Version 2.0 · Stand: 18.07.2026
Identifikation bezeichnet den Prozess, in dem sich eine Person mit einer anderen Person, einer Gruppe oder einer Idee emotional und gedanklich verbunden fühlt und deren Perspektive vorübergehend übernimmt. Der Prozess kann bewusst oder unbewusst ablaufen (Brown, 2021) und ist ein Grundbegriff der Psychologie, Soziologie und Medienforschung.
Einordnung
Kelman (1961) beschrieb Identifikation als einen von drei Prozessen sozialer Einflussnahme – zwischen blosser Anpassung (Compliance) und echter Verinnerlichung (Internalization): Einstellungen werden übernommen, weil die Beziehung zur Bezugsperson oder ‑gruppe attraktiv ist. In der Medien- und Rezeptionsforschung bezeichnet Identifikation die vorübergehende Übernahme der Perspektive einer Medienfigur (Cohen, 2001); Voraussetzungen sind Empathiefähigkeit und eine Diskrepanz zwischen Real- und Idealselbst (Döring, 2013). Zu unterscheiden sind psychologische (Übernahme von Eigenschaften ins Selbstbild), soziale (Zugehörigkeit zu Gruppen) und kulturelle Identifikation sowie die Identifikation mit Medienfiguren – Letztere verwandt mit, aber nicht identisch zu parasozialen Beziehungen (Brown, 2015).
Bedeutung für die Krisenkommunikation (KMK-Bezug)
Identifikation erklärt, warum Krisen emotional eskalieren: Je stärker sich das Publikum mit Opfern identifiziert, desto schärfer fallen Empörung und Verantwortungszuschreibung gegenüber der Organisation aus – ein Mechanismus, den das Codiersystem der emotionalen Rahmung erfasst. Umgekehrt wirkt Identifikation mit der Organisation (Mitarbeitende, Kundschaft, Fans) als Reputationspuffer und Quelle von Fürsprache in der Arena. Für EVI folgt daraus: Botschaften müssen die Identifikationsrichtung des Publikums berücksichtigen – wer gegen ein Opfer-Narrativ argumentiert, verliert.
Literatur
Brown, W. J. (2015). Examining four processes of audience involvement with media personae: Transportation, parasocial interaction, identification, and worship. Communication Theory, 25(3), 259–283. https://doi.org/10.1111/comt.12053
Brown, W. J. (2021). Identification. In J. Van den Bulck (Hrsg.), The international encyclopedia of media psychology (S. 763–770). Wiley Blackwell.
Cohen, J. (2001). Defining identification: A theoretical look at the identification of audiences with media characters. Mass Communication & Society, 4(3), 245–264. https://doi.org/10.1207/S15327825MCS0403_01
Döring, N. (2013). Wie Medienpersonen Emotionen und Selbstkonzept der Mediennutzer beeinflussen. In W. Schweiger & A. Fahr (Hrsg.), Handbuch Medienwirkungsforschung (S. 295–310). Springer VS. https://doi.org/10.1007/978–3‑531–18967-3_15
Kelman, H. C. (1961). Processes of opinion change. Public Opinion Quarterly, 25(1), 57–78.