Version 2.0 · Stand: 18.07.2026
Schuldzuweisung ist der kommunikative Akt, eine Person, Gruppe oder Organisation für ein Fehlverhalten, einen Fehler oder ein Problem verantwortlich zu machen – meist mit der Implikation, dass die beschuldigte Instanz die volle Verantwortung für das negative Ereignis trägt. Sie ist in der Regel emotional aufgeladen (Ärger, Enttäuschung, Empörung) und kann berechtigt sein oder dazu dienen, die eigene Verantwortung abzuwälzen.
Das Gericht der öffentlichen Meinung
Im Unterschied zur Rechtsprechung gilt vor dem «Gericht der öffentlichen Meinung» die umgekehrte Unschuldsvermutung: «In the court of public opinion, a person is guilty until proven innocent» (Fearn-Banks, 2011). In Krisensituationen verstärkt sich dieser Mechanismus, weil Menschen dazu neigen zu glauben, was die Mehrheit glaubt (Konsonanz, sozialer Beweis).
Schuld und Verursachung
Die Schuld wird meist – aber nicht zwingend – der Instanz zugewiesen, die das Problem verursacht hat. Ob der Diskurs Schuld oder blosse Verursachung konstruiert, hängt von Kontext, Umständen und der wahrgenommenen individuellen Verantwortung ab; die Attributionstheorie beschreibt die zugrunde liegenden Zuschreibungsprozesse (→ Attributionstheorie, → Verantwortlichkeit).
Bedeutung im KMK-System
Die attribuierte Schuld ist die zentrale Variable des normativen Framings: Das Codiersystem normatives Framing codiert, wem der Diskurs die Krise anlastet (Organisation, Dritte, Schicksal); die Akteursrollen ROLE_SCHULDIG, ROLE_MITSCHULDIG und ROLE_SUENDENBOCK differenzieren die moralische Rollenzuweisung. Nach der SCCT bestimmt die zugeschriebene – nicht die tatsächliche – Schuld den Reputationsschaden und damit die Strategiewahl.
Literatur
Fearn-Banks, K. (2011). Crisis communications: A casebook approach (4. Aufl.). Routledge. [in Zotero nachzutragen]