sich die Dop­pel­kri­se von der blos­sen Kri­tik an einer miss­lun­ge­nen Mit­tei­lung. Vor­aus­ge­setzt ist, dass die Kom­mu­ni­ka­ti­on selbst Kri­sen­qua­li­tät erreicht — dass sie also Auf­merk­sam­keit bin­det, Zuschrei­bun­gen ver­schiebt und Hand­lungs­druck erzeugt.

Zwei Gegenstände unter einem Begriff

In der Lite­ra­tur wird der Begriff meist ein­heit­lich ver­wen­det. Die KMK-Codie­rung unter­schei­det zwei Aus­prä­gun­gen, weil sich hin­ter der­sel­ben Beob­ach­tung zwei ver­schie­de­ne Vor­gän­ge verbergen:

Sekun­dä­re Dop­pel­kri­se. Die Kri­tik an der Kom­mu­ni­ka­ti­on ent­steht aus der Sach­kri­se her­aus — zu spät infor­miert, lücken­haft, im Ver­lauf wider­sprüch­lich. Die Kom­mu­ni­ka­ti­on wirkt als Ver­stär­ker eines Pro­blems, das ohne sie eben­falls bestünde.

Pri­mä­re Dop­pel­kri­se. Die kom­mu­ni­ka­ti­ve Hand­lung ist selbst der Aus­lö­ser — eine Aus­sa­ge, eine Bestrei­tung, eine Zahl, die nicht trägt. Die Kom­mu­ni­ka­ti­on ist hier nicht Ver­stär­ker, son­dern Ursa­che eines zwei­ten, eigen­stän­di­gen Vorgangs.

Im Codier­bo­gen KB-F2 wird der Code NORM_DOUBLE des­halb um das Pflicht­at­tri­but NORM_DOUBLE_TYP ergänzt (Wer­te sekundär und primär, seit dem 19.09.2026). Es gilt ein Wert je Codie­rung, nicht je Fall; lässt ein Bei­trag bei­des offen, wird sekundär gesetzt. Die Unter­schei­dung ist kei­ne Fein­heit der Aus­zäh­lung, son­dern ent­schei­det über die Antwortstrategie.

Befundlage aus zwei KMK-Analysen

Zwei mit dem KMK-System voll­stän­dig codier­te Fäl­le zei­gen die bei­den Pole in rei­ner Form. In der Beschaf­fungs­kri­se um die F‑35 — ein öffent­li­cher Trä­ger, Gegen­stand eine bestrit­te­ne Fix­preis­zu­sa­ge — ent­fal­len 65,2 Pro­zent der Codie­run­gen auf NORM_DOUBLE, durch­ge­hend vom Typ primär: Ange­grif­fen wird die Zusa­ge als Sprech­hand­lung, nicht ihre Ver­mitt­lung. In der Pro­dukt­kri­se um Cer­e­u­lid­be­fun­de in Säug­lings­nah­rung — ein pri­vat­wirt­schaft­li­cher Trä­ger, Gegen­stand ein Feh­ler in der Lie­fer­ket­te — tra­gen 45,5 Pro­zent der Ein­hei­ten NORM_DOUBLE, davon 100 Pro­zent sekundär, ohne einen ein­zi­gen Zweifelsfall.

🔴 EST — Die nahe­lie­gen­de Deu­tung, wonach die Pro­dukt­kri­se regel­mäs­sig die sekun­dä­re und die poli­tisch-admi­ni­stra­ti­ve Kri­se regel­mäs­sig die pri­mä­re Form her­vor­bringt, stützt sich auf zwei Fäl­le und ist eine Ver­mu­tung, kei­ne gesi­cher­te Regel. Die Pro­zent­wer­te des zwei­ten Falls bezie­hen sich zudem auf die 66 Ein­hei­ten mit beschaff­ba­rem Voll­text, nicht auf den berei­nig­ten Kor­pus von 107; der Aus­fall von 41 Ein­hei­ten ist ein Ver­lust und kei­ne Aus­wahl. Pha­sen­be­zo­ge­ne Antei­le aus die­sen Fäl­len sind bei Beset­zun­gen unter 15 Ein­hei­ten nur orientierend.

Abgrenzungen

Nicht jede Bean­stan­dung der Öffent­lich­keits­ar­beit ist eine Dop­pel­kri­se. Abzu­gren­zen ist sie erstens vom Heu­che­lei­vor­wurf: Dort ist der Wider­spruch zwi­schen erklär­tem Anspruch und tat­säch­li­chem Han­deln der Gegen­stand, nicht die Kom­mu­ni­ka­ti­on als sol­che. Zwei­tens von der Repu­ta­ti­ons­kri­se, die eine Fol­ge sein kann, aber nicht das­sel­be bezeich­net: Die Dop­pel­kri­se benennt den Gegen­stand der Aus­ein­an­der­set­zung, die Repu­ta­ti­ons­kri­se deren Wir­kung. Drit­tens von der ein­zel­nen miss­lun­ge­nen Aus­kunft, die fol­gen­los bleibt.

Bedeutung für die Krisenkommunikation (KMK-Bezug)

Der Typ bestimmt die Ant­wort. Bei der sekun­dä­ren Form ist der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­zess selbst zu repa­rie­ren: Tak­tung, Voll­stän­dig­keit und Wider­spruchs­frei­heit der Aus­künf­te, hand­lungs­lei­ten­de und lage­klä­ren­de Infor­ma­ti­on zuerst. Mehr und schnel­ler zu kom­mu­ni­zie­ren hilft hier tat­säch­lich. Bei der pri­mä­ren Form wirkt die­sel­be Reak­ti­on ver­schär­fend, weil sie den strit­ti­gen Gegen­stand wie­der­holt, statt ihn zu klä­ren; dort muss die bean­stan­de­te Aus­sa­ge selbst ein­ge­holt, prä­zi­siert oder zurück­ge­nom­men werden.

Für die Dia­gno­se ist bedeut­sam, dass die Aus­prä­gung inner­halb eines Falls nahe­zu kon­stant bleibt. Sie lässt sich des­halb früh bestim­men und trägt die Stra­te­gie­wahl über den gan­zen Ver­lauf — anders als der Grad der Zuschrei­bung, der sich mit den Pha­sen ver­schiebt. Aus dem­sel­ben Grund erhält NORM_DOUBLE_TYP kei­nen eige­nen Relia­bi­li­täts­ko­ef­fi­zi­en­ten, son­dern läuft in der Fami­lie mit.

Der häu­fig­ste Weg in die sekun­dä­re Dop­pel­kri­se führt über den Abstand zwi­schen Kennt­nis und Offen­le­gung; die vor­weg­ge­nom­me­ne eige­ne Offen­le­gung ist das Gegen­stück dazu. Erho­ben wird der Befund im Modul FRAMI über den Codier­bo­gen KB-F2.

Literatur

Claeys, A.-S., & Cau­berg­he, V. (2012). Cri­sis respon­se and cri­sis timing stra­te­gies, two sides of the same coin. Public Rela­ti­ons Review, 38(1), 83–88. https://doi.org/10.1016/j.pubrev.2011.09.001

Frand­sen, F., & Johan­sen, W. (2017). Orga­nizatio­nal cri­sis com­mu­ni­ca­ti­on: A mul­ti­vo­cal approach. Sage.

Coombs, W. T., & Holl­aday, S. J. (1996). Com­mu­ni­ca­ti­on and attri­bu­ti­ons in a cri­sis: An expe­ri­men­tal stu­dy in cri­sis com­mu­ni­ca­ti­on. Jour­nal of Public Rela­ti­ons Rese­arch, 8(4), 279–295. https://doi.org/10.1207/s1532754xjprr0804_04