Ver­si­on 2.0 · Stand: 18.07.2026

Der Kri­sen­plan (auch Kri­sen­hand­buch) ist ein zen­tra­les Mit­tel der orga­ni­sa­to­ri­schen Kri­sen­vor­be­rei­tung. Er ist kurz gehal­ten und ent­hält im Anhang funk­ti­ons­spe­zi­fi­sche Orga­ni­gram­me, Pla­nungs­ta­bel­len und Check­li­sten. Er regelt die orga­ni­sa­to­ri­schen Aspek­te und bie­tet Hil­fe­stel­lun­gen für Sofort­mass­nah­men inklu­si­ve Pro­to­kol­lie­rungs- und Mel­de­we­sen. Er soll­te genau das auf den Punkt brin­gen, was in erster Linie zu tun ist: Die schrift­lich fest­ge­hal­te­nen Sofort­mass­nah­men hel­fen den Ver­ant­wort­li­chen in der ersten Schock­pha­se und dar­über hin­aus, beim Ein­bre­chen einer Kri­se zeit­ver­zugs­los zu reagie­ren, ohne dass etwas ver­ges­sen geht.

Einordnung

Im Kri­sen­plan sind die Richt­li­ni­en für den Umgang und das Vor­ge­hen in einer Kri­se fest­ge­hal­ten. Nach Die­ter Herbst soll­te er die aktu­el­len Orga­ni­sa­ti­ons­re­geln, einen Adress­pool (Namen, Adres­sen, Tele­fon­num­mern und Mail­adres­sen wich­ti­ger Per­so­nen wie Behör­den, Poli­zei, Jour­na­li­sten), Zustän­dig­kei­ten und Infor­ma­ti­ons­be­fug­nis­se ent­hal­ten: Wer trifft Ent­schei­dun­gen? Wer ist in einer Kri­se für was ver­ant­wort­lich? Wer ist der Spre­cher und infor­miert? Wie ist die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­po­li­tik? (Herbst, 2003, S. 347)

Das Kri­sen­hand­buch wird als geheim klas­si­fi­ziert. Um Miss­bräu­che zu ver­mei­den, soll­te jedes Exem­plar num­me­riert wer­den; zu erstel­len ist eine Liste mit den Emp­fän­gern, der Num­mer sowie der Unter­schrift des Empfängers.

Mögliche Inhalte eines Krisenplans

Kapi­tel Inhal­te
All­ge­mei­nes Kom­mu­ni­ka­ti­ons- und Ver­hal­tens­richt­li­ni­en · Kri­sen­stab (orga­ni­sa­to­ri­sche Richt­li­ni­en) · Stand­or­te · Skiz­zie­rung des Ablauf­plans bei einer Kri­se
Sze­na­ri­en und Beur­tei­lung des Krisenpotenzials Issue a) · Issue b) usw. · stra­te­gi­sche Grund­sät­ze (vor­be­hal­te­ne Entschlüsse)
Ablauf­plä­ne, Check­li­sten, Notfallzettel Not­fall­alarm­sy­stem (Feu­er- und Was­ser­scha­den) · tele­fo­ni­sche Anfra­gen von aus­sen · Grund­sät­ze für die Medi­en­ar­beit wäh­rend einer Kri­se · pro­ak­ti­ve Medienarbeit
Adres­sen Mit­glie­der des Kri­sen­stabs, Poli­zei, Arzt, Spi­tal, Behör­den (E‑Mail, Tele­fon­num­mern, Mobi­le) · unter­neh­mens­in­ter­ne Adres­sen · Adres­sen­li­sten Medi­en und Anspruchsgruppen
All­ge­mei­ne Vorlagen Kri­sen-Log­buch · Mel­de­for­mu­lar Störfall/Notfall/Krisenereignis (Not­fall­mel­dung) · Mel­de­for­mu­lar «Tele­fo­ni­sche Anfra­ge in Kri­sen­si­tua­tio­nen» · Vor­la­ge Pres­se­mit­tei­lung, Dokumentation
Sze­na­ri­en­spe­zi­fi­sche Dokumente Dark Site (Web) · Posi­ti­ons­pa­pie­re, Argu­men­ta­ri­en · Fra­ge-/Ant­wort­spiel (Nasty Que­sti­ons)
Tabel­le 1: Mög­li­che Inhal­te eines Krisenplans

Eine Her­aus­for­de­rung ist die Koor­di­na­ti­on bei Kon­zer­nen mit Pro­duk­ti­ons­stät­ten in ver­schie­de­nen Län­dern und inter­na­tio­na­ler Markt­aus­deh­nung. Neben der Kom­ple­xi­tät des inter­nen Systems sind bei den Infor­ma­ti­ons­be­stre­bun­gen auch die unter­schied­li­chen Kul­tu­ren und Spra­chen zu berück­sich­ti­gen. Inwie­weit das Head­of­fice rich­tungs­wei­sen­de Vor­ga­ben im Sin­ne der Ein­heit­lich­keit und Koor­di­na­ti­on erstel­len darf, ist eine Fra­ge, mit der sich sol­che Kon­zer­ne immer wie­der aus­ein­an­der­set­zen müs­sen. Kri­sen­hand­bü­cher inter­na­tio­na­ler Unter­neh­men kön­nen so ein Aus­mass von über 100 Sei­ten anneh­men. In sol­chen Fäl­len ist das Hand­buch über­sicht­lich und emp­fän­ger­kon­form zu struk­tu­rie­ren, sodass sofort ersicht­lich wird, wel­che Sei­ten wen betreffen.

Der Kri­sen­plan soll­te kei­ne Inhal­te ent­hal­ten, die den all­ge­mei­nen Grund­sät­zen der Kom­mu­ni­ka­ti­on und des Manage­ments wider­spre­chen (sie­he bei­spiels­wei­se Grund­sät­ze Cyber­an­griff). Er soll­te so weit kon­kre­ti­sie­ren, wie es die Ein­schät­zung der mög­li­chen Kri­sen­la­ge erlaubt, aber kei­ne Gewiss­hei­ten vor­täu­schen, wo kei­ne bestehen. Mit ande­ren Wor­ten: Der Kri­sen­plan muss den Hand­lungs­spiel­raum für Uner­war­te­tes und Unge­wis­ses offenhalten.

Abgrenzung: Krisenplan und Notfallplan

Kri­sen­plan und Not­fall­plan haben ähn­li­che Zie­le – auf unvor­her­ge­se­he­ne Ereig­nis­se zu reagie­ren –, unter­schei­den sich jedoch in Fokus und Anwendungsbereich:

  • Not­fall­plan: kon­zen­triert sich auf unmit­tel­ba­re, oft phy­si­sche Gefah­ren für Men­schen, Ein­rich­tun­gen oder Betriebs­mit­tel. Im Vor­der­grund ste­hen der Schutz von Leben und die Mini­mie­rung von Sach­schä­den. Typi­sche Inhal­te sind Ver­fah­ren für Eva­ku­ie­run­gen, Erste Hil­fe und Feu­er­be­kämp­fung sowie Kon­takt­li­sten von Not­fall­dien­sten. Bei­spie­le: Brand­schutz­plä­ne, Eva­ku­ie­rungs­plä­ne bei Erd­be­ben oder Hochwasser.
  • Kri­sen­plan: behan­delt brei­te­re und kom­ple­xe­re Situa­tio­nen, die die lang­fri­sti­ge Sta­bi­li­tät, den Ruf oder die Betriebs­fä­hig­keit einer Orga­ni­sa­ti­on beein­träch­ti­gen kön­nen – neben phy­si­schen Ereig­nis­sen auch sozia­le, ethi­sche oder recht­li­che Pro­blem­la­gen. Er ent­hält Richt­li­ni­en zur Kom­mu­ni­ka­ti­on mit Stake­hol­dern, Stra­te­gien zur Scha­dens­be­gren­zung und zur Wie­der­her­stel­lung nor­ma­ler Betriebs­ab­läu­fe, bezieht die ober­ste Füh­rungs­ebe­ne ein und defi­niert Rol­len, Ver­ant­wort­lich­kei­ten und Reak­ti­ons­stra­te­gien auf ver­schie­de­ne Kri­sen­sze­na­ri­en.

Zusam­men­fas­send: Der Not­fall­plan umfasst meist kurz­fri­sti­ge, ope­ra­ti­ve Mass­nah­men zur unmit­tel­ba­ren Gefah­ren­ab­wehr, der Kri­sen­plan län­ger­fri­sti­ge Stra­te­gien zur Bewäl­ti­gung kom­ple­xer, viel­schich­ti­ger Pro­blem­la­gen. Bei­de Plä­ne sind an die spe­zi­fi­schen Bedürf­nis­se und Risi­ken einer Orga­ni­sa­ti­on anzupassen.

Beispiele aus dem Anhang eines Krisenplans

🔴 Das bis­her ver­link­te anony­mi­sier­te Bei­spiel-Kri­sen­hand­buch (PDF) ist nicht mehr ver­füg­bar; Ersatz folgt.

Flussdiagramm erste Schritte der Assistenz (Triage)
Abbil­dung 1: Erste Schrit­te Assi­stenz (Tria­ge)
Flussdiagramm Vorgehen Krisenstab Phase 1
Abbil­dung 2: Vor­ge­hen Kri­sen­stab Pha­se 1
Flussdiagramm Mediamanagement in der Krise
Abbil­dung 3: Media­ma­nage­ment in der Kri­se
Flussdiagramm Vorgehen einer Bank im Krisenfall
Abbil­dung 4: Vor­ge­hen einer Bank im Krisenfall
Flussdiagramm erste Schritte der Assistenz bei Erpressung
Abbil­dung 5: Erste Schrit­te Assi­stenz bei Erpressung
Flussdiagramm Vorbereitung Produktrückruf
Abbil­dung 6: Vor­be­rei­tung Produktrückruf

Bedeutung im KMK-System

Der Kri­sen­plan ist das orga­ni­sa­to­ri­sche Rück­grat der Kri­sen­vor­be­rei­tung: Er ver­kürzt die Reak­ti­ons­zeit in der Schock­pha­se und sichert kon­si­sten­te Kom­mu­ni­ka­ti­on über alle Instan­zen. Er ist aller­dings kein Selbst­läu­fer – ohne regel­mäs­si­ge Kri­sen­übun­gen und eine geleb­te Kom­mu­ni­ka­ti­ons­kul­tur bleibt er wir­kungs­los (vgl. Mar­ra, 1998).

Weiterführend

Effek­ti­ve Mass­nah­men und Kom­mu­ni­ka­ti­on bei Cyber­si­cher­heits­vor­fäl­len (security-insider.de)

Literatur

Herbst, D. (2003). Pra­xis­hand­buch Unter­neh­mens­kom­mu­ni­ka­ti­on: Pro­fes­sio­nel­les Manage­ment, Kom­mu­ni­ka­ti­on mit wich­ti­gen Bezugs­grup­pen, Instru­men­te und spe­zi­el­le Anwen­dungs­fel­der. Cor­nel­sen.

Mar­ra, F. J. (1998). Cri­sis com­mu­ni­ca­ti­on plans: Poor pre­dic­tors of excel­lent cri­sis public rela­ti­ons. Public Rela­ti­ons Review, 24(4), 461–474.

Schwarz, A., & Löf­fel­holz, M. (2019). Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on: Vor­be­rei­tung, Umset­zung, Erfolgs­fak­to­ren. In A. Zer­fass, M. Piwin­ger & U. Rött­ger (Hrsg.), Hand­buch Unter­neh­mens­kom­mu­ni­ka­ti­on (S. 1–17). Sprin­ger Fach­me­di­en. https://doi.org/10.1007/978–3‑658–03894-6_46‑1