Ver­si­on 1.0 · Stand: 21.09.2026

Ste­al­ing Thun­der bezeich­net die Stra­te­gie, eine bela­sten­de Infor­ma­ti­on selbst und vor allen ande­ren offen­zu­le­gen, statt abzu­war­ten, bis Medi­en, Behör­den oder Betrof­fe­ne sie ans Licht brin­gen. Der Gegen­stand der Mit­tei­lung bleibt der­sel­be; ver­än­dert wird allein, wer zuerst dar­über spricht.

Einordnung

Der Aus­druck stammt aus der Pro­zess­rhe­to­rik: Der eige­nen Gegen­sei­te den Don­ner steh­len heisst, ihr das Ent­hül­lungs­ar­gu­ment aus der Hand zu neh­men. In die Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­ons­for­schung führ­ten ihn Arpan und Roskos-Ewold­sen (2005) ein. In ihrer expe­ri­men­tel­len Anla­ge wur­de die­sel­be bela­sten­de Infor­ma­ti­on ein­mal von der betrof­fe­nen Orga­ni­sa­ti­on selbst und ein­mal zuerst von einer ande­ren Par­tei offen­ge­legt. Die Selbst­of­fen­le­gung führ­te zu höhe­ren Glaub­wür­dig­keits­wer­ten, zu einer als weni­ger schwer­wie­gend beur­teil­ten Kri­se und zu gün­sti­ge­ren Kaufabsichten.

Die Wir­kung beruht nicht auf dem Inhalt, son­dern auf der Rei­hen­fol­ge. Wer selbst offen­legt, behält die Rah­mung des Sach­ver­halts, bestimmt Reich­wei­te und Ein­ord­nung mit und ent­zieht der Ent­hül­lung ihren Neu­ig­keits­wert. Wer war­tet, über­lässt bei­des ande­ren und han­delt sich zusätz­lich den Vor­wurf des Ver­schwei­gens ein.

Der Zeitpunkt als eigenständige Strategiegrösse

Lan­ge wur­de der Zeit­punkt der Kri­sen­re­ak­ti­on als blos­se Aus­füh­rungs­fra­ge der Stra­te­gie­wahl behan­delt. Claeys und Cau­berg­he (2012) zei­gen, dass Zeit­punkt­stra­te­gie und Ant­wort­stra­te­gie zwei Sei­ten der­sel­ben Medail­le sind: Der Zeit­punkt wirkt nicht nur zusätz­lich zum Inhalt, son­dern ver­än­dert des­sen Wir­kung. Die­sel­be Aus­sa­ge trägt unter­schied­lich, je nach­dem ob sie vor oder nach der Ent­hül­lung fällt.

Damit ist Ste­al­ing Thun­der kei­ne Vari­an­te des Ent­schul­di­gens und kei­ne Stei­ge­rung der Trans­pa­renz, son­dern eine eige­ne Grös­se auf der Zeit­ach­se — mit einem Gegen­stück, das die­sel­be Ach­se in die ande­re Rich­tung beschreibt: dem Mel­de­ver­zug.

Die KMK-Regel

Im Regel­werk RW-R2 ist die Stra­te­gie als Wenn-dann-Regel STR-R42 geführt: Ist der Schuld-Frame domi­nant und ist die Fak­ten­la­ge gegen die Orga­ni­sa­ti­on, so gilt Ste­al­ing Thun­der — selbst und früh offen­le­gen. Die Begrün­dung lau­tet: Schwei­gen wirkt als Ein­ge­ständ­nis, sobald es im Bericht selbst zum The­ma wird.

Bei­de Bedin­gun­gen sind zu prü­fen. Die Nach­bar­re­gel STR-R43 behan­delt den Fall, in dem der Schuld-Frame domi­nant ist, die Fak­ten­la­ge ihn aber nicht trägt; dort ist die Ant­wort nicht Offen­le­gung, son­dern ein beleg­ba­rer Wech­sel der Rah­mung. Ein nicht gedeck­ter Frame-Wech­sel erzeugt sei­ner­seits den Heucheleivorwurf.

Grenzen

Ste­al­ing Thun­der ist kei­ne all­ge­mei­ne Emp­feh­lung zur Vor­ei­le. Drei Ein­schrän­kun­gen sind zu beach­ten. Erstens setzt die Regel vor­aus, dass die Fak­ten­la­ge tat­säch­lich gegen die Orga­ni­sa­ti­on spricht; die Offen­le­gung eines unbe­stä­tig­ten Ver­dachts erzeugt eine Kri­se, die ohne sie nicht statt­ge­fun­den hät­te. Zwei­tens bin­det die Selbst­of­fen­le­gung: Was früh gesagt wur­de, wird spä­ter am Gesag­ten gemes­sen, und eine Kor­rek­tur nach unten ist teu­rer als eine zurück­ge­hal­te­ne Zahl. Drit­tens ersetzt sie kei­ne Schutz­mass­nah­me — wo Men­schen gefähr­det sind, steht die hand­lungs­lei­ten­de Infor­ma­ti­on vor­an, nicht die Offen­le­gung der Verantwortungsfrage.

Bedeutung für die Krisenkommunikation (KMK-Bezug)

Prak­tisch ent­schei­det Ste­al­ing Thun­der meist nicht über den Aus­gang der Sach­kri­se, son­dern dar­über, ob eine zwei­te hin­zu­tritt. Wo die Orga­ni­sa­ti­on selbst offen­legt, fehlt der Kri­tik an der Kom­mu­ni­ka­ti­on ihr Anlass; wo sie war­tet, ent­steht genau dar­aus die sekun­dä­re Dop­pel­kri­se. Der Abstand zwi­schen Kennt­nis und Offen­le­gung ist damit die Grös­se, an der bei­des hängt.

In der Codie­rung schlägt sich das Unter­las­sen im Code COMM_SCHWEIGER nie­der — der Orga­ni­sa­ti­on wird die Rol­le der­je­ni­gen zuge­wie­sen, die sich nicht äus­sert. Sobald die­se Rol­le im Bericht ver­ge­ben ist, ist der Vor­teil der Selbst­of­fen­le­gung nicht mehr zu erlan­gen: Ste­al­ing Thun­der ist eine Stra­te­gie mit einem Verfallsdatum.

Literatur

Arpan, L. M., & Roskos-Ewold­sen, D. R. (2005). Ste­al­ing thun­der: Ana­ly­sis of the effects of proac­ti­ve dis­clo­sure of cri­sis infor­ma­ti­on. Public Rela­ti­ons Review, 31(3), 425–433. https://doi.org/10.1016/j.pubrev.2005.05.003

Claeys, A.-S., & Cau­berg­he, V. (2012). Cri­sis respon­se and cri­sis timing stra­te­gies, two sides of the same coin. Public Rela­ti­ons Review, 38(1), 83–88. https://doi.org/10.1016/j.pubrev.2011.09.001

Frand­sen, F., & Johan­sen, W. (2017). Orga­nizatio­nal cri­sis com­mu­ni­ca­ti­on: A mul­ti­vo­cal approach. Sage.