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Ver­si­on 2.0 · Stand: 27.07.2026

Die Sala­mi-Tak­tik-Fal­le bezeich­net das kri­sen­ver­schär­fen­de Muster, Infor­ma­tio­nen nur scheib­chen­wei­se preis­zu­ge­ben – immer erst dann, wenn der öffent­li­che Druck zu gross wird. Der Begriff stammt ursprüng­lich aus der Poli­tik (Ráko­sis Stra­te­gie der schritt­wei­sen Macht­über­nah­me in Ungarn), hat in der Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on aber eine eige­ne Bedeu­tung entwickelt.

Der typische Verlauf

Ein Vor­wurf wird öffent­lich; die Orga­ni­sa­ti­on demen­tiert oder rela­ti­viert; neue Fak­ten wider­le­gen das Demen­ti; die Orga­ni­sa­ti­on räumt einen Teil ein und bestrei­tet den Rest; wei­te­re Ent­hül­lun­gen fol­gen – der Zyklus wie­der­holt sich. Jede «Schei­be» wird zur eige­nen Schlag­zei­le: Die Kri­se, die mit einem ein­zi­gen schmerz­haf­ten State­ment hät­te been­det wer­den kön­nen, zieht sich über Wochen oder Mona­te. In die Fal­le tap­pen Orga­ni­sa­tio­nen aus Hoff­nung auf Infor­ma­ti­ons­vor­sprung, aus juri­sti­scher Logik (nichts zuge­ben, was nicht zwin­gend nötig ist), wegen inter­ner Infor­ma­ti­ons­lücken oder aus Wunsch­den­ken. Der VW-Die­sel­skan­dal ist der Lehr­buch­fall: erst ein­zel­ne Fahr­zeu­ge, dann eine Moto­ren­rei­he, dann meh­re­re Mar­ken, schliess­lich Mil­lio­nen Fahr­zeu­ge welt­weit – jede Kor­rek­tur ver­stärk­te den Ein­druck syste­ma­ti­scher Täuschung.

Der kommunikative Schaden

Die Sala­mi-Tak­tik erzeugt Glaub­wür­dig­keits­ver­lust (jede Ent­hül­lung beweist frü­he­res Ver­schwei­gen), Nar­ra­tiv­ver­lust (die Medi­en bestim­men den Rhyth­mus), Ver­län­ge­rung der Kri­se (vie­le Tief­punk­te statt eines) und Kumu­la­ti­on (das Gesamt­bild wirkt schlim­mer als die Sum­me der Tei­le). Die Skan­da­li­sie­rungs­for­schung beschreibt genau die­se Dyna­mik sich über­bie­ten­der Ent­hül­lungs­wel­len (Kepp­lin­ger, 2012). Das Gegen­prin­zip ist das «Ste­al­ing Thun­der»: Wer bela­sten­de Infor­ma­tio­nen pro­ak­tiv selbst offen­legt, wird als glaub­wür­di­ger beur­teilt und erlei­det gerin­ge­ren Repu­ta­ti­ons­scha­den (Arpan & Roskos-Ewold­sen, 2005; Claeys & Cau­berg­he, 2012). Wo noch nicht alles bekannt ist oder recht­li­che Gren­zen bestehen, gilt: die Unvoll­stän­dig­keit offen benen­nen, statt Voll­stän­dig­keit zu suggerieren.

Bedeutung für die Krisenkommunikation (KMK-Bezug)

Im KMK-System ist die Sala­mi-Tak­tik ein klas­si­scher Aus­lö­ser der Dop­pel­kri­se: Das Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ver­hal­ten wird selbst zum Miss­stand und ver­schiebt das Framing vom Sach­pro­blem zur Täu­schungs­fra­ge (NORM_ORG mit stei­gen­der Ver­ant­wor­tungs­zu­schrei­bung, häu­fig kom­bi­niert mit NORM_HYPO). Die Wenn-Dann-Regeln set­zen dem die früh­zei­ti­ge, voll­stän­di­ge Eigen­of­fen­le­gung ent­ge­gen; die Grund­sät­ze situa­ti­ver Kom­mu­ni­ka­ti­on ver­lan­gen, Wis­sens­stand und Wis­sens­lücken trans­pa­rent zu machen.

Literatur

Arpan, L. M., & Roskos-Ewold­sen, D. R. (2005). Ste­al­ing thun­der: Ana­ly­sis of the effects of proac­ti­ve dis­clo­sure of cri­sis infor­ma­ti­on. Public Rela­ti­ons Review, 31(3), 425–433. https://doi.org/10.1016/j.pubrev.2005.05.003
Claeys, A.-S., & Cau­berg­he, V. (2012). Cri­sis respon­se and cri­sis timing stra­te­gies: Two sides of the same coin. Public Rela­ti­ons Review, 38(1), 83–88. https://doi.org/10.1016/j.pubrev.2011.09.001
Kepp­lin­ger, H. M. (2012). Die Mecha­nis­men der Skan­da­li­sie­rung (3. Aufl.). Olzog.