Version 2.0 · Stand: 18.07.2026
Moralische Distanzierung (Moral Disengagement) bezeichnet den sozial-kognitiven Prozess, durch den Menschen ihre moralischen Selbstsanktionen vorübergehend deaktivieren und Verhaltensweisen akzeptieren, ausführen oder verteidigen, die sie sonst als unmoralisch verurteilen würden (Bandura, 1999, 2012). Der Prozess verläuft oft intuitiv und dient der Reduktion kognitiver Dissonanz – etwa bei der «Notlüge», die trotz grundsätzlicher Ablehnung des Lügens toleriert wird.
Einordnung
Das Konzept stammt aus Banduras sozial-kognitiver Theorie. Bandura (2012) unterscheidet neun Mechanismen, mit denen moralische Selbstbewertung umgangen wird:
| Mechanismus | Funktionsweise | Beispiel |
|---|---|---|
| Moralische Rechtfertigung | Die Handlung wird als moralisch geboten umgedeutet | Gewalt als «Schutz vor dem Feind» |
| Vorteilhafter Vergleich | Vergleich mit noch Schlimmerem lässt die Tat harmlos erscheinen | «Andere machen weit Schlimmeres» |
| Euphemistische Etikettierung | Sprachliche Abschwächung der Tat | «Kollateralschaden», «Notlüge» |
| Verschiebung der Verantwortung | Berufung auf Anweisung von oben | «Ich habe nur Befehle befolgt» |
| Diffusion der Verantwortung | Verantwortung verteilt sich auf das Kollektiv | «Ich folgte nur den anderen» |
| Ignorieren der Folgen | Konsequenzen werden ausgeblendet oder minimiert | «So schlimm ist es nicht» |
| Verzerrung der Folgen | Konsequenzen werden umgedeutet | Schönfärberei von Schadensbilanzen |
| Entmenschlichung | Opfer werden als «weniger menschlich» dargestellt | Abwertende Tiermetaphern |
| Schuldzuschreibung an Opfer | Opfer werden für ihre Viktimisierung verantwortlich gemacht | Victim Blaming |
In der Medienpsychologie erklärt moralische Distanzierung unter anderem, warum Publika unmoralisch handelnde Figuren geniessen können (Raney, 2004; Melzer & Holl, 2021).
Bedeutung für die Krisenkommunikation (KMK-Bezug)
Die neun Mechanismen sind zugleich ein Raster für Krisenrhetorik: Rechtfertigung, vorteilhafter Vergleich, Euphemismen und Verantwortungsverschiebung entsprechen den Verteidigungs- und Verkleinerungsstrategien des Botschaftsstrategien-Sets – Victim Blaming ist deren riskanteste Form. FRAMI kann Distanzierungsrhetorik im normativen Framing codieren, und für EVI gilt die Warnregel: Bei hoher Verantwortungszuschreibung wirken Distanzierungsstrategien als moralische Provokation und verschärfen die Empörungsdynamik, statt sie zu dämpfen.
Literatur
Bandura, A. (1999). Moral disengagement in the perpetration of inhumanities. Personality and Social Psychology Review, 3(3), 193–209. https://doi.org/10.1207/s15327957pspr0303_3
Bandura, A. (2012). Moral disengagement. In D. J. Christie (Hrsg.), The encyclopedia of peace psychology. Wiley-Blackwell. https://doi.org/10.1002/9780470672532.wbepp165
Melzer, A., & Holl, E. (2021). Players’ moral decisions in virtual worlds: Morality in video games. In P. Vorderer & C. Klimmt (Hrsg.), The Oxford handbook of entertainment theory (S. 671–690). Oxford University Press.
Raney, A. A. (2004). Expanding disposition theory: Reconsidering character liking, moral evaluations, and enjoyment. Communication Theory, 14(4), 348–369. https://doi.org/10.1111/j.1468–2885.2004.tb00319.x