Version 2.0 · Stand: 27.07.2026
Die David-versus-Goliath-Falle bezeichnet das Risiko, dass eine grosse, mächtige Organisation (Goliath) in einem öffentlichen Konflikt mit einem vermeintlich schwächeren Gegenspieler (David) – etwa einem einzelnen Kunden, einer kleinen NGO oder einem Whistleblower – die öffentlichen Sympathien fast automatisch verliert. Der Vorwurf des Machtmissbrauchs liegt in solchen asymmetrischen Konstellationen stets in der Luft, unabhängig davon, wer sachlich im Recht ist.
Einordnung
Der Mechanismus beruht auf dem empirisch gut belegten Underdog-Effekt: Publika identifizieren sich emotional mit der unterlegenen Partei und bewerten deren Anstrengungen wohlwollender (Vandello, Goldschmied & Richards, 2007). Je aggressiver oder juristisch härter die Organisation auftritt, desto stärker kippt die öffentliche Meinung zugunsten des «Davids». Besonders heikel sind Klagen gegen Einzelpersonen oder kleine Organisationen – in der Extremform als einschüchternde SLAPP-Klagen diskutiert (Pring & Canan, 1996) –, unverhältnismässig wirkende Reaktionen auf Kritik sowie öffentliche Konfrontation statt Dialog. Das Dilemma: Selbst wenn die Organisation objektiv korrekt handelt, wirkt sie durch ihre Übermacht unsympathisch; ein «Sieg» vor Gericht kann zum Reputationsdesaster werden. Eng verwandt ist der Streisand-Effekt (→ Streisand-Effekt), bei dem der Versuch der Unterdrückung einer Information deren Verbreitung erst recht befeuert.
Bedeutung für die Krisenkommunikation (KMK-Bezug)
Im KMK-System ist die David-versus-Goliath-Konstellation ein kontextueller Moderator der Rollenzuschreibung: Der Organisation wird in der Berichterstattung die Täter- oder Aggressorrolle zugewiesen, dem Gegenspieler die Opferrolle (Codierung über die ACTOR_/ROLE_-Codes der Akteursanalyse). Offensive Botschaftsstrategien – Angreifen, Glaubwürdigkeit von Zeugen untergraben, Drohen – verschärfen die Falle und sind nach den Wenn-Dann-Regeln in asymmetrischen Konflikten nur mit äusserster Zurückhaltung einzusetzen. Empfohlen sind Deeskalation, Dialogangebote und sichtbare Verhältnismässigkeit – auch und gerade dann, wenn die rechtliche Position stark ist.
Literatur
Pring, G. W., & Canan, P. (1996). SLAPPs: Getting sued for speaking out. Temple University Press.
Vandello, J. A., Goldschmied, N. P., & Richards, D. A. R. (2007). The appeal of the underdog. Personality and Social Psychology Bulletin, 33(12), 1603–1616. https://doi.org/10.1177/0146167207307488