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Ver­si­on 2.1 · Stand: 28.09.2026

Ein Skan­dal ist nach Kepp­lin­ger «ein Miss­stand, der nach ein­hel­li­ger Ansicht der Urtei­len­den bedeu­tend ist, ver­meid­bar gewe­sen wäre, durch schuld­haf­tes Ver­hal­ten her­vor­ge­ru­fen wur­de und des­halb all­ge­mei­ne Empö­rung her­vor­ruft» (Kepp­lin­ger, 2002, S. 81).

«Bei jedem Skan­dal gibt es Wort­füh­rer, eini­ge Mit­läu­fer, vie­le Chro­ni­sten und weni­ge Skep­ti­ker» (Kepp­lin­ger, 2012, zitiert nach Kautz, 2015)

Einordnung

Ein Skan­dal liegt vor, wenn die Medi­en, die Öffent­lich­keit oder Stake­hol­der ein Pro­blem auf ein (ver­ant­wor­tungs­lo­ses) Fehl­ver­hal­ten meist öffent­li­cher Per­so­nen oder Insti­tu­tio­nen zurück­füh­ren und mit Empö­rung dar­auf reagie­ren. In die­sem Sin­ne ist ein Shits­torm eine moder­ne Form der Skan­da­li­sie­rung. «Im Zen­trum der Bericht­erstat­tung steht somit weni­ger der Miss­stand selbst, als viel­mehr die Ursa­che und die Anpran­ge­rung des Pro­blem­ver­ur­sa­chers mit sei­ner Fehl­hand­lung als Sün­den­bock» (Bae­ris­wyl, 2018, S. 76).

Die fol­gen­den Merk­ma­le zeich­nen einen Skan­dal aus (sie­he auch Kepp­lin­ger, 2018):

  • Er nimmt Bezug auf einen mate­ri­el­len oder imma­te­ri­el­len Miss­stand (Burk­hardt, 2006, S. 81).
  • Ursa­che ist ein mora­lisch-ethi­sches, öko­lo­gi­sches, sozia­les oder wirt­schaft­li­ches Fehl­ver­hal­ten eines oder meh­re­rer Men­schen. Als Fehl­ver­hal­ten bezeich­net man die Ver­let­zung einer Norm, also einen Norm­bruch (Kautz, 2015).
  • Es besteht eine Ten­denz zur Per­so­ni­fi­zie­rung: Ein Ver­ur­sa­cher wird gesucht und the­ma­ti­siert (vgl. Pundt, 2008, S. 211).
  • Der Ver­ur­sa­cher hat vor­sätz­lich aus eigen­nüt­zi­gen Grün­den oder zumin­dest fahr­läs­sig gehan­delt. Er war sich der Kon­se­quen­zen bewusst und hät­te die Wahl gehabt, anders zu handeln.
  • Es fol­gen kol­lek­ti­ve emo­tio­na­le Reak­tio­nen wie Empö­rung, Wut und Ärger (Kepp­lin­ger, 2002, S. 81): Der Ver­ur­sa­cher trägt die mora­li­sche Ver­ant­wor­tung (Ver­ant­wort­lich­keits­frame), und Schuld ver­langt in ihrer Kon­se­quenz Süh­ne (Kon­se­quen­zen-Frame).
  • Media­ti­sie­rung (Kumu­la­ti­on, Kon­so­nanz und Öffent­lich­keit nach Noel­le-Neu­mann): Die Medi­en stel­len das Gesche­hen sehr inten­siv und weit­ge­hend über­ein­stim­mend dar (Kepp­lin­ger, 2018, S. 28).

Von einer skan­dal­be­ding­ten Kri­se spricht man, wenn die Kri­se ein­deu­tig auf ein Fehl­ver­hal­ten zurück­zu­füh­ren ist und in den Medi­en als Skan­dal dar­ge­stellt wird.

Skandal als Frame

Nach dem Framing-Kon­zept lässt sich der Skan­dal mit dem Ver­ant­wort­lich­keits­frame gleich­set­zen: «Die­ser Frame prä­sen­tiert ein Ereig­nis, Pro­blem oder The­ma so, dass für mög­li­che Ursa­chen oder Lösun­gen die Ver­ant­wor­tung bestimm­ten Indi­vi­du­en, Grup­pen oder der Regie­rung zuge­schrie­ben wer­den» (Schenk, 2007, S. 316).

Skandalisierung

Von Skan­da­li­sie­rung durch die Medi­en spricht man, wenn die Medi­en ein Pro­blem nicht beschrei­bend dar­stel­len, son­dern – zuge­spitzt und emo­tio­nal – als Miss­stand infol­ge des Fehl­ver­hal­tens einer Per­son anprangern.

Skandal und Reputation

«Je mehr die Stake­hol­der [respek­ti­ve die Medi­en und die Öffent­lich­keit] die Ver­ant­wort­lich­keit für nega­ti­ve Aus­wir­kun­gen der Kri­se einer Orga­ni­sa­ti­on zuschrei­ben, desto wahr­schein­li­cher resul­tiert dies in nega­ti­ven Ein­stel­lun­gen gegen­über dem (ver­meint­li­chen) Ver­ur­sa­cher und führt zu Repu­ta­ti­ons­ver­lust. Mit zuneh­men­der Kluft zwi­schen der von betrof­fe­nen Orga­ni­sa­tio­nen öffent­lich über­nom­me­nen Ver­ant­wor­tung (Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stra­te­gien) und der von Stake­hol­dern zuge­schrie­be­nen Ver­ant­wor­tung (Attri­bu­ti­on), neh­men auch die kri­sen­be­ding­ten Repu­ta­ti­ons­schä­den zu» (Schwarz & Löf­fel­holz, 2014, S. 10).

Skandalisierungspotenzial eines Problems

Gewis­se Ereig­nis- und Hand­lungs­ab­fol­gen haben das Poten­zi­al, in den Medi­en skan­da­li­siert zu wer­den. Chri­sti­na Beck von der Max-Planck-Gesell­schaft emp­fiehlt, die fol­gen­den Fra­gen zu stel­len, um das Skan­da­li­sie­rungs­po­ten­zi­al eines pro­ble­ma­ti­schen Zustands abzuschätzen:

  1. Lässt sich das Pro­blem als Fol­ge schuld­haf­ten Ver­hal­tens einer Per­son oder der Orga­ni­sa­ti­on darstellen?
  2. Haben Betei­lig­te aus nie­de­ren Moti­ven gehan­delt und die nega­ti­ven Fol­gen ihres Han­delns bewusst in Kauf genommen?
  3. Haben sich han­deln­de Per­so­nen aus Eigen­nutz über Regeln hinweggesetzt?
  4. Haben die Ent­schei­dun­gen nega­ti­ve Aus­wir­kun­gen auf die Betroffenen?
  5. Löst der Fall Empö­rung in der Öffent­lich­keit aus?
  6. Wird das The­ma aus ver­schie­de­nen Per­spek­ti­ven eine medi­en­über­grei­fen­de Dis­kus­si­on auslösen?
  7. Grei­fen Inter­es­sen­ver­bän­de (zum Bei­spiel NGOs) das The­ma auf und instru­men­ta­li­sie­ren es für eige­ne Zwecke?

Ungerechtfertigte Skandale

Skan­da­le sind nach Kepp­lin­ger nicht in jedem Fall Instru­men­te der Auf­klä­rung. «In eini­gen Fäl­len waren die mei­sten Berich­te irre­füh­rend oder gänz­lich falsch, obwohl die Fak­ten erkenn- und recher­chier­bar waren» (Kepp­lin­ger, 2018, S. 17). Das kann so weit gehen, dass jeman­dem zu Unrecht ein Fehl­ver­hal­ten vor­ge­wor­fen und er dafür ange­pran­gert wird. «In eini­gen Fäl­len stan­den die unbe­ab­sich­tig­ten nega­ti­ven Neben­fol­gen in kei­nem Ver­hält­nis zu den Ursa­chen. Die Skan­da­li­sie­rung Bar­schels, des­sen Ver­hal­ten auch des­halb so empö­rend erschien, weil die Mit­wis­ser­schaft Eng­holms nicht bekannt war, ende­te mit dem Mord oder Selbst­mord des teil­wei­se zu Unrecht Beschul­dig­ten» (Kepp­lin­ger, 2018, S. 19). Die Skan­da­li­sie­rung kann also zu «Stra­fen» und ande­ren Fol­gen füh­ren, die in kei­nem Ver­hält­nis zum Fehl­ver­hal­ten ste­hen: «In eini­gen Fäl­len wur­den Unschul­di­ge mit zum Teil gra­vie­ren­den Neben­fol­gen geäch­tet» (Kepp­lin­ger, 2018, S. 23).

Skandal und Konflikt

Ein publi­zi­sti­scher Kon­flikt kann sich zu einem Skan­dal ent­wickeln, wenn die Medi­en und die Öffent­lich­keit ein­hel­lig eine Posi­ti­on, Hal­tung oder ein Ver­hal­ten als ver­werf­lich wahr­neh­men und dar­stel­len. Das war bei Brent Spar der Fall, der anfäng­lich als Kon­flikt dar­ge­stellt wor­den war: Auf­grund der Pro­test­ak­tio­nen und Ver­öf­fent­li­chun­gen von Green­peace befür­wor­te­ten die Medi­en und die Öffent­lich­keit in Deutsch­land nach und nach die Hal­tung von Green­peace und ver­ur­teil­ten die Absicht von Shell als Fehl­ver­hal­ten. Zu den Rol­len im Skan­dal sie­he Kon­flikt.

In Fallstudien behandelte Skandale

Bedeutung für die Krisenkommunikation (KMK-Bezug)

Im KMK-System trägt das Clu­ster mit star­ker Ver­ant­wor­tungs­zu­schrei­bung die Bezeich­nung «Scan­dal»; es ent­spricht dem Clu­ster «Pre­ven­ta­ble» der situa­ti­ven Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­ons­theo­rie (→ Coombs Situa­tio­nal Cri­sis Com­mu­ni­ca­ti­on Theo­ry). Die Merk­ma­le oben erklä­ren, wes­halb die­ser Kri­sen­typ die gröss­te Repu­ta­ti­ons­ge­fahr trägt: Der Ver­ant­wort­lich­keits­frame weist die Schuld einem iden­ti­fi­zier­ba­ren Ver­ur­sa­cher zu, die Empö­rung ver­langt nach Kon­se­quen­zen, und die kon­so­nan­te Bericht­erstat­tung lässt wenig Raum für eine abwei­chen­de Deu­tung. Für die Stra­te­gie­wahl folgt dar­aus, dass die Kom­mu­ni­ka­ti­on die zuge­schrie­be­ne Ver­ant­wor­tung ernst neh­men muss, statt sie zu bestrei­ten – es sei denn, es liegt ein unge­recht­fer­tig­ter Skan­dal vor und die Fak­ten­la­ge lässt sich belegen.

Literatur

Bae­ris­wyl, O. (2018). Unter­neh­men am Pran­ger: Kri­sen und Kom­mu­ni­ka­ti­on. media­ta sa.
Schenk, M. (2007). Medi­en­wir­kungs­for­schung (3. Aufl.). Mohr Siebeck.

Noch zu veri­fi­zie­ren 🔴: Kepp­lin­ger (2002, S. 81), Kepp­lin­ger (2012), Kepp­lin­ger (2018, S. 17, 19, 23, 28), Kautz (2015), Burk­hardt (2006, S. 81), Pundt (2008, S. 211) sowie Schwarz und Löf­fel­holz (2014, S. 10) – die voll­stän­di­gen Nach­wei­se feh­len. Zu Schwarz und Löf­fel­holz: Die Sei­ten­an­ga­be passt nicht zur Druck­fas­sung von 2014 im Hand­buch Unter­neh­mens­kom­mu­ni­ka­ti­on (S. 1303–1319), wohl aber zur Online-Fas­sung von 2019 (S. 1–17, https://doi.org/10.1007/978-3-658-03894-6_46-1), die auch der Ein­trag «Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on» zitiert; Jahr, Fas­sung und Wort­laut sind am Ori­gi­nal zu prüfen.