KMK-RESSOURCE GD-A1
Grundsätze Kommunikation allgemein
| Version | 1.1 |
|---|---|
| Stand | 31.08.2026 |
| Gilt ab | 31.08.2026 |
| Ersetzt | Version 1.0 vom 31.08.2026 |
| Modul | EVI |
| Ebene | Strategie (Empfehlung) |
| Geltungsart | Grundsätze / Leitlinien |
| Konventionen | keine (Prosa-Ressource; Codes nach KB-00 nur in Querverweisen) |
| Systemversion | KMK 2.0 |
Massgebliche Fassung für KMK-Analysen (KI-Abruf). Bei jeder Analyse live abrufen, nie aus dem Cache.
1 Zweck
Diese Grundsätze fassen zusammen, wie Publika Krisenkommunikation aufnehmen und verarbeiten: Voreinstellungen, Wissen, Betroffenheit, Attribution, Wahrnehmungsmechanismen, Vertrauen. Sie sind die wirkungstheoretische Grundlage, an der EVI die Erreichbarkeit einer Botschaft prüft, bevor über ihre Strategie entschieden wird. Quellen: Wirkungsforschung nach Schenk (2007), Medienpsychologie, Baeriswyl.
2 Einfluss von Voreinstellungen und Erwartungen
- Welche Information das Publikum akzeptiert, hängt stark von der persönlichen Krisenerfahrung, den Voreinstellungen gegenüber den Krisenakteuren und der Erwartungshaltung an die Organisation ab (Schenk, 2007).
- Je gefestigter Voreinstellungen sind, desto schwieriger lassen sie sich verändern und desto stärker prägen sie die Wahrnehmung neuer Informationen (Schenk, 2007).
- Negative Voreinstellungen begünstigen die Akzeptanz negativ gefärbter Informationen, da diese mit bestehenden Überzeugungen übereinstimmen (kognitive Konsonanz; Schenk, 2007).
- Positive Voreinstellungen führen zur Ablehnung oder zum Übergehen kritischer Informationen (selektives Leseverhalten, kognitive Dissonanz; Schenk, 2007).
3 Bedeutung von Wissen und Unsicherheit
- Fundiertes Wissen über ein Unternehmen oder einen Sachverhalt stabilisiert Voreinstellungen und macht sie weniger veränderbar (Schenk, 2007).
- Vages Wissen erhöht die Gefahr, dass Vorurteile, Meinungen, Vermutungen und Gerüchte entstehen (Schenk, 2007).
- Je vager das Wissen, desto empfänglicher ist das Publikum für neue meinungsbildende Informationen (Schenk, 2007).
4 Schadensausmass, Risiko und Betroffenheit
(Nutzen- und Belohnungsansatz; Schenk, 2007)
Mit der Zunahme der Betroffenheit wächst das Interesse an der Krise. Aber auch die Emotionen wirken stärker.
5 Attribution von Verantwortung
- Menschen neigen dazu, in Krisen Ursachen und Verantwortlichkeiten zuzuschreiben (Attributionstheorie; Heider, 1958; Weiner, 1986).
- Interne Attribution («die Organisation ist schuld») dominiert, wenn Schaden und Kontrollverlust gross wahrgenommen werden.
- Externe Attribution («unvorhersehbares Ereignis, höhere Gewalt») ist wahrscheinlicher, wenn die Organisation als vertrauenswürdig gilt und die Krise als schwer kontrollierbar eingeschätzt wird.
6 Psychologische Mechanismen der Informationsverarbeitung
- Selektive Wahrnehmung: Informationen, die bestehende Überzeugungen bestätigen, werden bevorzugt aufgenommen.
- Bestätigungsfehler (confirmation bias): Menschen suchen gezielt nach Informationen, die ihre Voreinstellungen stützen (Nickerson, 1998).
- Verfügbarkeitsheuristik: Ereignisse, die medial stark präsent sind, werden als wahrscheinlicher und gravierender eingeschätzt (Tversky & Kahneman, 1973).
- Kontrollillusion: Je weniger Kontrolle ein Publikum subjektiv wahrnimmt, desto stärker wird die Krise als bedrohlich eingeschätzt (Slovic, 2000).
7 Wiederholung und affektiver Ausgangszustand
- Truth-Effekt: Wiederholte Wahrnehmung erhöht die zugeschriebene Glaubwürdigkeit einer Aussage unabhängig von deren Wahrheitsgehalt (Dechêne et al., 2010). Der Effekt wirkt in beide Richtungen: Er begründet die Wiederholung der eigenen Kernbotschaften und erklärt zugleich, weshalb wiederholte Vorwürfe, Gerüchte und Falschbehauptungen allein durch Präsenz an gefühlter Wahrheit gewinnen (→ Truth-Effekt).
- Angst als affektiver Ausgangszustand: Nach dem Integrated Crisis Mapping bildet Angst die Default-Emotion der Publika. Für die Wirkungsseite folgt daraus: Die Reduktion von Ungewissheit wirkt vor jeder Reputationsbotschaft – nicht weil sie moralisch geboten wäre, sondern weil ein verängstigtes Publikum Reputationsbotschaften kaum verarbeitet (→ Integrated Crisis Mapping).
8 Vertrauen und Glaubwürdigkeit
- Vertrauen in die Organisation wirkt als zentraler Puffer in der Krisenwahrnehmung: je höher das Vertrauen, desto eher werden entlastende Botschaften akzeptiert (Coombs, 2007).
- Glaubwürdigkeit der Quelle ist entscheidend: Inkonsistenzen oder widersprüchliche Botschaften verstärken Misstrauen und verschärfen die Zuschreibung von Verantwortung.
Literatur
- Coombs, W. T. (2007). Protecting organization reputations during a crisis: The development and application of situational crisis communication theory. Corporate Reputation Review, 10(3), 163–176. https://doi.org/10.1057/palgrave.crr.1550049
- Dechêne, A., Stahl, C., Hansen, J., & Wänke, M. (2010). The truth about the truth: A meta-analytic review of the truth effect. Personality and Social Psychology Review, 14(2), 238–257. https://doi.org/10.1177/1088868309352251
- Heider, F. (1958). The psychology of interpersonal relations. John Wiley & Sons.
- Nickerson, R. S. (1998). Confirmation bias: A ubiquitous phenomenon in many guises. Review of General Psychology, 2(2), 175–220. https://doi.org/10.1037/1089–2680.2.2.175
- Schenk, M. (2007). Medienwirkungsforschung (3. Aufl.). Mohr Siebeck.
- Slovic, P. (2000). The perception of risk. Earthscan.
- Tversky, A., & Kahneman, D. (1973). Availability: A heuristic for judging frequency and probability. Cognitive Psychology, 5(2), 207–232. https://doi.org/10.1016/0010–0285(73)90033–9
- Weiner, B. (1986). An attributional theory of motivation and emotion. Springer-Verlag. https://doi.org/10.1007/978–1‑4612–4948‑1
Änderungsprotokoll
| Version | Datum | Änderung |
|---|---|---|
| 1.0 | 31.08.2026 | Erstmals als versionierte KMK-Ressource geführt: Kopfblock mit Kennung, Abschnitt «Zweck», durchnummerierte Abschnitte, Redaktionsreste entfernt, Schreibung nach Schweizer Standard (ss statt Eszett). Inhalt der Grundsätze unverändert gegenüber der Fassung vom 14.08.2026. |
| 1.1 | 31.08.2026 | Literaturverzeichnis nach SV-B1 ergänzt (8 Titel, alle in der Zotero-Gruppe KMK nachgewiesen). Inhalt der Grundsätze unverändert. |
Zitation: KMK-Analyse-System (2026): Grundsätze Kommunikation allgemein, Ressource GD-A1, Version 1.1. krisenkom.ch.
Verwandte Ressourcen: GD-S1 · RW-R1 · RW-R2 · MI-04
© 2026 mediata sa · krisenkom.ch · Drs. A. Grynko & O. Baeriswyl