Ver­si­on 2.0 · Stand: 18.07.2026

Stake­hol­der (Anspruchs­grup­pen) sind alle unter­neh­mens­in­ter­nen und ‑exter­nen Grup­pen, die von den Tätig­kei­ten des Unter­neh­mens direkt oder indi­rekt betrof­fen sind (Bezugs­grup­pen) und Ansprü­che an das Unter­neh­men gel­tend machen respek­ti­ve bestimm­te Erwar­tun­gen an das Unter­neh­men, sei­ne Dienst­lei­stun­gen und Pro­duk­te haben.

Zum Bei­spiel: a) orga­ni­sa­ti­ons­in­tern die Eigen­tü­mer, das Manage­ment oder die Mit­ar­bei­ten­den; b) orga­ni­sa­ti­ons­extern unter ande­rem die Fremd­ka­pi­tal­ge­ber, die Lie­fe­ran­ten, die Gäste, die Mit­be­wer­ber, die Behör­den oder gene­rell die Bevöl­ke­rung (Quel­le: Gab­ler Wirtschaftslexikon).

Einordnung

Die Kri­sen­ver­laufs­kar­te unter­schei­det zwi­schen vier Arten von Anspruchsgruppen:

  • poli­tisch-recht­li­che Instan­zen (Rich­ter, Behör­den, poli­ti­sche Parteien),
  • von der Kri­se direkt (poten­zi­ell) betrof­fe­ne Krei­se (Mit­ar­bei­ten­de, Ver­un­fall­te, Betrogene),
  • (poten­zi­el­le) Kundschaft,
  • Finanz­welt (Aktio­nä­re, Spon­so­ren usw.).

Zur hand­lungs- und kom­mu­ni­ka­ti­ons­be­zo­ge­nen Erwei­te­rung des Begriffs sie­he Stake­hol­der-Publics.

Ansprüche strategischer Stakeholdergruppen

Neben der stei­gen­den Anzahl an Stake­hol­dern nimmt auch deren Pro­fes­sio­na­li­sie­rung zu: Es zeich­net sich eine Ent­wick­lung ab, in deren Ver­lauf sich die Ansprü­che von Inter­es­sen- und Anspruchs­grup­pen dyna­mi­sie­ren und pro­fes­sio­na­li­sie­ren. So iden­ti­fi­zie­ren Wolf (2005 🔴 Voll­an­ga­be in Zote­ro nach­tra­gen) und Lin­tem­ei­er (2013, S. 59) sechs «stra­te­gi­sche» Stake­hol­der­grup­pen mit den fol­gen­den Ansprüchen:

  • (Insti­tu­tio­nel­le) Inve­sto­ren: Ren­ta­bi­li­tät des Unter­neh­mens (ROE); zum Port­fo­lio pas­sen­de Kapi­tal­an­la­ge; Ein­hal­tung von Richt­li­ni­en und Stan­dards; Equi­ty Story
  • Analysten/Ratingagenturen: finan­zi­el­le Per­for­mance, Trans­pa­renz und Cor­po­ra­te Gover­nan­ce; Risi­ko­ma­nage­ment; fun­dier­te, zeit­na­he und ver­läss­li­che Informationspolitik
  • Poli­tik und Recht: Ein­hal­tung recht­li­cher Ver­pflich­tun­gen; Ver­tei­di­gung natio­na­ler und regio­na­ler Stand­ort­in­ter­es­sen; Lang­fri­stig­keit der Inve­sti­ti­ons­po­li­tik; Arbeits­platz­si­cher­heit und Arbeitsplatzgarantien
  • Kun­den: sta­bi­le Geschäfts­be­zie­hun­gen und Ver­trags­treue; bes­se­res Preis-Lei­stungs-Ver­hält­nis; direk­te, per­sön­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on; Ein­hal­tung von Lie­fer­ver­pflich­tun­gen (Ter­min­treue)
  • Mit­ar­bei­ten­de: Sicher­heit des Arbeits­plat­zes; zeit­na­he und offe­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on; Hand­lungs­op­tio­nen und Zukunfts­fä­hig­keit des Unter­neh­mens; neue Entwicklungsperspektiven
  • Betriebs­rä­te: betrieb­li­che Mit­be­stim­mung und Sozi­al­part­ner­schaft; Inter­es­sen­aus­gleich und Sozi­al­plan; Inte­gra­ti­on in Dis­kus­si­ons- und Ent­schei­dungs­pro­zes­se; auto­no­me Kom­mu­ni­ka­ti­on des Betriebsrats

Die Ana­ly­se der Anspruchs­grup­pen gehört in der Regel zu den kon­ti­nu­ier­li­chen Auf­ga­ben der Unter­neh­mens­kom­mu­ni­ka­ti­on. Im Kri­sen­ma­nage­ment ist die Stake­hol­der-Ana­ly­se eine Auf­ga­be der Kri­sen­prä­ven­ti­on.

Ansprüche seitens der Rechtsvertreter (Litigation-PR)

Wenn es in der Kom­mu­ni­ka­ti­on um recht­li­che Ansprü­che geht, spricht man von Liti­ga­ti­on-PR. Gui­do Keel und Vin­zenz Wyss for­mu­lier­ten an der Liti­ga­ti­on-PR-Tagung 2022 der ZHAW (Insti­tut für Ange­wand­te Lin­gu­istik) am Bei­spiel der media­len Bericht­erstat­tung über den Fall Ignaz Wal­ker die fol­gen­den The­sen zur Litigation-PR:

  • Liti­ga­ti­on-PR ist zunächst ein Mit­tel des David gegen Goliath.
  • In einem Pro­zess sind alle Par­tei­en Teil der öffent­li­chen Ver­hand­lung im «Court of Public Opi­ni­on». Die media­le Bericht­erstat­tung gibt den Akteu­ren «nar­ra­ti­ve Rollen».
  • «Die Justiz» gegen «die Medi­en» aus­zu­spie­len, ist nicht ziel­füh­rend, da es weder «die Justiz» noch «die Medi­en» gibt.
  • Wir­kungs­vol­le Kom­mu­ni­ka­ti­on bedingt nicht nur eine genaue Kennt­nis der eige­nen Sache, son­dern die Kennt­nis des öffent­li­chen Dis­kur­ses und der Zielgruppen.
  • Das Inter­es­se in einem Rechts­streit geht über die­sen hin­aus (Jour­na­lis­mus macht aus allem jour­na­li­sti­sche Geschichten).
Mediale Berichterstattung im Fall Ignaz Walker
Abbil­dung 1: Media­le Bericht­erstat­tung im Fall Ignaz Wal­ker (Liti­ga­ti­on-PR-Tagung ZHAW 2022)

Bedeutung im KMK-System

Die Stake­hol­der sind die Adres­sa­ten jeder Bot­schafts­stra­te­gie: Die Kon­text­ana­ly­se (ADAM) erhebt, wel­che Anspruchs­grup­pen betrof­fen sind, wel­che Erwar­tun­gen ver­letzt wur­den und wel­che Ansprü­che dar­aus ent­ste­hen – die Stra­te­gie­ent­wick­lung (EVI) ord­net jeder prio­ri­sier­ten Grup­pe eine eige­ne Bot­schaft zu.

Weiterführend

ZHAW, Liti­ga­ti­on-PR-Tagung 2022: «Sus­taina­bi­li­ty, Accoun­ta­bi­li­ty & Liti­ga­ti­on-PR» (Video)

Literatur

Lin­tem­ei­er, K. (2013). Unter­neh­mens­kri­sen und Stake­hol­der-Bezie­hun­gen. In A. Thies­sen (Hrsg.), Hand­buch Kri­sen­ma­nage­ment (S. 53–67). Sprin­ger Fach­me­di­en. https://doi.org/10.1007/978–3‑531–19367-0_4