Version 2.0 · Stand: 05.08.2026
Konzeptgesteuerte Kommunikation beginnt mit der Analyse der Situation oder Ausgangslage. Der folgende Fragenkatalog ist nach den Ebenen der Krisenverlaufskarte strukturiert. Er dient als Hilfsmittel, um vor und während einer Krise schnelle und überlegte Entscheide zu treffen. Vorab: Lässt sich die anstehende oder laufende Krise einem Krisentyp oder Cluster zuordnen?
Ebene 1: genuine Problemebene
- Wo liegt das aktuelle Problem?
- Ursache: Was hat zu diesem Problem geführt (Ursachen-Matrix): Ereignisse, Handlungen (beabsichtigt, ungewollt, fahrlässig usw.)? Welche Rolle spielen dabei das Unternehmen, das Management, die Mitarbeitenden (Fehlverhalten: Schuldfrage, Absicht, Interesse, Normen)?
- Folgen: Welche Auswirkungen hat das Problem tatsächlich auf wen? Was sind die absehbaren Folgen für das Unternehmen und die Bezugsgruppen?
- Welche Rolle spielt welche Instanz? Welche Rolle könnte welche Instanz in Zukunft spielen?
Mögliche Lösung des Problems: Was können Unternehmen, Management und Mitarbeitende tun, um das Problem auf genuiner Ebene zu beheben oder den Schaden zu reduzieren?
Worst Case Ebene 1: Einschränkung der Handlungsfreiheit des Unternehmens so weit, dass dessen Existenz gefährdet ist.
Ebene 2: Kommunikation/Medien/Soziale Medien
- Wie gross ist das Risiko, dass der problematische Zustand in den Medien dargestellt und diskutiert wird? Ist das Thema für (welche?) journalistischen Medien attraktiv (Nachrichtenfaktoren)?
- Wie intensiv und in welchem Zeitraum wird das Problem in welchen Medien dargestellt?
- Wie wird es gedeutet (Framing)? Was wird akzentuiert (Akzentuierung)?
- Welche Emotionen vermittelt die mediale Darstellung? (Plutchik)
- Präsenz in den Social Media: Wird das Problem in den sozialen Medien thematisiert? In welchen Medien? Welche Gruppen nehmen an Diskussionen teil? Wie wird es gedeutet? Was wird akzentuiert (Frames)? Welche Emotionen vermitteln die User in ihren Aussagen? (Plutchik)
- Dem Unternehmen zugeschriebene Rolle: Welche Rolle wird dem Unternehmen, dem Management, den Mitarbeitenden zugeschrieben (Instanzen-Rollen)? Wird das Unternehmen bei einer Akzentuierung der Ursachen verantwortlich gemacht – inwiefern (siehe Matrix Fehlverhalten)? Wird das Unternehmen bei einer Akzentuierung der Auswirkungen als Opfer dargestellt (Auswirkungen auf Mitarbeitende, auf das Management, materielle Auswirkungen auf das Unternehmen)?
Worst Case Ebene 2: a) Das Unternehmen wird als verantwortlich bei höchstmöglicher Einschätzung des Schadens dargestellt (Verantwortlichkeit). b) Der Schaden für das Unternehmen wird als so gravierend dargestellt, dass in der Folge die Existenz des Unternehmens infrage gestellt ist.
Ebene 3: Wahrnehmung
- Wie nehmen (oder können potenziell) verschiedene Stakeholder das Problem wahrnehmen? Wie wirkt sich dies auf ihre Einstellungen und ihre Erwartungshaltung gegenüber dem Unternehmen aus? Welche Emotionen werden geweckt?
- Welche Erwartungen von (welchen) Stakeholdern sind beim Problem nicht erfüllt?
- Wie wirkt sich das Problem auf das Image, langfristig auf die Reputation des Unternehmens aus?
Worst Case Ebene 3: a) Die Öffentlichkeit bzw. die Bezugsgruppen geben dem Unternehmen die Schuld und machen es verantwortlich für den entstandenen Schaden. b) Die Öffentlichkeit bzw. die Bezugsgruppen verlieren das Vertrauen und stellen die Existenzberechtigung des Unternehmens infrage.
Ebene 4: Verhaltensebene
- Wie wirkt sich das Problem auf das Verhalten welcher Stakeholder aus? Wie könnte sich das Problem in Zukunft auf welche Stakeholder auswirken?
- Welche Auswirkungen haben diese Reaktionen auf das Unternehmen auf genuiner Ebene?
Worst Cases Ebene 4: a) Die Investitionsbereitschaft der Finanzgemeinde sinkt. b) Verkaufsschwund. c) Die Motivation der Mitarbeitenden sinkt (Streiks). d) Regulierungen und Verbote, Strafen wie Bussen.
Bedeutung im KMK-System
Die Situationsanalyse ist der IST-Teil jedes Krisenkommunikationskonzepts und entspricht der Kontextanalyse des ADAM-Moduls: Die vier Ebenen der Krisenverlaufskarte strukturieren die Erhebung von Problem, medialer Darstellung, Wahrnehmung und Folgeverhalten – inklusive Worst-Case-Abschätzung pro Ebene als Grundlage der Strategiewahl.