tabaeris/claude, 2. Februar 2025
Der Begriff stammt ursprünglich aus der Politik (Rákosis Strategie der schrittweisen Machtübernahme in Ungarn), hat aber in der Krisenkommunikation eine eigene Bedeutung entwickelt: Informationen werden nur scheibchenweise preisgegeben, immer erst dann, wenn der Druck zu gross wird.
Der typische Verlauf
- Ein Vorwurf wird öffentlich
- Die Organisation dementiert oder relativiert
- Neue Fakten tauchen auf, die das Dementi widerlegen
- Die Organisation räumt einen Teil ein, bestreitet den Rest
- Weitere Enthüllungen folgen
- Der Zyklus wiederholt sich
Jede «Scheibe» wird zur eigenen Schlagzeile. Die Krise, die mit einem einzigen schmerzhaften Statement hätte beendet werden können, zieht sich über Wochen oder Monate.
Warum Organisationen hineintappen
- Hoffnung auf Informationsvorsprung: Man glaubt, mehr zu wissen als Medien oder Ermittler, und gibt nur zu, was bereits bewiesen ist
- Juristische Logik: Nichts zugeben, was nicht zwingend nötig ist
- Interne Informationslücken: Das Management kennt selbst nicht das volle Ausmass
- Wunschdenken: Vielleicht kommt der Rest ja nicht heraus
Der kommunikative Schaden
- Glaubwürdigkeitsverlust: Jede neue Enthüllung beweist, dass vorher gelogen oder verschwiegen wurde
- Narrativverlust: Die Medien bestimmen den Rhythmus, nicht die Organisation
- Verlängerung der Krise: Statt eines Tiefpunkts gibt es viele
- Kumulation: Am Ende wirkt das Gesamtbild schlimmer als die Summe der Einzelteile
Historische Beispiele
Der VW-Dieselskandal ist ein Lehrbuchfall: Erst hiess es, es handle sich um einzelne Fahrzeuge, dann um eine Motorenreihe, dann um mehrere Marken, dann um Millionen Fahrzeuge weltweit. Jede Korrektur war eine neue Schlagzeile und verstärkte den Eindruck systematischer Täuschung.
Das Gegenprinzip: «Get the facts out»
Die Alternative ist schmerzhaft, aber kürzer: Alles, was man weiss, so früh wie möglich auf den Tisch legen – idealerweise in einer einzigen, umfassenden Stellungnahme. Der Tiefpunkt kommt früher, aber die Erholung beginnt auch früher.
Die Gratwanderung
Natürlich gibt es Situationen, in denen man selbst noch nicht alles weiss oder rechtliche Grenzen bestehen. Dann ist es besser, dies offen zu kommunizieren («Wir untersuchen noch, werden aber transparent informieren, sobald wir Klarheit haben») als Vollständigkeit zu suggerieren, die sich später als falsch herausstellt.