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Ver­si­on 1.1 · Stand: 19.10.2026

Agen­da-Set­ting bezeich­net die Wir­kung der Medi­en­be­richt­erstat­tung auf die The­men­rang­ord­nung des Publi­kums: Was die Medi­en häu­fig und pro­mi­nent behan­deln, hal­ten die Rezi­pie­ren­den für wich­tig. Die Medi­en legen damit weni­ger fest, wie das Publi­kum über einen Gegen­stand urteilt, als wor­über es über­haupt nach­denkt – und auf einer zwei­ten Ebe­ne, wel­che Eigen­schaf­ten es mit einer Per­son, einer Orga­ni­sa­ti­on oder einem Sach­ver­halt verbindet.

Einordnung

Den Begriff präg­ten McCombs und Shaw (1972) mit einer Unter­su­chung zum ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­dent­schafts­wahl­kampf von 1968. Sie ver­gli­chen die The­men, denen die von unent­schie­de­nen Wäh­le­rin­nen und Wäh­lern in Cha­pel Hill genutz­ten Medi­en Raum gaben, mit den The­men, die die­se Befrag­ten für die wich­tig­sten hiel­ten, und fan­den eine weit­ge­hen­de Über­ein­stim­mung. Die Stu­die beruh­te auf einer ein­ma­li­gen Befra­gung und konn­te die Wir­kungs­rich­tung des­halb nicht bele­gen: Eben­so denk­bar wäre, dass die Redak­tio­nen den The­men fol­gen, die ihr Publi­kum beschäf­ti­gen. Spä­te­re Arbei­ten wie jene von Mei­jer und Klein­ni­jen­huis (2006) ver­bin­den des­halb die Inhalts­ana­ly­se mit einer Panel­be­fra­gung, die die­sel­ben Per­so­nen mehr­fach befragt.

Dass die Häu­fig­keit der The­ma­ti­sie­rung die Wich­tig­keit eines The­mas beim Publi­kum prägt, ist eine Aus­sa­ge über das Volu­men der Bericht­erstat­tung, nicht über ihre Tona­li­tät. Dar­in liegt die Ver­bin­dung zur Medi­en­re­so­nanz: Die­se beschreibt, wie stark ein Ereig­nis medi­al ver­stärkt wird; das Agen­da-Set­ting beschreibt, was die­se Ver­stär­kung beim Publi­kum bewirkt.

Zwei Ebenen: Gegenstände und Eigenschaften

Die klas­si­sche Fas­sung betrifft die erste Ebe­ne, die Rang­ord­nung von Gegen­stän­den – The­men, Per­so­nen, Orga­ni­sa­tio­nen. Die zwei­te Ebe­ne betrifft deren Eigen­schaf­ten. McCombs, Llamas, Lopez-Esco­bar und Rey (1997) zeig­ten am Bei­spiel spa­ni­scher Wah­len, dass die Medi­en auch beein­flus­sen, wel­che Eigen­schaf­ten das Publi­kum mit Kan­di­die­ren­den verbindet.

Auf der zwei­ten Ebe­ne berührt sich das Agen­da-Set­ting mit dem Framing. Sche­ufe­le und Tewks­bu­ry (2007) tren­nen die bei­den Ansät­ze nach ihrem Wir­kungs­me­cha­nis­mus: Agen­da-Set­ting und Pri­ming beru­hen auf der Zugäng­lich­keit – häu­fig Behan­del­tes ist im Gedächt­nis leich­ter abruf­bar und wird des­halb eher zur Urteils­bil­dung her­an­ge­zo­gen –, das Framing beruht auf der Anwend­bar­keit, also dar­auf, wel­che Deu­tung eine Dar­stel­lung nahe­legt. Für die Ana­ly­se ist die Unter­schei­dung von Belang: Ob eine Orga­ni­sa­ti­on oft genannt wird und ob sie in einer bestimm­ten Deu­tung erscheint, sind zwei ver­schie­de­ne Befunde.

Agenda-Setting bei Unternehmen und Themenhoheit

Car­roll und McCombs (2003) über­tru­gen den Ansatz auf die Wirt­schafts­be­richt­erstat­tung. Sie for­mu­lier­ten die Hypo­the­sen, dass der Umfang der Bericht­erstat­tung über ein Unter­neh­men des­sen Prä­senz beim Publi­kum bestimmt und dass die in der Bericht­erstat­tung her­vor­ge­ho­be­nen Eigen­schaf­ten das Bild prä­gen, das sich das Publi­kum vom Unter­neh­men macht.

Empi­risch geprüft haben Mei­jer und Klein­ni­jen­huis (2006) den Zusam­men­hang, indem sie eine Inhalts­ana­ly­se der Wirt­schafts­nach­rich­ten mit einer Panel­be­fra­gung ver­knüpf­ten. Ihr Befund: Das Agen­da-Set­ting zwei­ter Ebe­ne gilt auch für Unter­neh­men. Die The­men, mit denen ein Unter­neh­men in den Nach­rich­ten steht, prä­gen die Asso­zia­tio­nen des Publi­kums. Ob die­se Prä­senz der Repu­ta­ti­on nützt oder scha­det, hängt davon ab, ob das Unter­neh­men das The­ma «besitzt». Den Begriff der The­men­ho­heit (issue owner­ship) hat­te Petro­cik (1996) für Par­tei­en ent­wickelt, denen die Wäh­ler­schaft auf bestimm­ten The­men eine beson­de­re Kom­pe­tenz zuschreibt; Mei­jer und Klein­ni­jen­huis über­tra­gen ihn auf Unternehmen.

Damit wird deut­lich, dass nicht nur die Tona­li­tät der Bericht­erstat­tung zählt. Auch ein sach­lich gehal­te­ner Bei­trag wirkt auf die Repu­ta­ti­on, wenn er das Unter­neh­men mit einem The­ma ver­bin­det, auf dem es kei­ne Kom­pe­tenz gel­tend machen kann.

Abgrenzung

  • Medi­en­re­so­nanz beschreibt die Ver­stär­kung eines Ereig­nis­ses auf der Ange­bots­sei­te (Volu­men, Kon­so­nanz, Ver­lauf). Agen­da-Set­ting ist eine Aus­sa­ge über die Wir­kung die­ses Ange­bots auf die The­men­rang­ord­nung des Publikums.
  • Framing und stra­te­gi­sches Framing betref­fen die Deu­tung eines Gegen­stands, Agen­da-Set­ting des­sen Gewicht. Auf der zwei­ten Ebe­ne über­schnei­den sich die Ansätze.
  • Pri­ming beschreibt die Fol­ge des Agen­da-Set­tings für die Urteils­bil­dung: Was zugäng­lich ist, wird zum Mass­stab der Bewertung.
  • Issues Manage­ment ist die orga­ni­sa­tio­na­le Pra­xis, The­men früh zu erken­nen und zu bear­bei­ten. Das Agen­da-Set­ting lie­fert dazu die Wir­kungs­an­nah­me; die The­men­ho­heit lässt sich als Ziel­grös­se des Issues Manage­ments lesen (Les­art, nicht Befund der zitier­ten Studien).

Grenzen

Der Ansatz ist in der Wahl­kampf­for­schung ent­stan­den. Die Über­tra­gung auf Unter­neh­men stützt sich in die­sem Ein­trag auf Car­roll und McCombs (2003) sowie Mei­jer und Klein­ni­jen­huis (2006); für die Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on im enge­ren Sinn ist der Zusam­men­hang hier nicht eigens belegt. Die grund­le­gen­den Arbei­ten bezie­hen sich zudem auf ein Medi­en­um­feld mit weni­gen reich­wei­ten­star­ken Redak­tio­nen. Ob und in wel­cher Form sich der Effekt in frag­men­tier­ten, algo­rith­misch sor­tier­ten Umge­bun­gen zeigt, behan­delt die­ser Ein­trag nicht.

Bedeutung für die Krisenkommunikation (KMK-Bezug)

Für die Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on las­sen sich aus dem Ansatz zwei Fol­ge­run­gen ablei­ten; bei­de sind Les­ar­ten, nicht Befun­de der zitier­ten Stu­di­en. Erstens wirkt eine Kri­se nicht allein über nega­ti­ve Wer­tun­gen, son­dern auch über die The­men­bin­dung: Wer lan­ge mit einem The­ma in den Nach­rich­ten steht, das er nicht «besitzt», ver­an­kert die­se Ver­bin­dung beim Publi­kum, selbst wenn die ein­zel­nen Bei­trä­ge sach­lich blei­ben. Zwei­tens kann eine Orga­ni­sa­ti­on, der auf einem Feld Kom­pe­tenz zuge­schrie­ben wird, Bericht­erstat­tung auf die­sem Feld eher tra­gen als auf einem fremden.

Für die Ana­ly­se heisst das: Neben Volu­men (→ Medi­en­re­so­nanz) und Tona­li­tät ist fest­zu­hal­ten, mit wel­chen The­men die Orga­ni­sa­ti­on in der Bericht­erstat­tung erscheint und ob ihr auf die­sen The­men vor der Kri­se Kom­pe­tenz zuge­schrie­ben wur­de. Die­se Grös­se gehört zum Kon­text der Kri­se, nicht zu ihrer Rah­mung. Seit dem 19.10.2026 erhebt die Kon­text­ana­ly­se des KMK-Systems des­halb den beschrei­ben­den Fak­tor «Bezug der Kri­se zum Kom­pe­tenz­feld» (Kern­ge­schäft, angren­zend, fremd). Er trägt kei­ne Punk­te und geht in kei­ne Bewer­tung der Fall­hö­he ein, weil die Rich­tung im Kri­sen­fall offen ist: Zuge­schrie­be­ne Kom­pe­tenz kann ent­la­sten, die ver­letz­te Erwar­tung kann die Lage aber auch ver­schär­fen. Ob der Fak­tor mit Ver­lauf und Aus­gang einer Kri­se zusam­men­hängt, wird über meh­re­re Fäl­le geprüft.

Literatur

Car­roll, C. E., & McCombs, M. (2003). Agen­da-set­ting effects of busi­ness news on the public’s images and opi­ni­ons about major cor­po­ra­ti­ons. Cor­po­ra­te Repu­ta­ti­on Review, 6(1), 36–46. https://doi.org/10.1057/palgrave.crr.1540188

McCombs, M., Llamas, J. P., Lopez-Esco­bar, E., & Rey, F. (1997). Can­di­da­te images in Spa­nish elec­tions: Second-level agen­da-set­ting effects. Jour­na­lism & Mass Com­mu­ni­ca­ti­on Quar­ter­ly, 74(4), 703–717. https://doi.org/10.1177/107769909707400404

McCombs, M. E., & Shaw, D. L. (1972). The agen­da-set­ting func­tion of mass media. Public Opi­ni­on Quar­ter­ly, 36(2), 176–187. https://doi.org/10.1086/267990

Mei­jer, M.-M., & Klein­ni­jen­huis, J. (2006). Issue news and cor­po­ra­te repu­ta­ti­on: App­ly­ing the theo­ries of agen­da set­ting and issue owner­ship in the field of busi­ness com­mu­ni­ca­ti­on. Jour­nal of Com­mu­ni­ca­ti­on, 56(3), 543–559. https://doi.org/10.1111/j.1460-2466.2006.00300.x

Petro­cik, J. R. (1996). Issue owner­ship in pre­si­den­ti­al elec­tions, with a 1980 case stu­dy. Ame­ri­can Jour­nal of Poli­ti­cal Sci­ence, 40(3), 825–850. https://doi.org/10.2307/2111797

Sche­ufe­le, D. A., & Tewks­bu­ry, D. (2007). Framing, agen­da set­ting, and pri­ming: The evo­lu­ti­on of three media effects models. Jour­nal of Com­mu­ni­ca­ti­on, 57(1), 9–20. https://doi.org/10.1111/j.0021-9916.2007.00326.x