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Ver­si­on 1.1 · Stand: 05.10.2026

Als Manage­ment Mis­con­duct (Fehl­ver­hal­ten der Lei­tung) bezeich­net man eine Kri­se, in der der Lei­tung einer Orga­ni­sa­ti­on vor­ge­wor­fen wird, in Aus­übung ihrer Funk­ti­on ihre Inte­gri­tät ver­letzt zu haben. Der Vor­wurf lau­tet nicht auf einen Feh­ler oder eine Über­for­de­rung, son­dern auf ein Han­deln wider bes­se­res Wis­sen. In der Situa­tio­nal Cri­sis Com­mu­ni­ca­ti­on Theo­ry (SCCT) gehört die Kri­se zum Clu­ster der ver­meid­ba­ren Kri­sen, dem Coombs eine star­ke Ver­ant­wor­tungs­zu­schrei­bung und eine schwe­re Gefahr für die Repu­ta­ti­on zuord­net (Coombs, 2007, S. 168, Tabel­le 1).

Einordnung

Die SCCT ord­net Kri­sen nach dem Grad der Ver­ant­wor­tung, den Anspruchs­grup­pen der Orga­ni­sa­ti­on zuschrei­ben. Im Clu­ster der ver­meid­ba­ren Kri­sen hat die Orga­ni­sa­ti­on nach Coombs wis­sent­lich Men­schen einem Risi­ko aus­ge­setzt, unan­ge­mes­sen gehan­delt oder gegen ein Gesetz oder eine Vor­schrift ver­stos­sen; die Zuschrei­bung ist stark, die Repu­ta­ti­ons­ge­fahr schwer (Coombs, 2007, S. 168, Tabel­le 1). Im Fliess­text des­sel­ben Auf­sat­zes spricht Coombs auch vom «inten­tio­nal clu­ster»: Das Ereig­nis gilt als absicht­lich her­bei­ge­führt («pur­po­seful»), die Zuschrei­bung als sehr stark (S. 167).

Inner­halb die­ses Clu­sters führt Coombs fünf Kri­sen­ty­pen: zwei Typen mensch­li­chen Ver­sa­gens – Unfall und Pro­dukt­scha­den durch mensch­li­chen Feh­ler – und drei Typen des orga­ni­sa­tio­na­len Fehl­ver­hal­tens («orga­nizatio­nal mis­deed»). Die­se drei unter­schei­den sich nach Art und Fol­ge des Verstosses:

Typ bei Coombs Defi­ni­ti­on (Coombs, 2007, S. 168, Tabel­le 1)
orga­nizatio­nal mis­deed with no injuries Anspruchs­grup­pen wer­den getäuscht, ohne dass jemand zu Scha­den kommt («Stake­hol­ders are decei­ved wit­hout injury»).
orga­nizatio­nal mis­deed manage­ment misconduct Die Lei­tung ver­stösst gegen Geset­ze oder Vor­schrif­ten («Laws or regu­la­ti­ons are vio­la­ted by management»).
orga­nizatio­nal mis­deed with injuries Die Lei­tung setzt Anspruchs­grup­pen einem Risi­ko aus, und es kommt zu Verletzungen.

Bei Coombs ist Manage­ment Mis­con­duct damit eng gefasst: Gemeint ist der Rechts- oder Regel­ver­stoss der Lei­tung. Die Täu­schung von Anspruchs­grup­pen bil­det einen eige­nen Typ, eben­so die Gefähr­dung mit Verletzten.

Integrität statt Kompetenz: die Weiterentwicklung der SCCT

Die Ver­ant­wor­tungs­zu­schrei­bung allein trennt die Kri­sen­ty­pen des ver­meid­ba­ren Clu­sters nicht von­ein­an­der; alle erzeu­gen eine star­ke Zuschrei­bung. Coombs und Tach­ko­va (2023) füh­ren des­halb mora­li­sche Empö­rung («moral outra­ge») als drit­te Ein­schät­zungs­grös­se ein, neben der Fra­ge, ob eine Lage über­haupt nega­tiv ist, und der Ver­ant­wor­tungs­zu­schrei­bung. Empö­rung ent­steht, wenn ein Han­deln als absicht­lich, unge­recht und von Gier getrie­ben wahr­ge­nom­men wird; sie weckt das Bedürf­nis, den Ver­ur­sa­cher zu bestra­fen, auch bei Unbe­tei­lig­ten (S. 804).

Für Manage­ment Mis­con­duct ist eine Unter­schei­dung aus der Ver­trau­ens­for­schung mass­geb­lich, die die Autoren über­neh­men: Kom­pe­tenz bezeich­net die Fähig­kei­ten, die eine Auf­ga­be ver­langt, Inte­gri­tät das Fest­hal­ten an aner­kann­ten Grund­sät­zen (Kim et al., 2006, zitiert nach Coombs & Tach­ko­va, 2023, S. 805). Kri­sen durch mensch­li­ches Ver­sa­gen ver­let­zen danach die Kom­pe­tenz, Manage­ment Mis­con­duct ver­letzt die Inte­gri­tät; Coombs hat­te Manage­ment Mis­con­duct bereits als Miss­ach­tung mora­li­scher Grund­sät­ze und damit als Inte­gri­täts­ver­let­zung beschrie­ben (Coombs, 2015, zitiert nach Coombs & Tach­ko­va, 2023, S. 805). In der Stu­die ope­ra­tio­na­li­sie­ren die Autoren Manage­ment Mis­con­duct als absicht­li­ches Han­deln, von dem die Lei­tung wuss­te, dass es Regeln oder Vor­schrif­ten ver­letzt, ohne dass Gewinn­stre­ben als Motiv genannt wird; ist Gier das aus­drück­li­che Motiv, liegt eine «Scan­sis» vor (S. 806).

Die Ergeb­nis­se bestä­ti­gen drei getrenn­te Unter­grup­pen im ver­meid­ba­ren Clu­ster – mensch­li­ches Ver­sa­gen, Manage­ment Mis­con­duct und Scan­sis. Die Repu­ta­ti­on nach der Kri­se lag bei Manage­ment Mis­con­duct tie­fer als bei mensch­li­chem Ver­sa­gen und höher als bei der Scan­sis; mora­li­sche Empö­rung trenn­te mensch­li­ches Ver­sa­gen und Manage­ment Mis­con­duct deut­lich (S. 811–812). Die Abgren­zung zwi­schen Manage­ment Mis­con­duct und Scan­sis fiel dage­gen weni­ger scharf aus als erwar­tet; die Autoren hal­ten für mög­lich, dass Manage­ment Mis­con­duct einen Ein­druck von Aus­beu­tung auch dann erzeugt, wenn aus­drück­li­che Hin­wei­se dar­auf feh­len (S. 814).

Abgrenzungen

Lage Ver­hält­nis zu Manage­ment Misconduct
Kom­pe­tenz­ver­sa­gen (Fehl­ein­schät­zung, Überforderung) kein Manage­ment Mis­con­duct, auch bei gros­sem Schaden
Han­deln einer Lei­tungs­per­son aus­ser­halb ihrer Funk­ti­on – pri­vat oder in einer ande­ren Organisation kein Manage­ment Mis­con­duct; Fall der Namens­trä­ger-Kri­se
Här­te einer Ent­schei­dung (Stel­len­ab­bau, Schlies­sung, Änderungskündigung) kein Manage­ment Mis­con­duct; Gegen­stand der Ent­schei­dungs­kri­se. Erst der Vor­wurf an das Ver­fah­ren gegen­über Abhän­gi­gen – Nöti­gung oder Druck – fällt darunter.
Vor­wurf nur in Zita­ten betei­lig­ter Par­tei­en oder in der Verbandspresse Wort­laut erfüllt, Kate­go­rie im KMK-System nicht gegeben

Ver­wandt, aber nicht deckungs­gleich ist der Skan­dal: Er bezeich­net die öffent­li­che Empö­rung über einen Norm­ver­stoss, unab­hän­gig davon, wer ihn began­gen hat. Manage­ment Mis­con­duct beschreibt dage­gen eine bestimm­te Zuschrei­bung – an die Lei­tung, auf Inte­gri­tät, für ein Han­deln in ihrer Funktion.

Bedeutung für die Krisenkommunikation (KMK-Bezug)

Das KMK-System fasst Manage­ment Mis­con­duct wei­ter als Coombs: nicht nur als Rechts­ver­stoss, son­dern als Inte­gri­täts­bruch der Lei­tung ins­ge­samt. Mass­geb­lich ist die Ope­ra­tio­na­li­sie­rung in der Rezep­ti­ons­re­gel REZ-R08 «Inte­gri­täts­bruch wirkt län­ger als Kom­pe­tenz­ver­sa­gen»; der Ein­trag gibt sie wie­der, ohne sie zu ver­än­dern. Die Kate­go­rie ist gege­ben, wenn vier Bedin­gun­gen zusammentreffen:

  • Der Vor­wurf rich­tet sich gegen Lei­tungs­per­so­nen oder den Eigen­tü­mer (Rol­le schul­dig oder versagend).
  • Er betrifft ein Han­deln in Aus­übung der Lei­tungs­funk­ti­on oder der Eigen­tü­mer­rol­le gegen­über der Krisenorganisation.
  • Er betrifft Inte­gri­tät – Täu­schung, Vor­teils­nah­me, Ver­tu­schung, Nöti­gung oder Druck auf Abhän­gi­ge –, nicht Kompetenz.
  • Min­de­stens eine Redak­ti­on ohne Inter­es­sen­bin­dung an eine Kon­flikt­par­tei über­nimmt den Vor­wurf als eige­ne Aus­sa­ge oder bestä­tigt ihn; Zita­te betei­lig­ter Akteu­re genü­gen nicht, auch gehäuft.

Die Erwei­te­rung über den Rechts­ver­stoss hin­aus ist eine Set­zung des KMK-Systems. Sie stützt sich auf die Unter­schei­dung von Inte­gri­tät und Kom­pe­tenz, die Coombs und Tach­ko­va (2023, S. 805) für die SCCT frucht­bar machen: Für die Rezep­ti­on ent­schei­det nicht die recht­li­che Qua­li­fi­ka­ti­on eines Han­delns, son­dern ob das Publi­kum der Lei­tung Wis­sen und Absicht unter­stellt. Damit fal­len im KMK-System auch Lagen unter die Kate­go­rie, die Coombs als eige­nen Typ führt – die Täu­schung von Anspruchs­grup­pen etwa –, sofern der Vor­wurf die Lei­tung trifft. Die Scan­sis im Sin­ne von Coombs und Tach­ko­va behan­delt das System geson­dert: Die Stra­te­gie­re­geln bestim­men eine Scan­sis-Lage nicht über das Motiv der Gier, son­dern über das gemes­se­ne For­de­rungs­pro­fil, näm­lich die domi­nan­te For­de­rung nach Sank­ti­on (STR-R31).

Ist die Kate­go­rie gege­ben, greift sie an drei Stel­len. In der Rezep­ti­on ist die Ver­ant­wor­tungs­zu­schrei­bung stark und wird über den ein­zel­nen Sach­ver­halt hin­aus auf die Orga­ni­sa­ti­on ver­all­ge­mei­nert; erwar­tet wer­den For­de­run­gen nach per­so­nel­len Kon­se­quen­zen, und die Wir­kung hält über den Kri­sen­ver­lauf hin­aus an – mit hoher Kon­fi­denz für die Zuschrei­bung, nied­ri­ger für die Dau­er (REZ-R08). In der Lage­be­ur­tei­lung setzt die Stra­te­gie­re­gel STR-R72 die Alarm­stu­fe zwin­gend auf 🔴, unab­hän­gig von der übri­gen Matrix. In der Stra­te­gie ver­langt STR-R33 Ent­schul­di­gung und per­so­nel­le Kon­se­quen­zen; die Regel begrün­det das damit, dass es ohne per­so­nel­le Kon­se­quenz kei­ne Wie­der­her­stel­lung der Legi­ti­mi­tät gebe. Ein schlecht beleg­ter Inte­gri­täts­vor­wurf hät­te damit unver­hält­nis­mäs­si­ge Fol­gen; des­halb ver­langt REZ-R08 die redak­tio­nel­le Über­nah­me als zwei­ten Filter.

Für die Stra­te­gie­emp­feh­lung ist eine Gren­ze fest­zu­hal­ten. Die Befun­de, nach denen eine Ent­schul­di­gung nicht bes­ser wirkt als Mit­ge­fühl oder Ent­schä­di­gung, stam­men aus einem Unfall­sze­na­rio mit gerin­ger bis mitt­le­rer Zuschrei­bung; die Autoren schlies­sen aus­drück­lich nicht aus, dass Kri­sen mit star­ker Zuschrei­bung und hoher Wut ande­re Ergeb­nis­se lie­fern (Coombs & Holl­aday, 2008, S. 255–256). Für Manage­ment Mis­con­duct selbst berich­ten Coombs und Tach­ko­va (2023, S. 815) vor­läu­fi­ge Ergeb­nis­se, wonach die ent­ge­gen­kom­men­den Stra­te­gien der SCCT bei mensch­li­chem Ver­sa­gen wir­ken, bei Manage­ment Mis­con­duct aber nicht. Der Pri­mär­be­fund, auf den sich die Autoren stüt­zen, stammt aller­dings aus einer Scan­sis, nicht aus Manage­ment Mis­con­duct: Bei der Preis­er­hö­hung eines Phar­ma­un­ter­neh­mens aus Gewinn­stre­ben ver­bes­ser­te kei­ne der geprüf­ten Ant­wor­ten – Kor­rek­tur, Kor­rek­tur mit Aner­ken­nung der mora­li­schen Ver­feh­lung, Recht­fer­ti­gung oder kei­ne Stel­lung­nah­me – kurz­fri­stig Repu­ta­ti­on, Kauf­ab­sicht oder Mund­pro­pa­gan­da; die Kor­rek­tur mit Aner­ken­nung der mora­li­schen Ver­feh­lung wirk­te aber empa­thi­scher und senk­te die Empö­rung (Coombs & Tach­ko­va, 2019, S. 79–82). Eine Ent­schul­di­gung wur­de dabei nicht geprüft. Die Autoren raten, ent­ge­gen­kom­men­de Stra­te­gien des­halb nicht auf­zu­ge­ben, weil ihr Nut­zen eher lang­fri­stig lie­ge (S. 84–85). Wie Ent­schul­di­gung und per­so­nel­le Kon­se­quenz in die­ser Lage wir­ken, ist damit empi­risch nicht geklärt; STR-R33 ist als begrün­de­te Set­zung zu lesen, nicht als expe­ri­men­tell gesi­cher­te Regel.

Ein Fall ver­deut­licht die Rol­le der redak­tio­nel­len Über­nah­me. In der Rück­pro­be zum Stel­len­ab­bau bei Man­or 2020 war­fen Gewerk­schaf­ten im Tes­sin der Lei­tung Druck auf das Per­so­nal vor. Der Wort­laut der Regel war damit erfüllt, doch kei­ne Redak­ti­on über­nahm den Vor­wurf als eige­ne Aus­sa­ge; Manage­ment Mis­con­duct ist nach heu­ti­gem Stand nicht gege­ben. Im wei­te­ren Ver­lauf blieb die vor­her­ge­sag­te For­de­rung nach per­so­nel­len Kon­se­quen­zen aus – eine erste Beob­ach­tung, kein Beleg für die Kalibrierung.

Ver­wand­te Ein­trä­ge: Coombs Situa­tio­nal Cri­sis Com­mu­ni­ca­ti­on Theo­ry (SCCT) · Namens­trä­ger-Kri­se · Zuschrei­bungs­ziel · Fehlverhalten/Fehlhandlungen · Bume­rang-Effekt (eine gute Repu­ta­ti­on ver­stärkt den Scha­den eher, wenn eine Inte­gri­täts­kri­se das eige­ne Wer­te­ver­spre­chen trifft).

Literatur

Coombs, W. T. (2007). Pro­tec­ting orga­nizati­on repu­ta­ti­ons during a cri­sis: The deve­lo­p­ment and appli­ca­ti­on of Situa­tio­nal Cri­sis Com­mu­ni­ca­ti­on Theo­ry. Cor­po­ra­te Repu­ta­ti­on Review, 10(3), 163–176. https://doi.org/10.1057/palgrave.crr.1550049

Coombs, W. T., & Holl­aday, S. J. (2008). Com­pa­ring apo­lo­gy to equi­va­lent cri­sis respon­se stra­te­gies: Cla­ri­fy­ing apology’s role and value in cri­sis com­mu­ni­ca­ti­on. Public Rela­ti­ons Review, 34(3), 252–257. https://doi.org/10.1016/j.pubrev.2008.04.001

Coombs, W. T., & Tach­ko­va, E. R. (2019). Scan­sis as a uni­que cri­sis type: Theo­re­ti­cal and prac­ti­cal impli­ca­ti­ons. Jour­nal of Com­mu­ni­ca­ti­on Manage­ment, 23(1), 72–88. https://doi.org/10.1108/JCOM-08-2018-0078

Coombs, W. T., & Tach­ko­va, E. R. (2023). Inte­gra­ting moral outra­ge in Situa­tio­nal Cri­sis Com­mu­ni­ca­ti­on Theo­ry: A tria­dic app­raisal model for cri­ses. Manage­ment Com­mu­ni­ca­ti­on Quar­ter­ly, 37(4), 798–820. https://doi.org/10.1177/08933189221151177