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Ver­si­on 1.2 · Stand: 22.09.2026

Der Gefähr­dungs­frame deu­tet ein Kri­sen­er­eig­nis als Bedro­hung, von der Betrof­fe­ne abge­wen­det wer­den müs­sen; der Skan­dal­f­rame deu­tet das­sel­be Ereig­nis als Ver­feh­lung, für die jemand ein­zu­ste­hen hat. Bei­de Rah­mun­gen kön­nen auf den­sel­ben Sach­ver­halt ange­wen­det wer­den; wel­che sich durch­setzt, ent­schei­det über den Ver­lauf der Kri­se weit mehr als der Sach­ver­halt selbst.

Einordnung

Nach Ent­man (1993) besteht Rah­mung dar­in, ein­zel­ne Aspek­te einer wahr­ge­nom­me­nen Wirk­lich­keit aus­zu­wäh­len und her­vor­zu­he­ben, und zwar in vier Hin­sich­ten: Pro­blem­de­fi­ni­ti­on, Ursa­chen­zu­schrei­bung, mora­li­sche Bewer­tung und Hand­lungs­emp­feh­lung. Gefähr­dungs- und Skan­dal­f­rame unter­schei­den sich in allen vie­ren, am deut­lich­sten aber in der drit­ten und vier­ten. Der Gefähr­dungs­frame fragt: Was droht, und wie schützt man sich? Der Skan­dal­f­rame fragt: Wer hat ver­sagt, und was folgt dar­aus für ihn?

Damit lie­gen auch die Anschluss­erwar­tun­gen aus­ein­an­der. Der Gefähr­dungs­frame ver­langt Hand­lungs­an­wei­sung, Reich­wei­te und Schutz; der Skan­dal­f­rame ver­langt Ein­ge­ständ­nis, Ver­ant­wor­tungs­über­nah­me und per­so­nel­le Fol­gen. Eine Orga­ni­sa­ti­on, die auf den einen ant­wor­tet, wäh­rend der ande­re läuft, geht am Publi­kum vorbei.

Der Befund: hohe Fallhöhe ohne Empörung

Nahe­lie­gend ist die Erwar­tung, dass eine hohe Vor­be­la­stung einer Orga­ni­sa­ti­on die Empö­rung ver­stärkt. Ein mit dem KMK-System voll­stän­dig codier­ter Fall wider­spricht dem. In der Pro­dukt­kri­se um Cer­e­u­lid­be­fun­de in Säug­lings­nah­rung erreich­te die Fall­hö­he des Trä­gers +11 von höch­stens +14 und lag damit weit über der Schwel­le von +4, ab der das Instru­ment von hoher Fall­hö­he spricht. Der Kor­pus blieb den­noch auf­fal­lend mild.

Angst und Besorg­nis (EMO_ANGST) tru­gen 51,5 Pro­zent der Ein­hei­ten, bei einer mitt­le­ren Inten­si­tät von 1,71 auf der fünf­stu­fi­gen Ska­la. Wut (EMO_WUT) kam auf 7,6 Pro­zent, Sar­kas­mus (EMO_SARC) auf 0. Der Skan­dal­f­rame erreich­te 6,1 Pro­zent, wäh­rend der stärk­ste Clu­ster mit 16,7 Pro­zent der Bedro­hungs­frame war. For­de­run­gen nach per­so­nel­len Kon­se­quen­zen (NORM_FORD_PERSONELL) kamen über­haupt nicht vor.

🔴 EST — Die Wer­te bezie­hen sich auf die 66 Ein­hei­ten mit beschaff­ba­rem Voll­text, nicht auf den berei­nig­ten Kor­pus von 107; der Aus­fall von 41 Ein­hei­ten ist ein Ver­lust und kei­ne Aus­wahl, die sich gewich­ten lies­se. Die Deu­tung stützt sich auf einen Fall.

Die Erklärung

Mass­geb­lich ist die Ursa­chen­struk­tur. Der Feh­ler lag bei einem Zulie­fe­rer, betraf einen Roh­stoff, der über eine gemein­sa­me Bezugs­quel­le in die Pro­duk­te meh­re­rer kon­kur­rie­ren­der Kon­zer­ne gelang­te, und traf die­se gleich­zei­tig. Eine Zuschrei­bung, die sich auf meh­re­re Unter­neh­men und auf eine Stel­le aus­ser­halb aller ver­teilt, bün­delt sich nicht zu einem Vor­wurf. Zugleich rich­te­te sich die Emo­ti­on auf das Schutz­gut: Wo Säug­lin­ge betrof­fen sind, ent­steht Angst um das Kind und nicht Wut auf den Konzern.

Der Fall zeigt damit, was die Fall­hö­he misst und was nicht. Sie sagt, wie viel für eine Orga­ni­sa­ti­on auf dem Spiel steht, wenn der Skan­dal­f­rame greift — sie sagt nicht, dass er greift. Zwi­schen bei­dem liegt die Ursa­chen­struk­tur des Ereignisses.

Der Kipppunkt

Der Gefähr­dungs­frame ist nicht sta­bil. Er hält, solan­ge die Orga­ni­sa­ti­on als eine Betrof­fe­ne unter ande­ren erscheint. Er kippt, sobald ein eige­nes Ver­säum­nis hin­zu­tritt, das ihr allein zuzu­rech­nen ist — und der zuver­läs­sig­ste Kan­di­dat dafür ist der Abstand zwi­schen Kennt­nis und Offen­le­gung. Über die Her­kunft eines zuge­lie­fer­ten Roh­stoffs ent­schei­det eine Orga­ni­sa­ti­on nicht, über den Tag der Mit­tei­lung schon. Im sel­ben Kor­pus fällt der Bewäl­ti­gungs­frame über die Pha­sen von 69,2 auf 0 Pro­zent, wäh­rend der Ver­säum­nis­frame von 7,7 auf 55,6 Pro­zent steigt.

Eine Codier­re­gel ist dabei streng ein­zu­hal­ten: Die dar­ge­stell­te Gefähr­dung und die dazu geäus­ser­te Emo­ti­on sind zwei ver­schie­de­ne Grös­sen, und aus der einen darf die ande­re nicht erschlos­sen wer­den. Ein Bei­trag kann eine erheb­li­che Bedro­hung schil­dern, ohne Empö­rung aus­zu­drücken — genau das ist hier der Befund.

Bedeutung für die Krisenkommunikation (KMK-Bezug)

Für die Stra­te­gie­wahl folgt dar­aus eine kla­re Rang­fol­ge. Bei domi­nan­tem Gefähr­dungs­frame steht die hand­lungs­lei­ten­de und lage­klä­ren­de Infor­ma­ti­on vor­an: Was ist betrof­fen, was ist zu tun, wo bekommt man Ersatz und Aus­kunft. Schuld­ab­wehr ist hier nicht nur ent­behr­lich, son­dern schäd­lich, weil sie eine Fra­ge auf­wirft, die das Publi­kum nicht gestellt hat, und den Frame in Rich­tung Skan­dal ver­schiebt. Bei domi­nan­tem Skan­dal­f­rame kehrt sich das Ver­hält­nis um; dann ent­schei­det die Fak­ten­la­ge dar­über, ob frü­he Offen­le­gung oder ein beleg­ba­rer Wech­sel der Rah­mung ange­zeigt ist.

Für die Lage­be­ur­tei­lung folgt, dass der mil­de Kor­pus kein Ent­war­nungs­si­gnal ist, son­dern ein Zeit­fen­ster. Er hält, solan­ge kein eige­nes Ver­säum­nis hin­zu­kommt. Die prak­ti­sche Kon­se­quenz ist des­halb nicht Zurück­hal­tung, son­dern das Gegen­teil: Die Zeit, in der nie­mand empört ist, ist die Zeit, in der offen­ge­legt wer­den kann, ohne dass es als Ein­ge­ständ­nis gele­sen wird.

Literatur

Ent­man, R. M. (1993). Framing: Toward cla­ri­fi­ca­ti­on of a frac­tu­red para­digm. Jour­nal of Com­mu­ni­ca­ti­on, 43(4), 51–58.

Coombs, W. T., & Holl­aday, S. J. (1996). Com­mu­ni­ca­ti­on and attri­bu­ti­ons in a cri­sis: An expe­ri­men­tal stu­dy in cri­sis com­mu­ni­ca­ti­on. Jour­nal of Public Rela­ti­ons Rese­arch, 8(4), 279–295. https://doi.org/10.1207/s1532754xjprr0804_04

Frand­sen, F., & Johan­sen, W. (2017). Orga­nizatio­nal cri­sis com­mu­ni­ca­ti­on: A mul­ti­vo­cal approach. Sage.