Ver­si­on 2.0 · Stand: 27.07.2026

Die Stein-im-Glas­haus-Fal­le bezeich­net das Risi­ko, dass eine selbst angreif­ba­re Orga­ni­sa­ti­on durch offen­si­ve Kom­mu­ni­ka­ti­on oder Schuld­zu­wei­sun­gen an ande­re einen Gegen­an­griff auf die eige­nen Schwach­stel­len pro­vo­ziert. Das Bild stammt aus dem Sprich­wort «Wer im Glas­haus sitzt, soll nicht mit Stei­nen werfen».

Einordnung

Der Mecha­nis­mus: Eine Orga­ni­sa­ti­on ver­sucht, von eige­nem Fehl­ver­hal­ten abzu­len­ken, indem sie Kri­ti­ker, Wett­be­wer­ber oder ande­re Akteu­re angreift – und lädt damit Medi­en, Geg­ner und Öffent­lich­keit gera­de­zu ein, die eige­nen Ver­feh­lun­gen auf­zu­decken oder erneut zu the­ma­ti­sie­ren. Typi­sche Sze­na­ri­en: Ein Unter­neh­men kri­ti­siert Prak­ti­ken eines Kon­kur­ren­ten, obwohl es selbst ähn­li­che Pro­ble­me hat; eine Orga­ni­sa­ti­on greift Whist­le­b­lower an, was die Recher­che zu den ursprüng­li­chen Vor­wür­fen inten­si­viert; Füh­rungs­kräf­te attackie­ren Medi­en, die dar­auf­hin noch gründ­li­cher inve­sti­gie­ren. Theo­re­tisch ent­spricht die Fal­le dem bekann­ten Risi­ko der offen­si­ven Ver­tei­di­gungs­stra­te­gien: Angrif­fe auf den Anklä­ger («attack the accu­ser») gel­ten schon bei Benoit (1997) und in der SCCT als hoch­ris­kant und nur bei nach­weis­lich unbe­rech­tig­ten Vor­wür­fen ver­tret­bar (Coombs, 2007). Die Wir­kung ist ein Bume­rang: Der Ver­such, Auf­merk­sam­keit umzu­len­ken, rückt die eige­ne Angreif­bar­keit erst recht ins Zentrum.

Bedeutung für die Krisenkommunikation (KMK-Bezug)

Im KMK-System begren­zen die Wenn-Dann-Regeln den Ein­satz offen­si­ver Bot­schafts­stra­te­gien (Angrei­fen, Glaub­wür­dig­keit unter­gra­ben, Schuld zuwei­sen): Vor jeder Offen­si­ve steht die ehr­li­che Ana­ly­se der eige­nen Ver­wund­bar­kei­ten – ein Kern­stück der Kon­text­ana­ly­se (ADAM-Modul, Fak­tor Kri­sen­hi­sto­rie und Repu­ta­ti­ons-Fall­hö­he). Wer selbst expo­niert ist, fährt mit Trans­pa­renz und Zurück­hal­tung in der Regel bes­ser als mit Gegen­an­grif­fen. Wird die Fal­le den­noch aus­ge­löst, droht eine Dop­pel­kri­se: Zur Sach­kri­se tritt die selbst­ver­schul­de­te Kom­mu­ni­ka­ti­ons­kri­se (→ Dou­ble Crisis).

Literatur

Benoit, W. L. (1997). Image repair dis­cour­se and cri­sis com­mu­ni­ca­ti­on. Public Rela­ti­ons Review, 23(2), 177–186. https://doi.org/10.1016/S0363-8111(97)90023–0
Coombs, W. T. (2007). Pro­tec­ting orga­nizati­on repu­ta­ti­ons during a cri­sis: The deve­lo­p­ment and appli­ca­ti­on of situa­tio­nal cri­sis com­mu­ni­ca­ti­on theo­ry. Cor­po­ra­te Repu­ta­ti­on Review, 10(3), 163–176. https://doi.org/10.1057/palgrave.crr.1550049