Version 2.1 · Stand: 15.08.2026
Die Strategie stellt die Verlässlichkeit, Objektivität oder Lauterkeit jener Akteure infrage, die als glaubwürdige Informationsquellen über die Krise auftreten: Augenzeugen, Informanten und Whistleblower, Medien und Redaktionen, Fachleute, NGO und politische Gegner. Angegriffen wird nicht die Aussage, sondern die Quelle – bei Zeugen ihre Nähe zum Geschehen, bei Fachleuten ihre Kompetenz, bei Medien ihre Unabhängigkeit. Ziel ist eine Verschiebung des Deutungsrahmens: weg von der eigenen Verantwortung, hin zum Zweifel an den anderen Stimmen.
Einordnung in die SCCT
Das Diskreditieren von Kritikern entspricht der Attack-the-Accuser-Strategie im Deny-Cluster der Situational Crisis Communication Theory. Sie greift die Glaubwürdigkeitsbasis der Ankläger an, statt deren Aussagen zu widerlegen. Benoits Image Repair Theory führt dieselbe Strategie unter attack the accuser als eine der Formen der Zurückweisung.
Die Unterscheidung ist für die Codierung wesentlich: Wer die Behauptung selbst bestreitet, codiert Denial; wer die Quelle der Behauptung angreift, codiert Attack the Accuser. Beide liegen im selben Cluster, unterscheiden sich aber im Angriffsziel.
Kontextbezogene Strategie (Diskurs, Ebene 2)
Die Strategie wird häufig in Konfliktsituationen eingesetzt, um die Glaubwürdigkeit jener infrage zu stellen, welche die Organisation oder deren Handeln kritisieren.
Ein Beispiel ist der Gegenangriff gegen die NZZ im September 2025: Statt auf den Vorwurf der Rechtslastigkeit zu reagieren, wurde die Erwartungshaltung adressiert, dass eine renommierte Publikation nicht derart polemisierend argumentieren sollte. Weitere Beispiele finden sich in Trumps Zurufen an Journalisten («You are fake»). Bemerkenswert ist dabei, dass solche Angriffe auf normativer Ebene ohne faktische Begründung erfolgen.
Geeignete Situationen
- Branche: Technologie, Politik, Medien – Bereiche mit intensiven ideologischen Debatten.
- Krisentyp: Fälle, in denen Kritiker selbst kompromittiert oder in ihren Motiven angreifbar sind.
- Framing: «Die Vorwürfe beruhen auf falschen Annahmen», «Der Kritiker verfolgt eine eigene Agenda».
- Verantwortlichkeitszuschreibung: Der Fokus wird auf den Kritiker verlagert, indem dessen Glaubwürdigkeit infrage gestellt wird.
Der Einsatz bietet sich zusätzlich an, wenn die Krisenkommunikation stark durch Dritte geprägt ist – investigative Medien, Aktivistinnen, Whistleblower –, wenn die Organisation über überprüfbare Gegeninformationen verfügt, wenn das öffentliche Vertrauen in die berichtenden Medien ohnehin brüchig oder polarisiert ist, oder wenn reputationsschwache Akteure massgeblich zur Krise beitragen.
Chancen und Gefahren
Chancen
- Ablenkung der öffentlichen Aufmerksamkeit von der Organisation hin zu Fehlern oder fragwürdigen Motiven des Kritikers.
- Kurzfristige Stabilisierung der eigenen Glaubwürdigkeit.
- Thematische Rezentrierung: Die Diskussion verlagert sich von der Organisationsverantwortung auf die Qualität der Information.
- Möglichkeit, tatsächliche Verzerrungen, Vorurteile oder Sensationsmechanismen in der Berichterstattung sichtbar zu machen.
- Abschreckung weiterer kritischer Stimmen. Diese Wirkung ist keine Empfehlung: Sie tritt ein, sie ist aber legitimationsseitig die problematischste Folge der Strategie.
Gefahren
- Backlash: Wird der Angriff als unangemessen empfunden, schadet er der Reputation stärker als der ursprüngliche Vorwurf.
- Angriff auf die Pressefreiheit: Richtet sich die Diskreditierung gegen Medien, wird sie rasch als Angriff auf deren Funktion gelesen – besonders bei mächtigen Organisationen und besonders dann, wenn der Verdacht der Manipulation entsteht.
- Eskalation: Der Angriff verlängert die Berichterstattung und lenkt zusätzliche Aufmerksamkeit auf die Krise.
- Vertrauensverlust: Fehlende Belege oder übermässige Härte beschädigen das Vertrauen auch bei bislang neutralen Anspruchsgruppen; polarisierte Diskurse werden verstärkt.
- Ethik- und Legitimationsrisiken, sobald der Angriff nicht faktengestützt ist.
Empfehlung für den Einsatz
Die Strategie sollte nur defensiv und faktenbasiert eingesetzt werden – nicht als Angriff, sondern als Präzisierung gegnerischer Aussagen. Bewährt hat sich eine zweistufige Umsetzung:
- Belegbare Differenzierung: «Die Behauptung stützt sich auf eine unvollständige Quelle.»
- Verweis auf überprüfbare Gegeninformationen: «Unsere Daten wurden von unabhängigen Fachleuten bestätigt.»
Ein sachlicher, professioneller Ton ist zwingend. Personalisierte Angriffe und pauschale Medienkritik sind zu vermeiden; sie verschieben den Streit von der Sache auf die Person und machen die Organisation selbst zum Thema.
Bedeutung für die Krisenkommunikation (KMK-Bezug)
Die Strategie gehört zum Deny-Cluster des Botschaftsstrategien-Sets. Nach den Wenn-Dann-Regeln ist sie nur bei Opferkrisen zulässig – namentlich bei Gerüchten und unbegründeten Anfechtungen – und bei mittlerer oder hoher Verantwortungszuschreibung, also bei Unfall- und vermeidbaren Krisen, kontraindiziert.
Für die Codierung gilt sie als kontextbezogene Strategie auf der Diskursebene. Sie ist zugleich offensiv und defensiv angelegt und richtet sich stets nach aussen. Die Abgrenzung zur Sündenbockstrategie ist trennscharf zu halten: Dort wird die Verantwortung für die Krise einem anderen Akteur zugewiesen, hier wird die Glaubwürdigkeit dessen bestritten, der die Krise öffentlich macht.
Literatur
Benoit, W. L. (1997). Image repair discourse and crisis communication. Public Relations Review, 23(2), 177–186. https://doi.org/10.1016/S0363-8111(97)90023–0
Coombs, W. T. (1995). Choosing the right words: The development of guidelines for the selection of the «appropriate» crisis-response strategies. Management Communication Quarterly, 8(4), 447–476. https://doi.org/10.1177/0893318995008004003
Coombs, W. T. (2007). Protecting organization reputations during a crisis: The development and application of Situational Crisis Communication Theory. Corporate Reputation Review, 10(3), 163–176. https://doi.org/10.1057/palgrave.crr.1550049