GD-S1 Grundsätze situative Kommunikation

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Fakten- und ereignisorientierte Kommunikation

  • Trans­pa­renz wah­ren: Infor­ma­tio­nen sol­len offen zugäng­lich gemacht wer­den; Geheim­hal­tung oder Ver­schleie­rung erzeu­gen Misstrauen.
  • Fak­ten­ori­en­tie­rung: Kom­mu­ni­ka­ti­on soll sich mög­lichst an über­prüf­ba­ren Tat­sa­chen ori­en­tie­ren, um Spe­ku­la­tio­nen und Gerüch­te zu vermeiden.
  • Zeit­ge­rech­te Kom­mu­ni­ka­ti­on: Recht­zei­ti­ge Infor­ma­ti­on der Öffent­lich­keit ist zen­tral, um Infor­ma­ti­ons­va­ku­um und Gerüch­te­bil­dung zu verhindern.
  • Publi­kums­per­spek­ti­ve berück­sich­ti­gen: Argu­men­ta­ti­on soll­te stets aus Sicht des Publi­kums erfol­gen, also an des­sen Fra­gen, Sor­gen und Erwar­tun­gen anknüpfen.

Framing-Strategien und Botschaftsgestaltung

  • Kon­ti­nu­ier­li­che Anpas­sung an Wahr­neh­mun­gen: Bot­schaf­ten müs­sen fort­lau­fend über­prüft und an die sich wan­deln­de öffent­li­che Wahr­neh­mung sowie an die Kri­sen­dy­na­mik ange­passt wer­den. Dies setzt syste­ma­ti­sches Moni­to­ring vor­aus (Coombs, 2007).
  • Mini­mie­rung pro­ble­ma­ti­scher The­ma­ti­sie­run­gen: Grö­ße­re Pro­blem­fel­der soll­ten, wenn mög­lich, rela­ti­viert oder in den Hin­ter­grund gerückt wer­den, wäh­rend posi­ti­ve Aspek­te her­vor­ge­ho­ben wer­den (Ent­man, 1993).
  • Ver­mei­dung der Ver­ur­sa­cher­rol­le: Orga­ni­sa­tio­nen soll­ten ver­mei­den, als Haupt­ver­ur­sa­cher dar­ge­stellt zu wer­den. Die Zuschrei­bung von Schuld ver­stärkt Repu­ta­ti­ons­schä­den und akti­viert nega­ti­ve intui­ti­ve Attri­bu­tio­nen bei Anspruchs­grup­pen (Wei­ner, 1986).
  • Empa­thie und Ent­schul­di­gung: Betrof­fe­nen ist empa­thisch zu begeg­nen; in Fäl­len star­ker öffent­li­cher Kri­tik (z. B. Shits­torms) sind glaub­wür­di­ge Ent­schul­di­gun­gen rat­sam. Dies wirkt dees­ka­lie­rend und ver­trau­ens­stif­tend (Davis, 1983).
  • Posi­tio­nie­rung als Opfer: In kon­flikt­haf­ten Situa­tio­nen kön­nen Orga­ni­sa­tio­nen Repu­ta­ti­ons­schä­den begren­zen, wenn sie sich plau­si­bel als Opfer dar­stel­len. Die Opfer­rol­le redu­ziert nega­ti­ve Emo­tio­nen und erleich­tert Ver­ständ­nis (Coombs, 2007).
  • Früh­zei­ti­ge Prä­sen­ta­ti­on von Lösun­gen: Wer­den Unter­neh­men (mit-)verantwortlich gemacht, soll­ten sie schnell Lösungs­we­ge oder zumin­dest Lösungs­be­reit­schaft signa­li­sie­ren. Dies ver­deut­licht Hand­lungs­fä­hig­keit und Ver­ant­wor­tungs­be­wusst­sein (Benoit, 1995).
  • Kohä­renz und Kon­si­stenz: Alle Bot­schaf­ten müs­sen kon­si­stent und wider­spruchs­frei sein. Inkon­si­sten­zen gefähr­den Glaub­wür­dig­keit und ver­stär­ken kogni­ti­ve Dis­so­nanz (Fest­in­ger, 1957).
  • Fokus auf lang­fri­sti­ge Repu­ta­ti­on: Stra­te­gien soll­ten nicht nur auf kurz­fri­sti­ge Scha­dens­be­gren­zung zie­len, son­dern auf nach­hal­ti­gen Ver­trau­ens­auf­bau und Repu­ta­ti­ons­si­che­rung (Fom­brun, 1996).

Berücksichtigung der Öffentlichkeit und der Stakeholder

  • Vor­ein­stel­lun­gen beach­ten: Stra­te­gi­sche Kom­mu­ni­ka­ti­on muss vor­han­de­ne Vor­ein­stel­lun­gen, Sym­pa­thien oder Vor­ur­tei­le berück­sich­ti­gen, da sie als Fil­ter der Infor­ma­ti­ons­ver­ar­bei­tung wir­ken (Schenk, 2007).
  • Erwar­tungs­hal­tun­gen erfül­len: Orga­ni­sa­tio­nen soll­ten den spe­zi­fi­schen Erwar­tun­gen ihrer Stake­hol­der­grup­pen Rech­nung tra­gen. Wer­den die­se Erwar­tun­gen ver­letzt, steigt die Wahr­schein­lich­keit nega­ti­ver Zuschrei­bun­gen und Enttäuschungen.
  • Stake­hol­der-Prio­ri­sie­rung: Anspruchs­grup­pen sind nicht homo­gen. Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stra­te­gien soll­ten dif­fe­ren­ziert aus­ge­stal­tet wer­den – abhän­gig von Nähe, Betrof­fen­heit und Ein­fluss der jewei­li­gen Stakeholder.

Grundsätze der Krisenkommunikationspraxis

  • Zeit­ge­recht statt schnell: Die Hand­lungs­ma­xi­me lau­tet nicht «schnell han­deln», son­dern zeit­ge­rech­tes Han­deln nach einem ana­ly­ti­schen und kon­zep­tio­nel­len Denk­akt. Empi­risch gestützt ist bei­des: Schnel­le Reak­ti­on signa­li­siert Kon­trol­le über die Lage (Car­ney & Jor­dan, 1993), Schwei­gen wird typi­scher­wei­se mit Schuld ver­bun­den (Hea­rit, 1994), und schnel­le­re Reak­tio­nen erhö­hen die zuge­schrie­be­ne Glaub­wür­dig­keit (Arpan & Roskos-Ewold­sen, 2005). Über­stürz­tes Han­deln kann jedoch kon­tra­pro­duk­tiv wirken.
  • Kon­zen­tra­ti­on und Wie­der­ho­lung: Die Kom­mu­ni­ka­ti­on beschränkt sich auf das Wesent­li­che und wie­der­holt die Kern­bot­schaf­ten kon­ti­nu­ier­lich. Die Kon­zen­tra­ti­on betrifft Ziel­set­zung, Ziel­pu­bli­kum und Hand­lungs­fel­der, die Wie­der­ho­lung die Bot­schaf­ten. Bei­des ist die Dok­trin, auf der die Kohä­renz­re­geln auf­set­zen (→ Truth-Effekt).
  • Empa­thie im Kon­flikt mit dem juri­sti­schen Rat: Juri­sten raten viel­fach von ein­fühl­sa­mem Auf­tre­ten ab, weil es als Schuld­ein­ge­ständ­nis gele­sen wer­den könn­te; die Pra­xis weicht des­halb oft auf rein sach­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on aus (Riecken, 2014, S. 328–332). Der Ziel­kon­flikt ist zu benen­nen, nicht zu über­ge­hen. Auf­ge­löst wird er im Regel­werk: Nach STR-R04 bleibt das Basis-Pro­to­koll aus Instruk­ti­ons- und Adju­sting-Infor­ma­ti­on auch dann in Kraft, wenn juri­sti­sche Vor­sicht dage­gen spricht.
  • Ethisch-mora­li­sche Grund­sät­ze: Neben den effek­ti­vi­täts­ori­en­tier­ten Grund­sät­zen bestehen Ver­pflich­tun­gen aus Ethik und Moral, zu denen sich Kri­sen­spe­zia­li­sten beken­nen, wenn sie gesell­schaft­li­che Ver­ant­wor­tung tra­gen – etwa im Ehren­ko­dex des Schwei­zer Ver­bands für Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on. Wirk­sam­keit ist kein hin­rei­chen­der Mass­stab für die Strategiewahl.

Ergänzende Grundsätze aus der Krisenforschung

  • Emo­tio­nen gezielt steu­ern: Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on muss neben Fak­ten auch emo­tio­na­le Dimen­sio­nen adres­sie­ren (z. B. Empa­thie, Hoff­nung, Besänf­ti­gung). Emo­tio­na­le Reso­nanz erhöht Akzep­tanz und Glaub­wür­dig­keit (Coombs, 2007).
  • First Mover Advan­ta­ge: Wer früh­zei­tig und pro­ak­tiv kom­mu­ni­ziert, prägt den Deu­tungs­rah­men der Kri­se und redu­ziert die Gefahr, von exter­nen Stim­men über­la­gert zu wer­den (Frand­sen & Johan­sen, 2017).
  • Dia­log­ori­en­tie­rung: Ein­sei­ti­ge Top-down-Kom­mu­ni­ka­ti­on reicht nicht aus. Orga­ni­sa­tio­nen soll­ten Inter­ak­ti­on mit Stake­hol­dern ermög­li­chen (z. B. Q&A, Social Media Respon­se), um Ver­trau­en und Par­ti­zi­pa­ti­on zu stärken.
  • Wah­rung der orga­ni­sa­to­ri­schen Iden­ti­tät: Auch in der Kri­se soll­te die Kom­mu­ni­ka­ti­on kon­si­stent zur Wer­te­ba­sis und Iden­ti­tät der Orga­ni­sa­ti­on blei­ben. Dis­kre­pan­zen zwi­schen Anspruch und Ver­hal­ten ver­stär­ken Vertrauensverlust.