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Ver­si­on 1.2 · Stand: 05.08.2026

Die Ver­hal­tens­stra­te­gien nach Breit­sohl bil­den eine legi­ti­mi­täts­theo­re­tisch begrün­de­te Typo­lo­gie von Kri­sen­re­ak­tio­nen. Breit­sohls zen­tra­le The­se: Orga­ni­sa­to­ri­sche Kri­sen sind im Kern ein plötz­li­cher und uner­war­te­ter Ver­lust an Legi­ti­mi­tät bei den Stake­hol­dern. Kri­sen­ma­nage­ment ist genau dann effek­tiv, wenn die gewähl­te Reak­ti­ons­stra­te­gie exakt auf die­je­ni­ge Dimen­si­on der Legi­ti­mi­tät abge­stimmt ist, die durch die spe­zi­fi­sche Kri­se beschä­digt wur­de (Breit­sohl, 2009).

Einordnung

Breit­sohls Modell schliesst eine wesent­li­che Lücke in der bis­he­ri­gen Kri­sen­for­schung: Wäh­rend älte­re Stu­di­en oft nur Fall­stu­di­en beschrie­ben oder rein prak­ti­sche Ver­hal­tens­emp­feh­lun­gen gaben, blieb unklar, war­um bestimm­te Reak­tio­nen in man­chen Kri­sen funk­tio­nie­ren und in ande­ren ver­sa­gen. Das Modell knüpft an die Legi­ti­mi­täts­for­schung der Orga­ni­sa­ti­ons­theo­rie an (Such­man, 1995) und ver­knüpft drei Säu­len syste­ma­tisch mit­ein­an­der: Legi­ti­mi­täts­di­men­sio­nen, Kri­sen­ty­pen und Reak­ti­ons­klas­sen.

1. Die vier Dimensionen der Legitimität

Legi­ti­mi­tät beschreibt die Wahr­neh­mung der Stake­hol­der, dass die Hand­lun­gen einer Orga­ni­sa­ti­on ange­mes­sen, rich­tig und erwünscht sind. Breit­sohl unter­schei­det vier Dimensionen:

  • Prag­ma­ti­sche Legi­ti­mi­tät: Basiert auf den eigen­nüt­zi­gen Nut­zen- und Kosten­kal­ku­la­tio­nen der Stake­hol­der (z. B. “Bie­tet mir das Unter­neh­men wei­ter­hin einen guten Ser­vice oder ein siche­res Produkt?”).
  • Mora­li­sche (nor­ma­ti­ve) Legi­ti­mi­tät: Spie­gelt eine ethi­sche Bewer­tung wider. Es geht dar­um, ob die Hand­lun­gen, Ver­fah­ren, Struk­tu­ren und Füh­rungs­kräf­te der Orga­ni­sa­ti­on als mora­lisch “rich­tig” und gemein­wohl­ori­en­tiert wahr­ge­nom­men werden.
  • Kogni­ti­ve Legi­ti­mi­tät: Beruht auf Plau­si­bi­li­tät, Bere­chen­bar­keit und “Selbst­ver­ständ­lich­keit” (taken-for-gran­ted­ness). Die Orga­ni­sa­ti­on und ihre Abläu­fe sind so tief in den men­ta­len Rastern der Gesell­schaft ver­an­kert, dass sie nicht hin­ter­fragt werden.
  • Regu­la­ti­ve Legi­ti­mi­tät: Ergibt sich aus der strik­ten Über­ein­stim­mung der orga­ni­sa­to­ri­schen Hand­lun­gen mit Geset­zen, offi­zi­el­len Regeln und staat­li­chen Vorgaben.

2. Die drei Krisentypen

Breit­sohl kate­go­ri­siert Kri­sen anhand von zwei Ach­sen: dem Grad der prin­zi­pi­el­len Kon­trol­le, den die Orga­ni­sa­ti­on über das aus­lö­sen­de Ereig­nis hat­te, und der pri­mä­ren Ursa­che (menschlich/sozial vs. technisch):

Pri­mä­re Ursa­che: menschlich/sozialPri­mä­re Ursa­che: technisch
Kon­trol­le: hochSkan­da­le
(z. B. Bestechung, Belästigung)
Kon­trol­le: mittelPro­dukt­si­cher­heits- und Gesund­heits­vor­fäl­le
(z. B. Sabo­ta­ge, Pro­dukt­feh­ler, Rück­ru­fe, Umweltverschmutzung)
Kon­trol­le: geringUnfäl­le
(z. B. Explo­sio­nen, Abstürze)
Kri­sen­ty­pen nach Kon­troll­grad und pri­mä­rer Ursa­che (visua­li­siert nach Breit­sohl, 2009)

3. Die vier Klassen von Reaktionen

Um die Reak­tio­nen zu struk­tu­rie­ren, ent­wickelt Breit­sohl eine Typo­lo­gie, die auf drei ein­fa­chen Ja/N­ein-Fra­gen basiert:

  1. Erkennt die Orga­ni­sa­ti­on das Pro­blem (die Kri­se) an?
  2. Akzep­tiert sie die Ver­ant­wor­tung dafür?
  3. Sucht sie aktiv nach einer sub­stan­zi­el­len Lösung?

Dar­aus erge­ben sich vier Reak­ti­ons­klas­sen mit jeweils drei spe­zi­fi­schen Stra­te­gien, geord­net von “resi­stent” (abweh­rend) bis “kon­form” (ent­ge­gen­kom­mend). Im deutsch­spra­chi­gen KMK-Kon­text wer­den die vier Klas­sen auch als Ver­hal­tens­mu­ster bezeich­net: aus­wei­chend (eva­siv), ver­tei­di­gend (defen­siv), aner­ken­nend (app­re­cia­ti­ve) und anpas­send (akkom­mo­da­tiv) (vgl. Thies­sen, 2014, S. 112). Wich­tig für die Anwen­dung: Die Typo­lo­gie unter­schei­det nicht zwi­schen De-fac­to-Stra­te­gien – rea­lem Ver­hal­ten auf der Pro­blem­ebe­ne wie Rück­ruf oder Restruk­tu­rie­rung – und eigent­li­chen Botschaftsstrategien.

Reak­ti­ons­klas­sePro­blem erkannt?Ver­ant­wor­tung akzep­tiert?Akti­ve Lösung gesucht?Spe­zi­fi­sche Stra­te­gien (von resi­stent zu konform)
Eva­si­ve Stra­te­gien (Aus­wei­chend)NeinNeinNeinRück­zug (Retre­at – Schwei­gen, Aus­sit­zen)
Ver­heim­li­chung (Con­ce­al­ment – Ver­tu­schen)
Leug­nung (Deni­al – Abstreiten)
Defen­si­ve Stra­te­gien (Abweh­rend)JaNeinNeinDis­so­zia­ti­on (Dis­as­so­cia­ti­on – Schuld auf Partner/Mit­ar­bei­ter schie­ben)
Aus­re­den (Excu­ses – man­geln­den Vorsatz/Kontrolle rekla­mie­ren)
Umde­fi­nie­ren (Defi­ning – Vor­fall als harm­los darstellen)
App­re­cia­ti­ve Stra­te­gien (Wert­schät­zend)JaJaNeinErklä­rung (Expl­ana­ti­on – Vor­fall als unver­meid­bar dar­stel­len)
Recht­fer­ti­gung (Justi­fi­ca­ti­on – posi­ti­ve Aspek­te beto­nen)
Ent­schul­di­gung (Apo­lo­gies – Bedau­ern äus­sern, um Ver­ge­bung bitten)
Accom­mo­da­tive Stra­te­gien (Ent­ge­gen­kom­mend)JaJaJaWie­der­gut­ma­chung (Resti­tu­ti­on – Kom­pen­sa­ti­on lei­sten)
Tren­nung (Divorce – Ent­las­sung der Schul­di­gen)
Restruk­tu­rie­rung (Restruc­tu­ring – Pro­zes­se ändern, Wäch­ter installieren)

4. Die Passungslogik: Welche Reaktion rettet welche Legitimität?

Der Kern­bei­trag des Modells liegt in den Ver­knüp­fungs­re­geln (Pro­po­si­tio­nen). Breit­sohl zeigt, dass jeder Kri­sen­typ eine ande­re Legi­ti­mi­täts­di­men­si­on ver­letzt und daher eine mass­ge­schnei­der­te Reak­ti­on erfordert:

A. Skandale beschädigen regulative & moralische Legitimität

  • War­um? Sie ver­let­zen Geset­ze (regu­la­tiv) und bre­chen mora­li­sche Wer­te (moralisch/normativ). Stake­hol­der zwei­feln an der ethi­schen Inte­gri­tät der Füh­rung und den Kontrollstrukturen.
  • Die rich­ti­ge Reak­ti­on: Um die regu­la­ti­ve Legi­ti­mi­tät wie­der­her­zu­stel­len, hel­fen eva­si­ve Stra­te­gien (nur, falls der Ver­stoss noch nicht öffent­lich bewie­sen ist) oder radi­ka­le akkom­mo­da­tive Stra­te­gien wie die Tren­nung von Per­so­nen (Divorce) und Restruk­tu­rie­rung. Um die mora­li­sche Legi­ti­mi­tät zu hei­len, rei­chen Wor­te nicht aus: Es braucht wert­schät­zen­de Ent­schul­di­gun­gen, gekop­pelt mit sub­stan­zi­el­len akkom­mo­da­tiv­en Taten (z. B. Ent­las­sung des Manage­ments, neue Compliance-Wächter).

B. Produktsicherheitsvorfälle beschädigen die pragmatische Legitimität

  • War­um? Sie bedro­hen den direk­ten, mate­ri­el­len Nut­zen der Stake­hol­der (z. B. Gefahr durch feh­ler­haf­te Pro­duk­te) und beschä­di­gen das Image als ver­läss­li­cher Austauschpartner.
  • Die rich­ti­ge Reak­ti­on: Hier sind akkom­mo­da­tive Taten auf Trans­ak­ti­ons­ebe­ne gefragt. Das Unter­neh­men muss sofor­ti­ge mate­ri­el­le Ent­schä­di­gung oder Pro­dukt­rück­ru­fe (Resti­tu­ti­on) anbie­ten, um den prak­ti­schen Wert für den Kun­den wie­der­her­zu­stel­len. Eva­si­ve Stra­te­gien (wie das vor­über­ge­hen­de Ver­heim­li­chen oder Leug­nen) wer­den in der Pra­xis zwar oft ver­sucht, ber­gen aber das immense Risi­ko des tota­len Ver­trau­ens­ver­lusts, wenn sie auf­flie­gen (→ Salami-Taktik-Falle).

C. Unfälle beschädigen die kognitive Legitimität

  • War­um? Unfäl­le gesche­hen plötz­lich und unvor­her­seh­bar in kom­ple­xen Syste­men. Sie zer­stö­ren das Gefühl der Bere­chen­bar­keit und Sicher­heit (“Wie konn­te das ein­fach so passieren?”).
  • Die rich­ti­ge Reak­ti­on: Weil es sich um ein unvor­her­seh­ba­res Ereig­nis ohne mora­li­sche Schuld han­delt, grei­fen har­te Ent­schul­di­gun­gen oder finan­zi­el­le Kom­pen­sa­tio­nen kon­zep­tio­nell zu kurz. Gefragt sind neu­tra­le, sach­li­che Reak­tio­nen an der Gren­ze zwi­schen defen­siv und wert­schät­zend: Erklä­run­gen (Expl­ana­ti­on) und Umde­fi­nie­run­gen (Defi­ning). Sie machen das Ereig­nis für die Stake­hol­der gedank­lich wie­der plau­si­bel, indem sie auf­zei­gen, wie und war­um es zu die­ser sel­te­nen Ver­ket­tung kam, und stel­len so die kogni­ti­ve Bere­chen­bar­keit wie­der her.

Breit­sohls Modell warnt zudem aus­drück­lich vor rein “sym­bo­li­schem Manage­ment”: Wenn ein Unter­neh­men bei mora­li­schen Kri­sen (Skan­da­len) nur sym­bo­lisch Abbit­te lei­stet (z. B. eine rei­ne Ent­schul­di­gung ohne per­so­nel­le oder struk­tu­rel­le Kon­se­quen­zen), ris­kie­ren die Ver­ant­wort­li­chen einen ver­hee­ren­den, dau­er­haf­ten Ver­trau­ens­ver­lust bei den Stakeholdern.

Verhaltensmuster im Krisenverlauf

In der Regel hält ein Unter­neh­men wäh­rend einer Kri­se nicht an einem Ver­hal­tens­mu­ster fest: Mit der Zuspit­zung der Kri­se wech­selt es die Posi­ti­on von aus­wei­chend bis hin zu anpas­send. In einer publi­zi­stisch-öffent­li­chen Liti­ga­ti­ons­kri­se wird das Unter­neh­men zu einer aner­ken­nen­den und anpas­sen­den Hal­tung ver­pflich­tet. Die Abfol­ge der ein­ge­setz­ten Ver­hal­tens­mu­ster lässt sich damit als Ver­laufs­in­di­ka­tor der Kri­sen­re­ak­ti­on lesen (→ Kri­sen­ver­lauf).

Kategorien nach Breitsohl

Die fol­gen­de Über­sicht zeigt die Typo­lo­gi­sie­rung mög­li­cher Bot­schafts­stra­te­gien nach Breitsohl:

Schema der Verhaltensstrategien nach Breitsohl
Abbil­dung 1: Ver­hal­tens­stra­te­gien nach Breit­sohl (2009, S. 19)

Alter­na­tiv kön­nen die Bot­schafts­stra­te­gien von Coombs oder von Benoit her­an­ge­zo­gen wer­den. Zur Ermitt­lung der Grob­stra­te­gie die­nen die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stra­te­gien wäh­rend einer Kri­se (Grund­mu­ster).

Bedeutung für die Krisenkommunikation (KMK-Bezug)

Im KMK-System ergänzt Breit­sohls Legi­ti­mi­täts­per­spek­ti­ve die attri­bu­ti­ons­theo­re­ti­sche Logik der SCCT: Wäh­rend Coombs die Stra­te­gie­wahl an der zuge­schrie­be­nen Ver­ant­wor­tung aus­rich­tet, fragt Breit­sohl, wel­che Legi­ti­mi­täts­di­men­si­on ver­letzt ist – bei­de Raster füh­ren in der Fall­ana­ly­se oft zu kon­ver­gen­ten, teils aber auch zu kom­ple­men­tä­ren Emp­feh­lun­gen (etwa bei Unfäl­len, wo Breit­sohl vor Über­ent­schul­di­gung warnt – ana­log zur SCCT-Regel, nicht über­mäs­sig ent­ge­gen­kom­mend zu reagie­ren). Die drei Ja/N­ein-Fra­gen (Pro­blem aner­kannt? Ver­ant­wor­tung akzep­tiert? Lösung gesucht?) eig­nen sich zudem als schnel­les Codier­ra­ster für die Ana­ly­se des tat­säch­li­chen Orga­ni­sa­ti­ons­ver­hal­tens im Kri­sen­ver­lauf – codiert wird damit, ob eine Orga­ni­sa­ti­on das Pro­blem aner­kennt, Ver­ant­wor­tung über­nimmt und aktiv Lösun­gen sucht, die Grund­la­ge für die EVI-Stra­te­gie­emp­feh­lung (→ Bot­schafts­stra­te­gie­mo­del­le und Ver­hal­tens­mu­ster (situa­tiv)). Die War­nung vor rein sym­bo­li­schem Manage­ment kor­re­spon­diert mit der Scan­sis-Erwei­te­rung der SCCT: Bei mora­li­scher Empö­rung genügt Kom­mu­ni­ka­ti­on allein nicht mehr, erwar­tet wer­den Sank­ti­on und struk­tu­rel­le Konsequenz.

Literatur

Breit­sohl, H. (2009). Lin­king orga­nizatio­nal cri­ses and reac­ti­ve stra­te­gies via dimen­si­ons of legi­ti­ma­cy (Schum­pe­ter Dis­cus­sion Papers sdp09005). Uni­ver­si­täts­bi­blio­thek Wup­per­tal. https://ideas.repec.org/p/bwu/schdps/sdp09005.html
Such­man, M. C. (1995). Mana­ging legi­ti­ma­cy: Stra­te­gic and insti­tu­tio­nal approa­ches. Aca­de­my of Manage­ment Review, 20(3), 571–610. https://doi.org/10.5465/amr.1995.9508080331
Thies­sen, A. (Hrsg.). (2014). Hand­buch Kri­sen­ma­nage­ment. Sprin­ger Fach­me­di­en. https://doi.org/10.1007/978–3‑658–04293‑6