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Ver­si­on 2.3 · Stand: 02.10.2026

Framing (sie­he Framing) sind Deu­tungs­mu­ster. Die­ser Bei­trag ent­hält unter­schied­li­che Syste­ma­ti­ken, die als Grund­la­ge für die Kate­go­rien­bil­dung im Code­buch einer Inhalts­ana­ly­se die­nen kön­nen. Bekannt ist die Syste­ma­tik von Semet­ko und Val­ken­burg, die mit Aus­nah­me des Moral auch bei Schenk (2007, S. 316) ent­hal­ten sind.

Unter­sucht man Deu­tungs­mu­ster in Medi­en­bei­trä­gen, so erforscht man die medi­al dargestellten/kommunizierten Frames (Ebe­ne 2 der Kri­sen­ver­laufs­kar­te). Es han­delt sich also um eine spe­zi­el­le Art der qua­li­ta­ti­ven oder auch quan­ti­ta­ti­ven Inhaltsanalyse.

Dabei kann man induk­tiv oder deduk­tiv vorgehen:

  • A) Deduk­tiv: Man nimmt klas­si­sche Deu­tungs­mu­ster (Frames nach Semet­ko oder Kri­sen­frames nach Bae­ris­wyl.) als Aus­gangs­la­ge (Kate­go­ri­en­sy­stem) und über­prüft, ob und wie die­se Grund­mu­ster in den unter­such­ten Tex­ten auftauchen.
  • B) Induk­tiv: Man ana­ly­siert den Text hin­sicht­lich Aspek­ten, rhe­to­ri­schen Mit­teln und emotionalisierenden/wertenden Wör­tern und lei­tet dar­aus Deu­tungs­mu­ster ab, respek­ti­ve stellt sich nach­träg­lich die Fra­ge, wel­che der klas­si­schen Deu­tungs­mu­ster hier zutref­fen oder ob sich neue Muster ergeben.

Ein syste­ma­ti­sier­ter induk­ti­ver Weg besteht dar­in, zunächst nur die ein­zel­nen Frame-Ele­men­te nach Ent­man (1993, S. 52) zu codie­ren – Pro­blem­de­fi­ni­ti­on, Ursa­chen­zu­schrei­bung, Bewer­tung und Hand­lungs­emp­feh­lung – und die Frames erst danach als wie­der­keh­ren­de Muster die­ser Ele­men­te zu bestim­men, statt sie vor­ab zu set­zen (Völ­ker, 2017, S. 172–174). Zwei Regeln aus die­sem Vor­ge­hen sind auch ohne sta­ti­sti­sche Aus­wer­tung brauch­bar: Codiert wird von der Aus­sa­ge eines Spre­chers aus, nicht von einem erwar­te­ten Frame her; und ein Frame liegt erst vor, wenn bei einem Spre­cher inner­halb eines Bei­trags min­de­stens zwei Frame-Ele­men­te zusam­men auf­tre­ten (Völ­ker, 2017, S. 184). Damit bleibt die Unter­schei­dung von The­ma und Frame gewahrt. Das KMK-System wen­det die­se Min­dest­be­din­gung als Codier­re­gel an.

Klassische Systematik für allgemeine deduktive Frame-Analysen in Medienbeiträgen nach Semetko & Valkenburg

Bekannt ist die Syste­ma­tik von Semet­ko und Val­ken­burg (2000, S. 93–109), die Micha­el Schenk (2007, S. 316) über­nom­men hat.

Semet­ko und Val­ken­burg (2000) haben die Frames in einer quan­ti­ta­ti­ven, deduk­ti­ven Inhalts­ana­ly­se von Pres­se- und Fern­seh­nach­rich­ten zur euro­päi­schen Poli­tik geprüft. Sie berück­sich­ti­gen die fol­gen­den fünf Frames:

Zuschreibung von Verantwortung (Verantwortlichkeit-Frame)
  • Deu­tet die Sto­ry dar­auf hin, dass eine Füh­rungs­stu­fe (Regie­rungs­ebe­ne) in der Lage ist, das Pro­blem zu lindern/zu lösen?
  • Deu­tet die Sto­ry dar­auf hin, dass eine Füh­rungs­stu­fe (Regie­rungs­ebe­ne) ver­ant­wort­lich für das Thema/Pro­blem ist
  • Deu­tet die Sto­ry auf Lösun­gen des Problems/Themas hin?
  • Deu­tet die Sto­ry dar­auf hin, dass eine Per­son (eine Grup­pe in unse­rer Gesell­schaft) ver­ant­wort­lich für das Pro­blem/Thema ist?
  • Deu­tet die Sto­ry dar­auf hin, dass das Pro­blem drin­gen­den Hand­lungs­be­darf erfordert?
Human Interest Frame
  • Bie­tet die Sto­ry ein mensch­li­ches Bei­spiel oder “Gesicht” zu die­sem Thema? 
  • Nutzt die Sto­ry Adjek­ti­ve oder per­sön­li­che Vignet­ten, die Gefüh­le der Hoch­ach­tung, Empa­thie, Für­sor­ge, Sym­pa­thie oder Lei­den­schaft her­vor­ru­fen könnten?
  • Betont die Sto­ry, wie Indi­vi­du­en und Grup­pen vom Thema/Pro­blem betrof­fen sind?
  • The­ma­ti­siert die Sto­ry das Pri­vat­le­ben der Akteu­re (Instan­zen)?
  • Ent­hält die Sto­ry Bild­in­for­ma­tio­nen, die ein Gefühl von Hoch­mut, Für­sor­ge, Sym­pa­thie oder Mit­ge­fühl her­vor­ru­fen könnten?
Konflikt-Frame
  • Reflek­tiert die Sto­ry Unei­nig­keit zwi­schen Parteien/Individuen/Gruppen/Ländern?
  • Macht eine Partei/Individuum/Gruppe/Land dem andern Vorwürfe?
  • Nimmt die Sto­ry Bezug auf zwei oder meh­re­re Sei­ten des Pro­blems oder des Themas?
  • Nimmt die Sto­ry Bezug auf Gewin­ner und Verlierer?
Moral-Frame (Werte-Frame)
  • Ent­hält die Sto­ry eine mora­li­sche Botschaft?
  • Nimmt die Sto­ry Bezug auf eine Moral (Wer­te), zu Gott, oder ande­ren reli­giö­sen Prinzipien?
  • Bie­tet die Sto­ry spe­zi­el­le sozia­le Verhaltensvorschriften?
Konsequenzen-Frame (ökonomisch)
  • Wer­den zukünf­ti­ge (finan­zi­el­le) Ver­lu­ste oder Gewin­ne erwähnt?
  • Wer­den Kosten/Aufwand genannt?
  • Nimmt man Bezug auf (öko­no­mi­sche) Kon­se­quen­zen bei der Verfolgung/Nichtverfolgung einer Vorgehensweise?

Systematik für deduktive Analysen von Krisenframes (Baeriswyl & Grynko)

Wir haben unter Berück­sich­ti­gung der Ansät­ze zu Nach­rich­ten­frames und der Theo­rie von Coombs ein Kate­go­rien­sche­ma ent­wor­fen, das zwi­schen deskrip­ti­ven, pro­blem­be­zo­ge­nen und nor­ma­ti­ven Frames unter­schei­det (sie­he Kri­sen­frames)

Deskriptive Frames (siehe Problemaspekte)

Problem-Frame

Bezeich­net der Bei­trag den pro­ble­ma­ti­schen Zustand als eine Kri­se.

Ver­nied­licht der Bei­trag das Pro­blem? Stellt der Bei­trag das Pro­blem grös­ser dar als es ist.

Schaden-Frame

Fokus­siert der Bei­trag auf den materiellen/wirtschaftlichen Schaden?

Ver­nied­licht oder über­zeich­net er den materiellen/wirtschaftlichen Schaden

Verursacher

Fehl­ver­hal­ten als Ursa­che (sie­he auch mor­pho­lo­gi­scher Kasten)

Schicksal

Schick­sal als Ursa­che: Wird das Pro­blem als Unfall oder als Fügung des Schick­sals dargestellt?

Schaden an Menschen als Folge (Opfer)

mensch­li­cher Scha­den als Fol­ge: Wer­den mensch­li­che Opfer und deren Lei­den erwähnt? Wird eine Sto­ry von einem Opfer und des­sen Schick­sal ins Zen­trum der Bericht­erstat­tung gerückt? Wird mit rhe­to­ri­schen Stil­mit­teln dramatisiert?

Normative Frames (siehe Verantwortung)

Schuld-Frame

Wird jeman­dem die Schuld für das Pro­blem zuge­scho­ben? Han­delt es sich um eine mora­li­sche, recht­li­che oder wirt­schaft­li­che Schuld?

Verantwortlichkeit-Frame

Deu­tet der Bei­trag dar­auf hin, dass das Unter­neh­men ver­ant­wort­lich ist für das Pro­blem? Wird die­se Ver­ant­wor­tung auf die Schuld­fra­ge zurück­ge­führt? Deu­tet die Sto­ry dar­auf hin, dass das Unter­neh­men ver­ant­wort­lich für den Scha­den und die Pro­blem­lö­sung ist.

Konsequenzen-Frame

Wer­den Kon­se­quen­zen (Pflich­ten, Stra­fen) genannt, die der Ver­ant­wort­li­che zu tra­gen hat.

Systematik Episodisch — thematisch

Eine ande­re Syste­ma­tik wur­de von Iyen­gar (1991) vor­ge­nom­men. Unter­schie­den wird nach

b) the­ma­tisch (Pro­blem/Thema im brei­te­ren Kon­text.

a) epi­so­dischen Frames: Erzähl­stil (Sto­ry), bezo­gen auf eine Per­son oder auf ein Ereig­nis bezo­gen, Tiefenanalyse;

Stu­di­en­ergeb­nis­se: “Con­sum­ing TV News with the­ma­tic Frames audi­ence ten­ded to con­sider socie­ty respon­si­ble for the pro­blem. Watching News with Epi­so­dic Frames, they ten­ded to belie­ve that indi­vi­du­als are respon­si­ble for the cover­ed pro­blem.”

Shen (2004, S. 123–137) macht eine ähn­li­che Syste­ma­ti­sie­rung für die poli­ti­sche Bericht­erstat­tung. Er unter­schei­det nach The­men- und Charakter-Frames. 

Frames und Nachrichtenfaktoren

Schenk sieht gros­se Par­al­le­len von Frames und Nach­rich­ten­fak­to­ren: «Teil­wei­se sind die­se Frames kom­pa­ti­bel zu den Nach­rich­ten­fak­to­ren, die Jour­na­li­sten all­ge­mein bei der Selek­ti­on und Prä­sen­ta­ti­on von Nach­rich­ten ver­wen­den […]» (Schenk, 2007, S. 324; sie­he Nach­rich­ten­wert). So las­sen sich The­men-Frames den infor­ma­tiv-fak­ten­be­zo­ge­nen Nach­rich­ten­wer­ten zuord­nen. Cha­rak­ter-Frames gehö­ren dem emo­tiv-per­so­nen­be­zo­ge­nen Bereich an. Par­al­le­len las­sen sich auch zum Beschrieb der Aspek­te einer Kri­se feststellen.

Bedeutung für die Krisenkommunikation (KMK-Bezug)

Die Framing-Ana­ly­se ist im KMK-System als FRAMI-Modul ope­ra­tio­na­li­siert: Die Codier­sy­ste­me deskrip­ti­ves Framing, nor­ma­ti­ves Framing, emo­tio­na­le Rah­mung sowie Akteurs- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­rol­len set­zen die hier beschrie­be­nen Ver­fah­ren als stan­dar­di­sier­te Inhalts­ana­ly­se um; die Ergeb­nis­se spei­sen die Stra­te­gie­ent­wick­lung im EVI-Modul.

Literatur

Ent­man, R. M. (1993). Framing: Toward cla­ri­fi­ca­ti­on of a frac­tu­red para­digm. Jour­nal of Com­mu­ni­ca­ti­on, 43(4), 51–58. https://doi.org/10.1111/j.1460-2466.1993.tb01304.x
Iyen­gar, S. (1991). Is anyo­ne respon­si­ble? How tele­vi­si­on frames poli­ti­cal issues. Uni­ver­si­ty of Chi­ca­go Press.
Schenk, M. (2007). Medi­en­wir­kungs­for­schung (3. Aufl.). Mohr Sie­beck.
Semet­ko, H. A., & Val­ken­burg, P. M. (2000). Framing Euro­pean poli­tics: A con­tent ana­ly­sis of press and tele­vi­si­on news. Jour­nal of Com­mu­ni­ca­ti­on, 50(2), 93–109. https://doi.org/10.1111/j.1460-2466.2000.tb02843.x
Shen, F. (2004). Chro­nic acces­si­bi­li­ty and indi­vi­du­al cogni­ti­ons: Exami­ning the effects of mes­sa­ge frames in poli­ti­cal adver­ti­se­ments. Jour­nal of Com­mu­ni­ca­ti­on, 54(1), 123–137. https://doi.org/10.1111/j.1460-2466.2004.tb02617.x
Völ­ker, D. (2017). Kom­mu­ni­ka­ti­on im Kri­sen­mo­dus: Kon­zep­ti­on des Stra­te­gi­schen Framing am Bei­spiel der Finanz­kri­se 2008/09. Sprin­ger VS. https://doi.org/10.1007/978-3-658-17357-9

Noch zu veri­fi­zie­ren 🔴: Die Sei­ten­an­ga­ben zu Schenk (2007), im Text S. 324 und S. 316, sind gegen die 3. Auf­la­ge von 2007 zu prü­fen; die frü­her genann­ten Aus­ga­ben 2008 und 2018 exi­stie­ren nicht. Die Syste­ma­tik nach Bae­ris­wyl und Gryn­ko ist ohne Werk­an­ga­be zitiert.