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tabaeris/claude, 2. Febru­ar 2025

Der Begriff stammt ursprüng­lich aus der Poli­tik (Ráko­sis Stra­te­gie der schritt­wei­sen Macht­über­nah­me in Ungarn), hat aber in der Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on eine eige­ne Bedeu­tung ent­wickelt: Infor­ma­tio­nen wer­den nur scheib­chen­wei­se preis­ge­ge­ben, immer erst dann, wenn der Druck zu gross wird.

Der typi­sche Verlauf

  1. Ein Vor­wurf wird öffentlich
  2. Die Orga­ni­sa­ti­on demen­tiert oder relativiert
  3. Neue Fak­ten tau­chen auf, die das Demen­ti widerlegen
  4. Die Orga­ni­sa­ti­on räumt einen Teil ein, bestrei­tet den Rest
  5. Wei­te­re Ent­hül­lun­gen folgen
  6. Der Zyklus wie­der­holt sich

Jede «Schei­be» wird zur eige­nen Schlag­zei­le. Die Kri­se, die mit einem ein­zi­gen schmerz­haf­ten State­ment hät­te been­det wer­den kön­nen, zieht sich über Wochen oder Monate.

War­um Orga­ni­sa­tio­nen hineintappen

  • Hoff­nung auf Infor­ma­ti­ons­vor­sprung: Man glaubt, mehr zu wis­sen als Medi­en oder Ermitt­ler, und gibt nur zu, was bereits bewie­sen ist
  • Juri­sti­sche Logik: Nichts zuge­ben, was nicht zwin­gend nötig ist
  • Inter­ne Infor­ma­ti­ons­lücken: Das Manage­ment kennt selbst nicht das vol­le Ausmass
  • Wunsch­den­ken: Viel­leicht kommt der Rest ja nicht heraus

Der kom­mu­ni­ka­ti­ve Schaden

  • Glaub­wür­dig­keits­ver­lust: Jede neue Ent­hül­lung beweist, dass vor­her gelo­gen oder ver­schwie­gen wurde
  • Nar­ra­tiv­ver­lust: Die Medi­en bestim­men den Rhyth­mus, nicht die Organisation
  • Ver­län­ge­rung der Kri­se: Statt eines Tief­punkts gibt es viele
  • Kumu­la­ti­on: Am Ende wirkt das Gesamt­bild schlim­mer als die Sum­me der Einzelteile

Histo­ri­sche Beispiele

Der VW-Die­sel­skan­dal ist ein Lehr­buch­fall: Erst hiess es, es hand­le sich um ein­zel­ne Fahr­zeu­ge, dann um eine Moto­ren­rei­he, dann um meh­re­re Mar­ken, dann um Mil­lio­nen Fahr­zeu­ge welt­weit. Jede Kor­rek­tur war eine neue Schlag­zei­le und ver­stärk­te den Ein­druck syste­ma­ti­scher Täuschung.

Das Gegen­prin­zip: «Get the facts out»

Die Alter­na­ti­ve ist schmerz­haft, aber kür­zer: Alles, was man weiss, so früh wie mög­lich auf den Tisch legen – idea­ler­wei­se in einer ein­zi­gen, umfas­sen­den Stel­lung­nah­me. Der Tief­punkt kommt frü­her, aber die Erho­lung beginnt auch früher.

Die Grat­wan­de­rung

Natür­lich gibt es Situa­tio­nen, in denen man selbst noch nicht alles weiss oder recht­li­che Gren­zen bestehen. Dann ist es bes­ser, dies offen zu kom­mu­ni­zie­ren («Wir unter­su­chen noch, wer­den aber trans­pa­rent infor­mie­ren, sobald wir Klar­heit haben») als Voll­stän­dig­keit zu sug­ge­rie­ren, die sich spä­ter als falsch herausstellt.