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Ver­si­on 1.0 · Stand: 16.09.2026

Die media­le Rah­mung von Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on bezeich­net den Umstand, dass Bot­schafts­stra­te­gien einer Orga­ni­sa­ti­on ihre Anspruchs­grup­pen in aller Regel nicht unmit­tel­bar errei­chen, son­dern einen Selek­ti­ons- und Deu­tungs­vor­gang des Medi­en­sy­stems durch­lau­fen, der dar­über mit­ent­schei­det, ob sie über­haupt wir­ken kön­nen (Otter­pohl, 2019).

Einordnung: eine Lücke in der SCCT

Die situa­ti­ve Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­ons­theo­rie beschreibt, wel­che Stra­te­gie bei wel­chem Kri­sen­typ die Repu­ta­ti­ons­wahr­neh­mung der Anspruchs­grup­pen schützt (→ Coombs Situa­tio­nal Cri­sis Com­mu­ni­ca­ti­on Theo­ry). Sie setzt dabei still­schwei­gend vor­aus, dass die gewähl­te Stra­te­gie die­se Grup­pen erreicht. Wie das geschieht, model­liert sie nicht.

Dass die­se Lücke besteht, ist im Fach mehr­fach fest­ge­hal­ten wor­den. Holl­aday (2010) stellt fest, die Art der Medi­en­be­richt­erstat­tung über Kri­sen­re­ak­tio­nen von Orga­ni­sa­tio­nen sei nicht syste­ma­tisch unter­sucht wor­den, und Raupp (2014) ver­weist auf die unzu­rei­chen­de theo­re­ti­sche Fun­die­rung der Media Rela­ti­ons in der Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on (bei­de zitiert nach Otter­pohl, 2019, S. 280). Otter­pohl schlägt sein Modell aus­drück­lich als «neu­en theo­re­ti­schen Bau­stein für die SCCT» vor (2019, S. 283).

Der Aus­gangs­punkt ist ein­fach: Die mei­sten Men­schen erfah­ren von einer Kri­se nicht aus eige­ner Anschau­ung, son­dern aus den Medi­en. Das Medi­en­sy­stem bil­det damit einen Rah­men für die Ver­mitt­lung zwi­schen Kri­sen­ma­nage­ment und Anspruchs­grup­pen – und eine Stra­te­gie, die die­sen Rah­men nicht pas­siert, kann ihre Wir­kung nicht entfalten.

Der Vorgang in vier Grössen

Otter­pohl prüft sein Modell an 284 Medi­en­bei­trä­gen aus vier deut­schen Pres­se­leit­me­di­en zum Pfer­de­fleisch­skan­dal von 2013 und zum EHEC-Skan­dal von 2011 sowie an 186 State­ments der Öffent­lich­keits­ar­beit. Nach der Prü­fung ent­hält es vier Grös­sen (2019, S. 277):

  • die Bot­schafts­stra­te­gien der Orga­ni­sa­ti­on als Ausgangsgrösse,
  • die Bewer­tungs­ten­denz zur Unter­neh­mens­re­pu­ta­ti­on im Bei­trag als Zielgrösse,
  • und drei dazwi­schen­tre­ten­de Grös­sen auf Sei­ten der Medi­en: Medi­en-Frames, Medi­um und Bericht­erstat­tungs­mu­ster.

Die Ket­te dazwi­schen ist ent­schei­dend. Damit eine Stra­te­gie wir­ken kann, muss sie im Bei­trag the­ma­ti­siert wer­den, und die mit ihr ver­bun­de­nen Bewer­tun­gen müs­sen aus der Quel­le in den Bei­trag über­ge­hen – es muss also eine soge­nann­te Ten­den­z­in­duk­ti­on statt­fin­den, die Über­nah­me der Bewer­tung und nicht nur des Themas.

Was sich messen liess

Der Gesamt­zu­sam­men­hang zwi­schen der The­ma­ti­sie­rung von Bot­schafts­stra­te­gien und einer ent­la­sten­de­ren Dar­stel­lung der Orga­ni­sa­ti­on ist mit­tel stark (Kor­re­la­ti­on 0,36, Signi­fi­kanz­ni­veau 0,001). Deut­lich unter­schied­lich fällt er je nach Stra­te­gie­typ und Kri­sen­typ aus:

Stra­te­gie­typKri­sen­typKor­re­la­ti­on
Wie­der­auf­bau (Rebuild)ver­meid­ba­re Kri­se+0,78 (0,001)
Wie­der­auf­bau (Rebuild)Unfall­kri­se+0,37 (0,05)
Min­de­rung (Dimi­nish)bei­de−0,24 (0,05)
Zurück­wei­sung (Deni­al)ver­meid­ba­re Kri­se−0,30 (0,05)
Infor­ma­ti­on (ins­truc­ting, adjusting)ver­meid­ba­re Kri­se−0,48 (0,01)
Opfer­tum (sekun­där)bei­de−0,32 (0,01)

Die drei Medi­en­va­ria­blen zei­gen durch­ge­hend schwa­che Zusam­men­hän­ge: der Medi­en-Frame «Wirt­schaft» +0,20 und der Frame «Kon­flikt» −0,16; die Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung +0,12 und Der Spie­gel −0,15; das Bericht­erstat­tungs­mu­ster «Infor­ma­ti­ons­jour­na­lis­mus» +0,14 und «inve­sti­ga­ti­ver Jour­na­lis­mus» −0,13 (2019, S. 278 f.). Für die Frames «Moral» und «Human Inte­rest» sowie für Res­sort, Medi­en­form und Dar­stel­lungs­form ergab sich kein rele­van­ter Zusammenhang.

Drei Befunde, die von den Empfehlungen der SCCT abweichen

Der eigent­li­che Ertrag der Unter­su­chung liegt dort, wo sie nicht bestä­tigt, son­dern korrigiert.

Stra­te­gien der Min­de­rung wir­ken auf die Dar­stel­lung in den Medi­en nega­tiv – auch bei der Unfall­kri­se. Die SCCT emp­fiehlt sie für die­sen Kri­sen­typ; gemes­sen an der Bewer­tung in der Bericht­erstat­tung gehen sie bei bei­den unter­such­ten Kri­sen­ty­pen mit bela­sten­de­ren Dar­stel­lun­gen ein­her. Otter­pohl führt das dar­auf zurück, dass Min­de­rungs­stra­te­gien in Medi­en­bei­trä­gen kaum the­ma­ti­siert wer­den und dort, wo sie es wer­den, eher kri­tisch auf­ge­nom­men wer­den (2019, S. 274, 287).

Rei­ne Infor­ma­ti­ons­stra­te­gien genü­gen bei ver­meid­ba­ren Kri­sen nicht. Die Basis­re­ak­ti­on bleibt geschul­det – Otter­pohl bestä­tigt das aus­drück­lich –, aber wird aus­schliess­lich infor­miert, geht das bei der ver­meid­ba­ren Kri­se mit deut­lich bela­sten­de­ren Dar­stel­lun­gen ein­her (2019, S. 287; → Ins­truc­ting und Adju­sting Infor­ma­ti­on).

Die Stra­te­gie des Opfer­tums kann ihr Ziel errei­chen und die Dar­stel­lung den­noch ver­schlech­tern. Im EHEC-Fall erhiel­ten die betrof­fe­nen euro­päi­schen Gemü­se­pro­du­zen­ten von der EU-Kom­mis­si­on Ent­schä­di­gun­gen von 227 Mil­lio­nen Euro (2019, S. 194). In der Bericht­erstat­tung wirk­te die Stra­te­gie gleich­wohl bela­stend, weil zu ihr die The­ma­ti­sie­rung finan­zi­el­ler Ver­lu­ste gehört und die­se selbst als nega­ti­ve Aus­sa­ge über die Repu­ta­ti­on zu lesen ist (2019, S. 287 f.; → Unter­neh­men als Opfer dar­stel­len). Der Fall trennt sau­ber, was in der Pra­xis oft ver­mischt wird: Ver­hand­lungs­er­folg und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­er­folg sind nicht dasselbe.

Was Organisationen tun und was davon ankommt

Aus der qua­li­ta­ti­ven Teil­stu­die ergibt sich ein Aus­ein­an­der­fal­len, das für die Pra­xis der wich­tig­ste Befund sein dürf­te. Lebens­mit­tel­un­ter­neh­men set­zen über­wie­gend Stra­te­gien des Wie­der­auf­baus ein, mit Schwer­punkt auf Kom­pen­sa­ti­on und Kor­rek­tur; Min­de­rungs­stra­te­gien fin­den sich vor allem bei Her­stel­lern, Infor­ma­ti­ons­stra­te­gien vor allem im Han­del (2019, S. 285). Min­de­rungs- und Infor­ma­ti­ons­stra­te­gien wer­den dabei deut­lich häu­fi­ger ange­wen­det, als sie in Medi­en­bei­trä­gen the­ma­ti­siert wer­den (2019, S. 286). Was eine Orga­ni­sa­ti­on sagt und was davon öffent­lich wird, fällt also gera­de bei den­je­ni­gen Stra­te­gien aus­ein­an­der, die ohne­hin am schwäch­sten wirken.

Aus dem Stra­te­gie­pro­fil zieht Otter­pohl einen wei­te­ren Schluss: Dass die Bran­che über­wie­gend mit Wie­der­auf­bau reagiert, deu­tet dar­auf hin, dass sie Lebens­mit­tel­skan­da­le fak­tisch als ver­meid­ba­re Kri­sen behan­delt und nicht als Unfall­kri­sen (2019, S. 285).

Grenzen

Die Reich­wei­te der Befun­de ist eng, und das ist beim Zitie­ren mit­zu­füh­ren. Unter­sucht wur­de eine Kri­sen­art in einem Land, anhand zwei­er Fäl­le und vier Pres­se­leit­me­di­en; Fern­se­hen, Bou­le­vard­me­di­en, aus­län­di­sche Medi­en und Social-Media-Bei­trä­ge sind in der quan­ti­ta­ti­ven Ana­ly­se nicht ent­hal­ten (2019, S. 292 f.). Der Kri­sen­typ Opfer­kri­se fehlt voll­stän­dig, weil sich im Erhe­bungs­zeit­raum kein geeig­ne­ter Fall fand – alle Wir­kungs­aus­sa­gen gel­ten damit nur für Unfall­kri­sen und ver­meid­ba­re Kri­sen (2019, S. 292). Die Fäl­le lie­gen in den Jah­ren 2011 und 2013; die Über­trag­bar­keit auf Kri­sen mit aus­ge­präg­ter Platt­form­öf­fent­lich­keit ist ungeprüft.

Metho­disch sind zwei Punk­te fest­zu­hal­ten. Eine Kau­sa­li­täts­aus­sa­ge lässt sich nur für den Weg von der Stra­te­gie zur Bewer­tung stüt­zen, weil dort die Ten­den­z­in­duk­tio­nen gemes­sen wur­den; für die drei Medi­en­va­ria­blen sind aus­drück­lich zwei­sei­ti­ge Wir­kungs­rich­tun­gen model­liert, denn ein Bei­trag kann von einem Frame aus­ge­hend bewer­ten oder von einer Bewer­tung aus­ge­hend rah­men (2019, S. 276 f.). Und die Codie­rung erfolg­te durch den Ver­fas­ser allein, wes­halb nur die Intra­co­der-Relia­bi­li­tät nach Hol­sti geprüft wur­de, an rund 10 Pro­zent des Mate­ri­als (2019, S. 201 f.). Krip­pen­dorffs Alpha und eine Dop­pel­co­die­rung durch meh­re­re Per­so­nen lie­gen nicht vor.

Bedeutung für die Krisenkommunikation (KMK-Bezug)

Der Ein­trag beschreibt einen Vor­gang, den das KMK-System nicht erhebt. Das System codiert die publi­zier­te Bericht­erstat­tung und lei­tet dar­aus Rezep­ti­ons­pro­gno­se und Stra­te­gie ab; ob und in wel­cher Form die Bot­schaft einer Orga­ni­sa­ti­on den Weg in die­se Bericht­erstat­tung gefun­den hat, gehört nicht zu sei­nen Erhe­bungs­grös­sen (Stand: 16.09.2026). Die Dar­stel­lung hier ist des­halb For­schungs­stand, nicht System­an­wei­sung – aus ihr folgt kei­ne Codie­rung und kei­ne Regel.

Für die Beur­tei­lung einer Lage bleibt sie gleich­wohl nütz­lich, und zwar in zwei Rich­tun­gen. Sie erin­nert dar­an, dass das Aus­blei­ben einer Wir­kung zwei ganz ver­schie­de­ne Ursa­chen haben kann: Die Stra­te­gie war unpas­send, oder sie ist gar nicht öffent­lich gewor­den. Und sie schärft den Blick für eine Asym­me­trie, die in den gemes­se­nen Zah­len deut­lich her­vor­tritt: Der Zusam­men­hang zwi­schen Stra­te­gie und Dar­stel­lung ist mit­tel bis stark, der­je­ni­ge zwi­schen den Medi­en­merk­ma­len und der Dar­stel­lung durch­ge­hend schwach. Wer die eige­ne Stra­te­gie zur Lage pas­send wählt, tut nach die­sen Zah­len mehr für die Dar­stel­lung als wer auf die Aus­wahl der Kanä­le setzt.

Die Gegen­rich­tung des­sel­ben Vor­gangs – wie die Deu­tung einer Orga­ni­sa­ti­on über­haupt ent­steht und die media­le Ebe­ne erreicht – beschreibt der Ein­trag Stra­te­gi­sches Framing.

Literatur

Coombs, W. T. (2007). Pro­tec­ting orga­nizati­on repu­ta­ti­ons during a cri­sis: The deve­lo­p­ment and appli­ca­ti­on of Situa­tio­nal Cri­sis Com­mu­ni­ca­ti­on Theo­ry. Cor­po­ra­te Repu­ta­ti­on Review, 10(3), 163–176. https://doi.org/10.1057/palgrave.crr.1550049
Otter­pohl, M. (2019). Die media­le Rah­mung von Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on: Eine theo­re­ti­sche und empi­ri­sche Unter­su­chung zu Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stra­te­gien bei Lebens­mit­tel­skan­da­len und ihrer Reso­nanz in den Medi­en [Dis­ser­ta­ti­on, Freie Uni­ver­si­tät Berlin].