Version 2.0 · Stand: 18.07.2026
Die Theorie der selektiven Wahrnehmung besagt, dass sich Rezipienten im Informationsprozess aktiv verhalten: Sie verarbeiten nicht alle Informationen, sondern filtern, interpretieren und erinnern sie nach Massgabe bestehender Überzeugungen, Einstellungen und Erfahrungen. Grundmotiv ist das Streben nach kognitiver Konsistenz und die Vermeidung von Dissonanz (→ Dissonanz, kognitive). Der Ansatz widerlegt einfache Stimulus-Response-Modelle der Medienwirkung.
Ein bekannter Test für selektive (Un-)Aufmerksamkeit ist der Gorilla-Test (Video).
Selektive Wahrnehmung in Krisensituationen
- Filterung: In der Informationsflut der Krise wird ausgewählt, was zu Meinung und Erfahrung passt – Wichtiges wird übersehen.
- Bestätigungsfehler: Informationen werden gesucht und behalten, die bestehende Überzeugungen stützen – der Blick auf die Lage wird einseitig.
- Emotionale Faktoren: Angst, Stress und Wut steuern, wie Informationen verarbeitet und gedeutet werden.
- Dissonanzabwehr: Widersprechende Informationen werden abgelehnt oder umgedeutet, um das Überzeugungssystem zu schützen.
Bedeutung im KMK-System
Selektive Wahrnehmung ist eine Kernannahme der Grundsätze allgemeiner Kommunikation: Krisenbotschaften konkurrieren nicht nur mit anderen Informationen, sondern mit den Filtern der Empfänger. Deshalb verlangen die Grundsätze klare, konsistente, wiederholte Botschaften aus glaubwürdiger Quelle – und die ADAM-Analyse erfasst die Prädispositionen, an denen die Filter ansetzen (→ Prädispositionen).
Literatur
Schenk, M. (2007). Medienwirkungsforschung (3. Aufl.). Mohr Siebeck.