Version 2.0 · Stand: 18.07.2026
Der Anker-Effekt ist eine kognitive Verzerrung: Menschen werden von der ersten erhaltenen Information (dem «Anker») stark beeinflusst – sie prägt nachfolgende Urteile und Entscheidungen, selbst wenn sie irrelevant oder zufällig ist. Nachgewiesen wurde der Effekt von Tversky und Kahneman, unter anderem im berühmten Glücksrad-Experiment: Ein manipuliertes Rad (Stopp bei 10 oder 65) verschob die anschliessende Schätzung des Anteils afrikanischer UNO-Staaten massiv – Anker 65 führte zu Schätzungen um 45%, Anker 10 zu 25% (Tversky & Kahneman, 1974).
Bedeutung für die Krisenkommunikation
- Erste Berichterstattung als Anker: Die erste Meldung prägt die öffentliche Wahrnehmung der Krise – ist sie übertrieben oder falsch, verzerrt sie alle späteren Deutungen.
- Erstbotschaft der Organisation: Die erste eigene Kommunikation setzt den Anker für Vertrauen oder Misstrauen; Korrekturen später wirken schwächer.
- Entscheidungsfindung: Krisenstäbe orientieren sich an den ersten verfügbaren Informationen – der Anker muss aktiv hinterfragt werden.
Bedeutung im KMK-System
Der Anker-Effekt ist die wirkungspsychologische Begründung des First-Mover-Vorteils in den Grundsätzen: Wer zuerst kommuniziert, setzt den Deutungsanker. Die Wenn-Dann-Regel «Reaktion unter 60 Minuten» bei Shitstorms und die Priorität der frühen, korrekten Erstinformation (Basis-Protokoll) folgen direkt daraus.
Literatur
Tversky, A., & Kahneman, D. (1974). Judgment under uncertainty: Heuristics and biases. Science, 185(4157), 1124–1131.