Version 2.0 · Stand: 18.07.2026
Die Diskursanalyse untersucht, wie gesellschaftliche Wirklichkeit durch Sprache, Wissen und Macht hervorgebracht wird. In der Tradition Michel Foucaults fragt sie nach den Bedingungen, unter denen Aussagen in einem historischen Kontext als wahr, legitim oder rational gelten – und wer überhaupt sprechen darf.
Einordnung
Foucault zeigte (L’archéologie du savoir, 1969; Surveiller et punir, 1975), dass Diskurse keine neutralen Redezusammenhänge sind, sondern Regelsysteme, die festlegen, was sagbar ist und welche Aussagen als wahr gelten. Zentral ist der Macht/Wissen-Komplex: Macht ist nicht primär repressiv, sondern produktiv – sie erzeugt Wissen, Subjektpositionen (Schuldige, Opfer, Experten) und Normen. Methodisch unterscheidet Foucault die Archäologie (Analyse der Formationsregeln des Wissens) und die Genealogie (Analyse der Machtwirkungen diskursiver Praktiken). In der empirischen Kommunikationsforschung wird der Ansatz mit systematischen Verfahren kombiniert: der wissenssoziologischen Diskursanalyse (Keller, 2011), der Kritischen Diskursanalyse (Wodak & Meyer, 2016), der Frame-Analyse sowie zunehmend KI-gestützten Inhaltsanalysen.
Bedeutung für die Krisenkommunikation (KMK-Bezug)
Aus diskursanalytischer Sicht ist eine Krise kein objektiver Zustand, sondern Ergebnis diskursiver Kämpfe um Wahrheit, Schuld und Verantwortung: Ein Ereignis wird erst durch kommunikative Praktiken zur «Krise». Das KMK-System setzt diese Perspektive methodisch um – FRAMI rekonstruiert, wer über die Krise spricht, mit welchen Deutungsmustern und Rollenzuweisungen (deskriptives und normatives Framing), und EVI kalkuliert ein, dass die Handlungsoptionen einer Organisation durch die herrschende Diskursordnung begrenzt sind: Botschaften, die ausserhalb des Sagbaren liegen, finden keine Resonanz, sondern erzeugen Widerspruch.
Literatur
Foucault, M. (1969). L’archéologie du savoir. Gallimard. (Deutsch: Archäologie des Wissens. Suhrkamp, 1981)
Foucault, M. (1975). Surveiller et punir: Naissance de la prison. Gallimard.
Keller, R. (2011). Wissenssoziologische Diskursanalyse: Grundlegung eines Forschungsprogramms (3. Aufl.). VS Verlag.
Wodak, R., & Meyer, M. (Hrsg.). (2016). Methods of critical discourse studies (3. Aufl.). SAGE.