Version 2.0 · Stand: 18.07.2026
Die Komplexitätstheorie versteht Krisen nicht als isolierte, steuerbare Ereignisse, sondern als emergente Phänomene komplexer adaptiver Systeme: Viele Akteure und Faktoren interagieren, kleine Ursachen können grosse Wirkungen entfalten, und der Verlauf bleibt grundsätzlich nur begrenzt vorhersehbar (Gilpin & Murphy, 2008).
Einordnung
Priscilla Murphy (1996) führte chaos- und komplexitätstheoretische Konzepte in die PR-Forschung ein; Gilpin und Murphy (2008) arbeiteten daraus eine Theorie des Krisenmanagements aus. Zentrale Konzepte sind Interkonnektivität (Krisen entstehen in Beziehungsnetzen), Nichtlinearität (Wirkungen sind den Ursachen nicht proportional), Emergenz (neue Muster sind aus den Einzelteilen nicht ableitbar), Feedback-Schleifen und Selbstorganisation. Praktische Konsequenz ist eine Absage an die Illusion vollständiger Planbarkeit: Statt starrer Krisenpläne braucht es Anpassungsfähigkeit, dezentrale Entscheidungskompetenz, laufendes Monitoring und Resilienz. Kommunikation wirkt dabei als stabilisierendes Element, das Unsicherheit reduziert und Orientierung schafft.
Bedeutung für die Krisenkommunikation (KMK-Bezug)
Die Komplexitätstheorie begründet, warum das KMK-System als Kreislauf und nicht als Einmal-Analyse angelegt ist: SCHNUFFI beobachtet die Medienarena fortlaufend, FRAMI misst Frame-Verschiebungen im Zeitverlauf (Krisenverlaufskarte), und EVI behandelt jede Strategieempfehlung als Hypothese, die bei veränderter Lage neu geprüft wird. Auch die Warnung vor widersprüchlichen Botschaften bei dezentraler Kommunikation findet sich in den Grundsätzen allgemeiner Kommunikation wieder (One Voice bei verteilten Sprechern).
Literatur
Gilpin, D. R., & Murphy, P. J. (2008). Crisis management in a complex world. Oxford University Press.
Murphy, P. (1996). Chaos theory as a model for managing issues and crises. Public Relations Review, 22(2), 95–113. https://doi.org/10.1016/S0363-8111(96)90001–6
Coombs, W. T. (2014). Applied crisis communication and crisis management: Cases and exercises. SAGE.