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Ver­si­on 1.0 · Stand: 06.08.2026

Das Inte­gra­ted Cri­sis Map­ping (ICM) ist ein publi­kums­zen­trier­tes, emo­ti­ons­ba­sier­tes Modell der Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on, das Yan Jin, Augu­sti­ne Pang und Glen T. Came­ron ab 2007 ent­wickelt und in meh­re­ren Stu­di­en gete­stet haben. Es ver­or­tet Kri­sen auf zwei Kon­ti­nua – dem Grad des orga­ni­sa­tio­na­len Enga­ge­ments und der Bewäl­ti­gungs­stra­te­gie der Publi­ka (kogni­tiv ver­sus kona­tiv) – und lei­tet aus die­ser Ver­or­tung die jeweils domi­nie­ren­den Emo­tio­nen der Betrof­fe­nen ab. Die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stra­te­gie folgt damit nicht pri­mär der Fra­ge, wie die Orga­ni­sa­ti­on ihre Repu­ta­ti­on ver­tei­digt, son­dern der Fra­ge, was das Publi­kum fühlt und wie es die Kri­se bewäl­tigt.

Einordnung

Eta­blier­te Model­le wie die Situa­tio­nal Cri­sis Com­mu­ni­ca­ti­on Theo­ry (SCCT) von Coombs oder die Image Repair Theo­ry von Benoit ord­nen einer Kri­sen­si­tua­ti­on rhe­to­ri­sche Ant­wort­stra­te­gien zu. Ihr Aus­gangs­punkt ist die Ver­ant­wor­tungs­zu­schrei­bung: Je stär­ker die Orga­ni­sa­ti­on als Ver­ur­sa­che­rin wahr­ge­nom­men wird, desto akkom­mo­die­ren­der muss sie ant­wor­ten. Das ICM ver­schiebt den Aus­gangs­punkt vom Absen­der zum Publi­kum. Nicht die zuge­schrie­be­ne Schuld, son­dern die emo­tio­na­le Ver­fas­sung der Stake­hol­der und deren Bewäl­ti­gungs­ver­hal­ten struk­tu­rie­ren die Kommunikationsaufgabe.

Das Modell steht in der For­schungs­li­nie von Glen T. Came­ron und teilt mit des­sen Kon­tin­genz­theo­rie die Grund­fi­gur des Kon­ti­nu­ums: Es gibt kei­ne all­ge­mein­gül­tig beste Posi­ti­on, son­dern nur eine situa­tiv ange­mes­se­ne Ver­or­tung auf zwei Ach­sen. Die Ent­wick­lung ver­lief in vier Etap­pen – kon­zep­tio­nel­le Grund­le­gung (Jin, Pang & Came­ron, 2007), zwei­te Ent­wick­lungs­stu­fe mit sechs Fall­stu­di­en (Pang, Jin & Came­ron, 2009), Erst­test und Schluss­stu­fe (2010) sowie mehr­stu­fi­ge Über­prü­fung im Jour­nal of Public Rela­ti­ons Rese­arch (Jin, Pang & Came­ron, 2012).

Theoretische Grundlage: kognitive Bewertung nach Lazarus

Das ICM stützt sich auf die Cogni­ti­ve App­raisal Theo­ry von Richard S. Laza­rus. Emo­tio­nen ent­ste­hen dem­nach nicht als Reflex auf ein Ereig­nis, son­dern als Ergeb­nis eines zwei­stu­fi­gen Bewertungsprozesses:

  • Pri­mä­re Bewer­tung (pri­ma­ry app­raisal): Ist das Ereig­nis für mei­ne Zie­le und mein Wohl­erge­hen rele­vant? Ist es ziel­kon­gru­ent oder ziel­wid­rig? Wie stark bin ich betroffen?
  • Sekun­dä­re Bewer­tung (secon­da­ry app­raisal): Wer trägt die Ver­ant­wor­tung? Wel­che Bewäl­ti­gungs­res­sour­cen ste­hen mir zur Ver­fü­gung? Wie sind mei­ne Zukunftserwartungen?

Aus der Kom­bi­na­ti­on bei­der Bewer­tun­gen erge­ben sich die Core Rela­tio­nal The­mes, die spe­zi­fi­schen Bezie­hungs­ker­ne, aus denen ein­zel­ne Emo­tio­nen her­vor­ge­hen. Für die Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on sind vier davon zentral:

Emo­ti­on Core Rela­tio­nal The­me (Laza­rus)
Wut (anger) eine her­ab­set­zen­de Krän­kung gegen­über «mir und den Meinen»
Angst (anxie­ty) eine unge­wis­se, exi­sten­zi­el­le Bedrohung
Schrecken/Furcht (fright) eine unmit­tel­ba­re, kon­kre­te und über­wäl­ti­gen­de Gefahr
Trau­er (sad­ness) ein unwie­der­bring­li­cher Verlust
Ter­mi­no­lo­gi­scher Hin­weis: Die eng­li­schen Begrif­fe anxie­ty und fright wer­den im Deut­schen bei­de gern mit «Angst» über­setzt. Das ICM unter­schei­det sie strikt – anxie­ty meint die dif­fu­se, unge­wis­se Bedro­hung, fright die kon­kre­te, aku­te Gefahr. Die­se Unter­schei­dung ist für die Qua­dran­ten­zu­ord­nung konstitutiv.

Emotionen und Kausalattribution

Ein zen­tra­ler Punkt des ICM ist, dass Emo­tio­nen nicht durch­gän­gig von der Schuld­fra­ge abhän­gen. Publi­ka kön­nen in einer Kri­se Angst oder Trau­er emp­fin­den, ohne die Orga­ni­sa­ti­on zu beschul­di­gen – und umge­kehrt. Für die Ana­ly­se las­sen sich drei Grup­pen unterscheiden:

  • Attri­bu­ti­ons­un­ab­hän­gi­ge Emo­tio­nen: Angst und Sym­pa­thie tre­ten weit­ge­hend unab­hän­gig davon auf, wem die Ver­ant­wor­tung zuge­schrie­ben wird.
  • Emo­tio­nen mit exter­ner Kau­sal­at­tri­bu­ti­on: Trau­er oder Ekel ent­ste­hen, wenn die Ursa­che aus­ser­halb der Kon­trol­le der Betrof­fe­nen oder bei einer drit­ten Instanz ver­or­tet wird.
  • Emo­tio­nen mit inter­ner Kau­sal­at­tri­bu­ti­on: Schuld und Scham ent­ste­hen, wenn die Ver­ant­wor­tung in der eige­nen Ein­fluss­sphä­re gese­hen wird.

Damit kor­ri­giert das ICM eine Ver­kür­zung der attri­bu­ti­ons­theo­re­tisch fun­dier­ten Model­le: Wer nur die Ver­ant­wor­tungs­zu­schrei­bung misst, erfasst die affek­ti­ve Lage der Stake­hol­der nur teilweise.

Die zwei Kontinua

  • Orga­ni­sa­tio­na­les Enga­ge­ment (Y‑Achse): Das Aus­mass, in dem die Orga­ni­sa­ti­on Res­sour­cen in die Kri­sen­be­wäl­ti­gung inve­stiert. Hohes Enga­ge­ment bedeu­tet inten­si­ve, gebün­del­te und über die Zeit durch­ge­hal­te­ne Res­sour­cen­al­lo­ka­ti­on; nied­ri­ges Enga­ge­ment steht für ver­gleichs­wei­se gerin­gen Mit­tel­ein­satz, wie er typi­scher­wei­se bei extern ver­ur­sach­ten oder kaum kon­trol­lier­ba­ren Ereig­nis­sen beob­ach­tet wird.
  • Bewäl­ti­gungs­stra­te­gie der Publi­ka (X‑Achse): Kogni­ti­ves Coping meint die gedank­li­che Neu­be­wer­tung und Ein­ord­nung der Kri­se – Ver­ste­hen, Deu­ten, Sinn her­stel­len. Kona­ti­ves Coping meint Hand­lungs­ten­den­zen und akti­ves Pro­blem­lö­sen – Infor­ma­ti­ons­su­che, Beschwer­de, Boy­kott, recht­li­che Schrit­te, öffent­li­che Kritik.

Zwi­schen bei­den Coping-For­men besteht eine Sequenz: Kogni­ti­ve Ver­ar­bei­tung geht dem kona­ti­ven Han­deln in aller Regel vor­aus. Für die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pla­nung folgt dar­aus eine Prio­ri­sie­rungs­re­gel – zuerst die kogni­ti­ve Last sen­ken (Ori­en­tie­rung, Fak­ten, Ein­ord­nung), erst danach Hand­lungs­auf­for­de­run­gen plat­zie­ren. Bot­schaf­ten, die kona­ti­ves Ver­hal­ten steu­ern wol­len, bevor Ver­ste­hen mög­lich ist, lau­fen ins Leere.

Die vier Quadranten

Vier-Quadranten-Matrix des Integrated Crisis Mapping: Achsen organisationales Engagement (hoch/niedrig) und Bewältigungsstrategie der Publika (kognitiv/konativ) mit den dominanten Emotionen Trauer, Wut und Angst, Schrecken/Furcht sowie Angst und Wut.
Die vier Qua­dran­ten des ICM mit den jeweils domi­nan­ten Emo­tio­nen und typi­schen Kri­sen­ar­ten. Dar­stel­lung krisenkom.ch nach Pang, Jin & Came­ron (2009) und Jin, Pang & Came­ron (2012).
Qua­drant Kon­stel­la­ti­on Domi­nan­te Emotionen Typi­sche Krisenarten
Q1 hohes Enga­ge­ment / kona­ti­ves Coping Wut und Angst, beglei­tet von Trauer Indu­strie­un­fäl­le mit hoher inter­ner Ver­ant­wor­tung, Fehl­ver­hal­ten der Geschäfts­lei­tung, Arbeits­kon­flik­te, regu­la­to­ri­sche Krisen
Q2 hohes Enga­ge­ment / kogni­ti­ves Coping Trau­er (pri­mär), sekun­där Wut und Schrecken Natur­ka­ta­stro­phen, unver­schul­de­te Unfäl­le, feind­li­che Übernahmen
Q3 nied­ri­ges Enga­ge­ment / kogni­ti­ves Coping Schrecken/Furcht (pri­mär), sekun­där Wut bös­ar­ti­ge Gerüch­te, Rück­tritt der Füh­rungs­spit­ze, ter­ro­ri­sti­sche bzw. psy­cho­pa­thi­sche Taten
Q4 nied­ri­ges Enga­ge­ment / kona­ti­ves Coping Angst und Wut Sicher­heits­ver­let­zun­gen, Rechts­strei­tig­kei­ten, Datenschutzvorfälle
Qua­dran­ten­zu­ord­nung nach den empi­risch gete­ste­ten Fas­sun­gen (Pang, Jin & Came­ron, 2009; Jin, Pang & Came­ron, 2012). Die Num­me­rie­rung in der Erst­pu­bli­ka­ti­on von 2007 weicht davon ab – bei Lite­ra­tur­ver­glei­chen ist stets auf die Ach­sen­kom­bi­na­ti­on, nicht auf die Qua­dran­ten­num­mer abzustellen.

Über alle gete­ste­ten Fäl­le hin­weg erwies sich Angst als Default-Emo­ti­on: der affek­ti­ve Grund­zu­stand, den Publi­ka unab­hän­gig vom Kri­sen­typ zunächst fast immer ein­neh­men. Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on, die die­sen Grund­zu­stand nicht adres­siert, ver­fehlt ihr Publi­kum, gleich wie prä­zi­se sie in der Sache argumentiert.

Der «Mythos des niedrigen Engagements»

In der Schluss­stu­fe der Modell­ent­wick­lung stell­ten die Autoren die Trag­fä­hig­keit der unte­ren Qua­dran­ten selbst in Fra­ge. Ihre Stu­di­en zei­gen eine deut­li­che Wahr­neh­mungs­lücke: Orga­ni­sa­tio­nen bewer­te­ten die Wirk­sam­keit der eige­nen Kri­sen­stra­te­gien signi­fi­kant höher als die betrof­fe­nen Publi­ka deren Akzep­ta­bi­li­tät. Ein bewusst nied­rig gehal­te­nes Enga­ge­ment wird von aus­sen sel­ten als sach­li­che Ange­mes­sen­heit gele­sen, son­dern als Gleich­gül­tig­keit oder als still­schwei­gen­des Schuldeingeständnis.

Für die heu­ti­ge Pra­xis lässt sich die­se Beob­ach­tung fort­schrei­ben: Unter den Bedin­gun­gen digi­ta­ler Echt­zeit­öf­fent­lich­keit erzwin­gen sozia­le Medi­en häu­fig eine Ver­schie­bung aus Q3 oder Q4 hin zu einer hand­lungs­ori­en­tier­ten Posi­ti­on – auch dort, wo die Orga­ni­sa­ti­on objek­tiv wenig Ein­fluss auf die Kri­sen­ur­sa­che hat. Zurück­hal­tung bei der Res­sour­cen­bin­dung ist des­halb kom­mu­ni­ka­tiv zu kom­pen­sie­ren, wenn sie sach­lich gebo­ten bleibt.

Vom «Qualified Rhetoric-Mix» zum «Action-Based Stance»

Die unter­such­ten Orga­ni­sa­tio­nen reagier­ten in der Mehr­zahl der Fäl­le mit einem Qua­li­fi­ed Rhe­to­ric-Mix Stance: einer Mischung aus defen­si­ven Bot­schaf­ten (Ent­schul­di­gun­gen, Recht­fer­ti­gun­gen) und akkom­mo­die­ren­den Ele­men­ten (Ein­schmei­che­lung, Kor­rek­tur­mass­nah­men), durch­setzt mit juri­sti­schen Vor­be­hal­ten. Kom­mu­ni­ka­tiv ist die­se Hal­tung hoch­ge­rü­stet, affek­tiv bleibt sie wir­kungs­los: Sie beant­wor­tet die Fra­ge «Was tut ihr?» nicht und beru­higt niemanden.

Das ICM for­dert statt­des­sen den Über­gang zu einem Action-Based Stance. Des­sen sprach­li­ches Kern­in­stru­ment ist die Emo-Action Lan­guage – eine dua­le Bot­schafts­struk­tur, die zwei Lei­stun­gen in der­sel­ben Aus­sa­ge erbringt:

  1. Emo­tio­na­le Vali­die­rung: Die expli­zi­te Aner­ken­nung der affek­ti­ven Lage und des Leids der Betrof­fe­nen. Das Publi­kum muss erken­nen, dass sei­ne Angst, Wut oder Trau­er wahr­ge­nom­men und ernst genom­men wird.
  2. Ope­ra­ti­ves Ver­spre­chen: Die gleich­zei­ti­ge Zusa­ge kon­kre­ter, über­prüf­ba­rer Mass­nah­men mit Zustän­dig­keit und Zeithorizont.

Fehlt der erste Teil, wirkt die Bot­schaft kalt; fehlt der zwei­te, wirkt sie als blos­se Rhe­to­rik. Für Situa­tio­nen extre­mer Unge­wiss­heit, in denen belast­ba­re Fak­ten noch feh­len, emp­fiehlt sich als Über­gangs­lö­sung eine stra­te­gi­sche Hal­te­po­si­ti­on 🔴 (pra­xis­ori­en­tier­te Ablei­tung, im Ori­gi­nal­mo­dell nicht als eige­ner Ter­mi­nus geführt): Trans­pa­renz über den Pro­zess – wer klärt was bis wann – statt über unge­prüf­te Fak­ten. Sie ist aus­drück­lich als tem­po­rä­re Brücke zu ver­ste­hen und geht bei Über­deh­nung in den Qua­li­fi­ed Rhe­to­ric-Mix über.

Wenn-Dann-Regeln für die Praxis

  • Wenn Wut domi­niert (Q1): Dann Dees­ka­la­ti­on durch vol­le Ver­ant­wor­tungs­über­nah­me. Das Core Rela­tio­nal The­me der Wut ist die erleb­te Her­ab­set­zung – die mora­li­sche Balan­ce muss durch mate­ri­el­le oder orga­ni­sa­tio­na­le Kom­pen­sa­ti­on wie­der­her­ge­stellt wer­den. Stra­te­gien des Wie­der­auf­baus (Ent­schul­di­gung, Wie­der­gut­ma­chung) sind hier alternativlos.
  • Wenn Angst domi­niert (Default-Zustand): Dann Prio­ri­sie­rung von Instruk­ti­on und Sicher­heits­zu­sa­ge. Angst resul­tiert aus einer unge­wis­sen Bedro­hung bei unkla­ren Bewäl­ti­gungs­res­sour­cen – die Kom­mu­ni­ka­ti­on muss die kogni­ti­ve Kom­ple­xi­tät redu­zie­ren und kla­re Ver­hal­tens­pfa­de aufzeigen.
  • Wenn Trau­er domi­niert (exter­ne Attri­bu­ti­on, Q2): Dann Empa­thie und Unter­stüt­zung vor Sach­in­for­ma­ti­on. Eine rein sach­ori­en­tier­te Infor­ma­ti­on wird als Käl­te gele­sen und unter­gräbt die orga­ni­sa­tio­na­le Legi­ti­mi­tät. Die Orga­ni­sa­ti­on posi­tio­niert sich als Teil der Trauergemeinschaft.
  • Wenn Schrecken/Furcht domi­niert (Q3): Dann Ori­en­tie­rung stif­ten statt Hand­lungs­druck erzeu­gen. Bei Gerüch­ten und dif­fu­sen Bedro­hungs­la­gen sucht das Publi­kum kogni­ti­ve Ein­ord­nung; Fak­ten­ve­ri­fi­ka­ti­on und akti­ve Des­in­for­ma­ti­ons­be­kämp­fung stär­ken das Secon­da­ry Appraisal.
  • Wenn kogni­ti­ve Über­la­stung droht: Dann kei­ne kona­ti­ven Hand­lungs­auf­for­de­run­gen, bevor die Orga­ni­sa­ti­on als Quel­le kogni­ti­ver Ent­la­stung eta­bliert ist. Erst Ver­ste­hen ermög­li­chen, dann Ver­hal­ten anleiten.

Kritik und Grenzen

  • Empi­ri­sche Basis: Die Modell­ent­wick­lung stützt sich auf ver­gleichs­wei­se klei­ne Stich­pro­ben pro Fall und auf ein durch­ge­hend US-ame­ri­ka­ni­sches Sam­ple. Kul­tur­ver­glei­chen­de Anschluss­ar­bei­ten («Indi­ge­nisa­ti­on» des ICM) zei­gen, dass Emo­ti­ons­pro­fi­le kul­tu­rell variieren.
  • Sta­bi­li­tät der Zuord­nung: Die Qua­dran­ten sind unter­schied­lich gut besetzt; ins­be­son­de­re die Kon­stel­la­ti­on nied­ri­ges Engagement/konatives Coping liess sich empi­risch nur schwach bele­gen. Die Autoren selbst rela­ti­vie­ren die unte­re Modellhälfte.
  • Stra­te­gi­sche Auf­lö­sung: Das ICM beschreibt Emo­tio­nen prä­zi­ser als die SCCT, lei­tet dar­aus aber kei­ne ähn­lich trenn­schar­fe Zuord­nung kon­kre­ter Bot­schafts­stra­te­gien ab. Es ersetzt die SCCT nicht, son­dern ergänzt sie um die affek­ti­ve Dimen­si­on. Für die Nach­kri­sen­pha­se lie­fert der Dis­cour­se of Rene­wal die kom­ple­men­tä­re, pro­spek­ti­ve Perspektive.
  • Emo­ti­ons­ka­ta­lo­ge: Die Beschrän­kung auf vier bis sechs Basis­emo­tio­nen blen­det Misch­emo­tio­nen und mora­li­sche Empö­rung aus, die in der neue­ren For­schung eigen­stän­dig behan­delt werden.

Bedeutung für die Krisenkommunikation (KMK-Bezug)

Das ICM ergänzt das KMK-Regel­werk um die affek­ti­ve Dimen­si­on, die in den attri­bu­ti­ons­ba­sier­ten Model­len unter­be­lich­tet bleibt. Die Anschluss­stel­len an die vier Ana­ly­se­mo­du­le sind unmittelbar:

  • ADAM (Kon­text­ana­ly­se): Die Ver­or­tung des Falls auf den bei­den Kon­ti­nua – erwar­te­tes orga­ni­sa­tio­na­les Enga­ge­ment und domi­nie­ren­de Coping-Form der Publi­ka – wird als kon­tex­tu­el­ler Mode­ra­tor erfasst. Sie lie­fert die Pro­gno­se der zu erwar­ten­den Emo­ti­ons­la­ge, bevor Medi­en­ma­te­ri­al vorliegt.
  • SCHNUFFI und FRAMI (Recher­che und Frame-Ana­ly­se): Die vier ICM-Emo­tio­nen sind direkt an das Codier­sy­stem der emo­tio­na­len Rah­mung anschluss­fä­hig. Die Qua­dran­ten­pro­gno­se aus ADAM lässt sich am tat­säch­li­chen Emo­ti­ons­pro­fil der Bericht­erstat­tung vali­die­ren; Abwei­chun­gen sind dia­gno­stisch wert­voll – etwa wenn ein Fall auf dem Papier in Q2 liegt, die Bericht­erstat­tung aber Wut transportiert.
  • EVI (Stra­te­gie): Die oben for­mu­lier­ten Wenn-Dann-Regeln las­sen sich mit dem Bot­schafts­stra­te­gien-Set und den Ver­hal­tens­stra­te­gien nach Breit­sohl kop­peln: Die SCCT bestimmt über die Ver­ant­wor­tungs­zu­schrei­bung wel­che Stra­te­gie zuläs­sig ist, das ICM bestimmt über die Emo­ti­ons­la­ge in wel­cher Tona­li­tät sie for­mu­liert wer­den muss. Die Emo-Action Lan­guage ist dabei die ope­ra­ti­ve Vor­ga­be für die Textproduktion.

Prak­tisch bedeut­sam ist zudem der Befund zur Default-Emo­ti­on: Da Angst den affek­ti­ven Aus­gangs­zu­stand bil­det, gehört die Reduk­ti­on von Unge­wiss­heit – kla­re Instruk­ti­on, benann­te Zustän­dig­keit, über­prüf­ba­rer Zeit­ho­ri­zont – in jede Erst­re­ak­ti­on, unab­hän­gig vom Kri­sen­typ und lan­ge bevor die Ver­ant­wor­tungs­fra­ge geklärt ist.

Literatur

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