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Be Bo

Ver­si­on 2.0 · Stand: 03.09.2026

Orga­ni­sa­tio­nen zei­gen in der Kri­se nicht nur, was sie wis­sen und tun, son­dern auch, wie es ihnen damit geht. Die emo­tio­na­le Rah­mung ist die geziel­te Dar­stel­lung eines eige­nen Gefühls­zu­stands – Unsi­cher­heit, Erschüt­te­rung, Empö­rung, Zuver­sicht – oder die Adres­sie­rung des Gefühls­zu­stands ande­rer. Sie ist eine Bot­schafts­stra­te­gie wie jede ande­re: gewählt, dosiert und in ihrer Wir­kung abschätzbar.

Warum ein Sammeleintrag

Fünf Zei­len des Sets tra­gen emo­tio­na­le Rah­mun­gen, von denen kei­ne einen SCCT-Clu­ster hat – aus­ser der Hoff­nung, die zum Bol­ste­ring zählt. Der Grund ist syste­ma­tisch: Die SCCT beschreibt Reak­tio­nen auf die Ver­ant­wor­tungs­zu­schrei­bung; der emo­tio­na­le Aus­druck lässt sich die­ser Logik nicht zuord­nen, weil er quer zu ihr liegt. Er beglei­tet jede Stra­te­gie, statt eine zu sein.

Die fei­nen Unter­schei­dun­gen zwi­schen den fünf Aus­prä­gun­gen führt der Codier­bo­gen zur emo­tio­na­len Rah­mung. Die­ser Ein­trag beschreibt ihre gemein­sa­me Logik und die Bedin­gun­gen, unter denen sie tra­gen. Er ist von der Empa­thie (Zei­le 9 und 32) zu tren­nen: Jene rich­tet sich auf das Gefühl der Betrof­fe­nen und gehört zur Basis­re­ak­ti­on, hier geht es um das Gefühl der Organisation.

Die fünf Ausprägungen

Unsicherheit, Ungewissheit, Angst, Ohnmacht zeigen (Zeile 31)

Das Ein­ge­ständ­nis, die Lage selbst nicht zu über­blicken. Ehr­lich und in der Früh­pha­se oft zutref­fend, aber die ris­kan­te­ste der fünf: Anspruchs­grup­pen erwar­ten von der Orga­ni­sa­ti­on Ori­en­tie­rung, nicht Rat­lo­sig­keit. Trag­fä­hig nur, wenn sie mit dem ver­bun­den wird, was den­noch getan wird.

Begriff­lich ist die­se Aus­prä­gung unscharf, und die Unschär­fe wirkt sich auf die Codie­rung aus. Laza­rus (1991) unter­schei­det die unge­wis­se, exi­sten­zi­el­le Bedro­hung – anxie­ty – von der unmit­tel­ba­ren, kon­kre­ten Gefahr – fright; die deut­schen All­tags­wör­ter «Angst» und «Unge­wiss­heit» decken bei­de Zustän­de ab, ohne sie zu tren­nen. Für die Codie­rung ist die Tren­nung erheb­lich, weil die bei­den Zustän­de ver­schie­de­ne Erwar­tun­gen an die Orga­ni­sa­ti­on aus­lö­sen: Auf die kon­kre­te Gefahr erwar­tet man eine Ver­hal­tens­an­wei­sung, auf die unge­wis­se Bedro­hung eine Ein­ord­nung. Der Codier­bo­gen zur emo­tio­na­len Rah­mung führt die Fein­un­ter­schei­dung; im Zwei­fels­fall ent­schei­det, wor­auf sich die Aus­sa­ge im Text bezieht, nicht wel­ches Wort sie verwendet.

Schock und Sprachlosigkeit zum Ausdruck bringen (Zeile 33)

Die Bekun­dung der eige­nen Erschüt­te­rung. Sie signa­li­siert, dass das Gesche­he­ne auch für die Orga­ni­sa­ti­on ein Bruch ist, und wirkt am ehe­sten unmit­tel­bar nach dem Ereig­nis. Sie hat eine kur­ze Halb­werts­zeit: Nach weni­gen Tagen erwar­tet die Öffent­lich­keit Hand­lungs­fä­hig­keit, und die fort­ge­setz­te Fas­sungs­lo­sig­keit wird als Aus­wei­chen vor der Ursa­chen­fra­ge gelesen.

Empörung, Enttäuschung, Misstrauen zeigen (Zeile 34)

Die mora­li­sche Distan­zie­rung vom Fehl­ver­hal­ten – meist dem eines Part­ners, eines Lie­fe­ran­ten oder eige­ner Mit­ar­bei­ten­der. Sie ist die ein­zi­ge der fünf mit einer Adres­sa­tin aus­ser­halb der Orga­ni­sa­ti­on und liegt damit nahe an der Schuld­zu­wei­sung. Genau dar­in liegt ihr Risi­ko: Empö­rung über das eige­ne Per­so­nal wird rasch als Sün­den­bock­stra­te­gie gelesen.

Besänftigen (Zeile 35)

Die Beru­hi­gung, die Reduk­ti­on von Angst und Panik. Sie ist wirk­sam, solan­ge sie Sach­in­for­ma­ti­on ent­hält – «die Situa­ti­on ist unter Kon­trol­le» und der Grund, war­um das zutrifft. Ohne die­sen Grund ist sie eine blos­se Behaup­tung, und wenn sich die Lage danach ver­schlech­tert, ist sie die teu­er­ste Fehl­kom­mu­ni­ka­ti­on der Kri­se. Ihre Clu­ster­zu­ord­nung ist Aus­le­gung: Mit Sach­in­for­ma­ti­on wäre sie adju­sting infor­ma­ti­on, ohne sie ist sie keine. 🔴

Hoffnung zum Ausdruck bringen (Zeile 36)

Die Zuver­sicht, gestärkt aus der Kri­se her­vor­zu­ge­hen. Als ein­zi­ge der fünf im Bol­ste­ring-Clu­ster und die ein­zi­ge mit einer eige­nen theo­re­ti­schen Grund­la­ge: Sie ist der Kern des Dis­cour­se of Rene­wal. Ihre Bedin­gung ist der Zeit­punkt – vor der Auf­klä­rung geäus­sert, wirkt sie als Verharmlosung.

Die gemeinsame Bedingung: Glaubwürdigkeit des Ausdrucks

Alle fünf tei­len die­sel­be Ver­wund­bar­keit. Ein emo­tio­na­ler Aus­druck, der nicht gedeckt ist, rich­tet mehr Scha­den an als gar kei­ner – er wird als Kal­kül erkannt und dis­kre­di­tiert rück­wir­kend auch die sach­li­chen Tei­le der Bot­schaft. Drei Prüf­fra­gen vor dem Ein­satz: Deckt das gezeig­te Gefühl sich mit dem beob­acht­ba­ren Han­deln? Ist es dem Zeit­punkt ange­mes­sen? Und kommt es von einer Per­son, der man es abnimmt – oder aus einer Medienmitteilung?

Hin­zu kommt die Asym­me­trie der Erwar­tun­gen: Von Orga­ni­sa­tio­nen wird emo­tio­na­le Zurück­hal­tung erwar­tet, von Per­so­nen nicht. Die­sel­be For­mu­lie­rung trägt aus dem Mund einer Direk­to­rin, was sie im Namen einer Akti­en­ge­sell­schaft nicht trägt.

Was die Forschung zum Gefühlsausdruck zeigt

Der Abschnitt zur Glaub­wür­dig­keit stützt sich auf zwei expe­ri­men­tel­le Befun­de, die den Zusam­men­hang unter­schied­lich beleuch­ten. Claeys, Cau­berg­he und Ley­sen (2013) unter­such­ten den Aus­druck von Trau­er durch eine spre­chen­de Per­son und fan­den eine repu­ta­ti­ons­schüt­zen­de Wir­kung – aber nur, wenn die Orga­ni­sa­ti­on die Kri­se selbst offen­ge­legt hat­te; bei Offen­le­gung durch Drit­te blieb sie aus. Als Wirk­me­cha­nis­mus berich­ten sie die wahr­ge­nom­me­ne Auf­rich­tig­keit der spre­chen­den Per­son. Der Gefühls­aus­druck wirkt dem­nach nicht für sich, son­dern über die Fra­ge, ob er als echt gele­sen wird – und die­se Fra­ge ent­schei­det sich am Ver­hal­ten davor.

Ste­phens, Wal­ler und Sohr­ab (2019) prüf­ten in einer simu­lier­ten Medi­en­kon­fe­renz die Dosis. Eine über­mäs­si­ge Emo­ti­ons­dar­stel­lung senk­te die zuge­schrie­be­ne Glaub­wür­dig­keit, beson­ders aus­ge­prägt bei reak­ti­vem Ärger in der Fra­ge­run­de; die höch­sten Glaub­wür­dig­keits­wer­te erziel­te eine Kom­bi­na­ti­on aus schwach aus­ge­präg­ter Trau­rig­keit und einer Wort­wahl, die Auf­rich­tig­keit signa­li­siert. Bei­de Unter­su­chun­gen arbei­ten mit Expe­ri­men­tal­an­ord­nun­gen und begrenz­ten Stich­pro­ben; sie stüt­zen die Rich­tung des Zusam­men­hangs, nicht eine Dosie­rungs­re­gel für den Einzelfall.

Für die drei Prüf­fra­gen des vor­an­ge­hen­den Abschnitts bedeu­tet dies eine Prä­zi­sie­rung. Die Fra­ge nach der Deckung durch das Han­deln lässt sich als Fra­ge nach der Offen­le­gung stel­len: Wer die Kri­se selbst benannt hat, kann sich äus­sern; wer benannt wur­de, äus­sert sich in eine Erwar­tungs­hal­tung hin­ein, die den Aus­druck als Reak­ti­on liest. Und die Fra­ge nach der Ange­mes­sen­heit ist auch eine der Dosis – der Befund zum reak­ti­ven Ärger trifft mit Zei­le 34 die Aus­prä­gung, die ohne­hin die expo­nier­te­ste der fünf ist.

Der Sache nach berührt das ein älte­res The­ma. Hoch­schild (1983) hat mit dem Begriff der emo­tio­nal labor beschrie­ben, wie beruf­li­che Rol­len den Aus­druck von Gefüh­len zur Arbeits­lei­stung machen. In der Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on tritt die­ser Zusam­men­hang ver­schärft auf: Von einer Orga­ni­sa­ti­ons­lei­tung wird ein Gefühls­aus­druck erwar­tet, und zugleich wird er dar­auf­hin geprüft, ob er der Rol­le oder der Per­son ent­stammt. Dar­aus folgt die Asym­me­trie, die der vor­an­ge­hen­de Abschnitt beschreibt, und die prak­ti­sche Kon­se­quenz, dass die Wahl der spre­chen­den Per­son Teil der Stra­te­gie ist.

Zwei Fälle

Tony Hayward 2010: der Satz, der die Perspektive verriet

Rund sechs Wochen nach der Explo­si­on der Macon­do-Boh­rung mit elf Todes­op­fern sag­te BP-Kon­zern­chef Tony Hay­ward Ende Mai 2010 vor Jour­na­li­sten in Loui­sia­na: «The­re is no one who wants this over more than I do. I would like my life back.» Der Satz wur­de als selbst­be­zo­gen auf­ge­nom­men und bin­nen Tagen zum Sym­bol des Falls; Hay­ward ent­schul­dig­te sich öffent­lich für ihn und gab den Posten im Okto­ber 2010 ab.

Ana­ly­tisch ist der Fall auf­schluss­rei­cher, als die Empö­rung nahe­legt. Hay­ward zeig­te durch­aus ein Gefühl – Erschöp­fung –, und es war ver­mut­lich echt. Miss­lun­gen ist nicht die Echt­heit, son­dern die Zurech­nung: Er benann­te den Zustand des Ver­ur­sa­chers, wäh­rend die Öffent­lich­keit den Zustand der Betrof­fe­nen ver­han­del­te. Das ist die Gren­ze zwi­schen die­ser Bot­schafts­stra­te­gie und der Empa­thie: Wer über das eige­ne Befin­den spricht, wo Betrof­fe­ne das Wort erwar­ten, macht die Orga­ni­sa­ti­on zum Gegen­stand der Aus­sa­ge. Der Fall gehört damit zur Aus­prä­gung von Zei­le 31 und zeigt deren Haupt­ri­si­ko in rei­ner Form.

Maple Leaf Foods 2008: Ausdruck mit Deckung

Im August 2008 ver­ur­sach­te mit Liste­ri­en bela­ste­ter Auf­schnitt aus einem Werk in Toron­to einen Aus­bruch mit mehr als zwan­zig Todes­op­fern. Kon­zern­chef Micha­el McCain trat per­sön­lich in einer Fern­seh­an­spra­che und an Medi­en­kon­fe­ren­zen auf, sprach den Ange­hö­ri­gen sein Mit­ge­fühl aus, öff­ne­te die Wer­ke für Medi­en­schaf­fen­de und stell­te die Geschäfts­lei­tung für Inter­views zur Ver­fü­gung; die Sam­mel­kla­ge wur­de im Dezem­ber 2008 ver­gli­chen. Die kana­di­sche Nach­rich­ten­agen­tur The Cana­di­an Press wähl­te McCain zur Wirt­schafts­per­sön­lich­keit des Jahres.

Der Ver­gleich der bei­den Fäl­le stützt den Befund von Claeys, Cau­berg­he und Ley­sen (2013). In bei­den Fäl­len äus­ser­te sich die Kon­zern­lei­tung per­sön­lich, in bei­den ging es um Todes­op­fer. Getra­gen hat der Aus­druck dort, wo er von einer Öff­nung beglei­tet war, die über­prüf­bar mehr Aus­kunft brach­te, und wo er sich auf die Betrof­fe­nen rich­te­te. Er miss­lang dort, wo er sich auf die eige­ne Lage rich­te­te. Die Prüf­fra­ge lau­tet des­halb nicht, ob ein Gefühl gezeigt wer­den darf, son­dern wes­sen Lage die Bot­schaft zum Gegen­stand macht.

Bedeutung für die Krisenkommunikation (KMK-Bezug)

Fünf Zei­len des Bot­schafts­stra­te­gien-Sets, davon vier ohne SCCT-Clu­ster. Für die Ana­ly­se gilt die Eben­en­tren­nung: Die emo­tio­na­le Rah­mung ist eine Eigen­schaft der Bot­schaft, nicht der Reak­ti­on dar­auf – die Emo­ti­on des Publi­kums wird auf der Rezep­ti­ons­ebe­ne erho­ben und darf nicht aus der Rah­mung abge­lei­tet wer­den. Mehr­fach­co­die­rung mit einer sach­li­chen Stra­te­gie ist der Regel­fall, nicht die Ausnahme.

Zur Ver­tie­fung: Kri­sen­frames und Emo­tio­nen, Ana­ly­se von Emo­tio­nen und das Inte­gra­ted Cri­sis Map­ping, das die Zuord­nung von Publi­kum­s­emo­tio­nen zu Kri­sen­ty­pen modelliert.

Literatur

Claeys, A.-S., Cau­berg­he, V., & Ley­sen, J. (2013). Impli­ca­ti­ons of ste­al­ing thun­der for the impact of expres­sing emo­ti­ons in orga­nizatio­nal cri­sis com­mu­ni­ca­ti­on. Jour­nal of Applied Com­mu­ni­ca­ti­on Rese­arch, 41(3), 293–308. https://doi.org/10.1080/00909882.2013.806991
Coombs, W. T., & Holl­aday, S. J. (2008). Com­pa­ring apo­lo­gy to equi­va­lent cri­sis respon­se stra­te­gies: Cla­ri­fy­ing apology’s role and value in cri­sis com­mu­ni­ca­ti­on. Public Rela­ti­ons Review, 34(3), 252–257. https://doi.org/10.1016/j.pubrev.2008.04.001
Hoch­schild, A. R. (1983). The mana­ged heart: Com­mer­cia­lizati­on of human fee­ling. Uni­ver­si­ty of Cali­for­nia Press.
Laza­rus, R. S. (1991). Emo­ti­on and adap­t­ati­on. Oxford Uni­ver­si­ty Press.
Ste­phens, K. K., Wal­ler, M. J., & Sohr­ab, S. G. (2019). Over-emo­ting and per­cep­ti­ons of sin­ce­ri­ty: Effects of nuan­ced dis­plays of emo­ti­ons and cho­sen words on cre­di­bi­li­ty per­cep­ti­ons during a cri­sis. Public Rela­ti­ons Review, 45(5), 101841. https://doi.org/10.1016/j.pubrev.2019.101841