Version 2.0 · Stand: 18.07.2026
Klassische Medienarbeit umfasst die kontinuierliche Beziehungspflege zu journalistischen Medien und den Einsatz der bewährten Instrumente – Pressemitteilung, Pressekonferenz, Statement und Interview. Je besser die Medienarbeit im Vorfeld einer Krise und die bisherige Zusammenarbeit mit Journalistinnen und Journalisten, desto besser kann sich eine Organisation in der publizistisch-öffentlichen Krise behaupten.
Grundsätze der Medienarbeit in der Krise
In PR-Kreisen kursiert der Grundsatz: «Alles, was man sagt, muss wahr sein. Aber nicht alles, was wahr ist, muss gesagt sein.» In Krisensituationen gilt er nicht: Entdeckt der Journalist Lücken in seiner Story, versucht er sie zu schliessen. Verschweigen und halbe Wahrheiten zählen zu den Todsünden der Medienarbeit – wann immer möglich, transparent und wahrheitsgetreu kommunizieren. Daneben gilt:
- Verständlich und sachlich formulieren: kein Begriffswirrwarr, keine unverständlichen Fachbegriffe, keine fadenscheinigen Argumente.
- Widersprüche vermeiden: Alle sprechen dieselbe Sprache (integrierte Kommunikation) – Journalisten suchen nach Schwächen und Widersprüchen.
- Meinungen und Haltungen begründen; wo möglich Expertenaussagen und wissenschaftliche Befunde beiziehen.
- Eigene Interessen zurückstellen; Empathie zeigen, wenn andere zu Schaden gekommen sind.
Instrumente
Die Instrumente bauen auf Statements und Argumentarien auf, die auf Basis von Szenarien vor der Krise ausformuliert wurden – der konsequente Rückgriff darauf sichert den widerspruchsfreien Auftritt. Die Pressemitteilung ist das schnelle, kostengünstige Mittel der ersten Stellungnahme; ihre Grenzen: Verständnis und Wiedergabe sind nicht kontrollierbar, und Gefühle wie Trauer oder Besorgnis lassen sich schriftlich nur schwer vermitteln (Herbst, 2003). Die Pressekonferenz ist aufwändiger, verleiht dem Geschehen aber Gewicht und gibt den Medien Raum für Fragen, Interviews, Bilder (Homuth, 2000); sie sollte erst einberufen werden, wenn gesicherte Erkenntnisse über Ursachen, Auswirkungen und Gegenmassnahmen vorliegen. Statement und Interview stehen und fallen mit dem Sprecher: Er muss die Botschaften beherrschen, geschult auftreten und als Repräsentant der Organisation akzeptiert sein. Nicht direkt steuerbar, aber wirksam sind Leserbriefe und Meinungsäusserungen in Kommentarspalten, Foren und Blogs.
Gegendarstellung?
Bei Falschmeldungen stellt sich die Frage des rechtlichen Vorgehens. Eine Gegendarstellung ist nur angezeigt, wenn die Unwahrheit eindeutig beweisbar und die Richtigstellung für die Unternehmensziele notwendig ist – nie aus rein emotionalen Motiven. Meist ist abzuraten: Der Gegendarstellung wird kaum dieselbe Grösse und Position zugestanden wie dem Originalbericht, und der Schritt belastet das Verhältnis zu den Medien. Kepplinger (2003, S. 67) berichtet aus einer Befragung von 237 Pressesprechern: 42 Prozent kennen mindestens eine Person, die trotz guter juristischer Ausgangslage auf eine Klage gegen Journalisten verzichtete – wichtigste Gründe: Vermeidung negativer Publizität (39 %), ungünstiges Aufwand-Ertrags-Verhältnis (35 %), Wirkungslosigkeit (22 %).
Dieselben Grundsätze gelten im Netz, unter verschärften Bedingungen – das Lehrstück lieferte Greenpeace 2010 mit der KitKat-Kampagne gegen Nestlé: Der Konzern liess Fanseiten abschalten und wollte das Orang-Utan-Video gerichtlich verbieten; das Video wurde dadurch erst recht bekannt (Streisand-Effekt). Nestlé lernte daraus und investierte in Social-Media-Marketing und Monitoring.
Elektronische Medien: die nonverbale Dimension
Bei TV und Radio wirken – wie in der Face-to-Face-Kommunikation – Mimik, Gestik und Sprechweise erheblich auf Glaubwürdigkeit und Sympathie. Die Sprecherwahl sollte dies berücksichtigen: Neben Stellung und Sachkompetenz zählen Ausstrahlung und natürliche Empathie, besonders bei emotional gelagerten Themen. Offizielle Statements sind in der Krise zeitgleich an alle Medien zu streuen; ob vertraute Journalisten zusätzlich Hintergrundinformationen erhalten, ist situativ zu beurteilen.
Bedeutung für die Krisenkommunikation (KMK-Bezug)
Die klassische Medienarbeit ist der operative Arm der EVI-Strategie in der journalistischen Arena: Botschaftsstrategien werden über Pressemitteilung, Konferenz, Statement und Interview ausgespielt, und die Grundsätze (Wahrheit, Konsistenz, Empathie) decken sich mit den Grundsätzen allgemeiner Kommunikation des KMK-Regelwerks. Die Gegendarstellungs-Frage illustriert eine Wenn-Dann-Regel: Rechtliche Eskalation nur, wenn Beweislage und Zielnutzen sie tragen – sonst droht die Sekundärkrise.
Literatur
Herbst, D. (2003). Praxishandbuch Unternehmenskommunikation. Cornelsen.
Homuth, S. (2000). Wirksame Krisenkommunikation: Theorie und Praxis der Public Relations in Imagekrisen. Books on Demand.
Kepplinger, H. M. (2003). 🔴 [Quelle der Pressesprecher-Befragung in Zotero nachzutragen]
Puchleitner, K. (1994). Public Relations in Krisenzeiten: Das Handbuch für situationsorientierte Öffentlichkeitsarbeit. Signum.