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Ver­si­on 2.3 · Stand: 16.09.2026

Von einem Unter­neh­men wird erwar­tet, dass es sein Han­deln nicht nur nach wirt­schaft­li­chen, son­dern eben­so nach ethi­schen, sozia­len und öko­lo­gi­schen Wer­ten aus­rich­tet. Wider­hand­lun­gen gegen die­se Wer­te betrach­tet man – wie eine gesetz­wid­ri­ge Hand­lung – als Norm­bruch oder als Fehl­ver­hal­ten. Aus Sicht des Stake­hol­ders hat in einem sol­chen Fall das Unter­neh­men sei­ne Erwar­tun­gen nicht erfüllt (sie­he auch Kri­sen­merk­ma­le, Abschnitt «uner­füll­te Erwar­tun­gen»).

Einordnung

Neben sol­chen Norm­brü­chen gibt es auch indi­vi­du­el­le Erwar­tungs­hal­tun­gen von Bezugs­grup­pen (oder Anspruchs­grup­pen) gegen­über dem Unter­neh­men, sei­nem Pro­dukt oder sei­ner Dienst­lei­stung. Ana­log zum Fehl­ver­hal­ten als Norm­bruch kann man auch hier von nicht erfüll­ten Erwar­tun­gen spre­chen und die­se auf Fehl­ver­hal­ten zurück­füh­ren (sie­he Stake­hol­der).

Von nicht erfüll­ten Erwar­tun­gen als Kri­sen­merk­mal spricht man, wenn aus der Sicht einer Bezugs­grup­pe eine Dis­kre­panz zwi­schen dem Erlebten/Kommunizierten/Wahrgenommenen (SEIN) und dem von der Bezugs­grup­pe Erwar­te­ten (SOLL) besteht. Dies löst emo­tio­na­le Reak­tio­nen aus und hat unmit­tel­ba­re Kon­se­quen­zen auf der Ver­hal­tens­ebe­ne von Anspruchs­grup­pen. Es wirkt eben­so nega­tiv auf die Repu­ta­ti­on, ins­be­son­de­re auf das Ver­trau­en: So spricht man von einem Ver­trau­ens­bruch, wenn das Unter­neh­men oder das Pro­dukt etwas ver­spricht oder pro­phe­zeit, das es nicht ein­hält oder ein­hal­ten kann. Nicht von unge­fähr ist die Erwar­tungs­hal­tung eng ver­knüpft mit Ver­trau­en.

Zwei Dimensionen: das Erwartungsraster

Die bis­he­ri­ge Beschrei­bung fasst Erwar­tun­gen als Abstand zwi­schen einem SOLL und einem SEIN. Sie erfasst damit eine Sei­te der Sache – wie gross die Abwei­chung ist –, nicht aber die zwei­te, die dar­über ent­schei­det, wie die­se Abwei­chung gele­sen wird. Olk­ko­nen und Luo­ma-aho (2015) hal­ten dazu fest, dass die Lite­ra­tur zur Öffent­lich­keits­ar­beit Erwar­tun­gen zwar fort­wäh­rend erwähnt, aber kaum bestimmt, und dass sie sie fast aus­schliess­lich als posi­ti­ve Kon­struk­tio­nen behan­delt: als Hoff­nun­gen, die eine Orga­ni­sa­ti­on erfül­len kann. Ihr Gegen­vor­schlag fasst Erwar­tun­gen als zwei­fa­che Beurteilung.

Die erste Dimen­si­on ist der Erwar­tungs­ton. Er reicht von posi­tiv bis nega­tiv und hält fest, was der Erwar­ten­de als gut oder wün­schens­wert ansieht. Die zwei­te ist der orga­ni­sa­ti­ons­spe­zi­fi­sche Kon­text. Er reicht von hohem bis nied­ri­gem Ver­trau­en, wobei Ver­trau­en hier eng gefasst ist: als Beur­tei­lung der Fähig­keit und der Bereit­schaft einer bestimm­ten Orga­ni­sa­ti­on, die Erwar­tung zu erfül­len. Die erste Dimen­si­on betrifft also den Erwar­ten­den, die zwei­te die Orga­ni­sa­ti­on. Aus ihrer Kreu­zung ent­steht das Erwar­tungs­ra­ster mit vier Feldern.

Vier-Felder-Tafel des Erwartungsrasters nach Olkkonen und Luoma-aho. Waagrecht das Vertrauen in die Organisation von niedrig bis hoch, senkrecht der Erwartungston von negativ bis positiv. Die vier Quadranten: zynische Erwartungen bei positivem Ton und niedrigem Vertrauen, optimistische bei positivem Ton und hohem Vertrauen, pessimistische bei negativem Ton und niedrigem Vertrauen, vorsichtige oder blind vertrauende bei negativem Ton und hohem Vertrauen.
Das Erwar­tungs­ra­ster nach Olk­ko­nen und Luo­ma-aho (2015). Waag­recht das Ver­trau­en in die Orga­ni­sa­ti­on, senk­recht der Erwartungston.
hohes Ver­trau­en in die Organisation nied­ri­ges Ver­trau­en in die Organisation
posi­ti­ver Erwartungston Opti­mi­sti­sche Erwar­tun­gen
Die Orga­ni­sa­ti­on wird lie­fern, was geschätzt wird. Gestützt auf gute Vor­er­fah­run­gen oder posi­ti­ve Infor­ma­tio­nen. Ihre Ver­let­zung schä­digt Bezie­hung und Unter­stüt­zung erheblich.
Zyni­sche Erwar­tun­gen
Das gute Ergeb­nis wird gewünscht, das Schei­tern erwar­tet. Typisch bei gebro­che­nen Lei­stungs­ver­spre­chen und bei Greenwashing.
nega­ti­ver Erwartungston Vor­sich­ti­ge oder blind ver­trau­en­de Erwar­tun­gen
Man rech­net mit einem nega­ti­ven Aus­gang, traut der Orga­ni­sa­ti­on aber zu, ihn abzuwenden.
Pes­si­mi­sti­sche Erwar­tun­gen
Man erwar­tet, dass die Orga­ni­sa­ti­on Scha­den anrich­tet – Miss­trau­en gegen­über ihrer Fähig­keit wie ihrer Bereitschaft.

Der ana­ly­ti­sche Ertrag liegt weni­ger in den vier Fel­dern als in dem, was ihre Unter­schei­dung sicht­bar macht. Erstens ist das Erfül­len von Erwar­tun­gen nicht ohne Wei­te­res das Ziel: Eine nicht erfüll­te pes­si­mi­sti­sche Erwar­tung ist eine ange­neh­me Über­ra­schung, und eine erfüll­te zyni­sche Erwar­tung bestä­tigt ledig­lich, was ohne­hin ange­nom­men wur­de. Zwei­tens erklärt die zwei­te Dimen­si­on, war­um die­sel­be Ent­täu­schung unter­schied­lich aus­fällt – wo opti­mi­sti­sche Erwar­tun­gen bestan­den, bricht sie ein Muster; wo zyni­sche oder pes­si­mi­sti­sche bestan­den, bestä­tigt sie eines. Drit­tens wei­sen die Autorin­nen dar­auf hin, dass ver­letz­te wert­ba­sier­te Erwar­tun­gen nicht zwin­gend zu lau­tem Wider­spruch füh­ren, son­dern häu­fig zur stil­len Abwen­dung – für Orga­ni­sa­tio­nen die ungün­sti­ge­re Fol­ge, weil sie sich der Beob­ach­tung entzieht.

Das Raster ist ein kon­zep­tio­nel­ler Vor­schlag. Die Autorin­nen haben es nicht empi­risch geprüft und regen Fall­stu­di­en in unter­schied­li­chen kul­tu­rel­len Zusam­men­hän­gen an; sei­ne Trag­fä­hig­keit als Erhe­bungs­in­stru­ment ist damit offen.

Woher Erwartungen stammen

Dem Raster geht eine Unter­schei­dung nach der Quel­le der Erwar­tung vor­aus, und sie erklärt, war­um die bei­den Ach­sen gera­de so geschnit­ten sind. Zwei der vier Kate­go­rien betref­fen den Erwar­ten­den, zwei die Organisation.

Kate­go­rie Quel­le der Erwartung bestimmt
wert­ba­siert nor­ma­ti­ve oder idea­le Vor­stel­lun­gen davon, was sein soll­te – unab­hän­gig davon, für wie wahr­schein­lich es gehal­ten wird den Ton
an per­sön­li­chen Inter­es­sen orientiert die eige­ne Betrof­fen­heit und der eige­ne Nutzen den Ton
infor­ma­ti­ons­ba­siert das, was bekannt ist; auch feh­len­de oder fal­sche Infor­ma­tio­nen erzeu­gen Erwar­tun­gen, dann in unschar­fer oder unrea­li­sti­scher Form den Kon­text
erfah­rungs­ba­siert direk­te oder indi­rek­te Vor­er­fah­rung, Ver­glei­che mit ähn­li­chen Organisationen den Kon­text

Für die Ana­ly­se folgt dar­aus eine prak­ti­sche Regel: Wer eine ver­letz­te Erwar­tung erhebt, muss deren Quel­le mit erhe­ben. Eine ver­letz­te wert­ba­sier­te Erwar­tung ver­langt eine ande­re Ant­wort als eine ver­letz­te erfah­rungs­ba­sier­te – die erste stellt die Wer­te­ord­nung der Orga­ni­sa­ti­on zur Debat­te, die zwei­te ihre Verlässlichkeit.

Theo­re­tisch stüt­zen sich die Autorin­nen auf die Erwar­tungs­ver­let­zungs­theo­rie (Bur­goon, 1993), die Erwar­tun­gen als Bestand­teil sozia­ler Inter­ak­ti­on fasst und danach unter­schei­det, ob eine Erwar­tung bestä­tigt oder ver­letzt wird und ob die Ver­let­zung posi­tiv oder nega­tiv aus­fällt, sowie auf die For­schung zu Erwar­tungs­lücken aus dem Kundenmanagement.

Erwartungen der Schweizer Bevölkerung an Unternehmen

Das Schwei­zer For­schungs­in­sti­tut soto­mo hat vom 12. bis 21. Dezem­ber 2022 bei 2797 Per­so­nen eine reprä­sen­ta­ti­ve Umfra­ge zu den Hal­tun­gen und Erwar­tun­gen der Schwei­zer Bevöl­ke­rung durch­ge­führt. Danach erwar­tet die Schwei­zer Bevöl­ke­rung von Unter­neh­men glei­cher­mas­sen ein Enga­ge­ment im wirt­schaft­li­chen, sozia­len und öko­lo­gi­schen Bereich: «Geht es um kon­kre­te For­de­run­gen an Unter­neh­men, steht das sozia­le Enga­ge­ment für die Schweiz im Vor­der­grund. 67 Pro­zent der Befrag­ten erwar­ten, dass sich Unter­neh­men mehr für älte­re Arbeit­neh­men­de und stär­ker für Aus­zu­bil­den­de enga­gie­ren sol­len.» Dabei setzt die Bevöl­ke­rung auf die Eigen­ver­ant­wor­tung des Unter­neh­mens, wäh­rend sich die Mehr­heit im öko­lo­gi­schen Bereich für eine poli­ti­sche Regu­lie­rung über Geset­ze und Ver­ord­nun­gen aus­spricht. (soto­mo, 2023, S. 49)

Bedeutung für die Krisenkommunikation (KMK-Bezug)

Nicht erfüll­te Erwar­tun­gen sind eines der zen­tra­len Kri­sen­merk­ma­le: Sie bestim­men, ob ein Zustand von Anspruchs­grup­pen über­haupt als Miss­stand emp­fun­den wird. In der Kon­text­ana­ly­se (ADAM) wird des­halb erho­ben, wel­che Erwar­tun­gen wel­cher Bezugs­grup­pen ver­letzt wur­den – dar­aus lei­ten sich Betrof­fen­heit, Emo­tio­na­li­sie­rung und die prio­ri­tä­ren Ziel­grup­pen der Bot­schafts­stra­te­gien ab.

Das Erwar­tungs­ra­ster prä­zi­siert die­se Erhe­bung in einem Punkt, der für die Deu­tung erheb­lich ist. Die SOLL-SEIN-Dif­fe­renz erfasst den Erwar­tungs­ton; sie sagt, wie weit das Erleb­te hin­ter dem Erwar­te­ten zurück­blieb. Sie sagt nichts über die zwei­te Dimen­si­on – dar­über, wie­viel die Bezugs­grup­pe der Orga­ni­sa­ti­on vor der Kri­se über­haupt zutrau­te. Für den vor­lie­gen­den Zusam­men­hang bedeu­tet dies, dass zwei Lagen mit glei­cher Dif­fe­renz ver­schie­den zu beur­tei­len sind: Ent­täusch­te opti­mi­sti­sche Erwar­tun­gen bre­chen ein Ver­trau­ens­ver­hält­nis, ent­täusch­te zyni­sche bestä­ti­gen ein Miss­trau­en. Die zwei­te Lage ist repu­ta­ti­ons­sei­tig oft die gefähr­li­che­re, weil sie sich nicht als Ein­zel­fall dar­stel­len lässt.

Dar­aus lässt sich eine Ver­bin­dung zur Situa­tio­nal Cri­sis Com­mu­ni­ca­ti­on Theo­ry ablei­ten: Was Coombs (2007) als inten­si­vie­ren­de Fak­to­ren führt – die Kri­sen­ge­schich­te und die rela­tio­na­le Repu­ta­ti­on –, ent­spricht funk­tio­nal der Kon­text­di­men­si­on des Rasters, von der Erwar­tungs­sei­te her betrach­tet. Bei­de Male geht es dar­um, ob der aktu­el­le Vor­fall als Aus­nah­me oder als Bestä­ti­gung eines Musters gele­sen wird. Die Ablei­tung ist eine des vor­lie­gen­den Ein­trags; die Autorin­nen stel­len sie nicht her.

Für die Codie­rung heisst das: Eine ver­letz­te Erwar­tung ist mit ihrem Ton und mit der Ver­trau­ens­la­ge zu erfas­sen, aus der her­aus sie gebil­det wur­de. Ohne die zwei­te Anga­be fasst der Code «nicht erfüll­te Erwar­tung» zwei Sach­ver­hal­te zusam­men, die unter­schied­li­che Ant­wor­ten verlangen.

Literatur

Bur­goon, J. K. (1993). Inter­per­so­nal expec­ta­ti­ons, expec­tan­cy vio­la­ti­ons, and emo­tio­nal com­mu­ni­ca­ti­on. Jour­nal of Lan­guage and Social Psy­cho­lo­gy, 12(1–2), 30–48. https://doi.org/10.1177/0261927X93121003
Coombs, W. T. (2007). Pro­tec­ting orga­nizati­on repu­ta­ti­ons during a cri­sis: The deve­lo­p­ment and appli­ca­ti­on of Situa­tio­nal Cri­sis Com­mu­ni­ca­ti­on Theo­ry. Cor­po­ra­te Repu­ta­ti­on Review, 10(3), 163–176. https://doi.org/10.1057/palgrave.crr.1550049
Olk­ko­nen, L., & Luo­ma-aho, V. (2015). Broa­de­ning the con­cept of expec­ta­ti­ons in public rela­ti­ons. Jour­nal of Public Rela­ti­ons Rese­arch, 27(1), 81–99. https://doi.org/10.1080/1062726X.2014.943761
soto­mo. (2023). Unter­neh­men in der Ver­ant­wor­tung. Stu­die im Auf­trag des Migros-Genos­sen­schafts-Bunds. https://sotomo.ch/site/projekte/unternehmensverantwortung/