Ver­si­on 2.0 · Stand: 16.09.2026

Kri­sen­ma­nage­ment ist eine spe­zi­fi­sche Form des all­ge­mei­nen Manage­ments. Es ver­steht sich «als die Ana­ly­se, Pla­nung, Umset­zung und Kon­trol­le von Mass­nah­men zur Vor­beu­gung, […] und Bewäl­ti­gung von Kri­sen» (Herbst, 1999, S. 37).

Hier wird Kri­sen­ma­nage­ment im enge­ren Sin­ne in Anleh­nung an Armin Töp­fer als Manage­ment von Mass­nah­men zur Kri­sen­vor­be­rei­tung und zur Kri­sen­be­wäl­ti­gung (wäh­rend der Kri­se) ver­stan­den. Die Auf­ga­ben sind zusätz­lich im Video­cast «Kri­sen­ma­nage­ment & ‑auf­ga­ben» erläutert.

Management als Führungsaufgabe

Unter Manage­ment ver­steht man all­ge­mein die Pla­nung, Steue­rung und Kon­trol­le (Schwarz & Löf­fel­holz, 2019, S. 1) von Instru­men­ten und Mass­nah­men, mit denen unter Ein­satz von Res­sour­cen Ergeb­nis­se erzielt wer­den sol­len. Der Manage­ment­pro­zess umfasst ana­ly­ti­sche, stra­te­gi­sche und ope­ra­ti­ve Kom­po­nen­ten (Scher­ler, 1996, S. 22).

Krisenmanagement im engeren Sinne

Kri­sen­ma­nage­ment im enge­ren Sin­ne (nach Kry­stek) ist das Bemü­hen, den Ver­lauf der Kri­sen­er­eig­nis­se im Sin­ne der Orga­ni­sa­ti­on zu steu­ern. Dazu wer­den Mass­nah­men ein­ge­setzt, die geeig­net sind, die Kri­sen­la­ge zugun­sten der Orga­ni­sa­ti­on zu beein­flus­sen, die Nega­tiv­fol­gen mög­lichst gering zu hal­ten und die sich bie­ten­den Chan­cen best­mög­lich zu nut­zen. Nega­tiv for­mu­liert geht es dar­um, einen «worst case» zu ver­hin­dern (sie­he Kata­stro­phe).

Kri­sen­ma­nage­ment lässt sich auch als Unter­neh­mens­ma­nage­ment unter beson­de­ren Umstän­den bezeich­nen – im Mili­tär­jar­gon: in aus­ser­or­dent­li­chen Lagen – oder als Manage­ment unter erschwer­ten Bedingungen.

  • Zu die­sen beson­de­ren Umstän­den gehört ein hohes Mass an Unge­wiss­heit. Dies betrifft nach Klaus Mer­ten (2014, S. 158) den Anfangs- und den End­zeit­punkt, die Ursa­che der Kri­se sowie das Niveau des Aus­gangs. Bis zu einem gewis­sen Grad beein­fluss­bar durch Kom­mu­ni­ka­ti­on, aber den­noch unge­wiss ist eben­falls der Ver­lauf einer Kri­se.
  • Des Wei­te­ren nimmt die Hand­lungs­frei­heit des Unter­neh­mens mit der Zuspit­zung der Kri­se kon­ti­nu­ier­lich ab, wenn es nicht gelingt, den Kri­sen­ver­lauf zu sei­nen Gun­sten zu beeinflussen.
  • Das Unter­neh­men ist zudem stark expo­niert: Die Öffent­lich­keit beob­ach­tet die Akti­vi­tä­ten des Unter­neh­mens kri­tisch; die Medi­en infor­mie­ren und der Druck zu kom­mu­ni­zie­ren steigt ste­tig an.
  • Vor allem bei plötz­li­chen Kri­sen steht das Manage­ment unter hohem Zeit­druck.
  • Nicht mehr der Erfolg steht im Vor­der­grund, son­dern die Bedro­hung.
  • Dies führt oft zu Angst, Panik und «Läh­mung».

Krisenphasen

Betriebs­wirt­schaft­li­che Ansät­ze zum Kri­sen­ma­nage­ment im wei­te­ren Sin­ne unter­schei­den nach der Manage­ment­funk­ti­on, dem zu steu­ern­den Objekt und dem Zeit­raum in Bezug zur Kri­se, also nach Kri­sen­pha­sen (Coombs, 2019; Schwarz & Löf­fel­holz, 2019, S. 5). Nach dem Zeit­raum unter­schei­det man zwischen

  • akti­vem Kri­sen­ma­nage­ment, das Mass­nah­men vor einer aus­ge­bro­che­nen Kri­se umfasst, und
  • reak­ti­vem Kri­sen­ma­nage­ment mit Mass­nah­men zur Bewäl­ti­gung einer aus­ge­bro­che­nen Kri­se.

Nach dem Zweck (Drey­er, 2001, S. 27) unter­schei­det man vor der Kri­se zwischen

  • prä­ven­ti­vem (vor­beu­gen­dem) Kri­sen­ma­nage­ment mit dem Ziel, eine Kri­se zu ver­mei­den, und
  • anti­zi­pa­ti­vem Kri­sen­ma­nage­ment mit Mass­nah­men zur Vor­be­rei­tung auf eine Kri­se.

Modell von Krystek

Das stark betriebs­wirt­schaft­lich gepräg­te Modell von Kry­stek unter­teilt das Kri­sen­ma­nage­ment in vier Pha­sen (zu unter­schei­den von den Kri­sen­ver­läu­fen nach Mer­ten). Das anti­zi­pa­ti­ve und das prä­ven­ti­ve (akti­ve) Kri­sen­ma­nage­ment sind vor einer Kri­se anzu­sie­deln, das repul­si­ve und das liqui­da­tive wäh­rend der Kri­se.

Krisenphasen nach Krystek

Das anti­zi­pa­ti­ve und prä­ven­ti­ve (auch: akti­ve) Kri­sen­ma­nage­ment besteht in der gedank­li­chen Vor­weg­nah­me mög­li­cher Unter­neh­mens­kri­sen, in Pro­gno­sen und Sze­na­ri­en, in der Ablei­tung vor­be­hal­te­ner Ent­schlüs­se und in der Kri­sen­vor­be­rei­tung durch orga­ni­sa­to­ri­sche Massnahmen.

Das repul­si­ve Kri­sen­ma­nage­ment ver­sucht, die ein­ge­tre­te­ne Kri­se zurück­zu­schla­gen, und gilt in einem sehr engen Sin­ne als das Kri­sen­ma­nage­ment schlechthin.

Das liqui­da­tive Kri­sen­ma­nage­ment wird ein­ge­setzt, wenn dem Unter­neh­men mit­tel- bis lang­fri­stig kei­ne Über­le­bens­chan­cen mehr ein­ge­räumt wer­den kön­nen. Es ist für den best­mög­li­chen Rück­zug und eine geord­ne­te Auf­lö­sung der Unter­neh­mung zuständig.

Modell von Töpfer

Das Modell von Armin Töp­fer (2014, S. 248 ff.) unterscheidet

Manage­ment vor, wäh­rend und nach der Kri­se (nach Töp­fer, 2014, S. 249)

Aufgaben des Krisenmanagements (Baeriswyl, 2018)

Das hier ver­wen­de­te Modell baut auf den Kri­sen­pha­sen nach Töp­fer auf und kon­kre­ti­siert sie mit Auf­ga­ben­be­rei­chen für jede Phase.

Auf­ga­ben vor und wäh­rend der Kri­se (in Anleh­nung an Töp­fer, 2014, S. 249)

Aktuelle Tendenzen im Krisenmanagement

Falk­hei­mer und Hei­de (2009) stel­len im Bereich der Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on zwei Ten­den­zen fest: eine klas­si­sche und eine post­mo­der­ne. Die letz­te­re ist geprägt von der Digi­ta­li­sie­rung und den neu­en Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mög­lich­kei­ten des Inter­nets. «Im Kri­sen­ma­nage­ment ste­hen sich zwei Posi­tio­nen gegen­über: die moder­ne, die ihren Fokus auf Steue­rung von Kri­sen legt und auf Stra­te­gien der Kon­trol­le und die post-moder­ne, deren Ver­ständ­nis eine sozia­le Kon­struk­ti­on von Kri­sen ist und ihr Fokus damit das Schaf­fen einer (spon­ta­nen) Sinn­haf­tig­keit der Wahr­neh­mung von Kri­sen» (Thies­sen, 2014, S. 13).

Tra­di­tio­nel­le Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­onPost-moder­ne Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on
Orga­ni­sa­ti­ons­formZen­tra­li­siert (straf­fe Systeme)Dezen­tra­li­siert (locke­re Systeme)
Pro­zess­fo­kusOpe­ra­tio­nal, durch­drin­gend, technischKri­sen­prä­ven­ti­on, ope­ra­tio­nal-stra­te­gisch
Füh­rung und KontrolleRatio­na­le Pla­nung durch Regeln und AnweisungenImpro­vi­sa­ti­on innert eines trai­nier­ten stra­te­gi­schen Rahmens
Kom­mu­ni­ka­ti­ons­fo­kusDer Sen­der steht im Zen­trum: «erzäh­le und predige»Öffent­li­che Ansprü­che ste­hen im Zen­trum: «ver­ste­he, ver­bin­de und integriere»
Kom­mu­ni­ka­torEin zen­tra­ler SprecherNetz­werk von Kom­mu­ni­ka­to­ren und Dialogen
Medi­en­wahlMas­sen­me­di­enMas­sen­me­di­en, Min­der­hei­ten- und Mikro­me­di­en, inter­per­so­na­ler Dialog
Kom­mu­ni­ka­ti­ons­zie­leÖffent­lich­keit wur­de infor­miert und wie­der­holt die InhalteAnspruchs­grup­pen ver­ste­hen und han­deln selbständig
Cha­rak­te­ri­sti­ka tra­di­tio­nel­ler und post-moder­ner Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on (Thies­sen, 2014; in Anleh­nung an Falk­hei­mer und Hei­de, 2009)

Post­mo­der­ne Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on ist damit nicht mehr kon­se­quen­tes Han­deln nach einer vor­ge­ge­be­nen Stra­te­gie, son­dern «Impro­vi­sa­ti­on inner­halb eines stra­te­gi­schen Rah­mens» (Thies­sen, 2014, S. 6). Sol­che dia­log­ori­en­tier­ten Ansät­ze tra­gen dem sich ändern­den gesell­schaft­li­chen Umfeld und dem Kri­sen­merk­mal der Unge­wiss­heit stär­ker Rech­nung. «Die neue post-moder­ne Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­ons­for­schung beschäf­tigt sich heu­te neu mit Phä­no­me­nen der nicht-Plan­bar­keit, der Spon­ta­ni­tät, dem Cha­os, der Über­kom­ple­xi­tät von Situa­tio­nen, dem irra­tio­na­len (Emo­tio­nen!) Han­deln von Ent­schei­dern, dem Ein­be­zie­hen von Erfah­rungs­wis­sen, dem Über­schrei­ten von Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tu­ren oder dem Manage­ment von Ansprü­chen» (Thies­sen, 2014, S. 6).

Bedeutung für die Krisenkommunikation (KMK-Bezug)

Das KMK-System setzt in der Pha­se der Kri­sen­be­wäl­ti­gung an: Es ana­ly­siert eine lau­fen­de Kri­se und lei­tet dar­aus Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stra­te­gien ab. Die Kri­sen­vor­be­rei­tung lie­fert dafür die Grund­la­gen, etwa Sze­na­ri­en und vor­be­hal­te­ne Ent­schlüs­se; die Nach­be­rei­tung lie­fert die Leh­ren für die näch­ste Kri­se. Die Merk­ma­le der Kri­sen­la­ge, die die­ser Ein­trag beschreibt – Unge­wiss­heit, abneh­men­de Hand­lungs­frei­heit, Expo­niert­heit und Zeit­druck –, sind zugleich die Bedin­gun­gen, unter denen jede Ana­ly­se gebraucht wird: Sie muss rasch ver­wert­bar sein und ihre eige­nen Unsi­cher­hei­ten offen ausweisen.

Literatur

Bae­ris­wyl, O. (2018). Unter­neh­men am Pran­ger: Kri­sen und Kom­mu­ni­ka­ti­on. media­ta sa.
Coombs, W. T. (2019). Ongo­ing cri­sis com­mu­ni­ca­ti­on: Plan­ning, mana­ging, and respon­ding (5. Aufl.). SAGE.
Falk­hei­mer, J., & Hei­de, M. (2009). Cri­sis com­mu­ni­ca­ti­on in a new world. Nord­icom Review, 30(1), 55–66. https://doi.org/10.1515/nor-2017–0138
Herbst, D. (1999). Kri­sen mei­stern durch PR: Ein Leit­fa­den für Kom­mu­ni­ka­ti­ons­prak­ti­ker. Luch­ter­hand.
Mer­ten, K. (2014). Kri­se, Kri­sen­ma­nage­ment und Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on. In A. Thies­sen (Hrsg.), Hand­buch Kri­sen­ma­nage­ment (2. Aufl., S. 155–175). Sprin­ger VS. https://doi.org/10.1007/978–3‑658–04293-6_9
Scher­ler, P. (1996). Kom­mu­ni­ka­ti­on mit exter­nen Anspruchs­grup­pen als Erfolgs­fak­tor im Kri­sen­ma­nage­ment eines Kon­zerns: Erfah­run­gen aus dem Fall Brent Spar (Green­peace vs. Shell). Hel­bing & Lich­ten­hahn.
Schwarz, A., & Löf­fel­holz, M. (2019). Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on: Vor­be­rei­tung, Umset­zung, Erfolgs­fak­to­ren. In Hand­buch Unter­neh­mens­kom­mu­ni­ka­ti­on (S. 1–17). Sprin­ger. https://doi.org/10.1007/978–3‑658–03894-6_46‑1
Thies­sen, A. (2014). Kri­sen­ma­nage­ment. In A. Thies­sen (Hrsg.), Hand­buch Kri­sen­ma­nage­ment (2. Aufl., S. 3–19). Sprin­ger VS. https://doi.org/10.1007/978–3‑658–04293-6_1
Töp­fer, A. (2014). Die Manage­ment­per­spek­ti­ve im Kri­sen­ma­nage­ment – Wel­che Rol­le spielt das Manage­ment bei der Bewäl­ti­gung von Kri­sen­si­tua­tio­nen? In A. Thies­sen (Hrsg.), Hand­buch Kri­sen­ma­nage­ment (2. Aufl., S. 239–270). Sprin­ger VS. https://doi.org/10.1007/978–3‑658–04293-6_14

Noch zu veri­fi­zie­ren 🔴: Drey­er (2001, S. 27) und das Modell von Kry­stek (Jahr und Werk im Text nicht ange­ge­ben). Die Gegen­über­stel­lung tra­di­tio­nel­ler und post­mo­der­ner Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on wird hier nach Thies­sen (2014) Falk­hei­mer und Hei­de (2009) zuge­schrie­ben; der Auf­satz von 2009 in der Nord­icom Review ent­hält sie jedoch nicht (Voll­text geprüft am 16.09.2026). Mög­li­cher­wei­se ist Falk­hei­mer und Hei­de (2010), «Cri­sis com­mu­ni­ca­tors in chan­ge: From plans to impro­vi­sa­ti­ons», gemeint; die Zuord­nung ist am Ori­gi­nal von Thies­sen (2014) zu prüfen.