Krisenmanagement und -kommunikation

Drs. A. Grynko & O. Baeriswyl


KB-A1 Codiersystem kontextuelle Moderatoren

KMK-RESSOURCE KB-A1

Codiersystem kontextuelle Moderatoren

Ver­si­on2.0
Stand16.09.2026
Gilt ab15.08.2026
ErsetztVer­si­on 1.0 vom 25.04.2026
ModulADAM
Ebe­neKon­text (nicht­si­tua­tiv)
Gel­tungs­artMess­vor­schrift
Kon­ven­tio­nenKB-00 Codebuch-Konventionen
System­ver­si­onKMK 2.0

Mass­geb­li­che Fas­sung für KMK-Ana­ly­sen (KI-Abruf). Bei jeder Ana­ly­se live abru­fen, nie aus dem Cache.


1 Zweck

Der Bogen erfasst die nicht­si­tua­ti­ven Fak­to­ren einer Orga­ni­sa­ti­on – alles, was vor der Kri­se gilt und unab­hän­gig von ihr besteht. Er wird aus­schliess­lich in ADAM aus­ge­füllt; FRAMI und EVI über­neh­men die Ergeb­nis­se, ohne sie nachzurechnen.

2 Faktoren

Kate­go­rieFak­torCodie­rung und Punk­teGeht ein in
1 Deskrip­tivBran­che und RisikoklasseHoch­ri­si­ko (Che­mie, Ener­gie, Phar­ma, Behör­de): +2 · Mit­tel­ri­si­ko (Indu­strie, Han­del): +1 · Nied­ri­g­ri­si­ko (Dienst­lei­stung, NGO): 0FALLHOEHE
1 Deskrip­tivOrga­ni­sa­ti­ons­grös­seGross­un­ter­neh­men oder natio­nal: +1 · KMU: 0 · lokal oder klein: −1FALLHOEHE
1 Deskrip­tivKri­sen­ge­schich­te (letz­te 24 Monate)Anzahl Vor­fäl­le, Kri­sen­typ (Scan­dal / Acci­dent / Vic­tim), Schwe­re 1–5, Bewäl­ti­gungs­qua­li­tät (gut / mit­tel / schlecht).
Kei­ne Vor­fäl­le: −2 · 1–2 leich­te: 0 · 3 und mehr oder schwe­re: +2
FALLHOEHE und INT_HIST
1 Deskrip­tivMarkt­stel­lungMono­pol oder Markt­füh­rer­schaft: +1 · Nische: 0 · Mar­gi­nal­an­bie­ter: −1FALLHOEHE
1 Deskrip­tivGeo­gra­fi­scher und kul­tu­rel­ler Kon­textPri­mä­re Kri­sen­re­gi­on (Deutsch­schweiz / Roman­die / Tes­sin / inter­na­tio­nal / ande­re); wei­te­re Sprach­re­gio­nen betrof­fen ja/nein; kul­tu­rel­le Sen­si­ti­vi­tät hoch / mit­tel / niedrigSCHNUFFI (Spra­chen), EVI (Stra­te­gie)
2 Nor­ma­tivTrans­pa­renzerwar­tungHoch (Behör­de, öffent­li­che Insti­tu­ti­on): +2 · mit­tel (bör­sen­no­tiert, regu­liert): +1 · nied­rig (pri­vat, nicht regu­liert): 0FALLHOEHE
2 Nor­ma­tivSicher­heits­nor­men und ComplianceStren­ge gesetz­li­che Auf­la­gen: +1 · Bran­chen­stan­dards: 0 · kei­ne beson­de­ren Nor­men: −1FALLHOEHE
2 Nor­ma­tivSozia­le Ver­ant­wor­tung (CSR, Ethik-Kodex)Expli­zi­te CSR-Ver­spre­chen oder Ethik-Kodex: +1 (erhöht das Heu­che­lei-Risi­ko bei Dis­kre­panz) · kei­ne expli­zi­ten Ver­spre­chen: 0EVI (Kohä­renz-Check), TRAP_NORM_HYPO
2 Nor­ma­tivKern­wer­te und WerteversprechenKom­mu­ni­zier­te Kern­wer­te (Cla­im, Mis­si­on) doku­men­tie­ren. Mora­lisch auf­ge­la­den (Nach­hal­tig­keit, Fair­ness, Sicher­heit): +1 · funk­tio­nal (Effi­zi­enz, Preis): 0EVI (Kohä­renz-Check), FRAMI (Aus­wer­tung NORM_HYPO_TEXT)
3 Emo­tivBasis-Repu­ta­ti­on (Sym­pa­thie­wert vor der Kri­se)Sehr posi­tiv: −2 · posi­tiv: −1 · neu­tral: 0 · nega­tiv: +1 · sehr nega­tiv: +2FALLHOEHE und INT_REP
3 Emo­tivBran­chen-ImageHohes Ver­trau­en (NGO, Bil­dung): −1 · neu­tral: 0 · Skep­sis vor­han­den (Phar­ma, Ban­ken): +1 · hohe Skep­sis (Rüstung, Tabak): +2FALLHOEHE
3 Emo­tivBekannt­heits­gradInter­na­tio­nal oder natio­nal bekannt: +1 · regio­nal bekannt: 0 · lokal oder wenig bekannt: −1FALLHOEHE
4 Stake­hol­derWich­tig­ste AnspruchsgruppenListe der rele­van­te­sten Stake­hol­der (Kund­schaft, Mit­ar­bei­ten­de, Behör­den, NGO, Inve­sto­ren, Medi­en)EVI und FRAMI (Stake­hol­der­be­zug der Pro­gno­se), SCHNUFFI
4 Stake­hol­derErwar­tungs­ni­veau der StakeholderHoch (Behör­den, Medi­en): +1 · mit­tel: 0 · nied­rig: −1EVI, FRAMI
4 Stake­hol­derMacht­stel­lung der StakeholderHohe Macht (Regu­la­to­ren, Gross­ab­neh­mer): +1 · mitt­le­re Macht: 0 · gerin­ge Macht: −1EVI (Stra­te­gie)

3 Reputations-Fallhöhe FALLHOEHE

Sum­me der Punk­te aller bewer­te­ten Faktoren.

ScoreInter­pre­ta­ti­on
−4 und tiefergerin­ge Fall­hö­he, Reputations-Bonus
−3 bis +3mitt­le­re Fallhöhe
+4 und höherhohe Fall­hö­he, Reputations-Malus

Ach­tung: Die Fall­hö­he bedient die Kon­se­quenz­ach­se. Sie beant­wor­tet, wie schwer eine gege­be­ne Zuschrei­bung wiegt – nicht, wie stark zuge­schrie­ben wird. Sie geht des­halb nicht in die Zuschrei­bungs­rech­nung ein. Kri­sen­ge­schich­te und Basis-Repu­ta­ti­on stecken bereits in die­sem Score; sie zusätz­lich als Ver­stär­ker in die­sel­be Glei­chung zu geben, hies­se die­sel­ben Fak­ten mehr­fach zu ver­rech­nen. Die bei­den Ach­sen tref­fen erst in der Alarm­stu­fe von EVI wie­der aufeinander.

Hin­weis: Wer­te­be­reich. Rech­ne­risch reicht der Score von −11 bis +18: 13 der 15 Fak­to­ren tra­gen Punk­te, der geo­gra­fi­sche und kul­tu­rel­le Kon­text und die wich­tig­sten Anspruchs­grup­pen gehen nicht ein. Die Bän­der sind des­halb nach unten und oben offen. Die Roh­sum­me wird immer mitausgewiesen.

4 Attributionsverstärker INT_HIST, INT_REP, INT_SUM

Neu in Ver­si­on 2.0. Zwei defi­nier­te Ska­len statt einer unbe­stimm­ten «Anzahl Inten­si­vie­rer», voll­stän­dig aus den oben erho­be­nen Wer­ten ableitbar.

INT_HIST – Krisenhistorie (aus Kategorie 1)

WertBedin­gung
0kei­ne Vor­fäl­le in den letz­ten 24 Monaten
11–2 leich­te Vor­fäl­le, oder ein schwe­rer Vor­fall mit guter Bewältigungsqualität
23 oder mehr Vor­fäl­le, oder ein schwe­rer Vor­fall mit mitt­le­rer bis schlech­ter Bewältigungsqualität

INT_REP – Vorreputation (aus Kategorie 3)

WertPunk­te obenAus­prä­gung
0−2 / −1sehr posi­tiv / positiv
10neu­tral
2+1 / +2nega­tiv / sehr negativ

INT_SUM = INT_HIST + INT_REP, Wertebereich 0–4

Zwei Zusatz­re­geln, bei­de als 🔴 EST zu kenn­zeich­nen (Evi­denz­grad E3): Stimmt der Kri­sen­typ eines Vor­falls aus der Histo­rie mit dem aktu­el­len über­ein, steigt INT_HIST um eine Stu­fe, höch­stens auf 2. Und: Das 24-Monats-Fen­ster ist eine KMK-Set­zung – SCCT nennt für cri­sis histo­ry kei­ne Frist.

Ach­tung: «Human Error» ist kein Attri­bu­ti­ons­ver­stär­ker. Mensch­li­ches Ver­sa­gen ist in SCCT ein Clu­ster-Kri­te­ri­um: es ver­schiebt die Kri­se nach Pre­ven­ta­ble und wirkt bereits auf das Basis­ni­veau. Es gehört zur Clu­ster­be­stim­mung in FRAMI (KB-F1), nicht in INT_SUM.

Hin­weis: Neu­tra­le Vor­re­pu­ta­ti­on ist kein Ver­stär­ker. Eine neu­tra­le Vor­re­pu­ta­ti­on (INT_REP = 1) fliesst in INT_SUM ein, löst allein aber kei­ne Eska­la­ti­on aus: STR-R21 greift nur, wenn INT_HIST ≥ 1 oder INT_REP = 2. Nach Coombs (2007, Tabel­le 3, Leit­li­ni­en 3–5) ver­stär­ken nur Kri­sen­ge­schich­te und ungün­sti­ge Vorreputation.

5 Schnittstellen-Output

AnÜber­ge­ben wird
SCHNUFFISuch­be­grif­fe · Zeit­raum · Spra­chen · geo­gra­fi­scher Fokus
FRAMIKern­wer­te · INT_HIST / INT_REP / INT_SUM · alle fünf TRAP_* mit erwar­te­ter Frame-Signa­tur · FALLHOEHE zum Durch­rei­chen · Stake­hol­der-Prio­ri­tä­ten
EVIFALLHOEHE mit Inter­pre­ta­ti­on · INT_SUM mit Teil­wer­ten · Kern­wer­te · Stake­hol­der-Prio­ri­tä­ten · geo­gra­fi­scher und kul­tu­rel­ler Kon­text

Hin­weis: Ohne die Stake­hol­der-Prio­ri­tä­ten kann FRAMI kei­ne grup­pen­dif­fe­ren­zier­te Pro­gno­se stel­len – und eine Pro­gno­se ohne Stake­hol­der­be­zug ist wert­los. Bis Ver­si­on 1.0 gin­gen sie nur an EVI.

6 Moderatoren der Verhaltensebene NEU 15.08.2026

Die fol­gen­den Kon­text­merk­ma­le sind von ADAM zu erhe­ben. Sie steu­ern die Ver­hal­tens­pro­gno­se in RW-R1 und sind kei­ne Pro­gno­se, son­dern Lagemerkmale.

Merk­malAus­prä­gun­genLeit­fra­ge
Wahr­neh­mungs­reich­wei­teflä­chen­deckend / tei­löf­fent­lich / nicht öffentlichKommt die Lage bei den Anspruchs­grup­pen über­haupt an?
Kon­kret­heit der Gefährdunggegen­ständ­lich / abstraktGibt es einen Gegen­stand, an dem sich die Gefahr zeigt?
Trä­ger der GefahrenabwehrBetrof­fe­ne / Orga­ni­sa­ti­on / Dritt­in­stanz / niemandWer wen­det die Gefahr fak­tisch ab?
Hand­lungs­an­ge­botWirk­sam­keit, Recht­zei­tig­keit, VollständigkeitWas kön­nen Betrof­fe­ne tun, ab wann wis­sen sie es, und wo fra­gen sie nach?
Umsetz­bar­keit des Verzichtserkenn­bar / nicht erkenn­bar; Alter­na­ti­ven; WechselkostenKönn­te man die Orga­ni­sa­ti­on über­haupt meiden?
Kapa­zi­tät für Betroffenenrechtevor­han­den / nicht vorhandenKann die Orga­ni­sa­ti­on Aus­kunfts- und Lösch­be­geh­ren bewältigen?
Bekann­te reich­wei­ten­lo­se Vorwürfevor­han­den / keineWel­che Alt­last war­tet auf einen reich­wei­ten­star­ken Träger?

Hin­weis: Das letz­te Merk­mal stammt aus einer wie­der­keh­ren­den Beob­ach­tung: In drei von neun geprüf­ten Fäl­len lag die Offen­le­gung Jah­re vor der Kri­se öffent­lich vor und blieb ohne Wir­kung. Die Fra­ge der Früh­erken­nung lau­tet nicht, ob etwas bekannt ist, son­dern wer es auf­grei­fen könnte.

Änderungsprotokoll

Ver­si­onDatumÄnde­rung
2.013.08.2026Abschnitt 4 neu: Berech­nungs­re­gel für INT_HIST, INT_REP und INT_SUM mit zwei E3-Zusatz­re­geln – damit ist die Num­me­rie­rungs­lücke der Vor­fas­sung (5 auf 7) geschlos­sen. Klar­stel­lung, dass die Fall­hö­he die Kon­se­quenz­ach­se bedient und bei­de Attri­bu­ti­ons­ver­stär­ker bereits ent­hält. «Human Error» als Ver­stär­ker aus­ge­schlos­sen. Schnitt­stel­len-Out­put an FRAMI um INT_SUM, alle fünf TRAP_* und die Stake­hol­der-Prio­ri­tä­ten erwei­tert. Offe­ne Posi­ti­on zu den Inter­pre­ta­ti­ons­bän­dern ver­merkt. Tipp­feh­ler «Des­krit­piv» korrigiert.
2.015.08.2026Nach­trag 15.08.: Abschnitt 6 «Mode­ra­to­ren der Ver­hal­tens­ebe­ne» ergänzt (sie­ben Merk­ma­le, die die Ver­hal­tens­re­geln in RW-R1 steuern).
2.016.09.2026Fall­hö­he: Bän­der nach unten und oben offen («−4 und tie­fer», «+4 und höher»), rech­ne­ri­scher Wer­te­be­reich −11 bis +18 aus­ge­wie­sen, offe­ne Posi­ti­on auf­ge­löst. Abschnitt 4: Hin­weis, dass neu­tra­le Vor­re­pu­ta­ti­on allein kei­ne Eska­la­ti­on aus­löst (STR-R21).

Zita­ti­on: KMK-Ana­ly­se-System (2026): Codier­sy­stem kon­tex­tu­el­le Mode­ra­to­ren, Res­sour­ce KB-A1, Ver­si­on 2.0. krisenkom.ch.

Ver­wand­te Res­sour­cen: KB-A2 · MI-01 · MI-03 · MI-04 · RW-R2

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