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Ver­si­on 2.1 · Stand: 05.08.2026

Die Kon­tin­genz­theo­rie (Con­tin­gen­cy Theo­ry of Accom­mo­da­ti­on, spä­ter Con­tin­gen­cy Theo­ry of Stra­te­gic Con­flict Manage­ment) besagt, dass es kei­ne all­ge­mein­gül­tig beste Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stra­te­gie gibt: Die Hal­tung einer Orga­ni­sa­ti­on gegen­über ihren Publi­ka bewegt sich auf einem Kon­ti­nu­um zwi­schen Pure Advo­ca­cy (kon­se­quen­te Inter­es­sen­ver­tre­tung, Gegen­wehr) und Pure Accom­mo­da­ti­on (rei­nes Ent­ge­gen­kom­men bis zur Ent­schul­di­gung) – und die jeweils ange­mes­se­ne Posi­ti­on hängt von der Situa­ti­on ab (Can­cel, Came­ron, Sal­lot & Mit­rook, 1997).

Einordnung

Ent­wickelt wur­de die Theo­rie von Glen T. Came­ron und Kol­le­gen als Kri­tik an nor­ma­ti­ven «One best way»-Modellen der PR-For­schung, ins­be­son­de­re an der sym­me­tri­schen Kom­mu­ni­ka­ti­on der Excel­lence-Theo­rie. Ihr Leit­satz «It depends» wird durch einen umfang­rei­chen Kata­log von Ein­fluss­va­ria­blen kon­kre­ti­siert – je nach Quel­le wer­den 86 bzw. 87 Fak­to­ren genannt –, die als hoch­dy­na­mi­sches Wenn-Dann-System zusam­men­wir­ken: Sie legen den genau­en Punkt auf dem Kon­ti­nu­um fest, den eine Orga­ni­sa­ti­on zu einem bestimm­ten Zeit­punkt gegen­über einer bestimm­ten Öffent­lich­keit ein­nimmt. Für die Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on wur­de der Ansatz von Pang, Jin und Came­ron (2010) wei­ter­ent­wickelt: Die Posi­ti­on ver­schiebt sich im Kri­sen­ver­lauf dyna­misch, etwa wenn juri­sti­sche Risi­ken ein Ent­ge­gen­kom­men zunächst ver­bie­ten (Liti­ga­ti­on-PR-Kon­flikt).

Hin­weis zur Abgren­zung: Die Kon­tin­genz­theo­rie stammt nicht von Coombs; sie ist aber mit der SCCT ver­wandt, da bei­de die Stra­te­gie­wahl von Situa­ti­ons­merk­ma­len abhän­gig machen. Wäh­rend die SCCT mit weni­gen Varia­blen (Kri­sen­typ, Kri­sen­hi­sto­rie, Bezie­hungs­re­pu­ta­ti­on) ein pro­gno­sti­sches Modell anbie­tet, ver­steht sich die Kon­tin­genz­theo­rie als deskrip­tiv-ganz­heit­li­cher Rahmen.

Die drei Variablengruppen

Die Ein­fluss­va­ria­blen wer­den in drei funk­tio­na­le Haupt­grup­pen unterteilt:

1. Prädisponierende Variablen (Predisposing Variables)

Sie beein­flus­sen die stra­te­gi­sche Grund­hal­tung der Orga­ni­sa­ti­on vor dem eigent­li­chen Kon­takt mit der Öffent­lich­keit und legen den Aus­gangs­punkt auf dem Kon­ti­nu­um fest. Dazu gehö­ren unter ande­rem die Unter­neh­mens­kul­tur (die auch für die Erstel­lung soli­der Kri­sen­plä­ne ent­schei­dend ist), die Grös­se der Orga­ni­sa­ti­on und ihre geschäft­li­che Expo­si­ti­on, indi­vi­du­el­le Merk­ma­le von Schlüs­sel­per­so­nen (etwa des CEO) sowie Hal­tung und Auf­ge­klärt­heit der Füh­rungs­ko­ali­ti­on (Domi­nant Coali­ti­on).

2. Situationale Variablen (Situational Variables)

Sie wir­ken wäh­rend der Inter­ak­ti­on mit der Öffent­lich­keit und ver­schie­ben die Hal­tung der Orga­ni­sa­ti­on auf dem Kon­ti­nu­um – weg von der ursprüng­li­chen Prä­dis­po­si­ti­on. Typisch sind die Dring­lich­keit der Situa­ti­on, poten­zi­el­le oder offen­sicht­li­che Bedro­hun­gen, die Eigen­schaf­ten der betrof­fe­nen Öffent­lich­keit sowie das Ver­hält­nis von poten­zi­el­len Kosten und Nut­zen der ver­schie­de­nen Hal­tun­gen für die Organisation.

3. Proskriptive Variablen (Proscriptive Variables)

Sie wir­ken als Aus­schluss­kri­te­ri­en: Sind proskrip­ti­ve Varia­blen aktiv, ist eine Anpas­sung (Accom­mo­da­ti­on) oder ein Kom­pro­miss aus mora­li­schen, recht­li­chen oder regu­la­to­ri­schen Grün­den aus­ge­schlos­sen. Sie trei­ben die Orga­ni­sa­ti­on nicht zwin­gend in extre­me Gegen­wehr, blockie­ren aber jede Kom­pro­miss­be­reit­schaft oder gar die Kom­mu­ni­ka­ti­on an sich. Dazu gehö­ren: gesetz­li­che oder regu­la­to­ri­sche Ein­schrän­kun­gen; die feste mora­li­sche Über­zeu­gung, dass ein Kom­pro­miss inhä­rent unethisch wäre; das Erfor­der­nis, mora­li­sche Neu­tra­li­tät ange­sichts strei­ten­der Öffent­lich­kei­ten zu wah­ren; ein direk­tes Ver­bot durch das Top-Manage­ment; sowie Situa­tio­nen, in denen das The­ma zur inter­nen Zustän­dig­keits­fra­ge wird, die kom­ple­xe Ver­hand­lun­gen erfordert.

Die dynamische «Wenn-Dann»-Funktionsweise

Die Varia­blen wir­ken nicht iso­liert, son­dern in einem stän­di­gen, dyna­mi­schen Zusam­men­spiel: Ändern sich inter­ne oder exter­ne Fak­to­ren im Ver­lauf einer Kri­se, ver­schiebt sich auch die Hal­tung der Orga­ni­sa­ti­on auf dem Kon­ti­nu­um. Ein Bei­spiel für die Regel-Logik: Wenn exter­ne Bedro­hun­gen exi­sten­zi­ell wer­den, die recht­li­che Haf­tung hoch ist und zugleich die inter­nen Res­sour­cen knapp sind, dann ver­schiebt sich die stra­te­gi­sche Hal­tung zwin­gend in Rich­tung eines der bei­den Extre­me – je nach Gewich­tung der recht­li­chen und ethi­schen Ein­schrän­kun­gen zu «Pure Advo­ca­cy» oder «Pure Accommodation».

Geltungsbereich: vom Konflikt- zum Krisenmanagement

Im Kern wur­de die Kon­tin­genz­theo­rie als Theo­rie des stra­te­gi­schen Kon­flikt­ma­nage­ments kon­zi­piert, um die Hal­tung einer Orga­ni­sa­ti­on in Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit ihren Öffent­lich­kei­ten abzu­bil­den. Sie beschränkt sich jedoch nicht auf iso­lier­te Kon­flik­te, son­dern ist eng mit dem all­ge­mei­nen Kri­sen­ma­nage­ment ver­knüpft: Vie­le Varia­blen – ins­be­son­de­re die prä­dis­po­nie­ren­den und situa­tio­na­len Fak­to­ren – sind direkt in der Kri­sen­ma­nage­ment-For­schung abge­stützt; die Unter­neh­mens­kul­tur gilt als Schlüs­sel für die For­mu­lie­rung eines soli­den Kri­sen­plans; und in empi­ri­schen Stu­di­en wur­de das Modell etwa intra­or­ga­ni­sa­tio­nal ange­wen­det, um Span­nun­gen bei der Umset­zung eines regio­na­len Kri­sen­plans zu unter­su­chen. Die Theo­rie lie­fert damit das Fun­da­ment und die Varia­blen, um Ver­hal­ten und Kom­mu­ni­ka­ti­on in prak­tisch jeder Form von Orga­ni­sa­ti­ons­kri­se zu ana­ly­sie­ren und zu steuern.

Anwendungsbeispiel: Störfall bei «BioTech Corp.»

Das mit­tel­gros­se Bio­tech-Unter­neh­men Bio­Tech Corp. stellt fest, dass durch ein feh­ler­haf­tes Ven­til an einer Kühl­an­la­ge eine gerin­ge Men­ge einer ungif­ti­gen, aber stark schäu­men­den Sub­stanz in den loka­len Fluss gelangt ist. Der Fluss schäumt weiss, die loka­le Bevöl­ke­rung ist besorgt. So bestim­men die drei Varia­blen­grup­pen die stra­te­gi­sche Haltung:

  • Aus­gangs­la­ge (prä­dis­po­nie­ren­de Varia­blen): Bio­Tech Corp. pflegt eine offe­ne, sicher­heits­be­wuss­te Unter­neh­mens­kul­tur, ver­fügt über einen soli­den Kri­sen­plan, der CEO ist für trans­pa­ren­te, ethi­sche Füh­rung bekannt. Wenn ein Unter­neh­men eine offe­ne Kul­tur, einen kla­ren Kri­sen­plan und einen dia­log­ori­en­tier­ten CEO hat, dann ist die anfäng­li­che Grund­hal­tung stark in Rich­tung Accom­mo­da­ti­on ver­scho­ben: koope­rie­ren, Ver­ant­wor­tung über­neh­men, Scha­den sofort beheben.
  • Dyna­mik im Ver­lauf (situa­tio­na­le Varia­blen): Die Nach­richt ver­brei­tet sich rasant; eine loka­le Umwelt­grup­pe wirft dem Unter­neh­men fälsch­li­cher­wei­se vor, «hoch­gif­ti­ge Abfäl­le vor­sätz­lich ent­sorgt» zu haben, ver­wei­gert den Dia­log und for­dert die Werks­schlies­sung. Ein Ein­ge­ständ­nis einer «vor­sätz­li­chen Ver­gif­tung» (fak­tisch falsch) wür­de den Ruin bedeu­ten. Wenn das Gegen­über aggres­si­ve, fal­sche Anschul­di­gun­gen erhebt und exi­stenz­be­dro­hen­de For­de­run­gen stellt, dann ver­schiebt sich die Hal­tung weg von der Anpas­sung hin zur Advo­ca­cy: Bio­Tech Corp. wehrt sich aktiv gegen den Vor­wurf der Absicht und stellt die Fak­ten klar.
  • Har­te Gren­zen (proskrip­ti­ve Varia­blen): Das Unter­neh­men möch­te den Anwoh­nen­den finan­zi­el­le Sofort­hil­fen anbie­ten. Rechts­ab­tei­lung und Haft­pflicht­ver­si­che­rung war­nen jedoch, dass dies vor Abschluss der behörd­li­chen Unter­su­chung als Schuld­ein­ge­ständ­nis gewer­tet wer­den könn­te; das Manage­ment ver­bie­tet vor­läu­fig jede finan­zi­el­le Zusa­ge. Wenn recht­li­che Restrik­tio­nen vor­lie­gen und das Manage­ment ein Veto ein­legt, dann ist eine wei­te­re Annä­he­rung in die­sem Punkt blockiert – das Unter­neh­men muss hier eine Advo­ca­cy-Hal­tung ein­neh­men, selbst wenn die Unter­neh­mens­kul­tur eine unkom­pli­zier­te Ent­schä­di­gung bevor­zu­gen würde.

Fazit: Die Reak­ti­on ist kei­ne sta­ti­sche Ein­heits­lö­sung – die Orga­ni­sa­ti­on agiert hoch­gra­dig hybrid und dyna­misch: Gegen­über Behör­den und Anwoh­nen­den ver­hält sie sich koope­ra­tiv und anpas­sungs­ori­en­tiert (Auf­räum­ar­bei­ten, trans­pa­ren­te Mess­da­ten), gegen­über der aggres­si­ven Umwelt­grup­pe und in den recht­li­chen Haf­tungs­fra­gen nimmt sie eine kla­re Ver­tei­di­gungs­hal­tung ein, weil proskrip­ti­ve Varia­blen einen Kom­pro­miss ver­un­mög­li­chen. Die­sel­be Orga­ni­sa­ti­on kann also zeit­gleich auf ver­schie­de­nen Punk­ten des Kon­ti­nu­ums ste­hen – je nach Anspruchs­grup­pe und Streitpunkt.

Bedeutung für die Krisenkommunikation (KMK-Bezug)

Das KMK-System ope­ra­tio­na­li­siert kon­tin­gen­tes Den­ken – und die drei Varia­blen­grup­pen las­sen sich direkt auf sei­ne Modu­le abbil­den: Die prä­dis­po­nie­ren­den Varia­blen ent­spre­chen den kon­tex­tu­el­len Mode­ra­to­ren der Kon­text­ana­ly­se (ADAM), die situa­tio­na­len Varia­blen dem Lage­bild aus Medi­en­re­so­nanz und Frame-Ana­ly­se (SCHNUFFI/FRAMI), und die proskrip­ti­ven Varia­blen fin­den ihr Gegen­stück in den Aus­schluss­re­geln des Wenn-Dann-Regel­werks (etwa: kei­ne Ent­schul­di­gung ohne juri­sti­sche Klä­rung). Die Wenn-Dann-Regeln über­set­zen die «It depends»-Logik in prüf­ba­re Ent­schei­dungs­re­geln für die Stra­te­gie­wahl; die Ein­sicht aus dem Anwen­dungs­bei­spiel – hybri­de, ziel­grup­pen­spe­zi­fi­sche Posi­tio­nie­rung auf dem Kon­ti­nu­um – ent­spricht der ziel­grup­pen­dif­fe­ren­zier­ten Bot­schafts­zu­ord­nung der Stra­te­gie­ent­wick­lung (EVI). Die Grund­sät­ze situa­ti­ver Kom­mu­ni­ka­ti­on auf krisenkom.ch for­mu­lie­ren die­sel­be Ein­sicht als Pra­xis­re­gel: Erst die Situa­ti­ons­dia­gno­se, dann die Botschaftsstrategie.

Literatur

Can­cel, A. E., Came­ron, G. T., Sal­lot, L. M., & Mit­rook, M. A. (1997). It depends: A con­tin­gen­cy theo­ry of accom­mo­da­ti­on in public rela­ti­ons. Jour­nal of Public Rela­ti­ons Rese­arch, 9(1), 31–63. https://doi.org/10.1207/s1532754xjprr0901_02
Coombs, W. T. (2014). Applied cri­sis com­mu­ni­ca­ti­on and cri­sis manage­ment: Cases and exer­cis­es. SAGE.
Pang, A., Jin, Y., & Came­ron, G. T. (2010). Con­tin­gen­cy theo­ry of stra­te­gic con­flict manage­ment: Direc­tions for the prac­ti­ce of cri­sis com­mu­ni­ca­ti­on from a deca­de of theo­ry deve­lo­p­ment, dis­co­very, and dia­lo­gue. In W. T. Coombs & S. J. Holl­aday (Hrsg.), The hand­book of cri­sis com­mu­ni­ca­ti­on (S. 527–549). Wiley-Blackwell.