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Ver­si­on 2.2 · Stand: 28.09.2026

Der Halo-Effekt ist eine kogni­ti­ve Ver­zer­rung, bei der eine auf­fäl­li­ge posi­ti­ve oder nega­ti­ve Eigen­schaft einer Per­son, eines Pro­dukts oder einer Orga­ni­sa­ti­on die Wahr­neh­mung ihrer übri­gen Eigen­schaf­ten «über­strahlt» (Thorn­di­ke, 1920). Attrak­ti­ve Per­so­nen gel­ten als kom­pe­ten­ter, Pro­duk­te bekann­ter Mar­ken als hoch­wer­ti­ger – ohne dass es dafür Bele­ge braucht. Der Effekt spart kogni­ti­ve Res­sour­cen: Statt jede Eigen­schaft ein­zeln zu prü­fen, wird vom Auf­fäl­li­gen aufs Gan­ze geschlossen.

Einordnung

Beschrie­ben hat den Effekt Edward L. Thorn­di­ke (1920) an Beur­tei­lun­gen, die Vor­ge­setz­te über ihre Unter­ge­be­nen abga­ben: Die Urtei­le über ganz ver­schie­de­ne Eigen­schaf­ten hin­gen so eng zusam­men, dass sie offen­sicht­lich von einem Gesamt­ein­druck gefärbt waren. Nis­bett und Wil­son (1977) zeig­ten spä­ter, dass die Beur­tei­len­den die­se Über­tra­gung nicht bemer­ken. Ein sym­pa­thisch wir­ken­der Dozent wur­de auch in Äus­ser­lich­kei­ten gün­sti­ger beur­teilt, und die Befrag­ten bestrit­ten, dass ihr Gesamt­ein­druck dabei eine Rol­le gespielt habe. Der Halo-Effekt gehört damit zu den Heu­ri­sti­ken und kogni­ti­ven Ver­zer­run­gen.

Der Halo der Reputation in der Krise

Über­tra­gen auf Orga­ni­sa­tio­nen lau­tet die Annah­me, eine gute Repu­ta­ti­on schüt­ze in der Kri­se. Coombs und Holl­aday (2006) unter­schei­den dafür zwei Wir­kungs­wei­sen. Beim Halo als Schutz­schild blen­den die Anspruchs­grup­pen die nega­ti­ve Infor­ma­ti­on aus und hal­ten an ihrem guten Urteil fest. Beim Halo als Ver­trau­ens­vor­schuss schrei­ben sie der Orga­ni­sa­ti­on weni­ger Ver­ant­wor­tung für die Kri­se zu.

Die Befund­la­ge ist schma­ler, als die Pra­xis annimmt. In zwei Expe­ri­men­ten zu Unfäl­len bei bekann­ten Unter­neh­men fan­den Coombs und Holl­aday (2006) einen Schutz­schild nur in einem begrenz­ten Bereich, näm­lich bei sehr guter Vor­kri­sen­re­pu­ta­ti­on. Einen Ver­trau­ens­vor­schuss fan­den sie nicht: Blieb die Ursa­che offen, unter­stell­ten die Befrag­ten der Orga­ni­sa­ti­on die­sel­be Ver­ant­wor­tung wie bei mensch­li­chem Ver­sa­gen. Frü­he­re Stu­di­en kamen zu einem ähn­li­chen Muster. Eine ungün­sti­ge Vor­re­pu­ta­ti­on scha­det deut­lich, eine gute nützt gegen­über einer neu­tra­len kaum (Coombs & Holl­aday, 2002; Klein & Dawar, 2004). Coombs und Holl­aday (2002) nen­nen die bela­sten­de Sei­te den Vel­cro-Effekt: Ein schlech­ter Ruf zieht zusätz­li­chen Scha­den an wie ein Klettverschluss.

Wann der Halo kippt

Ein guter Ruf kann auch zur Bela­stung wer­den. Trifft die Kri­se die Inte­gri­tät der Orga­ni­sa­ti­on statt ihrer Lei­stung, oder wider­spricht der Vor­wurf einem Ver­spre­chen, das sie selbst gege­ben hat, weckt die gute Repu­ta­ti­on höhe­re Erwar­tun­gen, und ihre Ver­let­zung wird här­ter beur­teilt. Die­se Umkehr beschreibt der Bume­rang-Effekt (Sohn & Laris­cy, 2015). Coombs und Holl­aday (2006) war­fen die Fra­ge bereits auf, ob ein guter Ruf höhe­re Anfor­de­run­gen an die Reak­ti­on in der Kri­se stellt, ohne sie beant­wor­ten zu können.

Bedeutung für die Krisenkommunikation (KMK-Bezug)

Für die Ana­ly­se folgt dar­aus zwei­er­lei. Erstens ist ein Repu­ta­ti­ons­bo­nus nur bei sehr guter Vor­kri­sen­re­pu­ta­ti­on anzu­neh­men, und er wirkt gegen den Repu­ta­ti­ons­scha­den, nicht gegen die Zuschrei­bung der Ver­ant­wor­tung. In der Kon­text­ana­ly­se (ADAM) senkt des­halb nur eine sehr posi­ti­ve Basis-Repu­ta­ti­on die Repu­ta­ti­ons-Fall­hö­he, eine posi­ti­ve zählt wie eine neu­tra­le; den Attri­bu­ti­ons­ver­stär­ker senkt eine gute Vor­re­pu­ta­ti­on nicht (KB-A1). Eine Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on, die auf den Ver­trau­ens­vor­schuss setzt, baut auf einen Effekt, der empi­risch nicht belegt ist.

Zwei­tens ist die Pas­sung zu prü­fen: Berührt die Kri­se die Dimen­si­on, auf der der gute Ruf beruht, oder ein aus­drück­li­ches Wer­te­ver­spre­chen, ist eher mit dem Bume­rang als mit dem Schutz­schild zu rech­nen. Der Codier­bo­gen berück­sich­tigt das mit einer Pas­sungs­re­gel: Hat die Orga­ni­sa­ti­on ein aus­drück­li­ches mora­li­sches Ver­spre­chen abge­ge­ben und trifft der Vor­wurf den­sel­ben Wer­te­be­reich, ent­fällt der Bonus. Die Prü­fung der Risi­ko­fal­len fragt nach die­ser Kehr­sei­te, etwa bei der Heu­che­lei-Fal­le und der Fal­le «Kom­pe­tenz und Glaub­wür­dig­keit» (→ KB-A2, → Heu­che­lei-Fal­le).

Literatur

Coombs, W. T., & Holl­aday, S. J. (2002). Hel­ping cri­sis mana­gers pro­tect repu­ta­tio­nal assets: Initi­al tests of the situa­tio­nal cri­sis com­mu­ni­ca­ti­on theo­ry. Manage­ment Com­mu­ni­ca­ti­on Quar­ter­ly, 16(2), 165–186. https://doi.org/10.1177/089331802237233
Coombs, W. T., & Holl­aday, S. J. (2006). Unpack­ing the halo effect: Repu­ta­ti­on and cri­sis manage­ment. Jour­nal of Com­mu­ni­ca­ti­on Manage­ment, 10(2), 123–137. https://doi.org/10.1108/13632540610664698
Klein, J., & Dawar, N. (2004). Cor­po­ra­te social respon­si­bi­li­ty and con­su­mers’ attri­bu­ti­ons and brand eva­lua­tions in a product–harm cri­sis. Inter­na­tio­nal Jour­nal of Rese­arch in Mar­ke­ting, 21(3), 203–217. https://doi.org/10.1016/j.ijresmar.2003.12.003
Nis­bett, R. E., & Wil­son, T. D. (1977). The halo effect: Evi­dence for uncon­scious altera­ti­on of judgments. Jour­nal of Per­so­na­li­ty and Social Psy­cho­lo­gy, 35(4), 250–256. https://doi.org/10.1037/0022-3514.35.4.250
Sohn, Y. J., & Laris­cy, R. W. (2015). A «buf­fer» or «boo­me­rang?» – The role of cor­po­ra­te repu­ta­ti­on in bad times. Com­mu­ni­ca­ti­on Rese­arch, 42(2), 237–259. https://doi.org/10.1177/0093650212466891
Thorn­di­ke, E. L. (1920). A con­stant error in psy­cho­lo­gi­cal ratings. Jour­nal of Applied Psy­cho­lo­gy, 4(1), 25–29. https://doi.org/10.1037/h0071663