Version 2.1 · Stand: 16.09.2026
Schuldzuweisung ist der kommunikative Akt, eine Person, Gruppe oder Organisation für ein Fehlverhalten, einen Fehler oder ein Problem verantwortlich zu machen – meist mit der Implikation, dass die beschuldigte Instanz die volle Verantwortung für das negative Ereignis trägt. Sie ist in der Regel emotional aufgeladen (Ärger, Enttäuschung, Empörung) und kann berechtigt sein oder dazu dienen, die eigene Verantwortung abzuwälzen.
Das Gericht der öffentlichen Meinung
Im Unterschied zur Rechtsprechung gilt vor dem «Gericht der öffentlichen Meinung» die umgekehrte Unschuldsvermutung: «In the court of public opinion, a person is guilty until proven innocent» (Fearn-Banks, 2011). In Krisensituationen verstärkt sich dieser Mechanismus, weil Menschen dazu neigen zu glauben, was die Mehrheit glaubt (Konsonanz, sozialer Beweis).
Schuld und Verursachung
Die Schuld wird meist – aber nicht zwingend – der Instanz zugewiesen, die das Problem verursacht hat. Ob der Diskurs Schuld oder blosse Verursachung konstruiert, hängt von Kontext, Umständen und der wahrgenommenen individuellen Verantwortung ab; die Attributionstheorie beschreibt die zugrunde liegenden Zuschreibungsprozesse (→ Attributionstheorie, → Verantwortlichkeit).
Bedeutung für die Krisenkommunikation (KMK-Bezug)
Die attribuierte Schuld ist die zentrale Variable des normativen Framings: Das Codiersystem normatives Framing codiert, wem der Diskurs die Krise anlastet (Organisation, Dritte, Schicksal). Die Akteursrollen differenzieren die moralische Rollenzuweisung feiner, und zwar in beide Richtungen. Auf der belastenden Seite stehen ROLE_SCHULDIG für die zugewiesene Hauptverantwortung, ROLE_MITSCHULDIG für die durch Frage, Forderung oder Werturteil konstruierte Mitverantwortung und ROLE_SUENDENBOCK für die isolierende Zuweisung, die komplexere Ursachen ausblendet (→ Schuld (Sündenbock)). Auf der entlastenden und der beurteilenden Seite stehen ROLE_OPFER_NORMATIV für die Darstellung als unschuldig Leidende, ROLE_RETTER für die Zuschreibung von Lösungskompetenz und ROLE_VERSAGER für das Urteil über unzureichendes Handeln. Erst die Gegenläufigkeit dieser Rollen macht den normativen Diskurs abbildbar: Schuld wird selten zugewiesen, ohne dass zugleich jemand als Opfer oder als Retter auftritt.
Die normativen Rollen halten fest, dass der Text eine Zuschreibung vornimmt. Wie stark ein Publikum zuschreibt, ist eine andere Ebene: Sie wird nicht codiert, sondern über die Rezeptionsregeln als Prognose erzeugt. Nach der SCCT bestimmt die zugeschriebene – nicht die tatsächliche – Schuld den Reputationsschaden und damit die Strategiewahl.
Die kommunikative Antwort auf eine Schuldzuweisung muss nicht zwischen Zurückweisung und Kniefall wählen. Das Teileingeständnis der Fahrlässigkeit benennt ein Versäumnis, ohne die volle Verursachung einzuräumen, und ist damit die anspruchsvollste der drei Stufen.
Literatur
Fearn-Banks, K. (2011). Crisis communications: A casebook approach (4. Aufl.). Routledge.
Noch zu verifizieren 🔴: Fearn-Banks (2011): Auflage und Verlag nicht über eine Datenbank bestätigt.