GD-S1 Grundsätze situative Kommunikation

KMK-RESSOURCE GD-S1

Grundsätze situative Kommunikation

Ver­si­on1.1
Stand31.08.2026
Gilt ab31.08.2026
ErsetztVer­si­on 1.0 vom 31.08.2026
ModulEVI
Ebe­neStra­te­gie (Emp­feh­lung)
Gel­tungs­artGrund­sät­ze / Leitlinien
Kon­ven­tio­nenkei­ne (Pro­sa-Res­sour­ce; Codes nach KB-00 nur in Querverweisen)
System­ver­si­onKMK 2.0

Mass­geb­li­che Fas­sung für KMK-Ana­ly­sen (KI-Abruf). Bei jeder Ana­ly­se live abru­fen, nie aus dem Cache.


1 Zweck

Die­se Grund­sät­ze bün­deln, was für die Kom­mu­ni­ka­ti­on in der Kri­sen­si­tua­ti­on selbst gilt: Umgang mit Fak­ten und Zeit, Gestal­tung der Bot­schaf­ten, Umgang mit Anspruchs­grup­pen und Medi­en. EVI zieht sie beim Kohä­renz-Check und bei der For­mu­lie­rung der Emp­feh­lun­gen her­an; sie erset­zen weder das Basis-Pro­to­koll aus RW-R2 noch die Stra­te­gie­wahl nach RS-B1, son­dern sind deren Mass­stab in der Umsetzung.

2 Fakten- und ereignisorientierte Kommunikation

  • Trans­pa­renz wah­ren: Infor­ma­tio­nen sol­len offen zugäng­lich gemacht wer­den; Geheim­hal­tung oder Ver­schleie­rung erzeu­gen Misstrauen.
  • Fak­ten­ori­en­tie­rung: Kom­mu­ni­ka­ti­on soll sich mög­lichst an über­prüf­ba­ren Tat­sa­chen ori­en­tie­ren, um Spe­ku­la­tio­nen und Gerüch­te zu vermeiden.
  • Zeit­ge­rech­te Kom­mu­ni­ka­ti­on: Recht­zei­ti­ge Infor­ma­ti­on der Öffent­lich­keit ist zen­tral, um Infor­ma­ti­ons­va­ku­um und Gerüch­te­bil­dung zu verhindern.
  • Publi­kums­per­spek­ti­ve berück­sich­ti­gen: Argu­men­ta­ti­on soll­te stets aus Sicht des Publi­kums erfol­gen, also an des­sen Fra­gen, Sor­gen und Erwar­tun­gen anknüpfen.

3 Framing-Strategien und Botschaftsgestaltung

  • Kon­ti­nu­ier­li­che Anpas­sung an Wahr­neh­mun­gen: Bot­schaf­ten müs­sen fort­lau­fend über­prüft und an die sich wan­deln­de öffent­li­che Wahr­neh­mung sowie an die Kri­sen­dy­na­mik ange­passt wer­den. Dies setzt syste­ma­ti­sches Moni­to­ring vor­aus (Coombs, 2007).
  • Mini­mie­rung pro­ble­ma­ti­scher The­ma­ti­sie­run­gen: Grös­se­re Pro­blem­fel­der soll­ten, wenn mög­lich, rela­ti­viert oder in den Hin­ter­grund gerückt wer­den, wäh­rend posi­ti­ve Aspek­te her­vor­ge­ho­ben wer­den (Ent­man, 1993).
  • Ver­mei­dung der Ver­ur­sa­cher­rol­le: Orga­ni­sa­tio­nen soll­ten ver­mei­den, als Haupt­ver­ur­sa­cher dar­ge­stellt zu wer­den. Die Zuschrei­bung von Schuld ver­stärkt Repu­ta­ti­ons­schä­den und akti­viert nega­ti­ve intui­ti­ve Attri­bu­tio­nen bei Anspruchs­grup­pen (Wei­ner, 1986).
  • Empa­thie und Ent­schul­di­gung: Betrof­fe­nen ist empa­thisch zu begeg­nen; in Fäl­len star­ker öffent­li­cher Kri­tik (z. B. Shits­torms) sind glaub­wür­di­ge Ent­schul­di­gun­gen rat­sam. Dies wirkt dees­ka­lie­rend und ver­trau­ens­stif­tend (Davis, 1983).
  • Posi­tio­nie­rung als Opfer: In kon­flikt­haf­ten Situa­tio­nen kön­nen Orga­ni­sa­tio­nen Repu­ta­ti­ons­schä­den begren­zen, wenn sie sich plau­si­bel als Opfer dar­stel­len. Die Opfer­rol­le redu­ziert nega­ti­ve Emo­tio­nen und erleich­tert Ver­ständ­nis (Coombs, 2007).
  • Früh­zei­ti­ge Prä­sen­ta­ti­on von Lösun­gen: Wer­den Unter­neh­men (mit-)verantwortlich gemacht, soll­ten sie schnell Lösungs­we­ge oder zumin­dest Lösungs­be­reit­schaft signa­li­sie­ren. Dies ver­deut­licht Hand­lungs­fä­hig­keit und Ver­ant­wor­tungs­be­wusst­sein (Benoit, 1995).
  • Kohä­renz und Kon­si­stenz: Alle Bot­schaf­ten müs­sen kon­si­stent und wider­spruchs­frei sein. Inkon­si­sten­zen gefähr­den Glaub­wür­dig­keit und ver­stär­ken kogni­ti­ve Dis­so­nanz (Fest­in­ger, 1957).
  • Fokus auf lang­fri­sti­ge Repu­ta­ti­on: Stra­te­gien soll­ten nicht nur auf kurz­fri­sti­ge Scha­dens­be­gren­zung zie­len, son­dern auf nach­hal­ti­gen Ver­trau­ens­auf­bau und Repu­ta­ti­ons­si­che­rung (Fom­brun, 1996).

4 Berücksichtigung der Öffentlichkeit und der Stakeholder

  • Vor­ein­stel­lun­gen beach­ten: Stra­te­gi­sche Kom­mu­ni­ka­ti­on muss vor­han­de­ne Vor­ein­stel­lun­gen, Sym­pa­thien oder Vor­ur­tei­le berück­sich­ti­gen, da sie als Fil­ter der Infor­ma­ti­ons­ver­ar­bei­tung wir­ken (Schenk, 2007).
  • Erwar­tungs­hal­tun­gen erfül­len: Orga­ni­sa­tio­nen soll­ten den spe­zi­fi­schen Erwar­tun­gen ihrer Stake­hol­der­grup­pen Rech­nung tra­gen. Wer­den die­se Erwar­tun­gen ver­letzt, steigt die Wahr­schein­lich­keit nega­ti­ver Zuschrei­bun­gen und Enttäuschungen.
  • Stake­hol­der-Prio­ri­sie­rung: Anspruchs­grup­pen sind nicht homo­gen. Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stra­te­gien soll­ten dif­fe­ren­ziert aus­ge­stal­tet wer­den – abhän­gig von Nähe, Betrof­fen­heit und Ein­fluss der jewei­li­gen Stakeholder.

5 Grundsätze der Krisenkommunikationspraxis

  • Zeit­ge­recht statt schnell: Die Hand­lungs­ma­xi­me lau­tet nicht «schnell han­deln», son­dern zeit­ge­rech­tes Han­deln nach einem ana­ly­ti­schen und kon­zep­tio­nel­len Denk­akt. Empi­risch gestützt ist bei­des: Schnel­le Reak­ti­on signa­li­siert Kon­trol­le über die Lage (Car­ney & Jor­den, 1993), Schwei­gen wird typi­scher­wei­se mit Schuld ver­bun­den (Hea­rit, 1994), und schnel­le­re Reak­tio­nen erhö­hen die zuge­schrie­be­ne Glaub­wür­dig­keit (Arpan & Roskos-Ewold­sen, 2005). Über­stürz­tes Han­deln kann jedoch kon­tra­pro­duk­tiv wirken.
  • Kon­zen­tra­ti­on und Wie­der­ho­lung: Die Kom­mu­ni­ka­ti­on beschränkt sich auf das Wesent­li­che und wie­der­holt die Kern­bot­schaf­ten kon­ti­nu­ier­lich. Die Kon­zen­tra­ti­on betrifft Ziel­set­zung, Ziel­pu­bli­kum und Hand­lungs­fel­der, die Wie­der­ho­lung die Bot­schaf­ten. Bei­des ist die Dok­trin, auf der die Kohä­renz­re­geln auf­set­zen (→ Truth-Effekt).
  • Empa­thie im Kon­flikt mit dem juri­sti­schen Rat: Juri­sten raten viel­fach von ein­fühl­sa­mem Auf­tre­ten ab, weil es als Schuld­ein­ge­ständ­nis gele­sen wer­den könn­te; die Pra­xis weicht des­halb oft auf rein sach­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on aus (Riecken, 2014, S. 328–332). Der Ziel­kon­flikt ist zu benen­nen, nicht zu über­ge­hen. Auf­ge­löst wird er im Regel­werk: Nach STR-R04 bleibt das Basis-Pro­to­koll aus Instruk­ti­ons- und Adju­sting-Infor­ma­ti­on auch dann in Kraft, wenn juri­sti­sche Vor­sicht dage­gen spricht.
  • Ethisch-mora­li­sche Grund­sät­ze: Neben den effek­ti­vi­täts­ori­en­tier­ten Grund­sät­zen bestehen Ver­pflich­tun­gen aus Ethik und Moral, zu denen sich Kri­sen­spe­zia­li­sten beken­nen, wenn sie gesell­schaft­li­che Ver­ant­wor­tung tra­gen – etwa im Ehren­ko­dex des Schwei­zer Ver­bands für Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on. Wirk­sam­keit ist kein hin­rei­chen­der Mass­stab für die Strategiewahl.

6 Ergänzende Grundsätze aus der Krisenforschung

  • Emo­tio­nen gezielt steu­ern: Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on muss neben Fak­ten auch emo­tio­na­le Dimen­sio­nen adres­sie­ren (z. B. Empa­thie, Hoff­nung, Besänf­ti­gung). Emo­tio­na­le Reso­nanz erhöht Akzep­tanz und Glaub­wür­dig­keit (Coombs, 2007).
  • First Mover Advan­ta­ge: Wer früh­zei­tig und pro­ak­tiv kom­mu­ni­ziert, prägt den Deu­tungs­rah­men der Kri­se und redu­ziert die Gefahr, von exter­nen Stim­men über­la­gert zu wer­den (Frand­sen & Johan­sen, 2017).
  • Dia­log­ori­en­tie­rung: Ein­sei­ti­ge Top-down-Kom­mu­ni­ka­ti­on reicht nicht aus. Orga­ni­sa­tio­nen soll­ten Inter­ak­ti­on mit Stake­hol­dern ermög­li­chen (z. B. Q&A, Social Media Respon­se), um Ver­trau­en und Par­ti­zi­pa­ti­on zu stärken.
  • Wah­rung der orga­ni­sa­to­ri­schen Iden­ti­tät: Auch in der Kri­se soll­te die Kom­mu­ni­ka­ti­on kon­si­stent zur Wer­te­ba­sis und Iden­ti­tät der Orga­ni­sa­ti­on blei­ben. Dis­kre­pan­zen zwi­schen Anspruch und Ver­hal­ten ver­stär­ken Vertrauensverlust.

Literatur

  • Arpan, L. M., & Roskos-Ewold­sen, D. R. (2005). Ste­al­ing thun­der: Ana­ly­sis of the effects of proac­ti­ve dis­clo­sure of cri­sis infor­ma­ti­on. Public Rela­ti­ons Review, 31(3), 425–433. https://doi.org/10.1016/j.pubrev.2005.05.003
  • Benoit, W. L. (1995). Accounts, excu­ses, and apo­lo­gies: A theo­ry of image resto­ra­ti­on stra­te­gies. Sta­te Uni­ver­si­ty of New York Press.
  • Car­ney, A., & Jor­den, A. (1993). Prepa­re for busi­ness-rela­ted cri­ses. Public Rela­ti­ons Jour­nal, 49(8), 34–35.
  • Coombs, W. T. (2007). Pro­tec­ting orga­nizati­on repu­ta­ti­ons during a cri­sis: The deve­lo­p­ment and appli­ca­ti­on of situa­tio­nal cri­sis com­mu­ni­ca­ti­on theo­ry. Cor­po­ra­te Repu­ta­ti­on Review, 10(3), 163–176. https://doi.org/10.1057/palgrave.crr.1550049
  • Davis, M. H. (1983). Mea­su­ring indi­vi­du­al dif­fe­ren­ces in empa­thy: Evi­dence for a mul­ti­di­men­sio­nal approach. Jour­nal of Per­so­na­li­ty and Social Psy­cho­lo­gy, 44(1), 113–126. https://doi.org/10.1037/0022–3514.44.1.113
  • Ent­man, R. M. (1993). Framing: Toward cla­ri­fi­ca­ti­on of a frac­tu­red para­digm. Jour­nal of Com­mu­ni­ca­ti­on, 43(4), 51–58. https://doi.org/10.1111/j.1460–2466.1993.tb01304.x
  • Fest­in­ger, L. (1957). A theo­ry of cogni­ti­ve dis­so­nan­ce. Row, Peterson.
  • Fom­brun, C. J. (1996). Repu­ta­ti­on: Rea­li­zing value from the cor­po­ra­te image. Har­vard Busi­ness School Press.
  • Frand­sen, F., & Johan­sen, W. (2017). Orga­nizatio­nal cri­sis com­mu­ni­ca­ti­on: A mul­ti­vo­cal approach. Sage.
  • Hea­rit, K. M. (1994). Apo­lo­gies and public rela­ti­ons cri­ses at Chrys­ler, Toshi­ba, and Vol­vo. Public Rela­ti­ons Review, 20(2), 113–125. https://doi.org/10.1016/0363–8111(94)90053–1
  • Riecken, M. (2014). Erfolgs­kri­ti­sche Fak­to­ren der ange­wand­ten Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on. In A. Thies­sen (Hrsg.), Hand­buch Kri­sen­ma­nage­ment (2. Aufl., S. 319–332). Sprin­ger VS. https://doi.org/10.1007/978–3‑658–04293-6_18
  • Schenk, M. (2007). Medi­en­wir­kungs­for­schung (3. Aufl.). Mohr Siebeck.
  • Wei­ner, B. (1986). An attri­bu­tio­nal theo­ry of moti­va­ti­on and emo­ti­on. Sprin­ger-Ver­lag. https://doi.org/10.1007/978–1‑4612–4948‑1

Änderungsprotokoll

Ver­si­onDatumÄnde­rung
1.031.08.2026Erst­mals als ver­sio­nier­te KMK-Res­sour­ce geführt: Kopf­block mit Ken­nung, Abschnitt «Zweck», durch­num­me­rier­te Abschnit­te, Redak­ti­ons­re­ste ent­fernt, Schrei­bung nach Schwei­zer Stan­dard (ss statt Eszett). Inhalt der Grund­sät­ze unver­än­dert gegen­über der Fas­sung vom 14.08.2026.
1.131.08.2026Lite­ra­tur­ver­zeich­nis nach SV-B1 ergänzt (13 Titel, alle in der Zote­ro-Grup­pe KMK nach­ge­wie­sen); Kurz­be­leg «Car­ney & Jor­dan» zu «Car­ney & Jor­den» berich­tigt. Inhalt der Grund­sät­ze unverändert.

Zita­ti­on: KMK-Ana­ly­se-System (2026): Grund­sät­ze situa­ti­ve Kom­mu­ni­ka­ti­on, Res­sour­ce GD-S1, Ver­si­on 1.1. krisenkom.ch.

Ver­wand­te Res­sour­cen: GD-A1 · RW-R2 · RS-B1 · MI-04

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